Gleich wieder da

Für eine Taufe fahren mein Schatz und ich husch nach Rostock.

Wie der “Spiegel” in seiner neusten Ausgabe schreibt (der Artikel ist online nicht verfügbar), schätzen es die Deutschen nicht über alle Massen, wenn fremde Staatsangehörige in ihr Territorium eindringen, um Land zu verbauen, Arbeitsplätze zu besetzen, den Einheimischen alle möglichen Tarife durchzugeben und sich wenige Stunden nach der Ankunft darüber zu beschweren, dass das Einkaufszentrum unzumutbare zwei Autominuten von der Haustüre entfernt liegt bei ihnen Geld auszugeben und gleich wieder zu verschwinden.

Weil ich die unangefochtenen Nörgel-Weltmeister nicht zusätzlich reizen mag, verzichte ich aufs Surfen auf deutschen Internetkanälen. Dieser Blog bleibt deshalb bis am Dienstag geschlossen.

Infos für Insider (I): “Theater-Zytig”

Gartenfreunde, Segler, Tattoo-Fans und Saunagänger eint eines: Für sie alle gibt es Magazine, die sich mit ihrem Hobby befassen. Das Konzept ist einfach: Leute vom Fach schreiben für Leute vom Fach. Doch was bieten diese Zeitschriften? Wo liegen ihre Stärken? Was sind ihre Schwächen? In loser Folge lese ich mich durch “Special-Interest”-Publikationen aus der Schweiz. Den Auftakt der Serie macht die “Theater-Zytig”.

32 Seiten stark, durchgehend vierfarbig, von vorne bis hinten schön bebildert und sehr sauber redigiert: Falls die “Theater-Zytig” auch in den anderen zehn Ausgaben dieses Jahres hält, was sie mit der Juli-Nummer verspricht, ist ihre Leserschaft zwischen Januar und Dezember mit gehaltvoller Lektüre versorgt.

Zehn Aufführungen von Laientheatern werden im aktuellen Magazin rezensiert. Fünf Artikel stammen von freien Mitarbeitern, dreimal übernahm die Redaktion Pressetexte des inszenierenden Vereins, zwei Mitteilungen sind unbekannter Herkunft. Die illustrierten Besprechungen und Vorschauen umfassen jeweils eine Seite.

Layouterisch unterscheidet die Redaktion zwischen Eigenleistung und PR-Material: Den von freien Mitarbeitenden verfassten Artikeln wird eine Box mit Angaben zum Stück beigestellt. Am Ende der Medienverlautbarungen steht ein Vermerk auf das in derselben Ausgabe prangende Inserat samt Hinweis auf die Vereins-Website. Mit Blick auf die Leserführung wäre eine einheitliche Darstellung von Vorteil. Doch ob es der Redaktion zeitlich zugemutet werden kann, sich die Daten für das Zusatzgefäss von den jeweiligen Homepages zusammenzuklauben, ist eine andere Frage.

Als Pflichtlektüre für die rund 40 000 Mitglieder des Zentralverbandes Schweizer Volkstheater hat das im 94. Jahrgang erscheinende “Magazin für Theaterinteressierte in der Schweiz” eine Monopolstellung inne. Chefredaktor Hannes Zaugg-Graf und seine Schreibcrew könnten sich die Arbeit mit verbalen Klopfereien auf die Schultern ihrer schauspielernden Leser folglich einfach machen. Doch von selbstbeweihräucherndem Inzest-Journalismus sind die Autorinnen und Autoren weit entfernt. Stattdessen bemühen sie sich, den Akteuren ein ehrliches und konstruktives Echo auf ihr Wirken zu geben – auch auf das Risiko hin, beim nächsten Besuch beim Verein Sowieso mit betupft hochgezogenen Augenbrauen begrüsst zu werden.

Obwohl sich die mit der Materie offenkundig bestens vertrauten Schreiberinnen und Schreiber an ein ebenso fachkundiges Publikum richten, lesen sich ihre Beiträge locker und leicht. Auch Leute, die mit den Werken und Bühnen nicht sehr vertraut sind, können nachvollziehen, was wieso gelobt und bemängelt wird. Nach jenen hochgeschwurbelten Formulierungen, die in der Kulturliteratur längst gang und gäbe sind,  deren Sinn sich aber  – wenn überhaupt – nur promovierten Kunsthistorikern erschliesst, kann man in der “Theater-Zytig” lange suchen, ohne verärgert fündig zu werden.

Umso bedauerlicher ist vor diesem Hintergrund, dass den naturgemäss weitgehend kritikfreien Pressemitteilungen gleich viel Platz eingeräumt wird wie den Beiträgen mit distanziert-journalistischem Anspruch. Wenn der Werbetexter der “Erlinsbacher Bühne” dem Publikum “einen besonderen Leckerbissen” in Aussicht stellt, darf er das gerne tun; an der Generalversammlung, zum Beispiel, oder im lokalen “Anzeiger”. In der  unterhaltsamen, aber auf Seriosität bedachten “Theater Zytig” wirken derlei Jubelarien eher deplaziert. Ähnliches gilt im Fall “Freilichtbühne Schwarzenburg”: Dem Regisseur mag es ja schmeicheln, wenn der Öffentlichkeitsarbeiter des Vereins seine Arbeit als “Inbegriff von Feingefühl” preist und von den vielen “Momenten der Tiefe” schwärmt, die der Chef mit seiner “Liebe ins Detail” ermöglicht. Der grosse Teil der Leserschaft blättert beim Anblick von soviel Gesülze kopfschüttelnd weiter.

Immerhin schreibt der Chefredaktor in seinem Editorial selber: “Je glaubhafter meine Bühnenpartner ihre Rollen füllen, desto einfacher ist es, den eigenen Part gut zu spielen.” Das gilt nicht nur für die Arbeit auf der Bühne; das lässt sich auch auf das Thema “PR-Texte in Fachorganen” übertragen. Also: Weniger (Pressegeschwafel) wäre eindeutig mehr (Substanz). Aber das würde, natürlich, auch einen grösseren finanziellen Aufwand bedeuten.

Überraschender- und erfreulicherweise erschöpft sich das Angebot der “Theater-Zytig” nicht in Rezensionen. Den eigentlichen Schwerpunkt der Juli-Ausgabe bildet “Kleist in Thun”. Mit “Der zerbrochene Krug” verfasste Heinrich von Kleist ein Stück, das sich bei Volkstheatern ungebrochener Beliebheit erfreut. Die “Theater-Zytig” würdigt den 200. Todestag des Dichters mit dem gekürzten Abdruck eines Vortrages, den Lukas Bärfuss in Thun hielt.  Unter dem TItel “Wie können wir mit den Mitteln des Theaters aktiv etwas bewirken?” gibt es darüber hinaus einen Rückblick auf den für Lehrer- und Theaterpädagogen organisierten Weltkongress “Drama in Education“. Verbandsmitteilungen, ein doppelseitiges Poster der Verbands-Veteraninnen und Veteranen in der Heftmitte sowie humoristische Reminiszenzen aus vergangenen Theaterzeiten runden den Heftinhalt ab.

 

Die “Theater-Zytig” auf einen Blick:

Chefredaktor: Hannes Zaugg-Graf, Uetendorf

Anzahl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 19

Erscheinungsweise: 11x pro Jahr (Doppelnummer August/September)

Auflage: 3768.

Abonnementspreise: Fr. 59.– für Nichmitglieder, Fr. 44 für Mitglieder des Zentralverbandes Schweizer Volkstheater (ZSV), Fr. 37.– pro Gruppe (ab 20 Exemplaren), Fr. 22.– für Vereine.

Leseprobe: “Soll man dieses Stück heute noch aufführen? Eine gewisse Verstaubtheit lässt sich, trotz grossem und liebevollem Einsatz, einfach nicht kaschieren. Die Uetiker wählten auf jeden Fall den richtigen Ansatz und spielten das Stück in der Zeit, in der es entstanden ist, also um die Jahrhundertwende. (…) Was allerdings der George Clooney und der Strassenstrich am Sihlquai im Text zu suchen hatten, war mir nicht klar.” (Aus Gerhard Lengens Besprechung von “Pension Schöller” in der “Schemeli Bühne Reinach”

Weitere Infos: www.theater-zytig.ch

Warmer Entzug

 

“Hannes höcklet im Garten und hat den Frieden.”

“Hannes freut sich auf den Besuch von Remo und Beat.”

“Hannes ist in Zürich am Julieta Venegas-Konzert.”

“Hannes kocht.”

“Hannes schaut sich mit seinem Schatz in der Ikea nach neuen Möbeln um”…

…das alles und viel Spannendes mehr hätte die Welt erfahren, wenn ich noch auf Facebook wäre.

Aber am Freitag habe ich mein Konto bei dem sozialen Netzwerk deaktiviert. Ich will einmal sehen, was passiert, wenn ich mich aus dieser internetten Gemeinschaft zurückziehe.

Passiert ist bisher: Nichts.

Das Leben geht weiter. Und zwar für mich – und für meine rund 150 Freunde und “Freunde”, die sich im Lauf der Zeit auf meiner Facebook-Seite angesammelt haben. Was sie treiben und denken und sehen und hoffen, weiss ich jetzt nicht mehr. Wer war wo unterwegs? Wer hat was erlebt? Wer hat sich worüber gefreut und wer ist wegen wem oder was genervt? – Ich habe keine Ahnung.

Aber muss ich das alles wissen? Will ich das alles wissen?

Was ich wissen muss und will, erfahre ich sowieso. Mit jenen Leuten, die mir richtig wichtig sind, habe ich auch jenseits von Facebook Kontakt. Ich sehe sie, ich telefoniere mit ihnen, ich maile mit ihnen, ich schaue auf ihren Websites und Blogs vorbei. Alle anderen: Henu.

Und “henu” gilt natürlich auch umgekehrt. Gestern erkundigte sich eine Frau, die ich auch im realen Leben sehr schätze, was los sei; sie könne mich auf der virtuellen Plattform nicht mehr finden. Alle anderen “Freundinnen” und “Freunde” haben noch gar nicht gemerkt, dass ich weg bin. Oder dann haben sies gemerkt und finden, das sei für sie nur von peripherer Bedeutung.

Wie lange ich Facebook fernbleibe? Irgendwann melde ich mich bestimmt wieder an. Bis zu jenem fernen Zeitpunkt geniesse ich das Leben ohne den “Zwang”, jeden Chabis online zu stellen und jeden Chabis anzuschauen.

Nur schon die Tatsache, dass ich gerade kurz darüber nachdenken musste, ob ich “Zwang” in Anführungszeichen setzen soll oder nicht, zeigt mir, dass mein Entscheid richtig war – und ist.

Fiesta mexicana

Die sonnige, fröhliche Musik passt nicht zu dem auf nobel getrimmten Festivalgelände in diesem heute recht graukalten Land. Die Klänge auf der Bühne harmonieren nur bedingt mit dem Temperament der Menschen vor ihr; diese sitzen zunächst einmal abwartend da und hören sich an, wie Julieta Venegas und ihre Band am letzten Abend des “Live at sunset” auf der Dolder-Eisbahn über Zürich versuchen, eine Fröstelnacht in eine seelen- und herzerwärmende noche mexicana zu verwandeln.

Und die Bemühungen der zierlichen Frau mit den verschmitzten Augen werden belohnt: Ab der Hälfte des knapp zweistündigen Konzerts tauen die Leute auf. Sie wippen mit den Hüften, klatschen rhythmisch, singen jeden Ton mit und fahren am Ende mit strahlenden Gesichtern in die schlafende City hinunter.

Wie muss das erst zu- und hergehen, wenn Julieta Venegas in ihrer Heimat auftritt?

Etwas irritierend ist, dass einen immer wieder das Gefühl beschleicht, dass Julieta Venegas gar nicht auf eine grosse Bühne gehört; dass sie und ihre Musik die Gäste in einem verqualmten Lokal auf dem Land genauso mitreissen würden. Wie die Sängerin mit dem Publikum schäkert, wie sie sich artig nickend bei dem Helfer bedankt, der ihr regelmässig eine frische Tasse Tee bringt, wie sie selbstvergessen ein paar Tanzschrittchen macht, wenn sie gerade keinen Einsatz hat und sich – naja – unbeobachtet wähnt: Das hat nichts von einem grossen Star, der die vierfache Gewinnerin des Latino-Grammys in südlicheren Gefilden längst ist.

Diesen Status verdankt sie nicht “nur” ihrer Persönlichkeit und ihrer fast beliebig modulierbaren Stimme, die sich bemerkenswerterweise erst richtig entfaltet, als sich die Fotografen nach den ersten drei Songs aus ihrem Schützengraben verkrümeln müssen; als Venegas sicher sein kann, dass sie jetzt nur noch für jene Menschen da ist, die sie und ihre Lieder mögen und lieben, und nicht auch noch für die, die ihr mit ihren riesigen Objektiven so gfürchig nahe kommen; als man unter sich ist und die Veranstaltung eine fast intime Note erhält.

Auch ihre Band imponiert: Sie besteht aus fünf bestens aufeinander eingespielten Multiinstrumentalisten. Der Gitarrist hantiert zwischendurch am Synthesizer, schnallt sich dann die Ukulele um und greift ein Stück später wieder in die Saiten des grossen Elektromodells. Der Querflötist spielt virtuos Keyboards, die eine Tastenfrau unterstützt bei Bedarf den Drummer, der Bassist singt die zweite Stimme. Venegas selber wechselt mit einer Leichtigkeit vom Piano zur Gitarre und zum Akkordeon, die all die als Sängerinnen getarnten Fotomodelle dieser Welt vor Neid ergrünen lassen müssten.

Julieta Venegas gehört aus unerfindlichen Gründen zu jenen Künstlerinnen, die den ganz grossen Durchbruch in Europa nicht geschafft haben; oder noch nicht. Das ist angesichts der Latino-Welle, die blondierte Brasilianerinnen mit Hits von der Stange seit Jahren über das Land schwappen lassen, kaum verständlich. Andrerseits: Man mag sich diese aufgestellte und ziemlich sicher weitgehend allürenfreie Südamerikanerin gar nicht in einem anonymen Riesenstadion vorstellen, in dem die Verpackung mehr zählt als der Inhalt.

Viel lieber würde man mit Julieta Venegas und ein paar Freunden eines wunderschön-lauwarmen Sommerabends chli im Garten plaudern, ihr zu vorgerückter Stunde – und auf ihren Wunsch – eine Gitarre bringen…und sich in den nächsten Stunden einfach in ihren Melodien versinken lassen.

 

Sieh, das Gute steht so nah

Ein Blick aus dem Fenster genügte mir, um zu wissen: Ich muss mich nie, nie mehr in die Stadt bemühen, um dieses teure Fleisch kaufen zu gehen, wenn Gäste kommen:

 

 

Jetzt muss ich in der Wohnung nur noch ein paar schwere Steine bereitlegen und schon…

 

Wir freuen uns auf euren Besuch morgen Abend, lieber Remo und Beat!

 

 

Wir basteln uns einen Politiker

Bei den meisten Plakaten verstehe ich auf Anhieb, was mir die Werber sagen wollen: Iss Greyerzer, fahr mit Mobility, schlürf Actimel.

Doch vor den Postern, mit denen die Allgemeine Plakatgesellschaft (APG) das Land in diesem Sommer tapeziert hat, könnte ich stundenlang stehen, ohne ihren Sinn zu kapieren.

“Bestimmen Sie das Gesicht der Schweiz”, steht auf den Affichen. Darunter sind Köpfe zu sehen, die aus Hälsen und Mündern und Nasen und Augen und Stirnen von verschiedenen Politexponenten zusammengesetzt sind. Wer sich ein paar solcher Plakate besorgt, kann sich an einem verregneten Sonntag mit dem Japanmesser und ein paar Metern Scotchband seinen eigenen Nationalrat oder seine persönliche Ständerätin basteln.

Für Leute, die in Kleinwohnungen leben, gibts praktische Klappbüechli mit denselben Motiven.

Wenn das nicht der Oberknaller ist: Was dann?

Ich kann mir gut vorstellen, wie sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe Task Force “APG-Kampa.11” ekstatisch brüllend in die Arme gefallen sind, als die Visagenpuzzles nach Jahren des Brainstormens endlich vor ihnen auf dem riesigen Rauchglastisch im Konferenzraum 4a lagen.

Nur, eben: Wieso ich mich davon angesprochen fühlen soll, erschliesst sich mir weder auf den ersten noch auf den zweiten und auch nicht auf den dritten Blick.

Mit der für die Werbebranche typischen Selbstlosigkeit schreibt die APG auf ihrer Homepage, dass sie mit dieser “sympathischen Kampagne” beabsichtige, “die Schweizer zum Wählen” zu motivieren. Schliesslich hätten sich bei der letzten Parlamentarierkür “lediglich 48,3 Prozent” der Stimmberechtigten an die Urnen bemüht; für die nächste Ausmarchung sehe es laut Experten ähnlich schitter aus.

Nach dem selbstkreierten Motto “Nur, wer gesehen wird, darf auf die Gunst der Wählenden hoffen”, hat die APG ihre Plakate auf 50 000 Flächen gepappt. Auf die Idee, dass sehr viele Leute längst müde abwinkend auf ihre *räusper* urdemokratischen Grundrechte verzichten, weil sie all die Politikergrinden an Wänden, in Bahnhöfen und auf grünen Wiesen nicht mehr sehen mögen, sind die Werber augenscheinlich nicht gekommen. Andernfalls hätten sie weisses Papier aufgehängt und darunter geschrieben: “Geht wählen.”

Mir persönlich sagen die Plakate nur eines: Dass sich zig hochrangige Politikerinnen und Politikern auch mit entstellten Gesichtern in der Öffentlichkeit zeigen, wenn sie davon ausgehen können, dass die Aktion der eigenen Sache dient.

Abgesehen davon weiss ich dank der APG-Kampagne jetzt verbindlich, was ich schon seit einem geraumen Weilchen vermutet habe: Inhalte spielen in der grossen Politik keine Rolle. Nur das Aussehen zählt.

Grösser als Worte

Die Kurzfassung geht so: Weil es mir unmöglich war, das Toto-Konzert am Snowpenair 2006 zu sehen, aber weil ich trotzdem ein T-Shirt von der aktuellen “Falling in between”-Tournee haben wollte, fragte ich die Kollegen vom “Berner Oberländer”, wer über den Anlass berichten werde.

“Chantal macht das”, wurde mir beschieden, worauf ich dieser mir damals völlig unbekannten Chantal eine lange, lange Mail schrieb, in der im Wesentlichen stand, dass es mich schampar freuen würde, wenn sie mir auf der Kleinen Scheidegg ein Leibchen der besten Band der Welt besorgen könnte; ich würde auch dafür bezahlen, ganz bestimmt.

Zwei Tage nach dem Snowpenair hatte ich das Toto T-Shirt in der Post. Chantal und ich blieben in Mailkontakt – und schon ein Jahr später trafen wir uns zum ersten Mal. Der Rest ist Geschichte.

Mit Toto verbindet meinen Schatz und mich also sehr viel mehr als nur die Liebe zu sinfonesken Harmonien, mirakulösen Gitarrenriffs und Keyboard-Klängen aus dem musikalischen Land der Träume. Die Band aus Kalifornien ist quasi die Basis unseres gemeinsamen Lebens.

Und nun hatten wir sie bei ihrem Auftritt am “Live at sunset” in Zürich drei, vier Meter vor uns. Von unseren Sitzplätzen in der ersten Reihe aus bestaunten wir Steve Lukather, David Paich, Steve Porcaro, Joseph Williams und Simon Philipps wie kleine Kinder den Weihnachtsbaum.

Es war…

…es war…

…es geht nicht.

Eigentlich wollte ich schreiben, wie Toto die Bühne mit “Child’s anthem” stürmten, das Publikum mit “Africa”, “Afraid of love”, “Lea”, “Rosanna”, “Pamela”, “Stop lovin’ you”, “Home of the brave” und einem Dutzend weiterer Muster aus ihrer unerschöpflichen Hitkiste zum Toben brachten und wie sie am Ende, nach “Hold the line”, ein paar Tausend glückliche – darunter zwei unsagbar überglückliche – Menschen auf den Heimweg in die immer noch lauwarme Nacht entliessen.

Aber, eben: Ich kann das nicht beschreiben. Das war zu gross für Worte.

Toto spielten an diesem Abend nur für uns. Jemandem erklären zu wollen, wie das war: Das ist unmöglich.

Und auch gar nicht nötig.

Im verblassten Glanz der Vergangenheit

Das Roxette-Konzert vom 31. Oktober 2001 im Hallenstadion Zürich: Das war, als ob jemand in einem zum Ersticken aufgeheizten Raum die Fenster aufreissen würde, um kühle Nachtluft hereinströmen zu lassen. Anderthalb Monate, bevor Marie Fredriksson und Per Gessle die Schweiz besuchten, hatten Fanatiker Flugzeuge in das World Trade Center in New York gejagt. Das Attentat von Zug lag noch keine Woche zurück. Die Swissair-Maschinen blieben am Boden. Bartträger mit Turban galten auf einmal als globale Gefahr. Mit der Unbeschwertheit, die die 80er und 90er Jahre geprägt hatte, war es vorbei.

Nur Roxette waren noch da, mit ihrem Gutelaune-Sound und ihren Balladen, die auch tristeste Momente für ein paar Minuten aufzuhellen vermochten. 70 Millionen CDs voller Pop- und Rockperlen verkauften die Fliessbandarbeiter aus der nach Abba zweitgrössten schwedischen Hitfabrik.

Wenige Monate später wurde bei Marie Fredriksson, der Sängerin, ein Gehirntumor diagnostiziert.  Auch für sie und ihren Komponisten und Gitarristen Per Gessle war auf einen Schlag nichts mehr, wie es soeben noch geschienen hatte. Fredriksson kämpfte um ihr Leben, Gessle – höchst erfolgreich – um Anerkennung als Solokünstler. Roxette waren Geschichte.
Einen Ehrenplatz im Musik-Olymp hatten sie sich mit zeitlosen Liedern wie “The Look”, “Joyride”, “It must have been love” oder “Fading like a flower” längst gesichert.

Doch am 14. Juli 2011 wird Tatsache, was jahrelang niemand ernsthaft in Erwägung zu ziehen gewagt hatte: Roxette stehen auf der Piazza Grande in Locarno auf der Bühne. Seit Februar sind Fredriksson und Gessle auf Tournee. Zigtausende von Fans – darunter unzählige, die in der Hoch-Zeit der Band noch nicht einmal in der Planungsphase gewesen sein dürften – freuen sich über die Rückkehr ihrer Idole. Ihrer Wegbegleiter in guten und schlechten Zeiten.

Auf das Comeback einer Legende.

Als Roxette den Platz nach anderthalb Stunden verlassen, gehen sehr, sehr viele von all den Leuten, die dem Duo sosehr entgegengeplangt hatten, mit konsternierten Gesichtern durch die Gassen in die umliegenden Restaurants, Parkhäuser und Hotels. “Things will never be the same”, hatte die von ihrer Krankheit sicht- und hörbar gezeichnete Fredriksson (54) in einem besinnlichen Moment des Konzertes gesungen.

“Things will never be the same”: Das gilt, wie das Publikum schon nach den ersten zwei Stücken erkennen muss, auch für Roxette. Wo vor zehn Jahren noch pure Spielfreude von der Bühne in die Menschenmassen sprühte, dominiert heute die Routine. Nicht gerade lustlos, aber erschreckend statisch, ackern sich Fredriksson, Gessle und die Begleitband durch einen Querschnitt aus ihrer Hitsammlung.

Wie wohl sich die Frontfrau während der Darbietung fühlt, weiss niemand. Marie Fredriksson muss bewusst sein, wie sehr ihre einst glockenhelle Stimme dem Gesamtkunstwerk Roxette fehlt. Sobald es in höhere Tonlagen geht, springt die Backgroundsängerin für die Chefin ein. Und die schwache Stimme ist noch das Stärkste, was die zweifache Mutter nach all den Operationen und Therapien bieten kann. Wenn die 54-Jährige kurz neben oder hinter der Bühne verschwindet – was sie oft tut -: Verflucht sie dort ihren Körper dafür, nicht mehr das Energiepaket von früher zu sein? Oder dankt sie ihm dafür, bis hierhin durchgehalten zu haben und bittet ihn, auch in den folgenden Tourmonaten nicht schlapp zu machen?

Per Gessle seinerseits überlässt die Show über weite Strecken der blonden Frau am Mikrofon und fährt mit angezogener Handbremse durch das Programm. Im Gegensatz zu Fredriksson braucht er keinem Menschen zu beweisen, was er – noch – kann. Dass er wieder da ist; er war ja nie weg. Will er Marie Fredriksson, indem er sich klein macht, grösser wirken lassen, als sie zu sein noch imstande ist? Betrachtet er diese Tournee als eine Art Freundschaftsdiens an der Frau, die es ihm ermöglichte, vom grossartigen, aber ausserhalb Schwedens praktisch unbekannten, Musiker zum Superstar zu avancieren?

Wer Roxette im Oktober 2001 erlebt hatte und das Comeback in Locarno verpasste, wird Marie Fredriksson und Per Gessle anders in Erinnerung behalten als jemand, der am 14. Juli 2011 auf der Piazza Grande stand: Er wird, wenn er einen ihrer Songs hört, an ein grossartiges Duo denken, das rund zwei Jahrzehnte musikalisch mitprägte und stellenweise sogar veredelte.

Und nicht an zwei Menschen, die – warum auch immer – fest davon überzeugt waren (oder nach wie vor sind), die Zeit liesse sich zurückdrehen, anhalten und noch einmal neu gestalten, obwohl ihr das Schicksal die Hälfte der dafür nötigen Mittel für immer entrissen hat.