Skip to content

Month: September 2013

Alpabzug (oder auch nicht)

Foto

Ein zufälliger Blick aus dem Küchenfenster – und was sieht man, waseliwas? Einen stämmigen Mann, der ein Schaf in einen Anhänger lädt.

Der Mann darf das. Das Schaf gehört ihm. Alle Schafe, die in den letzten Monaten in unserem Quartier gewohnt haben, gehören dem Mann. Jetzt sind sie wieder weg, die Schafe, und mit ihnen das muntere Bimmeln und Blöken, das uns so manchen Sommertag und so manche Sommernacht verschönert hat.

Der kleine Trost: Nächstes Jahr, im Frühling, hats wieder Schafe im alten Markt. Vermutlich Ganz bestimmt nicht dieselben wie heuer, aber das spielt ja keine so grosse Rolle. Wir freuen uns schon auf die neuen Nachbarn.

Foto

Nachtrag 16.23 Uhr: Die Ereignisse überstürzen sich. Ein zweiter Blick aus dem Fenster zeigte soeben: Ein paar Schafe sind noch hier. Vielleicht hat der Mann sie vergessen. Möglicherweise sind es auch schon die neuen Nachbarn. Eventuell ist es Frühling geworden, ohne, dass ich es bemerkt hätte. Wie auch immer: Das ist eine zweite Chance, um das Gebimmel und Geblöke auch im Herbst und Winter geniessen zu dürfen.

Ich überlege gerade: Wir haben fünfeinhalb Zimmer. Und nutzen die nicht alle ununterbrochen. Das heisst…

Frühling im November

Bildschirmfoto 2013-09-29 um 07.42.34

Auf der Bäregghöhe ticken die Uhren chli anders als unten im Emmental: Nur so lässt sich erklären, dass in dem (zurecht!) viel gelobten Restaurant in den Högern über Trubschachen am 2. November ein “Menu littéraire in der mystischen Frühlingsnacht” stattfindet (siehe Veranstaltungshinweis im Bild oben).

Aber Kalender und Klima hin oder her: Ich freue mich sehr darauf, in dem heimeligen Gasthaus wieder einmal vor Publikum eine “Mordgeschichte aus dem Emmental” zu erzählen. Mit von der Partie sind auch Gabriel Anwander und Hans Minder, zwei weitere Autoren des Langnauer Landverlags.

Witzig ist: Ohne die Bäregghöhe wäre die Geschichte, die ich ganz oder in Auszügen vortragen werde, nie entstanden. Denn als wir dort seinerzeit den zweiten Band der “Mordsgeschichten” vorstellten, fragte ich mich mitten in meiner Lesung auf einmal, was wäre, wenn ein Zuhörer oder eine Zuhörerin in diesem Moment tot vom Stuhl kippen würde.

Selbstverständlich dachte ich dabei an niemanden bestimmten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kannte ich keinen der Gäste, die ebenso arglos wie busper und munter meiner Erzählung lauschten. Es war auch nicht so, dass mir einer der Zuhörer oder eine der Zuhörerinnen unsympathisch gewesen wäre; ganz im Gegenteil.

Ich hatte einfach nur diesen Kurzfilm im Kopf, in dem zu sehen war, wie sich jemand an die Brust fasst, kurz röchelt und mit hochrotem Kopf zu Boden sinkt. Sekundenbruchteile später schwenkte die Kamera auf Menschen, die sich aufgeregt von ihren Sitzen erhoben, aus dem Säli eilten oder noch am Tisch zu ihren Handys griffen, um die Sanität, die Polizei oder einen Reporter ihres Vertrauens zu verständigen.

Vom Einschlag dieses Geistesblitzes an war die eine meiner Gehirnhälften mit Vorlesen und die andere mit “Schreiben” beschäftigt. Das war für mich einerseits etwas irritierend, weil ich mich ständig darauf konzentrieren musste, die bereits bestehende Geschichte vor all den Leuten nicht mit der gerade in mir entstehenden durcheinanderzubringen – und andrerseits ganz praktisch.

Denn als Verlegerin Verena Zürcher ihre Schreibtischtäterinnen und -täter wenig später fragte, ob sie auch für einen dritten Band der “Mordsgeschichten” etwas beisteuern könnten, konnte ich nur abtippen, was in meinem Kopf seit  jenem Abend darauf gewartet hatte, zu Papier gebracht zu werden.

Unknown

(Reservationen: 034 495 70 00 oder gasthaus@baeregghoehe.ch)

Nachtrag 9. Oktober: Wegen eines kurzfristig hereingeschneiten privaten Termins habe ich die Teilnahme an der Lesung abgesagt. Für Ersatz ist gesorgt.

Sturz durchs Zeitloch

1236754_10202125148754718_616664116_n

Eine kleine Notiz bescherte uns einen grossartigen Abend: Auf Facebook teilte der FC Beinwil am See mit, er treffe am Samstagabend im Seetaler Derby auf Meisterschwanden. Als ich das las, bekam ich aus heiterem Himmel chli Heimweh.

Weil es auch meine Frau wunder nahm, wo ich einen schönen Teil meiner Jugend verbracht hatte, fuhren wir kurzentschlossen aus dem Emmen- ins Seetal.

Bildschirmfoto 2013-09-22 um 06.15.48

Der FC Beinwil war ein fester Bestandteil meines privaten und beruflichen Lebens: Beim FC Böju habe ich getschuttet und Junioren trainiert. Später, als Redaktor beim Wynentaler Blatt, schrieb ich über ihn (und zwar immer mit einem My mehr Herzblut als über die anderen Clubs; jetzt kann ichs ja sagen).

Der FC Böju: Das sind für mich glorreiche Siege, unverdiente Niederlagen, turbulente Grümpelturniere, bierselige Samstagabende, endlose Fahrten in die hintersten Ecken des Aargaus, Trainings im strömenden Regen und bei brütender Hitze, Grundsatzdiskussionen mit Vätern, die nicht verstehen konnten oder wollten, dass auch ihr Sohn keinen Stammplatz habe, meist kurzweilige Vorstandssitzungen und gemütliche Jahresendhöcks in der verschneiten Waldhütte.

Natürlich: Das alles gibt es in zig Vereinen landauf und -ab auch. Doch während man anderswo mit dem einen Auge ständig auf die Tabelle und mit dem anderen ununterbrochen in die Kasse schielte, stand in Beinwil am See etwas über allem anderen, was auch der potenteste Sponsor nicht herbeikaufen kann: Das Menschliche.

Als ich mit Chantal gestern Abend durch das Gittertor beim Sportplatz Strandbad gegangen war, merkte ich sofort, dass sich daran nichts geändert hat. Vom Grössenwahn, der schon manchen FC nach dem Aufstieg in die 2. Liga erfasst hat und der im Verbund mit Neid und Ehrgeiz auch die harmonischste Clubstruktur innert weniger Monate von innen zerfressen kann, ist am westlichen Ufer des Hallwilersees nichts zu spüren.

Entsprechende Befürchtungen hatte ich allerdings nie ernsthaft gehabt. Einerseits wird der FC Böju seit Jahr und Tag von meinem besten Freund Martin Hintermann (rechts im obersten Bild) geführt. Er alleine ist mit seiner bodenständigen Art ein Garant dafür, dass keines der weit über 200 Aktivmitglieder auf die Idee kommen kann, abzuheben, nur, weil man jetzt in einer höheren Spielklasse mitwirkt.

Darüberhinaus arbeiten im Hintergrund des Vereins zig Männer und Frauen mit, die wissen, wie man “Kontinuität” buchstabiert und die im FC so fest verwurzelt sind wie ein Mammutbaum in der Erde. Fremde Fötzel auf der Suche nach Schwarzgeldverstecken sind im FC Beinwil am See ebensowenig willkommen wie Egoisten, die auf und neben dem Spielfeld ihre Profilierungsneurosen ausleben wollen.

Foto

Die Rückkehr auf das vertraute Terrain fühlte sich an wie eine weiche Landung nach einem Sturz durch ein Loch in der Geschichte: Der Platz, der Kiosk, die Festbeiz und die Unterstände für die Trainer und Ersatzspieler sehen noch fast genau gleich aus damals, als ich die 16 auf dem Rücken des gelbblauen Leibchens trug. Über allem liegt der vertraut-herbe Duftmix aus Dul-X, Schweiss und Bratwürsten. Verschwunden sind die Zuschauerbänkli hinter den Seitenlinien. Dafür gibt es eine elektronische Anzeigetafel auf dem Dach der Garderobe und eine hochwattige Flutlichtanlage und einen Kugelgrill plus einen Fan, der die Böjuer mit seinem Megaphon akustisch verstärkt.

906211_10151563160186585_49053058_o
(Bild: pd)

Der Match selber war…naja. Wir haben gewonnen, doch in die engere Wahl für den Friedensnobelpreis wirds das Spiel kaum schaffen. Nach dem Abpfiff stürmte ein gegnerischer Fan auf den Rasen und streckte einen der Böjuer Akteure mit einem Faustschlag nieder. Wenig später war die Platzwunde am Kopf verarztet und die Polizei vor Ort, um eine Anzeige wegen Körperverletzung aufzunehmen.

Das bekam ich aber nur am Rande mit. Ich genoss das Wiedersehen mit alten Bekannten. Mit all den Helden von früher, die sich das Seetaler Derby ebenfalls nicht entgehen lassen wollten, hätte sich beinahe eine komplette Mannschaft bilden lassen.

Die Freude und Herzlichkeit, mit der die ehemaligen Sportsfreunde Chantal und mich begrüssten, hatte etwas Rührendes. Es gab kein Fremdeln und kein Beschnuppern. Vielmehr fühlte es sich an, als ob seit unserem letzten Treffen nur fünf Tage und nicht 25 Jahre vergangen wären.

Als wir nach Hause zurückfuhren, wusste ich: Es gibt Bänder, die nie reissen. Auch wenn die Zeit noch so lange an ihnen zerrt.

Zwei Leben in einem

Foto

Wer wissen will, was Liebe ist,

wer staunen kann,

wer an das Gute glaubt,

wer Freude an Worten hat

und an der Musik,

wer lachen will,

wer zwischendurch chli Trost braucht

oder

wer sich für die Geschichten hinter den BAP-Liedern interessiert…

…der muss die beiden Autobiografien von Wolfgang Niedecken lesen.

“Für ‘ne Moment” hat er, mit Oliver Kobold, vor seinem Schlaganfall geschrieben, “Zugabe” nachher; in seinem zweiten Leben.

Gigantismus ohne Grenzen

Wall2

Monströs, bombastisch, epochal, ausserirdisch, gigantisch: Wer versucht, “The Wall” von Roger Waters in Worte zu fassen, kann noch so tief in die Kiste voller Superlative greifen; den perfekt passenden Begriff findet er nicht. Die Aufführung berührt soviele Sinne und erzeugt dermassen viele Gefühle, dass die Gedanken an das Erlebte auch dann noch wie Stroboskopblitze durch den Kopf zucken, als die Show längst vorbei ist.

Doch eines ist das Multimediaspektakel, das der Brite am Mittwochabend vor den fassungslos glänzenden Augen von 40 000 Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten im Zürcher Letzigrundstadion zelebrierte, ganz bestimmt: Das grösste Rock-Oratorium aller Zeiten.

Und die wohl teuerste Psychotherapie, die sich je jemand verschrieben hat: Seit über einem Vierteljahrhundert versucht der 70jährige Waters, den Verlust seines im Krieg gefallenen Vaters zu verarbeiten.

“The Wall” – das sind eines der meistverkauften Doppelalben (wobei Waters seine damaligen Bandkollegen von Pink Floyd fast mit der Waffe in der Hand dazu zwingen musste, es mir ihm zusammen aufzunehmen), ein monumentaler Film plus Konzerte, die im musikalischer, technischer und optischer Hinsicht sämtliche Grenzen sprengen.

wall

150 Meter breit und zwölf Meter breit ist die Mauer, die sich quer durch das Stadion erstreckt. Eine Woche lang waren zig Arbeiter damit beschäfigt, die Arena für “The Wall” herzurichten.

Zum Einsatz kamen – nebst Unzähligem anderem – riesige Puppen, Raketen, Feuerfontänen, ein quadrophonisches Soundsystem, atemberaubende Videoprojektionen im XXXXL-Format, ein Kinderchor, ein überlebensgrosser fliegender Eber, eine echte plus eine künstliche Begleitband, eine beklemmend realistisch in die Menge knatternde Maschinengewehrattrappe sowie ein grosses Modellflugzeug, das auch an diesem 11. September quer durchs Stadion raste, in die aus Kartonquadern bestehende Mauer krachte und dahinter in Flammen aufging.

Krieg und Frieden, Hass und Liebe, Dürre und Völlerei, Verderben und Leben: Darunter tuts es Roger Waters nicht.

letzi

Dass sich auf seinem weit über zweistündigen Trip zwischen (s)einem dunklen Gestern und dem mutmasslich noch finstereren Morgen immer mal Widersprüche auftun. schadet dem Rundumerlebnis kein bisschen. Waters wettert vor einem Publikum, das pro Sitzplatz mehrere hundert Franken bezahlt hat, über den Kapitalismus? Kein Problem. Der notorische Egoist, der Pink Floyd im Alleingang gesprengt hat, verteufelt jeden, der seine Eigeninteressen rücksichtslos auf Kosten anderer durchsetzt? Völlig egal.

Der Mann, der die meiste Zeit in einem ärmellosen T-Shirt und zwischendurch in einem an die Nazis gemahnenden schwarzen Mantel am Bühnenrand steht, hat Jahrhundert-Alben wie “Dark side of the Moon” und Überhits wie “Wish you were her” (mit)komponiert; von “Another brick in the wall” ganz zu schweigen. Dieser Mann ist aufgrund seines Palmarès längst unantastbar gworden; ein Genie war er vermutlich schon immer.

Interessant ist, dass in dieser denkwürdigen Nacht nicht die ganz grossen Hits wie “Another brick in the wall” oder “Comfortably Numb” am meisten imponieren. In diesem perfekt orchestrierten Wummern, Donnern, Jaulen und Schreien wirken die leiseren Songs (“„Mother“, „Young Lust“, „Goodbye Blue Sky“ oder, ganz stark: “Hey you”, von Waters unmittelbar nach der Pause ganz alleine vor der Mauer vorgetragen) wie kleine Inseln, auf denen man kurz durchatmen kann, bevor der Feldherr einen aufs nächste Schlachtfeld führt.

(Weitere Kritiken: “Die Mauer ist durchlässiger geworden”, NZZ, und “Eindrückliches Spektakel und ein Fehltritt”; Aargauer Zeitung)

Feduschine statt Pyramiden

Foto

Adios: Noch 25 Stunden, dann sind sie vorbei, meine Solo-Ferien 2013. Morgen früh sitze ich im Flieger nach Zürich, wo schon Roger Waters auf mich und meinen Schatz wartet.

Ich packe meine ziemlich genau sieben Sachen hier ohne Bedauern zusammen. Denn trotz konstant hoher Temperaturen wurden wir heuer – ganz im Gegensatz zum Vorjahr – nie so richtig warm miteinander, Gran Canaria und ich.

Natürlich: Als ich vor zwölf Monaten eine Woche auf dieser Insel verbrachte, war für mich vieles neu. Das Hotel, die Dünen, die Menschen: Das alles sah ich damals zum ersten Mal. Entsprechend reizvoll war es, jeden Tag eine kleine Entdeckungsreise zu unternehmen.

Bei der Zweitauflage würde ich Déjà-vus und -eus erleben; das war mir bewusst. Wer seine Ferien 2013 zur selben Zeit am selben Ort verbringt wie 2012, muss mit der einen und anderen Wiederholung rechnen. Dass die Sandberge von Maspalomas extra wegen mir umgeformt würden, durfte ich ebensowenig erwarten, wie dass die Hotelchefs das Abendprogramm auf den Kopf stellen, weil ich die Flamcenotänzerinnen, Zirkusartisten, Sängerinnen und Zauberer von früher her kenne.

1234911_10202008769405307_1200402111_n

Aber darum geht es gar nicht. Es geht auch nicht darum, dass ich letztes Jahr das bessere Zimmer gehabt hatte, dass mir diesmal das Handy zwischenzeitlich abhanden kam oder dass ich gestern, am 9. September, bemerkte, dass mein Rückflugticket irrtümlich auf den 7. September ausgestellt worden war.

Foto

Das Problem – mein Problem – waren andere Touristen. Sehr, sehr viele andere Touristen.

Ausländer tummeln sich zwar schon seit dem 19. Jahrhundert auf dem malerischen Eiland vor der Küste Westafrikas, und zwar nicht zu knapp. Aber im vergangenen Jahr war ich erstens von deutlich weniger und zweitens von wesentlich normaleren zivilisierteren Menschen umzingelt.

Mit soviel Arroganz und Wohlstandsverwahrlosung sah ich mich in meinem ganzen Leben noch nie konfrontiert. Unabhängig von ihrer Nationalität ist es unwahrscheinlich vielen Gästen dieses Landes offensichtlich völlig egal, was ihre Gastgeber und Mitreisenden über sie denken.

Schuld am zahlenmässig fast chli beängstigend überbordenden Fremdenverkehr auf Gran Canaria sei primär die verworrene politische Lage in Ägypten, sagt mein Freund, der sich in der Reisebranche bestens auskennt. Weil von Trips an den Nil seit einiger Zeit dringend abgeraten wird, seien unzählige Leute, die ihre Ferien eigentlich im Schatten der Pyramiden verbringen wollten, auf die Kanarischen Inseln ausgewichen, wo ja ebenfalls immer die Sonne scheint und es ein Meer hat und wo die Eingeborenen erst noch fliessend kalt und warm Deutsch sprechen.

Statt Aaaahend und Oooohend durch die Tempel von Luxor zu schlendern, hocken die um ihre hochkulturellen Erfahrungen Geprellten nun johlend und gröhlend in den Bars und Beizen von Playa del Inglés und lassen die Umsitzenden an ihrem von Nofretete und Ramses geprägten Denken und ihrem auf unzähligen Reisen in bedeutsamere Länder geschärften Wissen teilhaben.

Das klingt dann so: “Isch nehm ma diese Feduschine und n grossas Helles und…kuck ma, Alda: Tittn bis zude Kniescheibe runda!!!”

Es sind dieselben Zeitgenossen, die an der Rezeption endlos darüber diskutieren, ob sie sich am Zmorgebuffet einen Teller vollbeigen und diesen dann mit aufs Zimmer nehmen können (aber immerhin: Andere fragen nicht einmal, sondern machens einfach. Manche benutzen dafür nicht einmal einen Teller).

Foto

Wegen diesen Leuten hängen überall Flyer, denen zu entnehmen ist, dass der Bademeister Badetücher, die nur zu Reservationszwecken auf die Liegen am Pool gelegt wurden, entfernt (und wehe dem Bademeister, der diese Verordnung durchsetzt!).

Diese Leute beschweren sich beim Barkeeper darüber, dass die Zweimannband im Garten mit Halbplayback spielt.

Und wenn sie endlich abreisen, diese Leute, drücken sie der Putzfrau gönnerhaft einen Euro Trinkgeld in die Hand. Dann sagen sie ihr, sie könne die Köfferli nun zum Ausgang bringen.

Die meisten dieser Leute waren letztes Jahr nicht auf Gran Canaria. Damals war es problemlos möglich, sich einmal irgendwo hinzusetzen und etwas zu lesen oder zu schreiben, ohne, dass man alle fünf Minuten nach einem Loch im Boden suchen musste, in dem man peinlich berührt oder angewidert verschwinden konnte, weil man mit diesem Platzdajetztkommich!-Pack nichts zu tun haben will.

Nun, wo alles bald vorbei ist, kann ichs ja sagen: Ich habe den Playaboy, mit dem ich bei meiner Playadelinglés-Premiere sieben tolle Tage genossen hatte, nie gesehen (unsere Erlebnisse sind hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier dokumentiert). Er war gar nicht da.

Als ich mein Zimmer bezog, erblickte ich auf dem Bett einen Zettel. Darauf stand: “Hi! Die letzten Monate hier waren nicht schön. Pälla und so; du verstehst schon. Ich bin auf Sardinien, in einer kleinen Pension in den Bergen. Machs guet – oder zumindest das Beste daraus.”

Foto

Eine halbe Minute Fremdschämen

Foto-1

Sie haben gerade eingecheckt, die Schweizerin und ihre zwei Begleiter. Auf dem Weg zu ihren Zimmern kommen sie an der Poolbar vorbei.

Das Trio stellt sich mit seinen Rollkoffern und Sporttaschen an den Tresen. Das Auftreten und die Haltung der Neuankömmlinge lässt keinen Zweifel daran offen, dass die Bar und überhaupt das ganze Hotel ab sofort ihnen gehören. Sie haben schliesslich dafür bezahlt.

“Buenos dias!”, begrüsst sie der spanische Barmann mit ungekünstelter Herzlichkeit.

“Zwei grossi Bier und es Mineral ohni”, antwortet der eine der beiden Männer. Lächelnd stellt der Barkeeper das Gewünschte hin.

Jetzt hätten meine Landsleute zum zweiten Mal in 30 Sekunden die Gelegenheit, gegenüber ihren Gastgebern zumindest so zu tun, als ob sie wüssten, wie man “Respekt” buchstabiert, oder “Achtung”, oder auch nur “Anstand”.

“Müemmers grad zale oder chönemers ufs Zimmer näh?”, fragt die Frau.

Das Wunder von Playa del Inglés

Foto

“Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzeigen”, schrieb ich in meinem Beitrag zum Thema “iPhone-Klau”.

Als ich das tippte, ahnte ich nicht, wie aufwendig es sein würde, den Verlust meines Handys juristisch korrekt abzuwickeln.

Touristen, denen etwas abhanden gekommen ist, müssen sich als Erstes beim Cuerpo Nacional di Policia in Madrid melden. Dieses teilt ihnen eine Nummer zu und ein Revier, auf dem sie damit vorsprechen können.

Soweit die Theorie.

In der Praxis hangelte ich mich gestern Morgen anderthalb Stunden lang von einer madrilenischen Telefonwarteschleife zur nächsten, ohne auch nur einmal einen realen Menschen zu hören. Irgendwann erachtete ich die Zeit als gekommen, die Dinge ein bisschen zu beschleunigen. Ich ging zum Hotelempfang und fragte eine der diensttuenden Damen, ob sie mir dabei behilflich sein könne.

Gemeinsam surften wir durch die Homepage des Nationalen Polizeicorps von Spanien, bis wir eine Möglichkeit gefunden hatten, ein eigentlich nur für Einheimische gedachtes Anzeigeformular auszufüllen. Wenig später hatte ich eine Fall-Nummer, mit der ich mich auf dem Posten in San Fernando melden konnte.

Dort angekommen, überreichte ich das Papier einem Beamten. Er überflog es und sagte nur “Wait!”

Während ich waitete, sah ich aller Gattig Lüüt kommen und gehen: Einen hochbetagten Senior mit frisch gegipstem Arm und wasserfallartig plappernder Gattin; zwei junge Frauen in Begleitung eines Mannes, der mich spontan an Fors vo dr Lueg erinnerte, nur ohne Hörner und nicht so schön tschäggett, einen Teenager mit einem zugeschwollenen blauen Auge und Blutflecken auf dem Hemd und eine weitere Frau mit einem grossen Holzventilator in der Hand.

Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten, als ich von einem Polizisten in dessen Büro gebeten wurde. Unsere Unterhaltung verlief ziemlich zähflüssig, weil er nur bruchstückhaft Englisch sprach und ich des Spanischen nicht übertrieben mächtig bin. Am Ende hatten wir die Verlustmeldung (siehe oben) aber beisammen.

Zwischen dem Moment, in dem ich zum ersten Mal nach Madrid telefonierte, und dem Augenblick, in dem ich den Polizeiposten von San Fernando verliess, lagen gut fünf Stunden.

Nachdem ich ins Hotel zurückgekehrt war, schrieb ich meiner Frau, es sei alles in Ordnung. Ich würde das Dokument am Montag der Versicherung in der Schweiz faxen. Schon am Vorabend hatte Chantal dafür gesorgt, dass die Swisscom meine Handy-Nummer sperrte, womit eines meiner besten Stücke für seinen neuen “Besitzer” mehr oder weniger wertlos geworden war.

show

Der Rest des Tages verlief weitgehend ereignislos. Als der Mond aus dem Meer stieg, wurde in der Hotelanlage die tupfgenaugleiche Flamenco-Show geboten wie vor einem Jahr (und zwar, wenn mich nicht alles täuschte, auch vor dem tupfgenau gleichen Publikum), weshalb ich mich um 21 Uhr herum in mein Schlafgemach zurückzog, um zu lesen.

Die Zimmertüre war noch nicht ins Schloss gefallen, als das Telefon auf dem Nachttischli surrte. Ich hob den Hörer ab – und hatte zu meiner ebensogrossen Überraschung wie Freude Chantal am Apparat.

Vorhin, sagte sie, habe ein gewisser “Tom” aus Gran Canaria ihr mitgeteilt, dass er mein iPhone gefunden habe.

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Doch unter der Nummer, die Chantal mir angegeben hatte, meldete sich tatsächlich ein Tom. Ja, bestätigte er, mein Handy sei bei ihm. Und, klar: Ich könne es gleich abholen.

Ich eilte aus dem Hotel, rief ein Taxi und fuhr zum zweiten Mal an diesem Tag nach San Fernando. In einem abseits gelegenen, spärlich beleuchteten und irritierend verwinkelten Viertel voller kleiner Häuser, die alle gleich aussehen, fanden der Fahrer und ich Toms Hütte with a little help von einem Einheimischen nach einigem Suchen.

Ich stieg aus und klingelte. Hinter der weiss getünchten Mauer kläffte ein Hund wie wild. Nach einer Weile hörte ich Schritte. In einem Fensterchen in der Türe erschien ein Gesicht. Er sei Tom, sagte der Mann, und reichte mir das iPhone durch die Öffnung. Er habe es in einem Taxi gefunden, oder bei einem Taxistand, sagte er. Ich drückte ihm einen üppigen Finderlohn in die Hand. Mehr zu reden hatten wir nicht.

Auch wenn die Umstände seines Comebacks nicht völlig geklärt sind und wohl für immer im Halbdunkel bleiben: Mein iPhone und ich feierten unser Wiedersehen ausgelassen bei einem halben Liter Mineral und versprachen uns dabei feierlich, uns nie mehr aus den Augen zu verlieren.

Übrigens: Auf Facebook hatte ich nach dem Verlust des Handys geschrieben, “Chantal kümmert sich jetzt auf der Heimbasis um den Fall. Das heisst: Alles wird gut.”

Et voilà.

Foto

Lonely ohne Phonely

120924_smartphone_diebstahl_dpa_jegat-maxime_k

“Die Kriminalität ist auf Gran Canaria nicht sonderlich hoch”, behauptet das der lokalen Tourismusbranche vermutlich nicht allzu fernstehende “Informations”portal grancanariaonline.com.

“Nicht sonderlich hoch”? Naja:

Mitte Juli erstach in Playa di Arinaga eine Frau ihren Freund.

Wenig später entdeckte die Polizei in einer Wohnung in Las Palmas die stark verweste Leiche einer Frau, die allem Anschein nach ebenfalls einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefellen war.

Ebenfalls im Juli wurde ein Deutscher verhaftet. Er soll Ualauban grosse Rabatte auf Reisen versprochen haben, die keinen Wert hatten.

Am letzten Samstag fanden Ordnungshüter in La Orotava die Leiche eines neugeborenen Babys; sie lag in einem Müllsack. Die Mutter sitzt hinter Gittern.

Vor diesem Hintergrund ist mein “Fall” kaum der Rede wert: Mir wurde gestern Abend das iPhone geklaut, das ich erst vor ein paar Wochen gekauft hatte.

Eben sass ich mit ihm noch, nichts Böses ahnend, in einem Beizli am Strand. Wie zwei Frischverliebte teilten wir uns einen Stracciatella-Pistache-Coupe (ohne Rahm, wegen ihm). Dann machte ich mich auf den Weg zum Hotel. Als ich beim zehn Meter vom Café entfernten Taxistand vorbeiging, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Oder genauer gesagt: Dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Ein zögerlicher Griff in die Hose bestätigte, was mein Unterbewusstsein sofort vermutet hatte: Das Handy war weg.

Und mit ihm 6004 Lieder, über 3000 Fotos, sämtliche Unterlagen der Szenerie Burgdorf, unzählige Mails und SMS, Kalendereinträge, einige harmlose, aber aufwendig gedrehte Filme, die Jass-App, die Wetter-App plus, last but absolut nicht least, die Möglichkeit, jederzeit meinen Schatz anrufen zu können, nur, um kurz ihre Stimme zu hören.

Aber gut: Immer noch lieber kurz von der Aussenwelt ab- als in einem Apartment aufgeschnitten.

Glücklicherweise I wurden meine Kommunikationswege nicht komplett veschüttet. Und glücklicherweise II ist das meiste, was mir abhanden gekommen ist, auf dem Compi zuhause gespeichert. Ich werde das neue Handy nur an ihn anschliessen müssen, und schwupp: Sind Toto, Deep Purple, Abba, die Halunke, Mark Knopfler, die Hochzeits- und Ferienbilder, die Termine (Juhui!) sowie die privaten und geschäftlichen Korrespondenzen wieder da.

Das ist ein Grund zum Feiern. Wir machen ein bisschen Musik:

Kaum im Hotel angekommen, warf ich den Laptop an, um Chantal zu schon sehr vorgerückter Stunde zu bitten, die Swisscom-Hotline anzurufen und das iPhone sperren zu lassen. Wenig später meldete sie: Alles ok.

Von der Poolbar aus, an der die anderen Gäste andächtig einem Soulsänger lauschten, der Harry Belafonte nachmachte, rief ich dem Dieb, der sich bestimmt schon auf eine lange Jassnacht gefreut hatte, ein hämisches “Ha!” hinterher. Daraufhin tippte ich ein paar Mails an Leute, die in meinem Leben sonst nur eine sehr periphere Rolle spielen, für mich jetzt jedoch schlagartig sehr wichtig wurden.

Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzuzeigen.

Auf eine merkwürdige Weise bin ich sehr gespannt darauf, die echten Kollegen von Paolo Cruz und (dem inzwischen wohl eher unehrenhaft aus dem Dienst ausgeschienenen) Daniele Corrida kennenzulernen.

Nachtrag: Das Handy ist tags darauf wieder aufgetaucht.

Bei den Gestrandeten

Foto

Falls es sie je erlebt haben sollte, sind die Glanzzeiten des “Hexenkessels”, einer Schweizer Beiz im Einkaufszentrum Cita in Playa del Inglés, schon seit einem geraumen Weilchen vorbei. Ein Senior nippt an einem Bier und unterhält sich mit Hans-Peter, dem Chef des Lokals.

Er sei nun, sagt Hans-Peter in akzentfreiem Schweizerdeutsch, seit 14 Jahren auf Gran Canaria. Auf die Frage, ob er und seine Gäste das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest am Fernsehen mitverfolgt hätten, antwortet er: “Nur den Schlussgang.” In der Annahme, ihn als Schweizer interessiere bestimmt, wies war, am Burgdorfer Wahnsinns-Wochenende, beginne ich, ihm von dem Fest zu erzählen. Nach zwei Sätzen ist sein Interesse erloschen. Er wendet sich wieder seinem Stammgast zu.

Wenn sich die Augen erst einmal an die Düsternis im “Hexenkessel” gewöhnt haben, sieht man, dass die Wände und die Theke flächendeckend mit Schals und Wimpeln des FC Luzern, des FC Basel und anderen Vereinen dekoriert sind. Auf dem WC werden die Männer mit sicher lustig gemeinten Karikaturen gebeten, im Sitzen zu pinkeln. Und anschliessend die Türe offen zu lassen, damit sich der Gestank verziehen kann.

Ich bezahle meine zwei Mineralwasser. Als ich gehe, sagt Hans-Peter, wenn ich mir das Länderspiel Schweiz-Island anschauen wolle, könne ich das sehr gerne bei ihm tun. Das ist, wie der Klang seiner Stimme verrät, weniger als Einladung, sondern mehr eine Bitte. Oder ein Flehen.

Trostlos

Das Cita ist ein Gebäudekomplex von erschlagender Trostlosigkeit: Spelunke reiht sich an Spelunke. Neben dem “Hexenkessel” warten “Uschi & Michael” in ihrem “Hessen-Saloon” auf Kundschaft; weiter vorne gibt es eine “Durst-Ecke”, eine “Kleine Bierstube”, eine “Aachener Kaschemme”, einen “Schlucknapf”, das “Klein Nippes” eines gewissen Horst und unzählige andere Kneipen ähnlicher Prägung. Im Untergeschoss sind zwei Swingerclubs einquartiert. Dazu kommen zig Billigschmuck- und -kleiderläden und Allyoucaneat-Asiaten.

Es wirkt alles sehr abgestanden und schmuddelig. Da und dort stinkts nach Schweiss und Urin und Erbrochenem. Die Menschen, die ziellos durch das Korridore schlurfen, machen einen abgelöschten Eindruck. Mit all den Touristen, die auf Gran Canaria rund um die Uhr Spass haben wollen oder Erholung suchen, haben sie nichts gemeinsam, ausser der Herkunft und der Sprache und dem Bedürfnis nach Sonne und Wärme.

Ihr Traum von einem unbeschwerten Dasein im Süden ist längst geplatzt. Als sie gemerkt haben, dass aus dem Dolce Vita allen Hoffnungen zum Trotz nichts werden würde, waren die Ersparnisse bereits verbrannt und die Brücken in die Heimat vermodert.

Rechtzeitig auszusteigen, gelingt nur wenigen. Zu den “Glücklichen”, die den Absprung gerade noch geschafft haben, gehören Sonja Hodel und Andrea Gähwiler aus Arbon: Sie gaben ihre “Bar Bengel” im Cita nach einem Jahr auf und kehrten in die Schweiz zurück.

Für all jene, die bleiben müssen, geht es jetzt nur noch darum, die Illusion aufrechtzuerhalten, in dieser Kunstwelt aus Rausch und Ramsch eine Art Heimat gefunden zu haben.

Moralisch unterstützt werden sie dabei von Schlagersternchen und Volksmusikanten, die aus unsichtbaren Lausprechern unablässig die Freuden des Lebens besingen.