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Monat: Januar 2019

Ruhe bitte

Verkehrslärm, Gespräche, Klingeltöne, Kirchengeläute, Kuhglocken, Tastaturgeklapper, Musik…: Wir sind ununterbrochen von Geräuschen umgeben.

Wie sich Stille anfühlt, wissen wir nicht mehr. Das Museum für Kommunikation in Bern bietet noch bis am 7. Juli die Gelegenheit, dieses Nichts in unterschiedlichsten Formen zu erleben.

Mich hat die Ausstellung „Sounds of Silence“ tief beeindruckt. Ich empfand sie als Spaziergang durch eine Welt, die mir – ohne, dass ich das bemerkt hatte – längst fremdgeworden ist. Und merkte, dass Stille etwas Wunderschönes sein kann, aber auch irritiert. Bisweilen tut sie fast weh.

So oder so: Stille macht etwas mit einem. Sie lässt einen innehalten, nachdenken und, manchmal, einfach nur das Da-Sein geniessen.

„Sounds of Silence“ ist jeweils von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos gibts hier.



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„Gitarrensaiten auf Kettensägen“

„Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.“

(Bob Dylan in „The times they are a-changin‘„)

Eigentlich hatte ich im „Zeit„-Archiv nach etwas ganz anderem gesucht. Doch dann stolperte ich über einen Artikel aus dem Jahr 1981. Dessen Autor beschäftigte sich mit der Frage, ob es Bruce Springsteen – der in den USA schon damals eine ziemlich grosse Nummer war – wohl gelingen würde, auch in Europa Fuss zu fassen.

Mit dem Wissen von heute zu lesen, was Kritiker gestern und vorgestern notierten: Das ist nicht nur hochinteressant, sondern bisweilen auch sehr erheiternd, wie ich gleich nach meinem Springsteen-Fund auf einem spontanen Bummel durch die Online-Bibliothek der deutschen Wochenzeitung feststellen durfte:

„Die fünf ‚Rollenden Steine‘ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den ‚Beatles‘, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.“

(Über ein Rolling Stones-Konzert im September 1965.)

„Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt ‚Live And Let Die‘, das alte James-Bond-Lied. Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und dass der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er ‚White Horses‘ von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermass, die Attitüden des Punk –, als müssten sie zeigen, was jeder weiss: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da.“

(Über einen Auftritt der gefährlichsten Rockband der Welt im Juni 1992.)

„Wenn Michael Jacksons Falsettstimme durch seine oftmals banalen Nonsensverse winselt, sich in Murmeln, Stöhnen und Schluckauflauten verliert, mit schweren Atmern den polyrhythmischen Background-Effekten voranhaspelt und schliesslich schwermütig wispernd oder mit pubertären Kieksern wartet, bis die Musik ihn wieder eingeholt hat, dann vereinigen sich Unschuld und ausgekochter Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation zu einer explosiven Mixtur. Gegen Jacksons androgyne Sinnlichkeit wirkt Elvis’ lasziver Hüftschwung wie das Kokeln eines Köhlerofens gegen einen schmelzenden Reaktor. Aber: eine radioerotische Verseuchung tritt nie ein, denn Michaels Sinnlichkeit glüht hinter Panzerglas, seine Erotik ist nur auf Mikrochips aufgedampftes Image.“

(Über den „Pop-Held der Computerzeit“ im April 1984.)

„Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen ‚Squeeze-mylemon‘ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.“

(Über ein Led-Zeppelin-Konzert im März 1973 unter dem Titel „Niedergang einer der besten Rock-Gruppen“.)

„Draussen ist es kalt, drinnen ist Fernsehen. Ab 23.15 Uhr ‚Rock-Pop‘. Eine dieser endlosen Rocknächte, Live aus Dortmund, Westfalenhalle. Angesagt ist: ‚Heavy metal‘. Das ist die Richtung der Stahlhärtesten unter den Rockmusikern. ‚Iron Maiden‘, Burschen aus England. Gegen diese eisernen Jungfrauen klingt ‚Supertramp‘ wie Fahrstuhlmusik. Die ‚Scorpions‘ spielen. Nun ja ’spielen‘. Einer Gitarre schrille Töne zu entreissen oder sie in Stücke zu hauen – dazwischen ist nur ein schmaler Grat. Was da aus dem Kanal kommt, ist ganz normaler ‚Heavy metal‘-Sound. In der Sprache der ‚Heavy metal‘-Fans ein ‚tierisch guter Sound‘. Ganz normal. Normal für den, der’s mag. Grauenhafter, widerlicher Lärm für den, der’s nicht mag.“

(Aus einer Betrachtung zum Thema „Heavy Rock – eine Kraft, eine Wut, eine Aggression, die unvorstellbar ist für den, der es nicht erlebt hat“.)

„Was die Beatles in ‚Sergeant Pepper‘ in braver Harmlosigkeit versuchten, zeigt dieses Quartett (Syd Barnett, Roger Waters, Rick Wright, Nicky Mason, inzwischen ein ‚Tip‘) gekonnt: die musikalische Collage. Die Trickvielfalt beweist: die Leute haben Phantasie.“

(Über „The piper at the gates of dawn“ von Pink Floyd im November 1967.)

„Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger… er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.“

(Über Prince im August 1986.)

„Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bisschen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:’Bück dich befehl ich dir. Wende dein Antlitz ab von mir. Dein Gesicht ist mir egal. Bück dich.'“.

(Über Rammsteins „Musik aus der Folterkammer“ im November 1997)

„Manche der neuen Amateurkapellen sind jenseits des nächsten grösseren Weihers so gut wie unbekannt, andere brachten binnen Jahresfrist mehr als eine Million LPs an die Käufer.“

(Über die Neue Deutsche Welle im Juli 1982)

„Miles Davis musste sich nicht erst aus dem Rinnstein erheben, der für so viele schwarze US-Bürger die eigentliche Wiege ist. Als Sohn einer gutsituierten, konservativen, über Besitz verfügenden Klasse, die sich gelegentlich weisser gibt als die Rednecks, war er eher ein unruhiges Bürschchen, das sich so schnell wie möglich der Neger-Bourgeoisie entziehen wollte. Raus aus den Häkeldeckchen, weg von Mum and Dad, zum Teufel mit dem Truthahn beim Thanksgiving Day, rein ins kalte Wasser.“

(Zum 60. Geburtstag des „tätigen Jazz-Vulkans“ im Mai 1986.)

„Als er die ersten Gitarrenakkorde zu ‚Roll Over Beethoven‘ anstimmte, jubelte das Publikum, als stünden dort oben gleichzeitig Bob Dylan, Eric Clapton und John Lennon. Und als er dann während des improvisierten Zwischenspiels bei ‚Let It Rock‘, der zweiten Nummer des Konzerts, zu seinem berühmten ‚Entengang‘ (‚Duck Walk‘) quer über die Bühne ansetzte, sprangen die Besucher wie elektrisiert auf, um den spektakulären Show-Trick zu sehen, über den sie immer nur gelesen hatten.“

(Über ein Konzert des „absoluten Rock-Idols“ Chuck Berry im Februar 1973.)

„Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien.“

(Aus einer Abhandlung zum Thema „Reggae“ im Mai 1979.)

„Bob Dylan bringt eine Band von acht Musikern mit, dazu drei Go go-Girls, die hüftenschwingend die Harmonien summen. Das ist schon recht eklig und eine Provokation nicht nur für Feministinnen, aber derlei scheint heute zum Ritual zu gehören.“

(Über „ein Rock-Idol und seine Kritiker“ im Juni 1978.)

„Ob Bruce Springsteen dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch ausserhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.“

(Über den „Mann, der den Rock’n’Roll retten soll“ im April 1981.)

„The Beatles (die Käfer) sind vier Jünglinge von normalem menschlichem Wuchs, aber ungewöhnlichem Haarschnitt. Drei von ihnen schlagen die Gitarre, einer bedient das Schlagzeug, alle vier singen.“

Über die „Top-Stars von den britischen Inseln“ im Februar 1964.

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Aus Weiss wird Schwarz

Sonntag, 6. Januar 2019: Ungläubig starren die Menschen an diesem frühen Morgen aus ihren Fenstern. Wochenlang hatte der Winter Burgdorf mit seinen eisigen Klauen umklammert. Doch nun scheinen seine Kräfte nachzulassen: Das Weiss auf dem Boden wird langsam wieder zu Schwarz.

Die Freudentränen der Überlebenden gefrieren innert Sekundenbruchteilen zu winzigen Perlen. Mit einem leisen „Pling“ zerschellen sie auf unzähligen Küchen-, Stuben- und Schlafzimmerböden zwischen dem Schloss und der Emme.

Auch die Ältesten können sich nicht erinnern, je ein schöneres Geräusch gehört zu haben.

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Platz da

Eigentlich waren an diesen Januarmorgen alle bereit für die nächste Gruppentherapie. Doch Dr. Müller, der Gförli, liess die Sitzung kalten Arsches ausfallen.

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