Auf der Homeoffinsel (14)

Das waren noch Zeiten: Wandgemälde in meiner Lieblingsbeiz an der Strandpromenade von Maspalomas.

Sonntag, 14. Februar 2021, 6.45 Uhr

13,1 Millionen Menschen verbrachten ihre Ferien im Jahr 2019 auf den Kanarischen Inseln, Für ihre Übernachtungen, Restaurant- und Clubbesuche, Einkäufe, Taxifahrten oder Visiten von Sehenswürdigkeiten gaben sie auf Gran Canaria, Teneriffa, Lanzarote, Fuerteventura und La Palma 16,278 Milliarden Euro aus. Das entspricht rund 80 Prozent des Bruttoeinkommens des Archipels. Die restlichen 20 Prozent generiert die Wirtschaft auf den Inseln durch den Export von Bananen, Tomaten und Pflanzen.

Gran Canaria erwischte mit 3,3 Millionen Touristen einen Viertel dieses Kuchens. Das Onlinemagazin infos-grancanaria.com sprach von einem „Top Jahr„.

Dann kam Corona. Kaum hatte sich der Virus auf der Insel eingenistet, schrieb dasselbe Portal von einem „Tourismus-Drama“; der Fremdenverkehr brach wegen der Pandemie um 80 Prozent zusammen.

Die Menschen auf Gran Canaria – und zwar nicht nur die paar tausend Trotzdem-Touristen und Überwinterer aus Deutschland, Skandinavien und der Schweiz, sondern auch und ganz besonders die vor oder in dem ökonomischen Abgrund stehenden Einheimischen – geben sich dennoch Tag für Tag die grösste Mühe, zumindest einen Hauch von Normalität aufrechtzuerhalten.

Die Vorschriften zum Schutz vor dieser Seuche sind um einiges schärfer als jene in der Schweiz. Die Polizei kontrolliert rund um die Uhr strikte, ob sie eingehalten werden. Die Regierung kommuniziert den Stand der Infektionsdinge sehr unregelmässig. Das iberische Gesundheitswesen hält einem Vergleich mit der in der Schweiz praktizierten Spitzenmedizin nur bedingt stand.

Das Leben mit Corona ist auf Gran Canaria also ein komplett ungewisseres, eingeschränkteres und perspektivenloseres als jenes zwischen Basel und Bellinzona und Genf und Rorschach. Der „Marathonlauf“, wie Bundesrat Alain Berset die Bewältigung der Krise nennt, ist hier mehr ein „Walk on the wild side“.

Trotzdem: Seit ich Ende Januar auf Gran Canaria landete, hörte ich niemanden jammern und sah ich niemanden querdenken. Ob beim Bummeln, Bierholen, Brustansatzbräunen, Busfahren und vermutlich – ich weiss es nicht, da sich das meist im intimen Rahmen abspielt – auch beim Bräteln auf dem Balkon: so gut wie jedermann und jedefrau trägt la máscara mit grösster Selbstverständlichkeit.

Die Leute sind nicht ständig damit beschäftigt, nach Schlupflöchern zu suchen, in denen die Regeln nicht gelten. Sie halten sich einfach an die Vorschriften, auch wenn sie einem – wie zum Beispiel das Rauchverbot in der Öffentlichkeit – weder auf Anhieb noch bei genauerem Drübernachdenken einleuchten.

Gespräche mit Tischnachbarn drehen sich nicht schon nach drei Sekunden um Covid-19, Mutanten und die total unfähige Regierung, sondern ums Wetter, die im Hintergrund dudelnde Musik, das schrullige Pärchen, das eben vorbeiflaniert ist, oder um die Lieben daheim.

Das alles hat, natürlich, viel mit Verdrängen zu tun und wird die Seuche nicht verschwinden lassen; weder von der Insel noch von der Erde noch aus den Gemütern noch aus den Köpfen.

Aber dieser Umgang mit der Krise führt immerhin dazu, dass das Dasein nicht rund um die Uhr von diesem gfürchigen Riesenthema dominiert wird. Er lässt immer wieder Strahlen der Normalität durch den Panzer des Surrealen blitzen, und wenn es sich dabei um Kunstlicht handelt: tant pis.

Dann freuen wir uns halt über den Schein, bis irgendwann wieder ein halbwegs normales Sein möglich ist.

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