Auf der Homeoffinsel (16)

Dienstag, 16. Februar 2021, 7.30 Uhr

Zwei Wochen lang hatte ich den 12. Stock meines Hotels beinahe für mich alleine. Nun quartierte sich im Nebenzimmer ein mutmasslich frischverliebtes und entsprechend auch nachtaktives Pärchen ein. Dazu kamen eine Familie mit Kind, eine Flugzeugbesatzung aus Holland, zwei Franzosen samt Pudel und ein Mann aus dem Elsass.

Letzterer ist chly naja. Vom kahlrasierten Kopf bis zu den pedikürten Füssen vor Kokosöl glänzend, okkupierte er in der Openairbeiz gestern Mittag den Platz mir gegenüber, obwohl ich erkennbar nichtangesellschaftinteressiert vor dem aufgeklappten Laptop höckelte und nebenan Dutzende von Stühlen frei waren.

Eine geschlagene Stunde lang erzählte er mir ohne Punkte und Kommas von seinen Immobilien- und Aktiendeals und davon, dass er seine Heimat schon Anfang Oktober verlassen habe, weil er „diesen Coronascheiss nicht mehr ausgehalten“ habe.

Erst sei er nach Madeira geflüchtet, wo er nacheinander zu absoluten Spottpreisen in fünf megaschicken Hotels gelebt habe. Nachdem es ihm auf der Insel zu kalt geworden sei und sich Covid-19 auch zwischen den Vulkanen vor der portugiesischen Küste immer mehr breitmache, habe er er kurzerhand beschlossen, nach Tansania auszuweichen.

Mit viel Geld fühle man sich da „wie ein König“, fuhr er, meine Ignorierbemühungen ignorierend, fort. Das Essen schmecke, wörtlich, „überraschend gut für Afrika“, und Antipandemieregeln gebe es nicht, weil die Seuche in Tansania praktisch inexistent sei (das googelte ich, noch während er darüber referierte, und siehe da).

Zunehmend von Langeweile geplagt, sei er dann Playa del Inglés weitergezogen. Eine Rückkehr ins Elsass erwäge er erst, wenn sich die Seuchenlage in der Heimat beruhigt habe. Seine Frau komme auch ohne ihn bestens zurecht, sagte er (wenn ich ihm etwas glaubte, dann das). In welche Richtung es ihn wann als Nächstes ziehe, wisse er nicht.

Wohin auch immer: hoffentlich zieht es schon bald.

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