Auf der Homeoffinsel (21)

Sonntag, 21. Februar 2021, 10.20 Uhr

Immer wieder fegten gestern heftige Winde über die Insel. Sie pusteten einen Teil meiner Garderobe vom Balkongeländer in den Norden von Playa del Inglés.

Also zog ich heute Morgen los, um Nachschub zu besorgen. Aufs Geratewohl hin betrat ich einen Laden, der von aussen nicht nach Holzkamelen und Ayurvedasalben aussah.

Auf den Regalen war unsortiert aneinandergereiht, was der Mensch zum Leben braucht: Plastikhaie, Handyhüllen, Brillen, bemalte Muscheln, Räucherstäbchen, penisförmige Flaschenöffner, Elektrokrimskrams, Gummiseesterne, Nackenstützen, Bierhumpen, Zahnpastatuben, Holzkamele und Ayurvedasalben.

Beim Eingang döste ein Mann vor sich hin. Als er realisierte, dass ein potenzieller Kunde in seinem Geschäft stand, schoss er von seinem Klappstuhl auf, als ob ihm von hinten jemand „Alahu akbar!“ ins Ohr gebrüllt hätte.

Nachdem er sich gefasst hatte, begrüsste er seinen zweifellos ersten Gast des Tages (oder der letzten Wochen?) nach allen Regeln der indischen Kaufmannskunst.

„Ello, my friend!“, sagte er, und deutete eine Verbeugung an. „So happy to see you. You here before? You here before!“

„Hello“, sagte ich. „I…“

„Tserman?“, begehrte er zu wissen. „Inglis? Deuts?“

„Das spielt keine Rolle. Whatever you like.“

„Tserman gutt. Was wollen?“

„Haben Sie T-Shirts ohne Ärmel?“

„Du warten“, sagte der Mann, und verschwand durch eine Türe.

Ich wartete.

Und wartete.

Und wartete.

Aus dem Nebenraum vernahm ich leises Stöhnen, Scharren und gelegentlich ein unterdrücktes Fluchen.

Schliesslich kam er wieder zum Vorschein. Er trug zwei aufeinandergestapelte grosse Schachteln vor sich her. Schnaubend stellte er sie ab.

„Hier alles“, sagte er. „Du gucken.“

Ein Leibchen nach dem anderen zupfte der Mann aus den Kartons. Wenn er eines zutageförderte, das mir seiner Ansicht nach gefiel, packte er es aus, riss es aus der Hülle, faltete es auseinander, hielt es kurz vor mich hin und legte es feierlich neben die Kasse.

Als fünf Shirts beisammen waren, sagte ich, er brauche nicht länger zu suchen.

„More Farbe? Haben alle“, versicherte er.

„Super“, antwortete ich, „aber die sind perfekt“.

„Nobody perfect“, kicherte der Mann.

„Stimmt.“

„Viele Farbe“, fuhr er unbeirrt fort, und entnahm der Schachtel Shirt um Shirt. Bei der Kasse war längst kein Platz mehr. Dutzende von Leibchen stapelten sich auf dem Boden.

„Neinnein, ist gut“, sagte ich. „Nicht alles kaufen. Nicht heute.“

Der Mann kramte weiter.

Vor meinem geistigen Auge tauchte aus dem Nichts der über beide Hamsterbacken strahlende Kurt Felix auf. Entzückt sanggallerte er „Willkome bi de Verschteggte Kamera! Luegetzi, do hemmir üsi verschteggti Kamera verschteggt!!!“, und deutete, fast platzend vor Stolz, auf einen knallgelben Frisbee an der Wand. Seine Oberfläche zierte ein Smiley. In dessen Mitte klaffte ein fünflibergrosses Loch.

„Really, es ist ok“, sagte ich. „Ich nehme die hier.“

„Diese?“

„Ja, gerne.“.

Achtlos und, wie mir schien, fast chly betupft stopfte er die Ware zurück in die Box. Sekunden später tippte er süüferli Preis um Preis in einen Taschenrechner aus der vorletzten Steinzeit.

„Du lange in Canaria?“, fragte er in die plötzliche Stille hinein.

„Ja, ein paar Wochen.“

„Gutt. Wenn brauchen, du kommen.“

„Klar.“

„Ich immer hier. Oder meine Bruder.“

„Sehr schön.“

Bevor er mir vor Augen hielt, was ich ihm schuldig war, erkundigte er sich mit professioneller Beiläufigkeit, ob ich vielleicht sonst noch etwas benötige.

„Nein, danke. Nur die Shirts.“

„Jeans?“, schlug er vor.

„Nein, schon gut.“

„Kurze? Top Quality.“

„Äh…“

„Für baden?“

„Neinnein, nicht nötig.“

„Jacket? Schauen?“

„Nein, wirklich nicht. Es ist ja schön warm hier.“

„Dann alles.“

„Yep.“

„Machen 50. Sagen…45. Du Karte?“

Ich Karte.

„Mir geben.“

In diesem Moment fiel mir doch etwas ein:

„Haben Sie Socken? So ganz kurze? Für in die Turnschuhe?“

„Sorry. Nix Kleidershop hier.“

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