Auf der Homeoffinsel (51)

Freitag, 9. April 2021, 12.05 Uhr

Es regnete, stundenlang. Also tat ich, was ein Mann in einer solchen Situation eben tun muss: Ich suchte online nach Informationen zum Thema „Vereinsrecht“. Irgendwie kam ich dabei vom Weg ab, und während ich mich durch das Gestrüpp des Auchnochlesenswerten klickte, stolperte ich über ein Interview mit Herbert Feuerstein.

Darin sagte der 2020 verstorbene letzte Grossmeister des hintergründigen Humors: 

„Ich habe kein Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen, weil die Spuren letzten Endes auch vollkommen bedeutungslos wären. Das ganze Leben besteht ja nur aus einer Illusion der eigenen Wichtigkeit, wahrscheinlich könnte man sich selbst sonst auch gar nicht ertragen. Alle Leute gehen durchs Leben und denken, sie müssten beachtet werden. Manche machen darum auch noch grossen Wirbel, damit es ein bisschen mehr auffällt. Aber am Ende ist das alles so unglaublich bedeutungslos, weil die Welt einfach aus sozialem Lärm besteht. Wir sind alle unvollkommene Nichtse – und damit müssen wir uns abfinden. Ich würde mir jedenfalls nicht anmassen zu sagen: ‚Menschheit, hier sind meine Fussabdrücke, schaut sie euch an und lernt daraus.'“

(Das ganze Gespräch kann hier nachgelesen werden.)

Überhaupt, das Leben: es ähnelt mit seinen unentwirrbar verwobenen Handlungssträngen und seinen gspässig Darstellerinnen und Darstellern mehr und mehr dem Film „E la nave va“. In diesem Werk von Federico Fellini fährt eine Gruppe von bizarren Menschen auf einem Boot ins Leere (oder, je nach Interpretation: in den Krieg, was aber irgendwie auf dasselbe hinausläuft).

Als ob es in ein Kriegsgebiet unterwegs wäre, sah auch das Schiff aus, das gestern Abend vor Maspalomas kreuzte: grau und gross und irgendwie gfürchig. Das sei nichts Besonderes, sagte ein Kellner, sondern nur die Küstenwache.

Sie markiere wieder einmal Präsenz, um ein Desaster wie vor anderthalb Jahren zu verhindern. Damals landeten über Wochen hinweg Zigtausende von Flüchtlingen auf den kanarischen Inseln.

Weil niemand wolle, dass sich der nur gut 100 Kilometer von Westafrika entfernte Archipel weiter zu einem Migranten-Hotspot entwickle, würden die Behörden den Atlantik regelmässig nach verdächtigen Kähnen absuchen, fügte der Mann an.

Die Tagesschau der ARD berichtete neulich, auf den Kanaren gehe „die Furcht vor einem ‚zweiten Moria'“ um. Der Staat mietete im November Hotels und Bungalows an, um 6000 Flüchtlinge unterzubringen. „So haben die Angestellten wieder Arbeit und die Migranten eine sichere Unterkunft“, sagte die Migrationsbeauftragte der Regierung gegenüber der Süddeutschen Zeitung. „Diese Menschen haben Schlimmes durchgemacht, warum sollten sie nicht in einem Hotel ausruhen dürfen, das (wegen Corona) ohnehin leer steht?“

Die Bürgermeisterin von Mogán – das Städtchen liegt einen Steinwurf von Playa del Inglés entfernt – befand jedoch, „wir können nicht zulassen, dass Gran Canaria ein Gefängnis wird, ein Lampedusa oder ein Lesbos“, und verlangte, dass Hoteliers, die Migrantinnen und Migranten aufnehmen, mit 300 000 Euro gebüsst werden.

Ich habe von alldem noch nichts mitbekommen, aber das ist wenig erstaunlich: ich befinde mich in einer anderen Welt.

In meiner Welt flüchten rundum doppeltversicherte Leute 4000 Kilometer weit vor geschlossenen Restaurants und Fitnesstudios in geöffnete Strandbeizen und an Hotelpools (oder, ja: aus schneeumwehten Homeoffices in sonnenbeschienene).

Nur: Vor den Sorgen, die sie zuhause nicht einschlafen lassen, gibt es für manche von ihnen auch hier kein Entrinnen. Am Nebentisch empören sich in diesem Moment zwei Paare aus der Schweiz darüber, wie traumatisierend es für Kinder sein müsse, zweimal pro Woche in Covid-Testbecher zu spucken.

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