Zum Inhalt springen

Kategorie: Fragwürdiges

„Gitarrensaiten auf Kettensägen“

„Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.“

(Bob Dylan in „The times they are a-changin‘„)

Eigentlich hatte ich im „Zeit„-Archiv nach etwas ganz anderem gesucht. Doch dann stolperte ich über einen Artikel aus dem Jahr 1981. Dessen Autor beschäftigte sich mit der Frage, ob es Bruce Springsteen – der in den USA schon damals eine ziemlich grosse Nummer war – wohl gelingen würde, auch in Europa Fuss zu fassen.

Mit dem Wissen von heute zu lesen, was Kritiker gestern und vorgestern notierten: Das ist nicht nur hochinteressant, sondern bisweilen auch sehr erheiternd, wie ich gleich nach meinem Springsteen-Fund auf einem spontanen Bummel durch die Online-Bibliothek der deutschen Wochenzeitung feststellen durfte:

„Die fünf ‚Rollenden Steine‘ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den ‚Beatles‘, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.“

(Über ein Rolling Stones-Konzert im September 1965.)

„Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt ‚Live And Let Die‘, das alte James-Bond-Lied. Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und dass der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er ‚White Horses‘ von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermass, die Attitüden des Punk –, als müssten sie zeigen, was jeder weiss: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da.“

(Über einen Auftritt der gefährlichsten Rockband der Welt im Juni 1992.)

„Wenn Michael Jacksons Falsettstimme durch seine oftmals banalen Nonsensverse winselt, sich in Murmeln, Stöhnen und Schluckauflauten verliert, mit schweren Atmern den polyrhythmischen Background-Effekten voranhaspelt und schliesslich schwermütig wispernd oder mit pubertären Kieksern wartet, bis die Musik ihn wieder eingeholt hat, dann vereinigen sich Unschuld und ausgekochter Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation zu einer explosiven Mixtur. Gegen Jacksons androgyne Sinnlichkeit wirkt Elvis’ lasziver Hüftschwung wie das Kokeln eines Köhlerofens gegen einen schmelzenden Reaktor. Aber: eine radioerotische Verseuchung tritt nie ein, denn Michaels Sinnlichkeit glüht hinter Panzerglas, seine Erotik ist nur auf Mikrochips aufgedampftes Image.“

(Über den „Pop-Held der Computerzeit“ im April 1984.)

„Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen ‚Squeeze-mylemon‘ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.“

(Über ein Led-Zeppelin-Konzert im März 1973 unter dem Titel „Niedergang einer der besten Rock-Gruppen“.)

„Draussen ist es kalt, drinnen ist Fernsehen. Ab 23.15 Uhr ‚Rock-Pop‘. Eine dieser endlosen Rocknächte, Live aus Dortmund, Westfalenhalle. Angesagt ist: ‚Heavy metal‘. Das ist die Richtung der Stahlhärtesten unter den Rockmusikern. ‚Iron Maiden‘, Burschen aus England. Gegen diese eisernen Jungfrauen klingt ‚Supertramp‘ wie Fahrstuhlmusik. Die ‚Scorpions‘ spielen. Nun ja ’spielen‘. Einer Gitarre schrille Töne zu entreissen oder sie in Stücke zu hauen – dazwischen ist nur ein schmaler Grat. Was da aus dem Kanal kommt, ist ganz normaler ‚Heavy metal‘-Sound. In der Sprache der ‚Heavy metal‘-Fans ein ‚tierisch guter Sound‘. Ganz normal. Normal für den, der’s mag. Grauenhafter, widerlicher Lärm für den, der’s nicht mag.“

(Aus einer Betrachtung zum Thema „Heavy Rock – eine Kraft, eine Wut, eine Aggression, die unvorstellbar ist für den, der es nicht erlebt hat“.)

„Was die Beatles in ‚Sergeant Pepper‘ in braver Harmlosigkeit versuchten, zeigt dieses Quartett (Syd Barnett, Roger Waters, Rick Wright, Nicky Mason, inzwischen ein ‚Tip‘) gekonnt: die musikalische Collage. Die Trickvielfalt beweist: die Leute haben Phantasie.“

(Über „The piper at the gates of dawn“ von Pink Floyd im November 1967.)

„Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger… er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.“

(Über Prince im August 1986.)

„Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bisschen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:’Bück dich befehl ich dir. Wende dein Antlitz ab von mir. Dein Gesicht ist mir egal. Bück dich.'“.

(Über Rammsteins „Musik aus der Folterkammer“ im November 1997)

„Manche der neuen Amateurkapellen sind jenseits des nächsten grösseren Weihers so gut wie unbekannt, andere brachten binnen Jahresfrist mehr als eine Million LPs an die Käufer.“

(Über die Neue Deutsche Welle im Juli 1982)

„Miles Davis musste sich nicht erst aus dem Rinnstein erheben, der für so viele schwarze US-Bürger die eigentliche Wiege ist. Als Sohn einer gutsituierten, konservativen, über Besitz verfügenden Klasse, die sich gelegentlich weisser gibt als die Rednecks, war er eher ein unruhiges Bürschchen, das sich so schnell wie möglich der Neger-Bourgeoisie entziehen wollte. Raus aus den Häkeldeckchen, weg von Mum and Dad, zum Teufel mit dem Truthahn beim Thanksgiving Day, rein ins kalte Wasser.“

(Zum 60. Geburtstag des „tätigen Jazz-Vulkans“ im Mai 1986.)

„Als er die ersten Gitarrenakkorde zu ‚Roll Over Beethoven‘ anstimmte, jubelte das Publikum, als stünden dort oben gleichzeitig Bob Dylan, Eric Clapton und John Lennon. Und als er dann während des improvisierten Zwischenspiels bei ‚Let It Rock‘, der zweiten Nummer des Konzerts, zu seinem berühmten ‚Entengang‘ (‚Duck Walk‘) quer über die Bühne ansetzte, sprangen die Besucher wie elektrisiert auf, um den spektakulären Show-Trick zu sehen, über den sie immer nur gelesen hatten.“

(Über ein Konzert des „absoluten Rock-Idols“ Chuck Berry im Februar 1973.)

„Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien.“

(Aus einer Abhandlung zum Thema „Reggae“ im Mai 1979.)

„Bob Dylan bringt eine Band von acht Musikern mit, dazu drei Go go-Girls, die hüftenschwingend die Harmonien summen. Das ist schon recht eklig und eine Provokation nicht nur für Feministinnen, aber derlei scheint heute zum Ritual zu gehören.“

(Über „ein Rock-Idol und seine Kritiker“ im Juni 1978.)

„Ob Bruce Springsteen dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch ausserhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.“

(Über den „Mann, der den Rock’n’Roll retten soll“ im April 1981.)

„The Beatles (die Käfer) sind vier Jünglinge von normalem menschlichem Wuchs, aber ungewöhnlichem Haarschnitt. Drei von ihnen schlagen die Gitarre, einer bedient das Schlagzeug, alle vier singen.“

Über die „Top-Stars von den britischen Inseln“ im Februar 1964.

1 Comment

Platz da

Eigentlich waren an diesen Januarmorgen alle bereit für die nächste Gruppentherapie. Doch Dr. Müller, der Gförli, liess die Sitzung kalten Arsches ausfallen.

1 Comment

Stand by me

Samstag wars, am frühen Nachmittag, und in der Fabrik hielt sich ausser uns kein Mensch auf.

„Uns“: Das waren sieben Männer, die ein Langenthaler Traditionsunternehmen besichtigen durften, und der Patron der Firma.

Der Rundgang war beinahe zu Ende. Nun wollte uns der Chef einen Apéro kredenzen. Dafür mussten wir uns in den zweiten Stock begeben.

Natürlich hätten wir die Treppe hochlaufen können. Aber wenn schon ein Lift da war…

Sechs der Herren waren bereits drin, der Verwaltungsratspräsident und ich standen noch davor. Wir überlegten kurz, ob wir auf den nächsten Aufzug warten sollen, kamen dann aber zum Schluss, dass es für zwei Leichtgewichte wie uns sicher noch Platz in dieser Kabine hat, und zwängten uns ebenfalls hinein.

Der Chef drückte auf den Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung, geriet ins Stocken…und blieb quasi in der Luft hängen.

Rücken an Rücken und Bauch an Bauch standen wir in der jetzt plötzlich sehr klein wirkenden Kabine. Sinn des Ausflugs war gewesen, uns kennenzulernen. Dass wir uns dabei so nahe kommen würden, war aber nicht geplant.

Im Lift wurde es erstaunlich schnell warm. Während sich der Spiegel an der Seitenwand beschlug, zogen wir uns ein bisschen aus.

Ganz so einfach war das nicht. Wir merkten, dass das nur funktionierte, wenn abwechselnd fünf Männer noch dichter zusammenrückten und zwei Herren dem dritten halfen, sich der Jacke und des Kittels zu entledigen.

Umständlich kramten einige der Eingeschlossenen ihre Handys aus den Taschen. Der Patron versuchte vergeblich, den Hauswart oder den Elektriker zu erreichen. Daraufhin ergoogelte ein anderer Gefangener die Nummer der Liftherstellerin. Während er der Hotlinedame unsere Lage schilderte, gelang es dem Chef doch noch, sich mit internen Technikern in Verbindung zu setzen. Der Elektriker besuchte gerade jemanden in einem Altersheim, versprach aber, sich subito auf die Socken zu machen. Der Facility Manager war unterwegs. Good News gabs auch aus der Liftfirma: Bald werde ein Monteur vor Ort sein, hiess es.

Als die Notrufe abgesetzt waren, konnten wir nicht mehr viel machen. Also standen uns so höflich wie möglich auf den Füssen herum und plauderten die Zeit tot.

Wir blieben völlig cool, oder ämu so gelassen, wie das unter den gegebenen Umständen halt ging. Gründe zum Hyperventilieren bestanden zumindest in naher Zukunft nicht: Die Luft im Lift würde noch ein ganzes Weilchen ausreichen. Es drückte keine Blase, es grummelte kein Darm. Einer der Eingeschlossenen bemerkte, er fände es schöner, diese Momente mit sieben Frauen statt sieben Männern zu teilen. „Das käme ganz darauf an“, erwiderte ein anderer trocken.

20 Minuten, nachdem wir steckengeblieben waren, hörten wir ein leises Surren. Sekunden später begann sich der Boden unter uns zu bewegen. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung. Die Kabine fuhr nach unten, ins Parterre. Dort kramten wir unsere Kleider, die wir nach dem Ausziehen einfach hatten liegen lassen, zusammen. Wir gingen hinaus, klopften uns dem imaginären Staub von den Schultern, atmeten zwei-, drei- oder vielleicht auch viermal tief durch und spazierten schliesslich, als ob nichts gewesen wäre, in den zweiten Stock, wo wir uns nüssliknabbernd und an Tranksame nippend der wiedergewonnenen Freiheit erfreuten.

Irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch. Natürlich hätten wir über die Treppe zum Ausgang gelangen können.

Andererseits: Der Lift war ja immer noch da.

Leave a Comment

Draussen vor der Tür

Der Sonntagabendkrimi im Fernsehen hing gerade ein bisschen durch. Also beschlossen wir, kurz nach draussen zu gehen, um unseren Nikotinhaushalt in Ordnung zu bringen. Nachdem wir fertig geraucht hatten, wollten wir zurück aufs Sofa. Aber oha: Irgendetwas an der Terrassentüre hatte sich verklemmt. Der normale Hauseingang war abgeschlossen. Fenster standen keine offen.

Ich griff zum Handy, öffnete die „Search“-App und tippte „Schlüsseldienst“ und „Burgdorf“ ein. Sekundenbruchteile später ging dieses Fensterchen auf:

Mister Minit betreibt im Migros in der Unterstadt einen Laden. Am Sonntagabend um 22 Uhr arbeitet dort kein Mensch. Weitere lokale Anbieter waren online nicht vermerkt. Der AAMS-Schlüsselservice schien jedoch eine gute Alternative zu sein: Wenn dieses Geschäft in Burgdorf domiziliert ist, würde es nicht ewig dauern, bis wir unser Haus wieder würden betreten können, dachte ich, und rief an.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frau mit osteuropäischen Akzent. Ich schilderte ihr unser Problem und buchstabierte ihr mehrmals, wo wir wohnen. Das machte mich ein bisschen stutzig: Ein in Burgdorf ansässiges Unternehmen müsste von der Pestalozzistrasse doch schon gehört haben?

Andrerseits, überlegte ich mir: Vielleicht arbeitet die Dame erst seit Kurzem in dieser Firma. Möglicherweise planget sie gerade dem Ende ihres langen ersten Wochenenddienstes entgegen und ist mit ihren Gedanken schon ganz woanders.

Jedenfalls versprach sie mir, dass „in maximal 20 bis 40 Minuten“ ein Monteur bei uns sein würde, um den Fall zu lösen. Meine Frau, unser Hund und ich setzten uns auf das Bänkli. Wir warteten.

Und warteten.

Und warteten.

Nach einer Weile begann es leicht zu winden. Dann setzte ein Nieselregen ein. Ab und zu sahen wir Scheinwerfer über die Strasse streichen, doch keines der Autos hielt an.

Eine Stunde nach meinem ersten Anruf riss ich die junge Frau erneut aus ihren Schichtende-Träumen. Ich teilte ihr mit, dass wir nach wie vor des Mechanikers harren würden. Die Frau sagte, sorrysorry: Der zuständige Mitarbeiter sei gerade noch an einem anderen Ort beschäftigt, aber schon so gut wie bei uns.

Daraufhin verstrich eine weitere Viertelstunde. Dann meldete sich der Monteur telefonisch. Er sei gleich da, versprach er.

Anderthalb Stunden, nachdem wir unser kleines Missgeschick gemeldet hatten, trudelte er gutgelaunt bei uns ein. Eine weitere halbe Stunde später hatte er meine Identitätskarte geprüft, das Türschloss aufgebohrt, einen neuen Zylinder eingesetzt und uns drei neue Schlüssel ausgehändigt.

Den Lohn für seine Bemühungen kassierte er sofort: 1032 Franken und 40 Rappen wanderten von meiner EC-Karte in sein Lesegerätchen.

240 Franken kostete die Notöffnung der Haustüre, 120 Franken kamen als Spätzuschlag dazu, 240 Franken gabs zusätzlich als Feiertagszuschlag und 150 Franken als Betriebskostenpauschale. Der neue Zylinder kam uns auf 275 Franken zu stehen; für das Knacken des alten Schlosses – das dauerte mit dem Bohrer knapp 30 Sekunden – bezahlten wir ihm gut 50 Franken.

Der Mann war schon über alle Emmentaler Höger verschwunden, als ich mir seine Quittung genauer anschaute. Überrascht stellte ich fest, dass die Firma mit Burgdorf nicht das Geringste zu tun hat:

Ihre Betreiber registrierten sie offenbar einfach in den Telefonbüchern von zig Schweizer Gemeinden. Wer Hilfe braucht, fragt ja selten lange nach, woher sie kommt.

Nachtrag: Wir hätten im März 2018 den „Beobachter“ lesen müssen.

4 Comments

Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das „Sandia“ und die „Cita“, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das „Sandia“ oder die „Cita“ bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im „Sandia“ stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet „50 Shades of Black“. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse „Hap-bi“-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

1 Comment

Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten „Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon“.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

„Ferien“ bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

2 Comments

Grosses Retzl

Jedesmal, wenn ich an diesem Laden auf der Strandpromenade von Maspalomas vorbeikomme, frage ich mich: Was zum Teufel steht auf diesem Schild?

Klar ist: Wer drei Artikel kauft, braucht nur zwei zu betalen bezahlen.

Aber „Halen“?

Ich las das Wort vor- und rückwärts, zerlegte es in seine Einzelteile, setzte die Buchstaben neu zusammen…aber das brachte alles nichts.

Schliesslich googelte ich es: Halen ist eine Stadt in Belgien und ein Teil von Emsek in Niedersachsen und von Lotte in Steinfurt und ein See in Schweden, ein versunkener Ort in der Nähe von Duisburg, eine Reihenhaus-Siedlung in Herrenschwanden und eine Haltestelle des Regionalverkehrs Bern-Solothurn.

Weiter gibt es die Rockband Van Halen und, mit chli orthografischem Goodwill, das Halenstadion, doch ein Halen, das mit Damenkleidern zu tun haben könnte, lässt sich im gesamten Internet nicht finden.

Aber, wer weiss: Vielleicht ist das ein Marketingtrick der ganz raffinierten Sorte. Möglicherweise hat der Ladenbesitzer das Wort völlig zusammenhanglos auf die Tafel notiert in der Hoffnung darauf, dass regelmässig Passantinnen seine Boutique betreten und fragen, was es mit diesem „Halen“ auf sich habe.

Dann sagt der Mann, „ach, nichts Besonders. Aber schauen Sie mal diese supergünstigen BHs und diese feingerippten Négligées…“ – und schon gibt es für die Besucherinnen kein Halen Halten mehr.

Denkbar ist zweitens, dass der Chef händeringend darauf wartet, dass sich einmal ein Deutscher nach Gran Canaria verirrt, damit er ihn fragen kann, wie man – was auch immer – richtig schreibt.

1 Comment

Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

Leave a Comment