Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.”

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?”

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: “Teilen wir uns ein Taxi?”

Hofstetter: “Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?”

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): “Ich komme mit.”

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): “Zahlen, bitte!”

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: “Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?”

Gundula: “Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.”

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): “Scho rächt.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.”

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

Eine Art Betriebsausflug (3)

Für Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter läuft es auf ihrer Retraite auf Gran Canaria wie am Schnürchen flotter als befürchtet soweit ok. Fast jeden Tag sitzen der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis in Maspalomas zusammen, um sich mindmappend und brainstormend für die „komplexen Challenges einer hypervolatilen Zukunft“ zu wappnen, wie es in Hofstetters Einladung geheissen hatte.

Heute schlugen sie miteinander einen ganz dicken strategischen Pflock ein: Die Rolf Knie-Bilder im Empfangsbereich werden im Januar abgehängt und einem Blindenheim geschenkt. Dafür erhalten Hobbykünstlerinnen aus dem Emmental und dem Oberaargau die Gelegenheit, ihre Werke gegen ein bescheidenes Entgeld jeweils für ein paar Wochen an dieser sehr prominenten Stelle zu präsentieren.

Nun neigt sich letzte Meeting dieses Tages seinem Ende zu. Losgegangen war der Diskussionsmarathon, wie auch schon, am Hotelpool. Gegen 10 Uhr dislozierte man in ein Fischbeizchen am Strand. Dort verweilte man bei Pangasius-Chnuschperli aus Südkorea und ein paar Eimern Sangria ungewisser Provenienz, bis die Sonne beinahe das Meer berührte. Dann verschob sich das Trüppchen in eine Bar.

Seit einem geraumen Weilchen ist der griesgrämige Wirt – abgesehen von den drei Businessleuten in kurzen Jeans und verwaschenen Tourshirts längst der Vergessenheit anheimgefallener Rockbands – der einzige Mensch im Lokal. Um sich die Zeit zu vertreiben, trocknet er die Biergläser immer wieder von Neuem ab.

Hofstetter: „Ich weiss, es war anstrengend, und mir ist klar: Ihr wollt langsam ins Bett.“

Hofstetter (zuckt zusammen, als ob jemand neben ihm einen Silvesterböller aus China abgefeuert hätte): „Was hast du gesagt?“

Hofstetter (hebt mühselig den Kopf vom Tresen): „Du hast wie immer recht. Sooooo recht“ (lässt den Kopf mit einem dumpfen „Toc“ auf die Massivholzplatte zurückfallen).

Hofstetter: „Es ist so: Seit gestern gehe ich mit einem Überraschungsei schwanger, das ich jetzt einfach legen muss. Wenn ich es auch nur noch eine Stunde länger in mir behalte, dann…“

Hofstetter: „…ich will gar nicht wissen, was ‚dann’“.

Hofstetter (schnarcht leise).

Hofstetter: „Um es kurz zu machen: Bei mir hat sich eine Frau gemeldet. Auf Facebook. Nachdem ich das Protokoll unserer letzten Besprechung ins Internet gestellt hatte.“

Hofstetter: „Das beweist wieder mal: Transpiration zahlt sich aus!“

Hofstetter: „Meine Worte, mein Lieber. Meine Worte.“

Hofstetter: „Lass mich raten: Sie lebt in dem Blindenheim, das uns den Knie-Karsumpel abnimmt.“

Hofstetter (schnarcht lauter).

Hofstetter: „Nein, nein. In einer schnuckeligen Wohnung in Aarau.“

Hofstetter: “Und was will sie von dir?“

Hofstetter: „Von uns. Sie will etwas von uns.“

Hofstetter: „Nouhau? Aktien? Geld?“

Hofstetter: „Seit wann sind wir eine AG?“

Hofstetter: „Oh. Richtig. Läck, bin ich müde. Also: Sag schon: Was…“

Hofstetter: „Sie möchte unser Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Von Hofstetter.“

Hofstetter: „Potz! Ist sie chli…“ (macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen an der Schläfe).

Hofstetter: „Kein bisschen. Im Gegenteil.“

Hofstetter: „Wie heisst sie?“

Hofstetter: „Kann ich nicht sagen. Persönlichkeitsschutz. Ungekündigtes Verhältnis. Konkurrenzklausel. Das volle Geheimhaltungsprogramm halt.“

Hofstetter: „Wenn sich bei uns jemand aus heiterem Himmel für diesen megawichtigen Posten bewirbt, müssen wir doch als Allererstes wissen, wer das ist, sonst könnte ja jeder kommen.“

Hofstetter: „Sie ist aber nicht jeder. Sie wäre für uns dasselbe wie…wie soll ich sagen?…wie Helene Fischer für die Schlagerbranche. Im Gegensatz zu der Fischer kann sie ihre Texte aber selber schreiben.“

Hofstetter: „Wir würden reich und berühmt!“

Hofstetter: „Davon dürfen wir ausgehen.“

Hofstetter: „Kenne ich sie?“

Hofstetter: „Woher soll ich wissen, wen du alles kennst? Ihr Name beginnt mit ‚H’ und hört mit ‚r’ auf.

Hofstetter: „H“…“r“…: Das ist ja genau wie bei uns!

Hofstetter: „Stimmt. Nur anders.“

Hofstetter: „Horisberger? Hochreutener? Heuberger? Hugentobler?“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ich sags nicht. Aber stell dir mal vor, die Leuchtreklame auf unserer Zentrale: Hofstetter & Horisberger. Oder Hofstetter & Hochreutener. Oder Hofstetter & Heuberger. Oder von mir aus auch Hofstetter & Hugentobler: Wie sich das liest! Richtig edel.“

Hofstetter: „Kompetent, irgendwie.“

Hofstetter: „Viel besser jedenfalls als beispielsweise Hofstetter & Kunz. Hofstetter & Kunz hätte etwas Halbgares an sich; etwas Unfertiges, Improvisiertes.“

Hofstetter: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habs begriffen.“

Hofstetter: „Meine Nerven! Vom Namen her stünden wir auf einer Stufe mit Isis und Osiris!“

Hofstetter: „Isis und Osiris?!? Gehts bei dir nie eine Nummer kleiner?“

Hofstetter: „Wieso? Wenn Isis statt Osiris diesen Armageddon…“

Hofstetter: „…wenn schon: Agamemnon…“

Hofstetter: „…Kaiser ist Kaiser…“

Hofstetter: „..ich möchte nur…“

Hofstetter: „…egal. Wenn Isis Agamemnon geheiratet hätte: Weisst du, was dann passiert wäre? Mozart hätte seinen Hit von Grund auf neu komponieren müssen, und das nur, weil die Namen der Hauptdarsteller nicht zueinander passen. Agadings hat viel mehr Buchstaben als Osiris, und drum könnte das kein Mensch singen. Dasselbe gilt für Hofstetter und einen dieser langen Namen und Hofstetter und Kunz. Das eine harmoniert, das andere nicht. Verstehst du?”

Hofstetter: “Ich glaube, ich bin nahe dran.”

Hofstetter (erwacht aus dem Koma): „Ist das immer noch dieselbe Sitzung oder schon wieder eine neue?“

Hofstetter: „Hofstetter hat mir soeben erzählt, dass sich eine Frau bei ihm gemeldet habe.“

Hofstetter: „Und dann haben wir noch ein bisschen über die alten Römer geplaudert.“

Hofstetter: „Bei Hofstetter hat sich eine Frau gemeldet? Boah. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

Hofstetter: „Sie will unseren Hofstetter als VRP ablösen.“

Hofstetter: „Weisst du, was lustig ist?“

Hofstetter: „…?“

Hofstetter: „Im ersten Moment dachte ich, du hättest gesagt, eine Frau wolle unseren Hofstetter als Verwaltungsratspräsident ablösen!“

Hofstetter: „Genau das sagte ich.“

Hofstetter: „Noch genauer gesagt, habe ich das gesagt. Die Frau hat sich schliesslich bei mir…“

Hofstetter: …“ja, ja.“

Hofstetter: „Name? Alter? Werdegang? Hobbies? Lohnvorstellungen?“

Hofstetter: „Ist alles top secret.“

Hofstetter: „Kannst du wenigstens versuchen, das wenige, was du uns über sie erzählen darfst, in einem Satz zusammenzufassen?“

Hofstetter: „Natürlich kann ich das. Komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist ja unsere Kernpotenz.“

Hofstetter und Hofstetter: „Wir hören.“

Hofstetter: „Die Frau ist tough. Sie ist cool. Sie ist intelligent. Sie ist witzig. Sie denkt strukturiert. Sie kennt die Kanaren aus dem Effeff. Sie weiss, was sie will. Sie hat keine Angst vor Herausforderungen. Sie liebt Katzen. Und sie ist in Militärfragen extrem bewandert.“

Hofstetter: „Militär! Wenn ich das nur schon höre.“

Hofstetter: „Wieso meinst du? Auf dem globalen Markt sind Zucht und Ordnung das A und O. Amazon, Nestlé oder Apple sind Synonyme für Disziplin. An ihnen müssen wir uns orientieren. Sie müssen unsere Leitsterne auf dem Weg nach…“

Hofstetter: „…hast du dich schonmal mit jemanden, der sich in solchen Dingen auskennt, über deine Hybris unterhalten?“

Hofstetter: „Ich fahre einen stinknormalem VW. Mit diesen Weltrettungswägeli kann ich nichts anfangen.“

Hofstetter: „Das sind Hybriden. Ich meinte ‚Hybris’“.

Hofstetter: „Hat der etwas mit Isis zu tun?“

Hofstetter: „Lassen wirs einfach.“

Hofstetter: „Wenn ich auch etwas sagen darf…“

Hofstetter: „…sprich, Kamerad!“

Hofstetter: „Ich finde das mit den Katzen toll. Wenn sie Tiere so gern hat, mag sie sicher auch die Menschen. Vielleicht kann sie etwas von dem Lockeren, Unverkrampften und Heiteren einbringen, das mir bei uns, ehrlich gesagt, manchmal etwas fehlt.“

Hofstetter: „Ich leite ihr deinen wertvollen Input gegebenenfalls weiter.“

Hofstetter (schaut demonstrativ auf die Uhr): „Dann ist jetzt ja glaub alles…äh…nein, doch nicht. Wie geht es nun weiter? Ich meine: für uns? Und diese Frau? Und für Hofstetter?“

Hofstetter (kann seine rotgeäderten Augen kaum noch offenhalten): „Macht bitte vorwärts, Leute. Ich kippe gleich vom Stuhl. Was immer ihr beschliesst: Ich bin mit allem gebotenen Enthusiasmus dafür.“

Hofstetter: „Was uns betrifft, ist es sehr einfach: Wir treffen uns morgen um Sechs Null-Null zum nächsten Meeting, um die Pendenz „Kafiautomat“ ein für allemal zu nageln. Ich habe im „Haxenstüberl“ einen Tisch reserviert. Der Frau schreibe ich gleich, dass wir hocherfreut wären, wenn sie den Job übernehmen würde. Über ihre Gage und alles reden wir noch. Hofstetter…nun…Hofstetter…“

Hofstetter: „…irgendjemand muss es ihm sagen. Das sind wir ihm einfach schuldig nach all den Jahren…“

Hofstetter: „…in denen er bei keiner unserer Geschäftsreisen dabei war? In denen er keine einzige Budenweihnachtsfeier bezahlte? In denen er uns nicht eine Lohnerhöhung gönnte? In denen er am Sonntag lieber mit seinen Lions-Kumpanen golfen ging, als uns und unsere Liebsten zum Gottesdienst zu begleiten? Meinst du diesen Hofstetter, wenn du von einem Hofstetter sprichst, dem wir Lobpreisungen und Danksagungen und eine formvollendete Benachrichtigung über seine Absetzung schwach sein sollen?“

Hofstetter: „Fairerweise müsstest du vielleicht anfügen, dass das mit den Geschäftsreisen so nicht ganz stimmt; nebst einigem anderen. Einmal liessen wir ihn am Flughafen stehen, und diesmal vergassen wir, ihn einzuladen.“

Hofstetter: „Ach was! Als ich mich neulich am Telefon mit ihm darüber unterhielt, konnte ich ihn kaum verstehen, weil hinter ihm Wellen rauschten und über ihm Möwen krächzten und neben ihm Frauen kicherten. So tragisch kanns für ihn also kaum gewesen sein, dass wir ihn nicht auf die Kanaren mitnahmen.“

Hofstetter: „Das heisst für uns…“

Hofstetter: „Putschs sind Chefsache. Die neue Verwaltungsratspräsidentin soll dem designierten Ex-Verwaltungsratspräsidenten beibringen, dass wir ihn im besten gegenseitigen Einvernehmen fristlos entlassen. Wenn sie das einigermassen hinbekommt, wissen wir: Sie ist unsere Frau.“

Hofstetter: „Und wenn nicht?“

Hofstetter: „Dann wisst ihr: Ich bin euer Mann.“

Hofstetter: „Der bist du ja längst.“

Hofstetter: „Aber nicht ganz oben.“

Hofstetter und Hofstetter (schweigen betreten).

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter (bezahlen und verlassen die Bar).

Hofstetter (singt auf dem Weg zum Hotel leise vor sich hin): “Die ihr der Wand’rer Schritte lenket – stärkt mit Geduld sie in Gefahr…”

Hofstetter: “Was murmelst du da?”

Hofstetter: “Nichts. Gar nichts.”

Was bisher geschah

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

Eine Art Betriebsausflug (2)

Kaum waren Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria gelandet, stellten der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer einer Burgdorfer Schreibwerkstatt fest, dass sie ihren Verwaltungsratspräsidenten Hofstetter zuhause vergessen hatten.

Um sicherzustellen, dass so etwas in Zukunft weniger häufig passiert, treffen sie sich heute zu einer Sondersitzung. Mit einem Memo, das er weit nach Mitternacht verschickte, zitierte Hofstetter die anderen beiden auf 3.30 Uhr zum Pool beim Hotel. Um diese Zeit, schrieb er, würde “noch nicht ständig der Fax rattern”. Man sei also völlig ungestört.

Nun baumeln sechs flipflopmalträtierte Füsse im Wasser. Nicht alle Mitglieder des Trios machen den gleich busperen Eindruck.

Hofstetter: “So, meine Herren: Ich danke euch fürs Erscheinen. Einziges Traktandum unseres Meeting ist die Causa ‘Hofstetter’. Ich wäre froh, wenn wir uns ausschlieslich darauf konzentrieren würden und möglichst wenig Nebenschauplätze…”

Hofstetter: “Mir ist sterbenselend.”

Hofstetter: “Schlecht geschlafen?”

Hofstetter: “‘Schlecht’ wäre schön gewesen. Ich habe kein Auge zugetan.”

Hofstetter: “Ich schon.”

Hofstetter: “Ich auch. Also: Reden wir über…”

Hofstetter: “Gegen 23 Uhr kehrten wir vom Allyoucaneatasiaten ins Hotel zurück. Dann ging ich duschen. Anschliessend las ich noch ein paar Seiten.”

Hofstetter: “Was liest du gerade?”

Hofstetter: “Das brauchst du nicht zu wissen. Kennst du sowieso nicht.”

Hofstetter: “Sag schon.”

Hofstetter: “Nein, ich sags nicht. Und wenn ich nein sage, meine ich nein.”

Hofstetter: “Wenn dus mir verrätst, lade ich dich zu einem Cordon bleu im ‘Stadthaus’ ein, mit ohne Gemüse.”

Hofstetter (flüstert): “Fifty shades of grey”.

Hofstetter: “Hä?”

Hofstetter: “Fifty shades of grey!“

Hofstetter: “Na und? Meine Grossmutter sagte, das sei gar nicht so schlecht. Im Darknet habe sie darüber nur lausige Kritiken gelesen. Aber dann habe sie gemerkt, dass das wie ein Pilcher-Roman sei, nur mit mehr Werkzeug.””

Hofstetter: “Jedenfalls: Kaum hatte ich den Schalter zum Lichterlöschen gefunden, riefst du an und sagtest, seit soeben liege eine Mail in meinem Postfach.”

Hofstetter: “Stimmt. Genauso habe ich das gemacht. Um Punkt Einsfünzehn, wenn ich mich richtig erinnere.”

Hofstetter: “Du sagtest, in der Mail stehe, dass wir uns um 3.30 bei diesem Pool hier versammeln, um über Hofstetter zu sprechen.”

Hofstetter: “Richtig.”

Hofstetter: “Um ehrlich zu sein – und nimm das jetzt bitte nicht persönlich! -, habe ich mich in diesem Moment zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob du eigentlich noch alle Tassen im Schrank hast, und wenn ja, ob sie noch ganz sind.”

Hofstetter: “Bitte?!?”

Hofstetter: “Ich meine: Kein Mensch – kein einziger Mensch auf dieser Welt! – ruft mitten in der Nacht einen anderen Menschen an, um ihm zu sagen, er habe ihm gerade etwas gemailt…und ihm gleich noch zu erklären, was er gemailt hat.”

Hofstetter: “Ich habe ja nicht nur dich angerufen, sondern auch Hofstetter.”

Hofstetter (langsam, aber sicher verzweifelnd): “Das spielt doch keine Rolle.”

Hofstetter: “Und ob das eine Rolle spielt: Gerade hast du gesagt, dass niemand mitten in der Nacht einen anderen Menschen anrufe undsoweiterundsofort. Das war, wie du selber weisst, Chabis. Mit Hofstetter warens zwei Menschen. Also hundert Prozent mehr als von dir behauptet.”

Hofstetter (dem Weinen nahe): “Ich mag jetzt nicht über so Zeug diskutieren. Du hast Recht mit deinen Prozenten und allem, und ich danke dir auch aus tiefstem Herzen für deine Infos zu später Stunde…”

Hofstetter: “…keine Ursache…”

Hofstetter: “…aber mir ist wirklich ganz grauenhaft übel. Ich…”

Hofstetter: “…denk jetzt einfach nicht an den Schoggi-Dürüm, den wir am ersten Tag hier bestellt hatten. Denk! Um! Himmelswillen! Nicht! An! Diesen! Schoggi-Dürüm!!!”

Hofstetter (hält sich die Hand vor den Mund, stösst sich mit der anderen Hand aus dem Wasser und rennt quer durch den Hotelgarten zum Ausgang. Noch bevor die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen ist, sind aus dem Dunkel Würgelaute zu hören, die nichts Menschliches an sich haben).

Hofstetter: “Wetten, er hat eine Palme…”

Hofstetter: “…auf dieser Seite hats keine Palmen. Das ist ein kleiner Parkplatz. Die Randständigen von Maspalomas legen sich jeweils hier schlafen.”

Hofstetter: “Gut. Dann reden halt nur wir beide über diese Verwaltungsratspräsidentensache.”

Hofstetter: “Zuerst will ich noch wissen, was das mit dem Fax bedeuten sollte.”

Hofstetter: “Das mit dem Fax?”

Hofstetter: “In deinem Memo stand, dass wir uns so früh treffen, weil dann noch kein Faxgerät rattert.”

Hofstetter: “Ach so, das. Ja, das habe ich geschrieben.”

Hofstetter: “Wieso?”

Hofstetter: “Hörst du einen Fax? Oder sonst etwas, was uns stören könnte?”

Hofstetter (lauscht angestrengt): “Nein. Keinen Mucks. Nur diese…diese…Geräusche von hinter der Mauer.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter (sich kaum hörbar selber fragend): “Ist das noch Wahnsinn – oder ist es schon Genie?”

Hofstetter: “Wie meinen?”

Hofstetter: “Nichts, nichts.”

Hofstetter: “Nun denn. Bevor ich anfange, darf ich euch, beziehungsweise jetzt halt nur dir, beste Grüsse von unserem geschätzten Verwaltungsratsvorsitzenden Hofstetter ausrichten.”

Hofstetter (leicht erstaunt): “Du hast mit ihm geredet?”

Hofstetter: “Natürlich. Gestern Abend, nachdem wir wieder im Hotel waren.”

Hofstetter: “Ich bin jetzt gerade ein bisschen…was hat er denn gesagt? Habe ihr DAS Thema überhaupt ansprechen können, ohne einen Bruderkrieg anzuzetteln?”

Hofstetter: “Wir haben uns nur darüber unterhalten. Er sagte, dass das alles kein Problem sei. Und dass er auch dann nicht mitgekommen wäre, wenn wir ihn mit einem Chärtli zu dieser Reise eingeladen hätten, sagte er. Ihn brauche es bei diesen Strategiemeetings ja gar nicht. Da nutze er die Zeit lieber für Sinnvolles, sagte er.”

Hofstetter: “Wörtlich? Auch das mit dem Sinnvollen?”

Hofstetter: “Wortwörtlich. Weiter sagte er noch, es könne uns und dem gesamten Konzern sicher nicht schaden, wenn wir einmal für ein Weilchen ohne ihn z Schlag kommen müssten. Wir hätten den Laden ja auch zu Dritt total im Griff.”

Hofstetter: “Er war nicht hässig oder so?”

Hofstetter: “Kein bisschen. Eigentlich klang er so munter wie seit Jahren nicht mehr.”

Hofstetter: “Und er sagte auch nicht, nächstes Mal wolle er mit von der Partie sein?”

Hofstetter: “Nein, will er nicht. Weder nächstes noch ein anderes Mal.”

Hofstetter: “Das heisst…Moment…das heisst, wir hätten uns über ihn gar keine Gedanken zu machen brauchen?”

Hofstetter: “Du hast es erfasst.”

Hofstetter: “Das heisst aber auch, dass wir uns diese Sitzung von Anfang an hätten schenken können?!?”

Hofstetter: “So betrachtet, hast du zumindest nicht völlig unrecht.”

Hofstetter: “Nicht ‘so betrachtet’. Ich habe in jeder Hinsicht recht.”

Hofstetter: “Wenns dir hilft: In jeder Hinsicht, tatsächlich.”

Hofstetter: “Wenn Hofstetter das erfährt, dreht er durch.”

Hofstetter: “Kann sein, ja. Heute scheint nicht sein bester Tag aller Zeiten zu sein.”

Hofstetter: “Was wollen wir machen?”

Hofstetter: “Überlass das nur mir. Du wirst sehen: In zwei Minuten will er mich küssen.”

Hofstetter: “Ganz bestimmt wird er das wollen.”

Hofstetter (wankt vom Tor her leichenblass in Richtung Pool und krächzt): “Hallo?!! Seid ihr noch da?”

Hofstetter: “Klar sind wir noch da. Wir haben extra auf dich gewartet.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob ich das gutfinden soll. Eigentlich würde ich lieber direkt ins Bett…”

Hofstetter: “…dorthin kannst du auch gleich. Wir haben die Angelegenheit bereits a Fong durchbesprochen. Hofstetter wird Hofstetter nach dem Sonnenaufgang anrufen und ihm sagen, wie leid uns das alles tut, und dass wir, ihn engster Absprache mit ihm, am liebsten gleich die Daten für unseren nächsten Betriebsausflug fixieren möchten. Dann gibt uns Hofstetter zwei, drei Tage durch, an denen es ihm passen würde. Aber wenn es soweit ist, hat er die Reise schon wieder vergessen.”

Hofstetter: “Das klingt jetzt fast zu einfach, um wahr zu sein…bist du sicher, dass das funktioniert? Wieso sollte er unsere Reise vergessen?”

Hofstetter: “Lueg, unser VRP hat dermassen viel um die Ohren, dass ihm immer mal wieder etwas unters Eis gerät. Darunter sind bestimmt auch einige Termine, die wichtiger sind als unsere Ausflüge; ämu für ihn.”

Hofstetter: “Ich…”

Hofstetter: “Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich weiss so sicher, dass er nicht mitkommen wird, als ob er mirs selber gesagt hätte.”

Hofstetter (beugt sich zu Hofstetter hinüber, legt ihm einen Arm um die Schultern, zieht ihn an sich und sagt: “Sorry, Alter. Aber dafür muss ich dich einfach küssen!”

Hofstetter: “Geh dir erst die Zähne putzen. Und leg dich dann für ein paar Stunden hin.”

Hofstetter: “Darf ich wirklich…?”

Hofstetter: “Aber sicher. Ich bestätige es dir gleich noch per Mail und rufe dich anschliessend kurz an, ok?”

Eine Art Betriebsausflug (I)

Alle Jahre wieder kommen nicht nur das Christkind und der Osterhase. Fast genauso regelmässig fliegen Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter – der Gründer, der Betreiber und der Geschäftsführer eines Schreibstüblis in Burgdorf – nach Gran Canaria. Gewisse geschäftliche Dinge lassen sich ihrer Ansicht einfach besser weit ausserhalb des Büros besprechen.

Nachdem die Herren am Morgen in Las Palmas gelandet sind, höcklen sie jetzt bei über 30 Grad unter dem wolkenlosen Himmel in einem Beizli an der Strandpromenade von Maspalomas, um einfach mal wieder die Seelen baumeln zu lassen halbnackten Frauen hinterherzustarren die Konzernstrategie für die nächsten 12 Monate zu skizzieren.

Hofstetter: „Hach…“

Hofstetter: „Hör doch auf!“

Hofstetter: „Ich habe ja noch gar nicht richtig…“

Hofstetter: „…das ist auch nicht nötig. Wir wissen alle, was jetzt kommt: Ein endloses Blabla darüber, was wir doch für eine tolle Truppe seien und wie schön du es findest, dass wir uns immer mal wieder hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, versammeln, undsoweiter, undsofort.“

Hofstetter: „Eigentlich wollte ich nur sagen, dass wir eine tolle Truppe sind und dass ich es schön finde, mit euch immer mal wieder hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, ein paar Tage verbringen zu dürfen, und sonst vielleicht noch Dieses oder Jenes.“

Hofstetter: „A propos ‚alle’…“

Hofstetter: “Hat jemand ‘alle’ gesagt?”

Hofstetter: „Ja. Du. Gerade vorhin, als du sagtest: ‚Wir wissen alle, was jetzt kommt.’ Da sagtest du ‚alle’“.

Hofstetter: „Gut, haben wir darüber geredet. Also: Was hast du zu Aproposen?“

Hofstetter: „Als du ‚alle’ sagtest, fragte ich mich plötzlich, wo eigentlich unser VRP ist.“

Hofstetter: „VRP?“

Hofstetter: „Das ist die deutsche Abkürzung für Unique Selling Point. Auf Englisch heisst das USP. Wird gerne verwechselt mit USB und UBS, aber nicht von mir.“

Hofstetter: „Ach so. Ok. Wo ist er denn, unser ‚Unique Selling Point?“

Hofstetter: „Mir hängts gleich aus. ‚VRP’ heisst Verwaltungsratspräsident. Unser Verwaltungsratspräsident fehlt. Hofstetter ist nicht da. Weiss jemand, wo Hofstetter ist?“

Hofstetter: „Nein.“

Hofstetter: „Keine Ahnung.“

Hofstetter: „Hat wirklich keiner von euch daran gedacht…“

Hofstetter: „Nä-ä.“

Hofstetter: „Was heisst hier ‚von euch’?!? Du hättest ihm genausogut einmal sagen können, dass wir wieder hier runterfliegen. Du siehst ihn schliesslich jeden Morgen und Abend im Badezimmer. Dann wäre er jetzt auch bei uns und…“

Hofstetter: „…ich führe keine Diskussionen im Konjunktiv.“

Hofstetter: „Sag mal, ganz ehrlich: Findest du das wirklich gut?“

Hofstetter: „Dass wir Hofstetter schon wieder daheim vergessen haben?“

Hofstetter: „Nein. Diesen Schoggi-Dürum.“

Hofstetter: „Hättest du lieber einen mit Früchten? Oder einen für Laktose-Inkontinente?“

Hofstetter: „Jessesgott!“

Hofstetter: „Wusst ichs doch.“

Hofstetter: „Ich bringe das Zeug beim besten Willen nicht runter.“

Hofstetter: „Dann lässt dus halt liegen. Man könnte schon meinen…“

Hofstetter: „Ich habe aber Hunger, tami!“

Hofstetter: “Wie alt bist du eigentlich?“

Hofstetter: „Gleich alt wie du.“

Hofstetter: „Du meinst: Gleich jung.“

Hofstetter: „Im Moment habe ich weniger ein Problem mit meinem Alter, als vielmehr mit diesem…diesem….“

Hofstetter: „Ich muss bei allem Respekt vor der osmanischen Kultur sagen: Ich bin ebenfalls ein bisschen irritiert. Erst verkündest du grossartig, dass du uns heute einmal regionale Spezialitäten vorführen willst…und dann schleppst du uns in eine Beiz, in der es Schoggi-Dürüms gibt.“

Hofstetter: „Eben.“

Hofstetter und Hofstetter (im Duett): „Was, eben?“

Hofstetter: „Schoggi-Dürüms sind eine hiesige Spezialität.“

Hofstetter: „Sagt wer?“

Hofstetter (zeigt auf einen sehr autoritär wirkenden Mann in einem “Staff” T-Shirt, der an der Kasse gerade die Tageseinnahmen zusammenzählt): „Der Typ da hat es mir vorhin verraten.“

Hofstetter: „Der Typ da ist offensichtlich der Betreiber dieses Lokals.“

Hofstetter: „Siehst du.“

Hofstetter: „…???“

Hofstetter: „Wer, wenn nicht ein eingeborener Wirt, könnte sagen, was eine regionale Spezialität ist und was nicht?“

Hofstetter: „Vielleicht hats ja auch Dürüms mit Fleisch.“

Hofstetter: „Fleisch ist sowas von out.“

Hofstetter: „Und das weisst du von…“

Hofstetter: „…den metoo-Leuten.“

Hofstetter: „Das ist doch etwas völlig anderes. Denen gehts um…“

Hofstetter: “…Gehyster ist Gehyster. Meinst du wirklich, ich frage hier in aller Öffentlichkeit, ob der werte Herr Kollege vielleicht etwas mit Fleisch haben könne, nur um dann von einem Flashmob tagelang kreuz quer über die Insel getrieben zu werden?“

Hofstetter: „Es heisst ‚Lynchmob’. Ein Flashmob ist, wenn man….“

Hofstetter: „…miteinander ein Flash hat. Das weiss ich dänk schon. Ich wollte dich nur testen.“

Hofstetter: „Was würdet ihr davon halten, wenn wir einfach in ein anderes Restaurant zügeln würden?“

Hofstetter: „Gute Idee.“

Hofstetter: „Matador! La fattura please; subito.“

Hofstetter (zu Hofstetter): „Falls jemand fragt: Ich kenne den nicht.“

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter bezahlen je mit einer der 100 Euro-Noten, die sie nach der Landung aus dem Bankomaten am Flughafen gezogen hatten. Dann schlendern sie durch die Beizengasse. Schon nach wenigen Schritten bleiben sie stehen.

Hofstetter: „Schaut mal!“

Hofstetter und Hofstetter: „Schon besser.“

Hofstetter: “Was gibts hier?”

Hofstetter: “Moment. Ich gehe mal schauen.” (Geht mal schauen. Dann rapportiert er: “Asiatisch und Chinesisch.”)

Hofstetter: „Aber: Warum ist da niemand?“

Hofstetter: „Stimmt. Warum isst da niemand?“

Hofstetter: “Solche Wortspielchen kannst du dir schenken.”

Hofstetter: “Wieso? Ist doch witzig, dieses ‘ist’ und ‘isst…”

Hofstetter: “Das funktioniert nur schriftlich. Und auf Hochdeutsch. Müsstest du eigentlich wissen.”

Hofstetter (kaum hörbar, mehr zu sich selber als zu den anderen): “Und so jemand arbeitet in unserem Büro.”

Nebenverdienst

März ists, und immer noch Winter. Inzwischen dürfte es den meisten Leuten verleidet sein, jeden Tag den Schnee von den Wägli vor ihren Häusern zu schippen.

Das ist meine Chance: Ich starte ein Start-up als Callschneeschaufler.

Ich arbeite speditiv, auf Wunsch munter pfeifend (riesige Songauswahl!) und ziehe fadengerade Bahnen auch im stotzigsten Gelände (siehe Bild).

Preis: Fr. 10.—/Meter. Pauschalen nach Vereinbarung. Sagenhafte Sommerrabatte!

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit:

Das Christkind surft auf allen Kanälen

In kurzen Hosen und im T-Shirt durch vorweihnächtlich dekorierte Städte und Dörfer zu fahren: Das hat was.

Doch die Freude darüber, die Festtage schwitzend verbringen zu dürfen, während die lieben Daheimgebliebenen sich kaum aus dem Haus wagen aus lauter Angst, schon auf dem Fussabtreter elendiglich zu erfrieren, wird empfindlich gedämpft, sobald man das Autoradio andreht.

Die Tatsache, dass in zwei Wochen das Christkind kommt (in Australien surft es in weissen Bikini von Haus zu Haus), lässt die Verantwortlichen sämtlicher Stationen kollektiv hyperventilieren. „Ihr, die hier einschaltet, lasset alle Hoffnung fahren“: Nach diesem Motto begraben die Sender ihr Publikum rund um die Uhr unter einer klebrigsüssen Masse aus Liedern, in denen mindestens 20 Mal das Wort „Christmas“ vorkommt, und Wortbeiträgen, die sich ebenfalls immer nur um das Eine drehen.

Hörer erinnern sich in endlosen Telefoninterviews an ihr schönstes Fest, Hörerinnen verraten aufgeregt ihre Feiertagsmenürezepte, Kinder lesen coram publico ihre Wunschlisten vor. Und wenn die Moderatorinnen und Moderatoren einmal für ein paar Minuten pausieren (vermutlich, um sich ordentlich Glühwein nachzuschenken; nüchtern steht kein Mensch ein solches Programm durch), herrscht nicht etwa Ruhe im Stall: Dann wirbt die lokale Wirtschaft auf Engel komm raus für ihre sensational, unbelieveable und breathtaking Weihnachtsangebote.

Zur Ablenkung aus dem Autofenster zu starren, bringt wenig: Vor jeder Kirche, vor jeder Schule und vor jedem Gemeindezentrum laden grosse Plakate zum grossen gemeinsamen Chorsingen ein. In den Beizen weisen lustige Flyer auf die unmittelbar bevorstehende Ankunft von Santa Claus hin:

Aber, immerhin: Von „Last Christmas“ von Wham blieben wir bisher verschont. Zumindest in dieser Hinsicht sind die Grenzen des Zumutbaren für die Radiomacher Down Under offensichtlich früher erreicht als für ihre Kolleginnen und Kollegen jenseits der Äquators.

Es geht wieder dem Ende zu

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Mitte November 2016: In der Superior Executive-Lounge von Hofstetter Kommunikation höckeln Verwaltungsratspräsident Hofstetter, Firmengründer Hofstetter, Inhaber Hofstetter und Geschäftsführer Hofstetter, um salzgebäckmampfend und mineralwassernippend die nähere Zukunft einzufädeln.

Hofstetter: “Ich weiss, dass die meisten von euch Sitzungen nicht besonders mögen, und mir ist auch klar, dass ihr alle noch anderes zu tun habt, aber…”

Hofstetter: “…eine Whatsapp-Gruppe wäre für solche Fälle eine gute Idee.”

Hofstetter: “Whatsapp? Du bist bei Whatsapp?!?”

Hofstetter: “Du nicht?”

Hofstetter: “Wer von euch ist bei Whatsapp?”

Hofstetter: “Ich.”

Hofstetter: “Ich. Und bei Linkedin bin ich auch, und ausserdem bei Xing, Instagram, Twitter und Google Plus.”

Hofstetter: “Welche Ehre! Ich sitze neben dem weltweit einzigen Menschen mit einem Google Plus-Account!”

Hofstetter: “Alle whatsappen. Whatsapp ist das neue Facebook.”

Hofstetter: “Mir ist das zu blöd. Ständig machts ‘Ping’, und dann ist es doch nur ein Filmli.”

Hofstetter: “Jedenfalls: Wir müssen planen.”

Hofstetter: “‘Ca plane pour mois’! Kennt das noch jemand?”

Hofstetter: “Was ist das?”

Hofstetter: “Punk. Von Plastic Bertrand. Franzose. 1977. Moment…” (hebelt an seinem Handy herum) “…et voilà:”

Hofstetter: “Heiterefahne!”

Hofstetter: “Punk von einem Franzosen. Es wird immer besser.”

Hofstetter: “Wie gesagt: Ist schon lange her.”

Hofstetter: “Hat der sonst noch etwas gemacht?”

Hofstetter: “Das war glaub alles. Er kam, sang und versiegte.”

Hofstetter: “Wie Samantha Fox mit ihrem ‘Touch me’.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter: “Hast du das auch?”

Hofstetter: “Klar” (tippt erneut auf seinem iPhone herum):

Hofstetter: “Samantha Fox! An ihre Augen werden die Leute sich noch in zehntausend Jahren erinnern.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob dieser Plastic noch lebt.”

Hofstetter: “Leute, die solche Musik machen, werden in der Regel nicht besonders alt.”

Hofstetter: “Wieso meinst du?”

Hofstetter: “Leonard Cohen, David Bowie, Joe Cocker…muss ich noch mehr aufzählen?”

Hofstetter: “Du vergleichst Cohen, Bowie und Cocker jetzt aber nicht ernsthaft mit dem Franzosen, oder?”

Hofstetter: “Rocker ist Rocker, und Sex and Drugs sind Sex and Drugs.”

Hofstetter: “Cohen war kein Rocker.”

Hofstetter: “Soso. Was dann?”

Hofstetter: “Könnten wir jetzt vielleicht langsam…?”

Hofstetter: “Ein Barde. Leonard Cohen war ein Barde.”

Hofstetter: “Hört, hört! Ein Barde.”

Hofstetter: “Dann halt ein Liedermacher.”

Hofstetter: “Singer/Songwriter sagt man dem heutzutage.”

Hofstetter: “Klugscheisser.”

Hofstetter: “Bardesingersongwriter…ist doch egal. Er war ämu kein Franzose.”

Hofstetter: “Wie ihr wisst, neigt sich auch dieses Jahr schon wieder dem Ende zu. Drum…”

Hofstetter: “…Hofstetter hat gesagt, dass ‘solche Leute’ nicht alt werden. Nur fürs Protokoll: Cohen gehört für mich nicht zu ‘diesen Leuten’. Abgesehen davon wurde er sehr alt, und Bowie und Cocker waren sozusagen auch schon pensioniert, als sie die Mikrofone für immer abgaben. Das ist schon ein bisschen etwas anderes als bei dem Punk, der übrigens vielleicht noch gar nicht gestorben ist.”

Hofstetter: “‘Protokoll’ ist ein gutes Stichwort. Wer schreibt heute das Protokoll?”

Hofstetter: “Niemand natürlich.”

Hofstetter: “Was, niemand?”

Hofstetter: “Hat schon jemals jemand eine unserer Sitzungen protokolliert?”

Hofstetter: “Da muss ich nachdenken…”

Hofstetter: “…mach nichts, was du nicht gewohnt bist…”

Hofstetter: “…nein: Ich glaube, von unseren Sitzungen gibt es kein einziges Protokoll.”

Hofstetter: “Ist vermutlich auch besser so.”

Hofstetter: “Item. In sechs Wochen haben wir Silvester. Das heisst…”

Hofstetter: “…’wer jetzt noch kein Chinoise bestellt hat, baut kein Haus mehr’, wie Einstein in seiner Ode an die Freude geschrieben hat.”

Hofstetter: “Das war Rilke, im Fall, und es ging nicht um Fondue.”

Hofstetter: “Einstein, Rilke…: Hauptsache, kein französischer Punker.”

Hofstetter: “Das Gedicht, das Hofstetter meinte, heisst ‘Herbsttag’ und geht so…”

Hofstetter: “…wenn du jetzt anfängst, Gedichte zu rezitieren, dann, dann…”

Hofstetter: “…Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los….”

Hofstetter: “…ich glaubs einfach nicht…”

Hofstetter: “…Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süsse in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.”

Hofstetter: “Sehr schön, wirklich. Das kann heute kein Mensch mehr.”

Hofstetter: “Was? Dichten?”

Hofstetter: “Gedichte aufsagen, und dann erst noch auswendig.”

Hofstetter: “Ich kann im Fall auch Goethes Glocke!”

Hofstetter: “Die ist von Schiller.”

Hofstetter: “Egal. ‘Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frisch Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiss rinnen muß der Schweiss, soll das Werk den Meister loben! Doch der Segen kommt von oben.'”

Hofstetter: “A propos ‘von oben’: Ich habe diese Sitzung einberufen, um mit euch über die Qualifikationsgespräche und das Jahresabschlussessen zu reden, falls das jemanden interessiert.”

Hofstetter: “Das mit dem Qualizeug kannst du vergessen. Ich führe keine Selbstgespräche, und wenn doch, dann sicher nicht mit einem von euch.”

Hofstetter: “Ich auch nicht.”

Hofstetter: “Ich auch nicht.”

Hofstetter: “Gut, dann streichen wir das. Kommen wir zum Essen.”

Hofstetter: “Schon besser.”

Hofstetter: “Letztes Jahr wars irgendwie nicht so der Heuler.”

Hofstetter: “Letztes Jahr habe ich für euch gekocht.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter: “Dann gehen wir in die ‘Gedult’.”

Hofstetter: “Kommt nicht in Frage. Da hatten wir unser Hochzeitsessen.”

Hofstetter: “Und?”

Hofstetter: “Nichts ‘und’. Ich will mir nur nicht eine wunderschöne Erinnerung durch ein Businessznacht verderben lassen.”

Hofstetter: “Das gibt kein Businessznacht. Das wird total locker vom Hocker, mit den Frauen und allem. Vielleicht kommt noch eine Mundartband.”

Hofstetter: “Ein Singersongwriter aus der Region würde es auch tun. Frag mal die Buchhaltung.”

Hofstetter: “Weitere Vorschläge?”

Hofstetter: “Nein.”

Hofstetter: “Nein.”

Hofstetter: “Aber irgendwo müssen wir doch…”

Hofstetter: “Ich bin dann sowieso nicht hier. In zwei Wochen fliegen wir nach Australien.”

Hofstetter: “Komisch: Wir auch.”

Hofstetter: “Wir auch.”

Hofstetter: “Das hättet ihr auch ein bisschen früher sagen können.”

Hofstetter: “Du hast ja nicht gefragt.”

Hofstetter: “Genau: Du hast nicht gefragt.”

Hofstetter: “Du fragst ja nie. Du schreibst einfach, ‘Sitzung in 30 Minuten!”, und wir müssen dann alles stehen und liegen lassen, um deinen Worten zu lauschen.”

Hofstetter: “Darf ich offen reden?”

Hofstetter: “Tu dir keinen Zwang an. Wir sind hier unter uns. Das ist das Schöne an dieser Lounge.”

Hofstetter: “Also dann: Deine Art, Sitzungen einzuberufen, geht uns auf den Sack. Das sind Marschbefehle, keine Einladungen. Vielleicht hast du es als Whatsappverweigerer noch nicht mitbekommen, aber die Sklaverei ist abgeschafft.”

Hofstetter: “Ich darf das. Ich bin der alleralleroberste Chef.”

Hofstetter: “Aber nur, weil ich diese Bude gegründet habe…”

Hofstetter: “…und sie mir gehört…”

Hofstetter: “…und ich sie führe.”

Hofstetter: “Das kommt nicht gut heute. Das kommt gar nicht gut. Ich spüre negative Schwingungen im Raum.”

Hofstetter: “Du bist der Boss. Du kannst die Sitzung beenden, wann immer du willst.”

Hofstetter: “Stimmt. Zum Beispiel jetzt grad.”

Hofstetter: “Schön, dann machen wir Schluss. Was die Qualigespräche und das Essen betrifft, haben wir ja geklärt, was zu klären war. Offen sind noch die Sachen mit dem Singersongwriter und der Beiz und der ganze Rest, und abgesehen davon habe ich die Rede an die Belegschaft noch nicht ganz fertig geschrieben, aber das kann ich ja in euren Ferien erledigen.”

Die Rückkehr des Vertrauten

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Es ist schon seltsam: Jahrhundertelang machten sich die Menschen von Hand Notizen, wenn sie sich etwas merken wollten. Dann kamen die Smartphones mit ihren “To do”-Apps und eingebauten Diktiergeräten und allem, und wer noch ein Notizbuch mit sich führte, galt von heute auf morgen als hoffnungslos out of stile.

Aaaaber: Seit Kurzem gibt es Handyhüllen, die exakt wie ein Notizbuch gestaltet sind. Sie verkaufen sich – wie einst die berühmten warmen Weggli – fast wie von alleine.

Dasselbe Phänomen lässt sich in der Unterhaltungsbranche bestaunen: iTunes, der grösste Marktplatz für digitale Musik, bietet Alben in Langspielplattenqualität an, und wer glaubt, dass “die Leute” nur noch “World of Warcraft”, “Grand Theft Auto” und Artverwandtes spielen, irrt.

Längst können auch Super Mario, Pacman und unzählige weitere harmlose Zeitvernichter aus den 80er Jahren heruntergeladen werden. Schach, Schiffliversenken, Halma, Scrabble, Pingpong, Darts oder Billard: es ist alles da; oft sogar gratis und in einer Qualität, die jener der Originale verblüffend nahe kommt. Sogar der gute, alte Flipperkasten lässt sich mühe- und kostenlos aufs Tablet installieren.

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Foto-Apps liefern Bilder, die auch von einer antiken Hasselblad oder einer jener Ritschratsch-Sofortkameras stammen könnten, die in der Vor-Selfiestick-Aera – also: weit zurück im letzten Jahrhundert – in jedem Hosensack steckten.

Es scheint, als ob sich die Gesellschaft je heftiger an Liebgewonnenes und Bewährtes klammert, desto elektronischer die Welt um sie herum wird.

Das ist, irgendwie, nicht nur für Nostalgiker ein schöner Gedanke.

Coopferteli – das nennt man Glück!

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Ich suchte und suchte und ging in Gedanken den Weg vom Gericht, wo ich mein iPad zum letzten Mal in Betrieb gehabt hatte, bis nach Hause zig Mal in Gedanken durch, aber irgendwie wollte mir einfach nicht einfallen, wo ich das Gerät hätte liegenlassen können.

Dann telefonierte ich mit dem Metzger und jemandem vom Busbetrieb und dem Kioskverkäufer, aber nada: das gute Stück blieb verschwunden.

Ein bisschen später, als ich gerade dabei war, zum Znacht ein Chili con Carne vorzukochen, kam mir in den Sinn, dass ich noch kurz im Coop im Burgdorfer Bahnhofquartier gewesen war, um eine Dose Indianerbohnen zu posten. Beim Bezahlen hatte ich das Gerät möglicherweise auf oder neben das Fliessband gelegt, aber hinter mir standen ein halbes Dutzend Leute, und da würde es ja schon an ein Wunder grenzen, wenn….

Ohne grosse Hoffnung rief ich also auch noch im Coop an – und höre da: “Ja, wir haben Ihr iPad gefunden. Sie können es jederzeit bei uns abholen.”