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Category: Heimisches

After midnight

Der Anruf aus der Schweiz kam eher unerwartet: Ob sie störe oder ob ich ein Minütli Zeit hätte, fragte die Frau, worauf ich sagte, bei uns in Kalifornien sei es zwei Stunden nach Mitternacht und ich hätte geschlafen, von daher…, worauf sie sagte, das tue ihr jetzt aber schön leid, das habe sie nicht gewusst, worauf ich sagte, das habe sie ja nicht wissen können, und meinerseits fragte, worum es denn gehe, worauf sie sagte, um den Oberstadtleist, worauf ich beinahe gesagt hätte, der Oberstadtleist heisse nun schon seit einem geraumen Weilchen nicht mehr Oberstadtleist, sondern Altstadtleist, weil er sich nicht mehr nur um die Oberstadt, sondern auch um das Kornhausquartier kümmere, aber irgendwie schien mir, das spiele in diesem Moment keine so grosse Rolle, weshalb ich nur sagte, sie solle es doch später noch einmal probieren, worauf sie fragte, wann es mir denn am besten passen würde, worauf ich sagte, einfach später; die Schweiz sei Kalifornien um 9 Stunden voraus oder umgekehrt, worauf sie sagte, demfall melde sie sich später wieder, worauf ich sagte, das sei in Ordnung, worauf wir das Gespräch beendeten und ich tätschwach im Bett sass.

Also liess ich einen Kaffee in den Kartonbecher tröpfeln und ging nach draussen, vor unser Motel, um meinen Nikotinhaushalt zu regulieren, und nachdem das erledigt ist, höckle ich jetzt, mit dem Laptop auf dem Schoss, vor unserem Zimmer, und stelle mir vor, was für Leute gegenüber leben, was sie hierhergebracht hat und wohin sie morgen wohl weiterreisen werden, und höre gleichzeitig, wie die Eiswürfelmaschine nebenan alle zehn Sekunden oder so einen Eiswürfel ins Eiswürfelfach fallen lässt, und natürlich weiss ich, dass es momentan noch Sinnvolleres zu tun gäbe, als über wildfremde Menschen nachzudenken und Apparaten zu lauschen, aber etwas Sinnvolleres kommt mir gerade beim besten Willen nicht in den Sinn, und deshalb bleibe ich einfach hier sitzen und warte, bis die Sonne aufgeht und wir in Richtung San Diego losfahren.

Verwelkte Blumen

“If you’re going
to San Francisco
be sure you wear
flowers in your hair.”

Das riet Scott McKenzie all jenen, die 1967 in die Metropole an der kalifornischen Westküste pilgerten, um mit-, über- und untereinander den “Summer of love” zu feiern.

50 Jahre später spielen die echten Hippies in San Francisco kaum noch eine nennenswerte Rolle. Für die Touristen wird ihre Kultur aber künstlich am Leben erhalten.

“Perfekt gestylte, hippe Alibi-Hippies” nennt “Die Welt” mit nur notdürftig kaschierter Verachtung all jene, die 2017 an einem der unzähligen Gedenkanlässe “das 60er-Jahre-Gefühl aufleben lassen wollen, das sie gar nicht kennen.”

Statt Blumen im Haar tragen die Menschen nun Aktenköfferli in den Händen, der Joint wurde durch den Selfiestick ersetzt, die Radiosender spielen Hiphop statt Musik. Es ist alles geregelt und organisiert und sauber und schön; neben einem Basketballfeld mahnt ein Schild: “Drug-free Zone.”

Niemand erweckt auch nur den Anschein, als ob er oder sie sich schon jemals den Gedanken erlaubt hätte, etwas zu tun oder zu sagen, was zwei Millimeter links oder rechts neben der gesellschaftlichen Norm liegen würde.

Zumindest ein hippieähnliches Wesen ist in San Francisco aber noch unterwegs. Wir entdeckten es eher zufällig bei einer Fahrt durch die Stadt: Aus einer Seitenstrasse näherte sich uns ein alter Mann im Rollstuhl. An die Rückseite seines Gefährts hatte der verwitterte Senior, der von seinem Äusseren her jederzeit bei ZZ Top einsteigen könnte, eine Kühlbox montiert und vornedran ein Tischchen, auf dem eine Geldsammelbüchse stand. Rechts von seinem Kopf prangte ein kleines Plakat, auf dem stand, “Fuck Trump”.

Wobei: “Fuck Trump” sagt heute ja jeder.

Hello again, ihr Helden!

Vor 30 Jahren gehörten sie mit Toto, Krokus, Abba (jawoll: Abba), Deep Purple, den Dire Straits und ein paar anderen Bands zu den Helden meiner Jugend. Nun stand ich auf einmal mit Foolhouse auf der Bühne des Theaters Z in Burgdorf.

Unmittelbar davor hatten ich und drei Dutzend Gäste – ihren Besuch angekündigt hatte eine dreistellige Anzahl von Leuten, aber das ist eine andere und alles andere als neue Geschichte – zwei Stunden lang freudig feststellen dürfen, dass die Bluesrock-Haudegen von dem Zauber, den sie damals auf Zigtausende von Fans in ganz Europa ausstrahlten, kaum etwas eingebüsst haben.

Auch wenn die Band um Jüre Reinhard sich zwischenzeitlich aufgelöst hat und später teilweise neu zusammengesetzt wurde, lässt sies immer noch durch die Boxen rocken und rollen und rumpeln, als ob sie sich gerade erst formiert hätte und nun finster entschlossen wäre, die Bühnen der Welt zu stürmen.

Eigentlich waren Peter Urech und ich ja vor Ort, um vor und nach dem Konzert als DJ-Duo Rocknrolldies für Stimmung zu sorgen. Wir merkten jedoch schnell, dass der Abend auch ohne uns tiptopp laufen würde.

Nachdem die letzte Foolhouse-Zugabe verklungen war, bildeten einige der vielen befreundeten Musikerinnen und Musiker, die sich zu dem Gig ihrer Kollegen an der Hohengasse 2 eingefunden hatten, spontan einen Halbkreis, um nach Herzenslust zu jammen.

Peter und ich packten unsere Siebensachen weit vor Mitternacht zusammen und liessen die Freunde miteinander drauflosimprovisieren. Wir wollten nicht stören, sondern zuhören. Den Musikern – und Jüre Reinhard, der uns das eine und andere Müsterchen aus der glorreichen Zeit erzählte, in der Foolhouse mit den Eagles im Studio waren und von ihnen lernten, wie ein richtiger Chorgesang funktioniert. Plus vieles andere mehr.

“Ha eifach öpper welle frage”

“Grüessech. Hie isch (es folgt der Name einer hörbar älteren Dame). Chöit ihr mir säge, wie dä Tierarzt heisst, wo gschtorbe isch?”

“Leider nid, nei. Sind Sie sicher, dass Sie richtig verbunde sind?”

“Wär isch am Telifon?”

“Hofstetter.”

“Ah. Guet.”

“I weiss aber nid, öbi de Richtig bi für Sie. I ha kei Ahnig, wär gschtorbe isch.”

“Macht nüt. I ha eifach öpper welle frage. Dankeschön.”

Heisse Spur

An eines haben die Abziehbildli-Vandalen beim Verschandeln des Schlossareals nicht gedacht: Die Geo-Profiler der Kapo Bern kennen dank regelmässiger Schulungen beim FBI inzwischen das eine und andere Trickli, um herauszufinden, woher die Täterschaft stammt.

“Was hat Prag, was Burgdorf nicht hat?”

„Noch einmal: WO IST MEIN FRAUELI?!?“

“Du brauchst nicht so zu brüllen, Tess.”

“Wenn du mir nicht zuhörst. Ich habe schon zweimal gefragt.”

“Ich war in Gedanken; entschuldige bitte.”

“‘In Gedanken’? Du? Dass ich nicht wedle.”

“Also: Was wolltest du wissen?”

“Wo mein Fraueli ist.”

„Weg. Weit weg.“

„Wo?“

„In Prag.“

„Was hat dieses Prag, was Burgdorf nicht hat?“

„Zum Beispiel hats dort viel mehr Pragerinnen und Prager als hier.“

„Was ist das, ‘Pragerinnen und Prager’?“

„Das sind Tschechen. Die kommen im Emmental nicht soooo häufig vor.”

„Kann man die fressen?“

„Können schon. Aber dürfen nicht.“

„Warum nicht?“

„Weils verboten ist.“

„Was will sie denn in Prag, wenn sie dort nichts fressen darf?“

„Käfele, Leute gucken, bummeln, shoppen…“

„’Shoppen’?“

„Einkaufen.“

„Hundefutter?!?“

„Nein. Kleider vielleicht, oder Schuhe oder so.“

„Gibts alles in Burgdorf.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Warum nicht?“

„Sie ist mit ihren Freundinnen in Prag.“

„Wohnen die dort?“

„Nein, sie sind von hier. Du weisst schon: Die Donnerstagsfrauen, die jeden Donnerstagabend…“

„…ach so. Die kenne ich. Manchmal nehmen sie mich mit in den Ausgang. Flotte Weibchen.“

“Das sagt man nicht, ‘Weibchen’.”

“Immer, wenn jemand euch fragt, was ich bin, sagt ihr: ‘Ein Weibchen’.”

“Du bist ein Hund. Da darf man ‘Weibchen’ sagen.”

“Meist sagt ihr sowieso ‘Meite’ zu mir. Das gefällt mir viel besser.”

“Du bist eine Meite, und was für eine.”

“Eine liebe. Und gute. Und schöne. Und feine. Und artige!”

“Genau.”

„Wau. Danke für die Komplimente!”

“Keine Ursache.”

“Kann man demfall sagen, das Fraueli sei mit ihren Donnerstagsmeiten…”

“…ja, das kann man glaub so sagen. Sie machen miteinander ein Reisli. Habens lustig zäme. Geniessen chli Quality Time. Du verstehst schon.“

„Nein.“

„Das ist, wie wenn du nach Wynigen in den Hort gehst.“

„Wann darf ich wieder nach Wynigen in den Hort?“

„Nächste Woche.“

„Warum nicht jetzt?“

„Einfach.“

„Hm.“

„Zuerst machen wir zwei uns ein paar coole Tage. Und dann wartet auch noch dein Lieblingshüeti Claudia auf dich.“

„’Cool’? Was heisst das?“

„Wir gehen an die Emme. Dort kannst du mit anderen Hundis spielen und durch den Wald rennen und Äste herumschleppen und baden…“

„Vielleicht sind Leute am Picknicken.“

„Wer weiss?“

„Ich finds immer schön, wenn Leute picknicken“.

„Ich kann mir gut vorstellen, wieso.“

„Das sieht immer so gemütlich aus: Männer und Frauen und Kinder sitzen um ein Feuerchen herum, reden, lachen…“

„…als ob das für dich wichtig wäre….“

„…haben viel Fleisch bei sich, und manchmal auch Früchte…“

„Das gehört aber den Menschen.“

„‚Mi Wurst es tu Wurst’, sagt der Mexikaner.“

„Bist du sicher?“

„Klar. Wann ist die Chefin wieder da?“

„Am Montagabend kommt sie zurück.“

„Ganz sicher?“

„Ganz sicher.“

„Nur einmal angenommen, sie käme erst am Dienstagmorgen: Wüsstest du, wo man Futter für mich kaufen kann?“

„Natürlich.“

„Ich höre…“

„….also gut: Im Hort, bei deinem Freund Hori, dem Metzger, bei Ueli, deinem Züchter, in der Landi, im Coop, im “Fressnapf”, bei Qualipet… “

„…sehr gut. Aber schreibs dir sicherheithalber trotzdem noch auf. Gibts in Prag Fleisch?“

„Logisch.“

„Vielleicht ist die Chefin deshalb dort, wägem Fleisch.“

„Nach Prag fliegt man wegen anderen Sachen.“

„Zum Beispiel?“

„Dem Fluss. Den Brücken. Den schöne, alten Häusern. Den netten Beizchen. Dem Schloss…“

„…eben: Prag ist tupfgenau das gleiche wie Burgdorf, nur mit mehr Tschechen.“

„Richtig.“

„Dann hätte sie geradesogut bei uns bleiben können.“

„Stimmt.“

„Dann wärst du nicht so einsam und traurig.“

„Ich mag es unserem Fraueli von Herzen gönnen, dass sie jetzt für ein paar Tage weg vom Züüg kommt und sich entspannen kann. Ich bin nicht traurig. Und ich fühle mich auch nicht einsam.”

„Wieso redest du dann die ganze Zeit mit deinem Hund?“

Hundstage

Coole Sache: Bei 33 Grad im Schatten brauchts “nur” ein grosses Planschbecken – und schon ist unsere Meite das glücklichste Tier der Welt.

(Bild: Claudia D’Ignoti, Hundehort Rudel-Treff, Wynigen)

Haarig, haarig

Nein – ich vermisse meinen kurzferienhalber in Afrika weilenden Schatz kein bisschen…

…merke dafür aber gerade, dass sich das Haupthaar am Hinterkopf chli zu lichten beginnt.