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Category: Heimisches

Full House

Einen tolleren Jahresabschluss hätten wir uns nicht vorstellen können: Dutzende von Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitskolleginnen und kollegen, ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn und weiteren lieben Leuten folgten gestern Abend der Einladung zur Einweihung unseres neuen Daheims.

Gegen Mitternacht hatten sämtliche Schuhe, die beim Eingang deponiert worden waren, wieder eine Besitzerin oder einen Besitzer gefunden. An der Hauswand erinnert nur noch ein knallgelber Knirps an diese wunderschönen Stunden im Kreise von wunderbaren Menschen.

Besuch von gegenüber

“So kalt hatten wir in unseren ganzen Leben noch nie”, sagten Chantals Cousine Niqui Caridad und deren Freundin Tiff Batcheldor, als sie uns neulich besuchten.

Das ist kein Wunder: Wenn zwei Australierinnen Ende November durch Europa reisen, ist ein Temperaturschock programmiert. Cool, wie die beiden nunmal sind, verkrochen sie sich jedoch nicht in der Wärme, sondern fuhren mit uns nach draussen, an die Frostfront.

Am Thunersee und in Interlaken bestaunten sie die Berge (und die unzähligen asiatischen) Touristen. Beim Bummel über den Weihnachtsmarkt in der Strafanstalt Hindelbank wärmten sie sich mit Glühwein wieder auf. Dann war die Zeit in wonderful Switzerland auch schon wieder vorbei: Unsere Gäste flogen weiter nach Madrid, wos den Prognosen zufolge zwei, drei Grad wärmer gewesen sein dürfte.

Glühwein, Gschänkli, Gitterstäbe

Fotografieren war zwar verboten. Aber weils so romantisch aussah, kam ich nicht umhin (schöne Redewendung übrigens, dieses “Nichtumhinkommen”, aber, leider, halt wie noch viele andere schöne Redewendungen vom Aussterben bedroht), das iPhone zu zücken und zu dokumentieren, wie schön die Justizvollzugsanstalt für Frauen in Hindelbank sich auch in diesem Jahr für ihren Weihnachtsmarkt herausgeputzt hatte.

Ganz besonders freute ich mich über den aufstellenden Auftritt des aus Insassinnen gebildeten “Sing out”-Chors (den entsprechenden Artikel aus der BZ gibts hier, aber nur gegen Bezahlung; die Miniinvestition lohnt sich!).

Und über das überraschende Treffen mit einem Mann, der als Mitarbeiter der Südhang-Klinik in Kirchlindach vor bald 15 Jahren einiges dazu beitrug, dass ich um die Glühweinstände an solchen Veranstaltungen einen grossen Bogen machen kann ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.

Trautes Heim, Glück zu Dritt

Für all jene, dies noch nicht wissen: Wir leben seit Neustem an der Pestalozzistrasse 50 in Burgdorf. Von unserer Wohnung und den Nachbarn im alten Markt haben wir uns mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge verabschiedet – im beruhigenden Wissen darum, dass wir ja nicht gleich ans andere Ende der Welt verschwunden sind.

Zwischen dem wunderschönen Gestern und dem fantastischen Heute, Morgen, Übermorgen undsoweiterundsofort liegen nur ein paar hundert Meter.

Frau, Hund und Mann sind nach der Züglete wohlauf. Jetzt freuen wir uns schampar aufs Einrichten unseres neuen Daheims.

Nume nid jufle

Wenn gleich nach der Losfahrt des Busses der Billetkontrolleur kommt: Solange in allen Taschen nach dem Swisspass zu kramen, bis das Ziel erreicht ist, und das Chärtli erst beim Aufstehen zum Aussteigen im Portemonnaie zu „finden“ – das sind die kleinen Freudeli zwischendurch (von denen übrigens auch tatsächlich Schwarzfahrende profitieren können).

After midnight

Der Anruf aus der Schweiz kam eher unerwartet: Ob sie störe oder ob ich ein Minütli Zeit hätte, fragte die Frau, worauf ich sagte, bei uns in Kalifornien sei es zwei Stunden nach Mitternacht und ich hätte geschlafen, von daher…, worauf sie sagte, das tue ihr jetzt aber schön leid, das habe sie nicht gewusst, worauf ich sagte, das habe sie ja nicht wissen können, und meinerseits fragte, worum es denn gehe, worauf sie sagte, um den Oberstadtleist, worauf ich beinahe gesagt hätte, der Oberstadtleist heisse nun schon seit einem geraumen Weilchen nicht mehr Oberstadtleist, sondern Altstadtleist, weil er sich nicht mehr nur um die Oberstadt, sondern auch um das Kornhausquartier kümmere, aber irgendwie schien mir, das spiele in diesem Moment keine so grosse Rolle, weshalb ich nur sagte, sie solle es doch später noch einmal probieren, worauf sie fragte, wann es mir denn am besten passen würde, worauf ich sagte, einfach später; die Schweiz sei Kalifornien um 9 Stunden voraus oder umgekehrt, worauf sie sagte, demfall melde sie sich später wieder, worauf ich sagte, das sei in Ordnung, worauf wir das Gespräch beendeten und ich tätschwach im Bett sass.

Also liess ich einen Kaffee in den Kartonbecher tröpfeln und ging nach draussen, vor unser Motel, um meinen Nikotinhaushalt zu regulieren, und nachdem das erledigt ist, höckle ich jetzt, mit dem Laptop auf dem Schoss, vor unserem Zimmer, und stelle mir vor, was für Leute gegenüber leben, was sie hierhergebracht hat und wohin sie morgen wohl weiterreisen werden, und höre gleichzeitig, wie die Eiswürfelmaschine nebenan alle zehn Sekunden oder so einen Eiswürfel ins Eiswürfelfach fallen lässt, und natürlich weiss ich, dass es momentan noch Sinnvolleres zu tun gäbe, als über wildfremde Menschen nachzudenken und Apparaten zu lauschen, aber etwas Sinnvolleres kommt mir gerade beim besten Willen nicht in den Sinn, und deshalb bleibe ich einfach hier sitzen und warte, bis die Sonne aufgeht und wir in Richtung San Diego losfahren.

Verwelkte Blumen

“If you’re going
to San Francisco
be sure you wear
flowers in your hair.”

Das riet Scott McKenzie all jenen, die 1967 in die Metropole an der kalifornischen Westküste pilgerten, um mit-, über- und untereinander den “Summer of love” zu feiern.

50 Jahre später spielen die echten Hippies in San Francisco kaum noch eine nennenswerte Rolle. Für die Touristen wird ihre Kultur aber künstlich am Leben erhalten.

“Perfekt gestylte, hippe Alibi-Hippies” nennt “Die Welt” mit nur notdürftig kaschierter Verachtung all jene, die 2017 an einem der unzähligen Gedenkanlässe “das 60er-Jahre-Gefühl aufleben lassen wollen, das sie gar nicht kennen.”

Statt Blumen im Haar tragen die Menschen nun Aktenköfferli in den Händen, der Joint wurde durch den Selfiestick ersetzt, die Radiosender spielen Hiphop statt Musik. Es ist alles geregelt und organisiert und sauber und schön; neben einem Basketballfeld mahnt ein Schild: “Drug-free Zone.”

Niemand erweckt auch nur den Anschein, als ob er oder sie sich schon jemals den Gedanken erlaubt hätte, etwas zu tun oder zu sagen, was zwei Millimeter links oder rechts neben der gesellschaftlichen Norm liegen würde.

Zumindest ein hippieähnliches Wesen ist in San Francisco aber noch unterwegs. Wir entdeckten es eher zufällig bei einer Fahrt durch die Stadt: Aus einer Seitenstrasse näherte sich uns ein alter Mann im Rollstuhl. An die Rückseite seines Gefährts hatte der verwitterte Senior, der von seinem Äusseren her jederzeit bei ZZ Top einsteigen könnte, eine Kühlbox montiert und vornedran ein Tischchen, auf dem eine Geldsammelbüchse stand. Rechts von seinem Kopf prangte ein kleines Plakat, auf dem stand, “Fuck Trump”.

Wobei: “Fuck Trump” sagt heute ja jeder.

Hello again, ihr Helden!

Vor 30 Jahren gehörten sie mit Toto, Krokus, Abba (jawoll: Abba), Deep Purple, den Dire Straits und ein paar anderen Bands zu den Helden meiner Jugend. Nun stand ich auf einmal mit Foolhouse auf der Bühne des Theaters Z in Burgdorf.

Unmittelbar davor hatten ich und drei Dutzend Gäste – ihren Besuch angekündigt hatte eine dreistellige Anzahl von Leuten, aber das ist eine andere und alles andere als neue Geschichte – zwei Stunden lang freudig feststellen dürfen, dass die Bluesrock-Haudegen von dem Zauber, den sie damals auf Zigtausende von Fans in ganz Europa ausstrahlten, kaum etwas eingebüsst haben.

Auch wenn die Band um Jüre Reinhard sich zwischenzeitlich aufgelöst hat und später teilweise neu zusammengesetzt wurde, lässt sies immer noch durch die Boxen rocken und rollen und rumpeln, als ob sie sich gerade erst formiert hätte und nun finster entschlossen wäre, die Bühnen der Welt zu stürmen.

Eigentlich waren Peter Urech und ich ja vor Ort, um vor und nach dem Konzert als DJ-Duo Rocknrolldies für Stimmung zu sorgen. Wir merkten jedoch schnell, dass der Abend auch ohne uns tiptopp laufen würde.

Nachdem die letzte Foolhouse-Zugabe verklungen war, bildeten einige der vielen befreundeten Musikerinnen und Musiker, die sich zu dem Gig ihrer Kollegen an der Hohengasse 2 eingefunden hatten, spontan einen Halbkreis, um nach Herzenslust zu jammen.

Peter und ich packten unsere Siebensachen weit vor Mitternacht zusammen und liessen die Freunde miteinander drauflosimprovisieren. Wir wollten nicht stören, sondern zuhören. Den Musikern – und Jüre Reinhard, der uns das eine und andere Müsterchen aus der glorreichen Zeit erzählte, in der Foolhouse mit den Eagles im Studio waren und von ihnen lernten, wie ein richtiger Chorgesang funktioniert. Plus vieles andere mehr.

“Ha eifach öpper welle frage”

“Grüessech. Hie isch (es folgt der Name einer hörbar älteren Dame). Chöit ihr mir säge, wie dä Tierarzt heisst, wo gschtorbe isch?”

“Leider nid, nei. Sind Sie sicher, dass Sie richtig verbunde sind?”

“Wär isch am Telifon?”

“Hofstetter.”

“Ah. Guet.”

“I weiss aber nid, öbi de Richtig bi für Sie. I ha kei Ahnig, wär gschtorbe isch.”

“Macht nüt. I ha eifach öpper welle frage. Dankeschön.”