Stand by me

Samstag wars, am frühen Nachmittag, und in der Fabrik hielt sich ausser uns kein Mensch auf.

“Uns”: Das waren sieben Männer, die ein Langenthaler Traditionsunternehmen besichtigen durften, und der Patron der Firma.

Der Rundgang war beinahe zu Ende. Nun wollte uns der Chef einen Apéro kredenzen. Dafür mussten wir uns in den zweiten Stock begeben.

Natürlich hätten wir die Treppe hochlaufen können. Aber wenn schon ein Lift da war…

Sechs der Herren waren bereits drin, der Verwaltungsratspräsident und ich standen noch davor. Wir überlegten kurz, ob wir auf den nächsten Aufzug warten sollen, kamen dann aber zum Schluss, dass es für zwei Leichtgewichte wie uns sicher noch Platz in dieser Kabine hat, und zwängten uns ebenfalls hinein.

Der Chef drückte auf den Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung, geriet ins Stocken…und blieb quasi in der Luft hängen.

Rücken an Rücken und Bauch an Bauch standen wir in der jetzt plötzlich sehr klein wirkenden Kabine. Sinn des Ausflugs war gewesen, uns kennenzulernen. Dass wir uns dabei so nahe kommen würden, war aber nicht geplant.

Im Lift wurde es erstaunlich schnell warm. Während sich der Spiegel an der Seitenwand beschlug, zogen wir uns ein bisschen aus.

Ganz so einfach war das nicht. Wir merkten, dass das nur funktionierte, wenn abwechselnd fünf Männer noch dichter zusammenrückten und zwei Herren dem dritten halfen, sich der Jacke und des Kittels zu entledigen.

Umständlich kramten einige der Eingeschlossenen ihre Handys aus den Taschen. Der Patron versuchte vergeblich, den Hauswart oder den Elektriker zu erreichen. Daraufhin ergoogelte ein anderer Gefangener die Nummer der Liftherstellerin. Während er der Hotlinedame unsere Lage schilderte, gelang es dem Chef doch noch, sich mit internen Technikern in Verbindung zu setzen. Der Elektriker besuchte gerade jemanden in einem Altersheim, versprach aber, sich subito auf die Socken zu machen. Der Facility Manager war unterwegs. Good News gabs auch aus der Liftfirma: Bald werde ein Monteur vor Ort sein, hiess es.

Als die Notrufe abgesetzt waren, konnten wir nicht mehr viel machen. Also standen uns so höflich wie möglich auf den Füssen herum und plauderten die Zeit tot.

Wir blieben völlig cool, oder ämu so gelassen, wie das unter den gegebenen Umständen halt ging. Gründe zum Hyperventilieren bestanden zumindest in naher Zukunft nicht: Die Luft im Lift würde noch ein ganzes Weilchen ausreichen. Es drückte keine Blase, es grummelte kein Darm. Einer der Eingeschlossenen bemerkte, er fände es schöner, diese Momente mit sieben Frauen statt sieben Männern zu teilen. “Das käme ganz darauf an”, erwiderte ein anderer trocken.

20 Minuten, nachdem wir steckengeblieben waren, hörten wir ein leises Surren. Sekunden später begann sich der Boden unter uns zu bewegen. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung. Die Kabine fuhr nach unten, ins Parterre. Dort kramten wir unsere Kleider, die wir nach dem Ausziehen einfach hatten liegen lassen, zusammen. Wir gingen hinaus, klopften uns dem imaginären Staub von den Schultern, atmeten zwei-, drei- oder vielleicht auch viermal tief durch und spazierten schliesslich, als ob nichts gewesen wäre, in den zweiten Stock, wo wir uns nüssliknabbernd und an Tranksame nippend der wiedergewonnenen Freiheit erfreuten.

Irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch. Natürlich hätten wir über die Treppe zum Ausgang gelangen können.

Andererseits: Der Lift war ja immer noch da.

Draussen vor der Tür

Der Sonntagabendkrimi im Fernsehen hing gerade ein bisschen durch. Also beschlossen wir, kurz nach draussen zu gehen, um unseren Nikotinhaushalt in Ordnung zu bringen. Nachdem wir fertig geraucht hatten, wollten wir zurück aufs Sofa. Aber oha: Irgendetwas an der Terrassentüre hatte sich verklemmt. Der normale Hauseingang war abgeschlossen. Fenster standen keine offen.

Ich griff zum Handy, öffnete die “Search”-App und tippte “Schlüsseldienst” und “Burgdorf” ein. Sekundenbruchteile später ging dieses Fensterchen auf:

Mister Minit betreibt im Migros in der Unterstadt einen Laden. Am Sonntagabend um 22 Uhr arbeitet dort kein Mensch. Weitere lokale Anbieter waren online nicht vermerkt. Der AAMS-Schlüsselservice schien jedoch eine gute Alternative zu sein: Wenn dieses Geschäft in Burgdorf domiziliert ist, würde es nicht ewig dauern, bis wir unser Haus wieder würden betreten können, dachte ich, und rief an.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frau mit osteuropäischen Akzent. Ich schilderte ihr unser Problem und buchstabierte ihr mehrmals, wo wir wohnen. Das machte mich ein bisschen stutzig: Ein in Burgdorf ansässiges Unternehmen müsste von der Pestalozzistrasse doch schon gehört haben?

Andrerseits, überlegte ich mir: Vielleicht arbeitet die Dame erst seit Kurzem in dieser Firma. Möglicherweise planget sie gerade dem Ende ihres langen ersten Wochenenddienstes entgegen und ist mit ihren Gedanken schon ganz woanders.

Jedenfalls versprach sie mir, dass “in maximal 20 bis 40 Minuten” ein Monteur bei uns sein würde, um den Fall zu lösen. Meine Frau, unser Hund und ich setzten uns auf das Bänkli. Wir warteten.

Und warteten.

Und warteten.

Nach einer Weile begann es leicht zu winden. Dann setzte ein Nieselregen ein. Ab und zu sahen wir Scheinwerfer über die Strasse streichen, doch keines der Autos hielt an.

Eine Stunde nach meinem ersten Anruf riss ich die junge Frau erneut aus ihren Schichtende-Träumen. Ich teilte ihr mit, dass wir nach wie vor des Mechanikers harren würden. Die Frau sagte, sorrysorry: Der zuständige Mitarbeiter sei gerade noch an einem anderen Ort beschäftigt, aber schon so gut wie bei uns.

Daraufhin verstrich eine weitere Viertelstunde. Dann meldete sich der Monteur telefonisch. Er sei gleich da, versprach er.

Anderthalb Stunden, nachdem wir unser kleines Missgeschick gemeldet hatten, trudelte er gutgelaunt bei uns ein. Eine weitere halbe Stunde später hatte er meine Identitätskarte geprüft, das Türschloss aufgebohrt, einen neuen Zylinder eingesetzt und uns drei neue Schlüssel ausgehändigt.

Den Lohn für seine Bemühungen kassierte er sofort: 1032 Franken und 40 Rappen wanderten von meiner EC-Karte in sein Lesegerätchen.

240 Franken kostete die Notöffnung der Haustüre, 120 Franken kamen als Spätzuschlag dazu, 240 Franken gabs zusätzlich als Feiertagszuschlag und 150 Franken als Betriebskostenpauschale. Der neue Zylinder kam uns auf 275 Franken zu stehen; für das Knacken des alten Schlosses – das dauerte mit dem Bohrer knapp 30 Sekunden – bezahlten wir ihm gut 50 Franken.

Der Mann war schon über alle Emmentaler Höger verschwunden, als ich mir seine Quittung genauer anschaute. Überrascht stellte ich fest, dass die Firma mit Burgdorf nicht das Geringste zu tun hat:

Ihre Betreiber registrierten sie offenbar einfach in den Telefonbüchern von zig Schweizer Gemeinden. Wer Hilfe braucht, fragt ja selten lange nach, woher sie kommt.

Nachtrag: Wir hätten im März 2018 den “Beobachter” lesen müssen.

Kipp cool

Auf Gran Canaria vereisen die Strassen nur alle paar Schaltjahre und sehr, sehr lokal (oder wenn, wie in diesem Fall, ein Getränke-Lieferwägeli umgefallen ist).

Auf Zeitreise

Als ich Martin Schuppli zum ersten Mal traf, war er mir auf Anhieb sympathisch. Der frühere “Blick”- und “Schweizer Illustrierte”-Redaktor betreibt seit einiger Zeit das sehr lesenswerte Onlineportal “deinadieu.ch“.

Vor ein paar Wochen fragte er mich, ob er sich mit mir über meine Geschichte als Ex-Alkoholiker unterhalten könne. Ich sagte spontan zu. Wenig später trafen wir uns in Burgdorf. Was bei dieser Begegnung herausgekommen ist, kann hier nachgelesen werden.

Für mich hätte sich das Gespräch auch dann gelohnt, wenn Martin es anschliessend nicht journalistisch verwertet hätte: Es war für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit – und in die (hoffentlich noch in sehr weiter Ferne liegende) Zukunft.

Nachtrag, gegen Abend: Dass dieses Interview einen gewissen “Impact” haben würde, war mir klar.

Dass das Echo darauf so viel- und doch einstimmig ausfallen würde, konnte ich aber nicht ahnen.

Kaum war der Beitrag auf Facebook verlinkt, wurde er kommentiert. Von Menschen, die ich kenne. Und von Leuten, die ich vielleicht noch kennenlerne.

Auch auf deinadieu.ch selber gabs Zuspruch:

Dazu kamen (und kommen) Whatsapp-Nachrichten, Anrufe, Mails…es nimmt fast kein Ende.

Sosehr mich all diese Reaktionen freuen, sosehr überrascht mich, dass das Thema “Alkohol” offenbar immer noch mit einer Art “Tabu” belegt ist.

Alleine in der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit 250 000 bis 300 000 Menschen alkoholabhängig. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es in jeder Familie mindestens einen Menschen gibt, der zuviel trinkt. So betrachtet, unterscheidet sich diese Krankheit in nichts von einem Beinbruch, einem Rückenleiden oder einem Herzinfarkt.

Und doch: Während die Leute in der Regel mit grösster Selbstverständlichkeit über ihre Beinbrüche, Rückenleiden oder Herzinfarkte reden, fassen sie das Thema “Alkohol” – wenn überhaupt – nur mit spitzen Fingern an. Das betrifft irgendwie immer nur die anderen.

Wenn die Gesellschaft lernen würde, genauso entspannt über Alkmissbrauch zu sprechen wie über zig andere Krankheiten auch, wäre, denke ich, allen geholfen.

Ende Feuer

Wir wissen nicht, in wessen Stube du im letzten Dezember standest, und wir staunten nicht schlecht, als du eines Januarmorgens in unserem Garten lagst.

Jetzt, lieber Christbaum, wurde es time to say good-bye. Auf deine trockene Art hast du dein Schicksal klaglos akzeptiert und gingst fast so schnell von uns, wie du gekommen warst.

Nachtdienst in der Vorhölle

In Burgdorf war Solätte, wieder einmal, aber heuer gabs neben all der Routine, die dieses Riesenfest prägt (Blumenchränzli, weisse Röckli, farbenprächtige Umzüge…) etwas Neues: Erstmals mussten die Wirte das Abfallkonzept umsetzen, zu dem der Stadtrat vor zwei Jahren trotz lauten Murrens aus Gastro- und Veranstalterkreisen ja gesagt hatte.

Für die Beizer hiess das: Getränke werden nur noch gegen ein Depot in Mehrwegbehältern ausgeschenkt. So wird “die Qualität eines Festes” nach Ansicht der Weisen im Rathaus “gleich doppelt” gesteigert: “Essen und Trinken werden aufgewertet und der Veranstaltungsort bleibt sauberer und damit attraktiver. Die Festbesucher fühlen sich dadurch erwiesenermassen wohler”, heisst es auf der Website der Stadt.

Ein Lokalbetreiber sagte mir schon Wochen vor der Solätte, dass er für das Handling dieser Challenge einen Chief Executive Officer suche. Eine solche Person zu finden, sei alles anders als einfach, klagte er: Sie müsse über ein Höchstmass an sozialer Kompetenz und ein Maximum an kaufmännischem Know-how verfügen und darüberhinaus auf den ersten Blick gerichtsfest beurteilen können, ob ein Becher mit einem dicken, schwarzen Rand verziert ist oder nicht. Nur, falls Ersteres zutreffe, handle es sich um ein retournierbares Trinkgefäss aus seinen Beständen. Andernfalls sei der Kunde freundlich darauf hinzuweisen, er soll seinen Kram woanders loszuwerden versuchen.

Weil ich am Solätte-Abend sowieso nichts Dümmeres vorhatte, versprach ich meinem Kumpel, die offene Temporärstelle zu besetzen.

So sass ich dann an diesem Montagabend vor einem langen Holztisch. Darauf stand das Kässeli mit 420 Franken Stock. Hinten links tummelten sich, unbeschwert plappernd, die Gäste der Beiz, für die ich im Einsatz stand. Wenige Meter neben ihnen war vor einem Club jemand damit beschäftigt, ein DJ-Pult einzurichten.

“Schön”, dachte ich. “Ein bisschen Hintergrundblues oder Sommersonnesandstrandchillsound passt sicher wunderbar zu diesem prächtigen Abend.”

Als ich meinen Dienst antrat, wars in der Oberstadt noch recht ruhig. Zwar bummelten ununterbrochen Menschen an mir vorbei, doch überbeschäftigt war ich nicht. Denn bevor die Becher zurückgegeben werden können, müssen sie ja erst einmal gefüllt und geleert sein und dann gleich noch einmal gefüllt und erneut geleert undsoweiterundsofort.

Ich nutzte die freie Zeit, um mich bei Wirtsleuten in der Nachbarschaft danach zu erkundigen, wie sie die Mehrwegregel umzusetzen gedenken; bei meiner Premiere wollte ich möglichst nichts falschmachen. Auf drei identische Fragen erhielt ich drei verschiedene Antworten.

Kaum hatte ich wieder an meinem Tisch Platz genommen, brach etwas los, was mit “Inferno” nur unzulänglich beschrieben wäre. Es tönte wie damals, als ich im Traum mit den US-Truppen in Bagdad unterwegs gewesen war: Ein ohrenbetäubendes Rummsen und Chlöpfen und Tätschen und Pfeifen und Heulen toste durch die historischen Gemäuer und fegte alles weg, was an Gesprächsfetzen eben noch munter durch die Luft geschwebt war.

Bis dahin war es mir problemlos möglich gewesen, mit meinen sich auf einmal wie die Doppeladlerexperten vermehrenden Kundinnen und Kunden einen Schwatz zu halten, bevor sie mir ihre Becher aushändigten und ich ihnen einen Zweifränkler. Jetzt konnte ich nur noch ihrer Mimik entnehmen, dass sie mich fragten, ob sie das und das abgeben dürften.

Weiter vorne brüllten sich ehemalige Schulkollegen, die sich vielleicht gerade zum ersten Mal seit zehn Jahren wiedersahen, an, als ob sie seit der Abschlussfeier nur darauf gewartet hätten, mit ihrem Ex-Gspändli was auch immer endlich z Grächtem z Bode zu reden. Liebespaare erstarrten mitten im Gefummel. Senioren liessen ihre Rollatoren stehen und flüchteten, die gichtverkrümmten Finger fest ineinander verschlungen, in Richtung Bahnhof.

Ich aktivierte die Dezibelmess-App auf meinem Handy und las: 109. Ein Dezibel mehr, und die Schmerzgrenze wäre auch nach wissenschaftlichen Kriterien erreicht gewesen. 110 Dezibel entsprechen dem Lärm einer Kreissäge oder eines Presslufthammers.

Nach einer Stunde begann ich zu ahnen, dass trotz meines Hoffens und Betens nie jemand des Wegs kommen würde, um die offensichtlich im- oder explodierten Lautsprecher vor dem Club zu flicken. Die Frau am Mischpult schien der Höllenkrach nicht im Geringsten zu stören, ganz im Gegenteil: Verzückt lächelnd sorgte sie dafür, dass die House-Orgie nicht auch nur für eine Millisekunde ruhte.

Also fügte ich mich in mein Schicksal und konzentrierte mich auf meinen Job. Dafür wurde ich ja schliesslich nicht bezahlt.

Im Laufe des Abends fiel mir auf, dass der Anteil der Menschen, die an so einem Anlass ungebremst in eine Tischkante stolpern, erstaunlich hoch ist. Und dass einen gestandene Männer als besten Freund betrachten, sobald sie zum dritten Mal einen leeren Becher vor einen hingestellt haben. Bei jenen Leuten, die sich tief zu mir herunterbeugten in der vergeblichen Hoffnung darauf, ich würde dann verstehen, was sie sagen, konnte ich bald wettendasskompatibel am Mundgeruch erkennen, was sie soeben konsumiert hatten. An den Lippen einer jungen Frau las ich ab, dass sie wissen wollte, wieviel der Eintritt koste (Eintritt? Hier? Bei der Mehrweggebinderückgabestelle?). Ein Mann krächzte mir solange “Onigg! Onigg!” ins Ohr, bis mir dämmerte, dass er wohl einen Gin Tonic bestellen möchte.

Darüberhinaus stellte ich fest, dass unzählige Gäste mit Billigbierbüchsen und Wodkaflaschen aus dem nächstbesten Tankstellenshop über das Gelände schlenderten und schwankten und nicht, wie von “der Stadt” vorgesehen, mit Recyclingutensilien bewehrt.

Die Box, in die ich das zurückgebrachte Geschirr warf, war bei meinem Abgang kurz vor Mitternacht nicht einmal ganz voll.

Aber die Festbesucher fühlten sich an diesem attraktiven Veranstaltungsort bestimmt auch so vögeliwohl.