Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

“Probably the best Hamburgers on the island” gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar “Unique” gegenüber “meinem” Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
“Der Südländer”, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: “der Schweizer”. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Ein Abend mit Fleisch am Knochen

Fägige Musik, flotte Leute und Fleisch bis gnue: Am Samstag, 12. Mai, lassen mein Mit-Rocknrolldie Peter Urech und ich wieder einmal eine Sause unter den „Metzgere“-Lauben in der Burgdorfer Oberstadt steigen. Am Grill legt erneut Markus Chalilow auf. Der Eintritt ist gratis.

Weltwunder und Wunderwelten

“In die USA wollt ihr? Ernsthaft?” – So und ähnlich lauteten Kommentare im Freundeskreis, nachdem ich bekanntgegeben hatte, dass wir ab dem 22. September drei Wochen lang in den Vereinigten Staaten unterwegs sein würden.

Vor 12 Monaten hätten unsere Reisepläne noch zu keinerlei Bedenken Anlass gegeben. Aber damals war noch Barack Obama Präsident. Inzwischen hat das Land einen neuen Commander in Chief – und mit ihm ein stetig wachsendes Imageproblem. Einreiseverbote für Einwohner arabischer Staaten, Rassismusvorwürfe, Bestechungsverdächtigungen, tollpatschige Aufritte, ein Ego so gross wie Disneyland undsoweiterundsofort: Trump liess in den ersten Monaten seiner Amtszeit nichts aus, um sich und seine Nation rund um den Globus in Misskredit zu bringen.

An unseren Ferienplänen konnte all das nichts ändern. Schliesslich wollten wir in erster Linie das Land und in ihm lebende Leute kennenlernen und erst in peripherer Priorität deren Chef. Dass Trump uns am Ende doch noch näher kam, als wir je erwartet hätten, war, buchstäblich, auf Gewalt von sehr viel höher zurückzuführen.

“Wir”: Das sind Monique und Josy und mein Schatz und ich. Mit dem Ehepaar aus der Zentralschweiz sind wir seit Jahren befreundet; die beiden kennen den Westen der USA wie ihre – eben: – Westentasche und waren für uns nicht nur, aber auch deshalb die perfekten Begleiter.

Los ging unser Trip in San Francisco. In der einstigen Hippie-Metropole fuhren wir mit dem Cable Car, kurvten wir süüferli die rankreichste Strasse der Welt hinunter und bestaunten wir die Golden Gate Bridge:

Auch den Sea-lebrities im Hafen sagten wir selbstverständlich Hallo:

Dann fuhren wir südwärts. Bei einem Zwischenstopp in Santa Cruz hatten wir das seltene Vergnügen, einem freilebenden Seelöwen beim Verputzen einer Portion Muscheln zuschauen zu dürfen:

In einem Motel in Paso Robles bekamen wir ein erstes von vielen noch folgenden Beispielen dafür geliefert, wie selbst Kleinunternehmen sich mit Warnungen, die an Absurdität kaum zu toppen sind, gegen allfällige Millionen-Schadensersatzklagen abzusichern versuchen:

Am nächsten Tag erreichten wir – gesund und munter – Santa Monica. Besonders beeindruckt hat uns in diesem Rückzugsort für Promis der Pier. Er bildet den Endpunkt der Route 66 und war auch in “Forrest Gump” zu sehen.

24 Stunden später fühlten wir uns in Oceanview ein bisschen wie am Burgdorfer Nachtmarkt:

Dass in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt (und nicht mehr alles glänzt, was einst mit Gold veredelt wurde), war mir klar. Doch dass der Walk of Fame mit seinen über 2500 Star-Sternen dermassen schmuddelig unglamourös wirken würde, hatte ich trotzdem nicht erwartet.

Dafür wäre mir vor lauter Freude beinahe das Augenwasser gekommen, als wir am Hauptsitz von Capitol Records vorbeikamen und am “Troubadour” (wer da nicht schon alles aufgetreten ist!) und an weiteren Plätzen, an denen unzählige wunderschöne Kapitel der Blues- und Rockgeschichte geschrieben wurden.

Noch am selben Tag liessen wir die Smogglocke von Los Angeles hinter uns. In der Nähe der mexikanischen Grenze, in Escondido, fanden wir Obdach. Dort stiess für ein Nachtessen Moniques Ex-Schwägerin aus dem Grossraum Los Angeles zu uns.

In Sachen “Distanzen” ticken die Amerikaner ähnlich wie die Australier: Eine mehrständige Autofahrt ist für sie sowenig der Rede wert wie für uns ein Ausflug von Burgdorf nach Oberburg.

In der ersten Nacht in Escondido kam es vor unseren Motelzimmertüren zu wüsten Szenen. Original echte Eingeborene lange vor Sonnenaufgang mit voll aufgedrehten Lautsprechern in einem fort “Motherfucker!” brüllen zu hören: Das kann man – mit einem Minimum an gutem Willen – allerdings auch als soziokulturelle Erfahrung verbuchen, die zu machen nicht jedem Temporärbewohner des Home of the brave vergönnt sein dürfte.

Wir geben bei dieser Gelegenheit kurz ab in die Musikredaktion:

Ungleich gesitteter – um nicht zu sagen: beschaulicher – als in Escondido ging es in San Diego zu und her. Auf feinsäuberlich gepützelten Trottoirs flanierten finanziell und auch sonst gut gepolsterte Erwachsene der Pazifikküste entlang, während sich überaus artig aufführende Teenager auf Rollbrettern vergnügten. Die Coolness in….äh…Person war jedoch jener Pfundskerl, der es sich vor der Basis der Kriegsmarine auf einer Boje gemütlich gemacht hatte (und, jede Wette, noch immer daliegt).

Mit einem stundenlangen Rundgang durch den parkähnlichen


Zoo

und einem Bummel durch die westernmässig gestylte Oldtown rundeten wir unser Gastspiel in der zweitgrössten kalifornischen Stadt ab, um durch eine fast unnatürlich schöne Landschaft nach Palm Springs zu cruisen.

Dort verbrachten wir zwei Tage und drei Nächte, rissen dabei aber weder Palmen noch andere Bäume aus. Dolce far niente am Pool war angesagt; und chli Lädele.

In Julian besuchten wir anschliessend Freunde von Monique und Josy, genossen einen wunderschönen Abend in einem ebensolchen Anwesen und erhielten zubester Letzt, nach dem Lichterlöschen im Garten, auch noch Besuch von einer putzigen Waschbärenfamilie.

Nur für den Fall, dass es mal jemand pressant haben sollte und beim Geschäften aller Eile zum Trotz Wert auf Stil legt: In “Granny’s Kitchen”, einem schmucken Beizli im Zentrum von Julian, gibts das pittoreskste Abörtchen zäntume

und dazu (oder amänd besser: danach) ein super Zmorge:

Überhaupt: Am Essen hatten wir in der ganzen Zeit fast nicht das Geringste auszusetzen. Einziger Schwachpunkt war ein velyvely spicy Fondue Chinoise bei einem Allyoucaneatasiaten in San Francisco. Doch in von wohligem Magenknurren begleitetem Gedenken an all die höchstens einmalig brennenden Köstlichkeiten, welche uns in zig anderen Lokalen aufgetischt wurden, haken wir diese kulinarische Grenzerfahrung mit buddhistischem Grossmut als nie gemacht ab.

Von Julian aus zogen wir sozusagen fast im Frühtau zu Berge, an den


Big Bear Lake.

Zurück in der Ebene, legten wir in Needles einen Schlafstopp ein. Was es über Needles zu sagen gibt, ist in einem Diner an der Einfahrt zum Highway notiert, der aus der Stadt hinausführt:

Wenig später standen wir vor etwas vom Gigantischsten, was die Natur je erschaffen hat: Dem Grand Canyon. Mir (oder, wie ich vermute: uns allen) fehlen heute noch die Worte, um zu beschreiben, wie dieses Weltwunder auf uns wirkte.

Ehrfürchtig starrten wir in die Abgründe der Schlucht und an ihre majestätischen Wände und versuchten vergeblich, das Unermessliche zumindest halbwegs ermessen zu können. Nur schon der Gedanke daran, dass dieser Megagigagraben schon Ewigkeiten vor dem ersten Menschen da war und auch noch da sein wird, wenn alles Leben von diesem Planeten verschwunden sein wird, ist zu mächtig, um zu Ende gedacht werden zu können.

Gegen Abend trudelten wir, vom soeben Erlebten immer noch leicht belämmert, in Williams ein. Dieser Ort lebt primär von seinem Anschluss an die legendenumwobene Route 66, hat aber auch musikalisch einiges zu bieten – jedenfalls, wenn John Carpino in town ist:

Und dann…dann waren wir in Las Vegas.

“Caesar’s Palace”, “The Venetian”, “Luxor”, “Treasure Island”, “Planet Hollywood”, “Golden Nugget”…: Ein Casino reiht sich ans nächste. Im Zockerparadies am und um den Strip leuchtets und blinkts und machts ununterbrochen.

Rund um die Uhr herrscht in den Häusern, vor denen The Animals schon vor einem halben Jahrhundert warnten, Hochbetrieb, wobei: Uhren sind in Las Vegas so gut wie keine zu sehen. Wer in Sin City spielt, braucht nicht zu wissen, wie spät es im eigentlichen und im übertragenen Sinn ist.

Als wären sie ferngesteuerte Roboter, schieben zombiebleiche Wesen apathisch Geld in die Schlitze der Maschinen und über die grünen Flächen der Poker- und Blackjacktische. Kurzberockte Damen versorgen sie künstlich lächelnd mit Gratisgetränken. Was dem Römer das Brot und die Spiele waren, sind dem Vegas-Junkie der Gin Tonic und ein Kasten mit den Kiss-Fratzen oder sonst etwas drauf.

Andere gamblen zum Vergnügen. Sie betreten das Casino mit einer bestimmten Summe, und selbst wenn ihr Geld sich auf wundersame Weise vermehrt, hören sie irgendwann auf. Falls sie verlieren, zucken sie mit den Schultern und gehen zu Bett. Von ihren verlebten Mitspielerinnen und -spielern unterscheiden sie sich auch dadurch, dass sie ihre Umwelt wahrnehmen. Sie reden miteinander. Manchmal lachen sie sogar.

Zum Abschluss unserer Westcoast-Tournee besichtigten wir den Red Rock Canyon. Eine halbe Autofahrstunde von der Stadt entfernt erstreckt sich auf über 300 Quadratkilometern eine faszinierende Landschaft aus Kalksteinbergen und versteinerten Dünen, die vor 400 Millionen Jahren aus einem Meeresbett hervorgegangen waren.

Wegen dieses Ausflugs verpassten wir leider, leider den Auftritt von US-Präsident Donald Trump, der sich heute – drei Tage nach dem “Mandalay”-Massaker; vermutlich hatte er vorher noch Dringenderes zu erledigen – nach Las Vegas bemühte, um mit Überlebenden des Massenmordes zu sprechen, den ein gewisser Stephen Paddock am Sonntag verübt hatte. Bei dem Attentat starben mindestens 59 Menschen, über 500 wurden verletzt.

Wir hatten das Gebiet, das Paddock aus dem 33. Stock des Hotels unter Seriefeuer nahm, nur Minuten vor der Schiesserei passiert.

Das wäre, eigentlich, ein guter Grund, um einmal tiefgehend über die Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen, Zufälle im Besonderen und Vorbestimmungen im Speziellen nachzudenken.

Im Wissen darum, dass diese Entscheidung nur von einer vernachlässigbar kleinen Anzahl von Psychologen spontan gutgeheissen würde, habe ich für mich aber beschlossen, die “Mandalay”-Tragödie in einer Welt zu verorten, mit der ich nichts zu tun haben will.

Und die sich weit, weit weg von dem fantastischen Riesenstück Land befindet, das wir mit und dank Monique und Josy nun kennenlernen durften.

Ess geht auch so

Als glühender Anhänger des Weight Watchers-Prinzips flog ich mit dem Vorsatz in die USA, beim Essen dort jedes Erbsli zu zählen.

Kaum waren wir in San Francisco gelandet, musste ich allerdings leicht verdrossen feststellen, dass Erbsen eher nicht zu den dominierenden Elementen amerikanischer Speisekarten gehören.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als auf andere Naturprodukte auszuweichen.

Auf Eier von glücklichen Hühnern zum Beispiel

oder auf Fleisch von Rindern, die nie einen Stall von innen gesehen und nur wenige Stunden zuvor noch auf endlosen Wiesen gegrast haben

oder auf Kartoffeln aus sonnenlichtdurchtränkten Äckern, und auf Käse aus quietschfidelen Kühen aus dem Land we call the home of the brave

sowie – als kleine Sünde zwischendurch – auf frische Früchte:

Inzwischen, nach knapp zwei Wochen, habe ich mich mit der Ernähungsumstellung arrangiert und gelernt: Es brauchen wirklich nicht ständig Erbsen zu sein.

Was immer ich auf unserer Reise zu mir nehme, ist zwar bio durch und durch, schmeckt aber trotzdem hervorragend und sättigt erst noch nachhaltig.

Herzkranzgefäss, was willst du mehr?

In der Stammbeiz

Eigentlich ist es unserer Meite ja überall wohl, wo Menschen sind, oder Tiere (ausser Ziegen, Schweinen und Kühen; die sind ihr irgendwie einfach nicht geheuer).

Ganz besonders heimisch fühlt sie sich aber in der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt.

Das liegt einerseits sicher daran, dass sie in ihrer Stammbeiz von sämtlichen Gästen Streicheleinheiten à Gogo bekommt. Möglicherweise hat das aber auch damit zu tun, dass Nussstängeli, Chips und andere Leckereien verblüffend oft genau dann zu Boden fallen, wenn sie anwesend ist.

S Weggli und de Batze

Die Rocknrolldies ziehts nach draussen: Am 10. Juni sorgen wir unter den Lauben vor der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt für Stimmung.

Los gehts um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Für Hungrige gibts Fleisch vom Grill.

Freundliches Völkchen

Christiansfeld, Nyborg, Stockholm: Seit vier Tagen reisen wir durch Dänemark. Wir sahen pittoreske Dörfer, wunderschöne Landschaften und die liebevoll herausgeputzte Hauptstadt mit ihrem kunterbunten Hauptbahnhof (siehe Bild oben).

Doch was uns bisher mindestens ebenso beeindruckte, war die Gastfreundschaft der Einheimischen: So viele nette Menschen habe ich in so kurzer Zeit glaub noch nirgendwo getroffen (ausser in Australien, aber das ist, irgendwie, etwas anderes).

Im Moment sitze ich an der Bar neben der Rezeption des Mercure Hotels im Zentrum von Kopenhagen. Es ist vier Uhr am Morgen. Die Empfangsdame erledigt in einem kleinen Büro nebenan Papierkram.

Ausser uns beiden ist niemand da. Ich hätte gerne einen Kaffee, aber das Restaurant ist noch geschlossen und die Maschine an der Bar leer. Als die Mitarbeiterin den Kopf aus ihren Kabäuschen streckt, frage ich sie, ob es wohl möglich sei, einen…

…ich kann den Satz nicht beenden, als sie schon fragt, ob sie die Kafimaschine anwerfen soll. Ihr sei auch gerade nach einer Tasse schwarzen Gebräus, und wenn sie schon für sich eine zubereite, könne sie mir ja auch gleich eine servieren. Bis die Maschine laufe, dauere es allerdings eine Viertelstunde, fügt sie fast entschuldigend an. Dann macht sie sich ans Werk. Zehn Minuten später steht das Kafi vor mir.

Während ich daran nippe, frage ich mich, ob ein Tourist in einem Schweizer Hotel mit seinem Anliegen um diese Uhrzeit wohl ähnlich viel Glück hätte.

Ähnliche Überlegungen schossen mir schon in Nyborg durch den Kopf, als eine Campingbetreiberin uns ohne Umstände erlaubte, uns in einem Bungalow einzuquartieren, obwohl der Platz noch geschlossen war. Oder gestern, als ein Verkäufer an einem Hot Dog-Stand unserer Meite nicht nur eine Wurst anbot, sondern das Fleisch auch noch in hundeschnauzekompatible Portionen zerstückelte. Darüberhinaus spendierte er der vom vielen Laufen ermatteten Tess eine Flasche Mineralwasser.

Zwei Stunden später erkundigte sich der Kellner in einem bis auf den letzten Platz besetzten Lokal in der Innenstadt, ob The Dog vielleicht den Knochen eines T Bone-Steaks haben möchte. Kaum hatten wir freudig überrascht bejaht, eilte der Mann in die Küche. Wenig später stand er wieder vor uns. T Bone-Knochen seien gerade keine vorrätig, teilte er uns mit, und offerierte The Dog stattdessen einen Napf voller Lammreste.

“We are red, we are white – we are Danish dynamite!”: Mit diesem Schlachtruf zog die Dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 in die Europameisterschaft, zu der sie kürzestfristig als Ersatz für die wegen des Krieges in ihrer Heimat verhinderten Kicker aus Jugoslawien aufgeboten worden war. Einige Dänen reisten direkt aus ihren Ferien an die EM.

In der Nacht des 26. Juni sorgten Peter Schmeichel, Henrik Larsen, Kim Christofte, Flemming Povlsen, Brian Laudrup und ihre Freunde im Göteborger Ullevi-Stadion für eine der grössten Sensationen der Sportgeschichte: Im Finale besiegten sie den amtierenden Weltmeister Deutschland mit 2:0.

Schon damals nahm die Welt Kenntnis von einem Völkchen, das Ernsthaftigkeit und Pflichbewusstsein scheinbar mühelos mit Lebensfreude und Offenheit zu paaren versteht. Der Chlapf, mit dem dieses sympathische Gemisch damals explodierte, hallt noch heute nach.

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit: