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Kategorie: Kulturelles

Fremde Freunde

Unser Auto rumpelte über die Wiese neben dem Festplatz, und nachdem wir ausgestiegen und über das Areal geschlendert waren, stellten wir fest, dass wir – ausser dem Gastgeber – niemanden kannten, aber das machte nichts; die Leute waren uns durchs Band weg auf Anhieb sympathisch, und so setzten wir uns einfach mit einem Paar aus dem Berner Oberland und einer Frau aus Winterthur an einen langen Tisch und plauderten miteinander, als ob wir schon zigmal getroffen hätten, und verputzten dazu Fleisch vom Grill und Hörnli- und Härdöpfusalat, und als es dunkel geworden war, leuchteten die Lampions wie runde Sterne an den Bäumen, und dann gabs Livemusik, und als wir uns in dieser letzten Sommernacht des Jahres auf den Heimweg machten, wussten wir: diese Feier wird noch sehr lange weitergehen, und tatsächlich: am nächsten Tag schrieb uns der Mann, der uns eingeladen hatte, dass sich die Festivitäten zum 10-jährigen Bestehen seiner Bluesharp-Schule bis um 5 Uhr hingezogen hätten, und dass er nun leicht übermüdet, aber rundum glücklich, auf „einen der schönsten Abende meines Lebens“ zurückblicken dürfe.

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Ruhe bitte

Verkehrslärm, Gespräche, Klingeltöne, Kirchengeläute, Kuhglocken, Tastaturgeklapper, Musik…: Wir sind ununterbrochen von Geräuschen umgeben.

Wie sich Stille anfühlt, wissen wir nicht mehr. Das Museum für Kommunikation in Bern bietet noch bis am 7. Juli die Gelegenheit, dieses Nichts in unterschiedlichsten Formen zu erleben.

Mich hat die Ausstellung „Sounds of Silence“ tief beeindruckt. Ich empfand sie als Spaziergang durch eine Welt, die mir – ohne, dass ich das bemerkt hatte – längst fremdgeworden ist. Und merkte, dass Stille etwas Wunderschönes sein kann, aber auch irritiert. Bisweilen tut sie fast weh.

So oder so: Stille macht etwas mit einem. Sie lässt einen innehalten, nachdenken und, manchmal, einfach nur das Da-Sein geniessen.

„Sounds of Silence“ ist jeweils von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Infos gibts hier.



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„Gitarrensaiten auf Kettensägen“

„Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.“

(Bob Dylan in „The times they are a-changin‘„)

Eigentlich hatte ich im „Zeit„-Archiv nach etwas ganz anderem gesucht. Doch dann stolperte ich über einen Artikel aus dem Jahr 1981. Dessen Autor beschäftigte sich mit der Frage, ob es Bruce Springsteen – der in den USA schon damals eine ziemlich grosse Nummer war – wohl gelingen würde, auch in Europa Fuss zu fassen.

Mit dem Wissen von heute zu lesen, was Kritiker gestern und vorgestern notierten: Das ist nicht nur hochinteressant, sondern bisweilen auch sehr erheiternd, wie ich gleich nach meinem Springsteen-Fund auf einem spontanen Bummel durch die Online-Bibliothek der deutschen Wochenzeitung feststellen durfte:

„Die fünf ‚Rollenden Steine‘ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den ‚Beatles‘, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.“

(Über ein Rolling Stones-Konzert im September 1965.)

„Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt ‚Live And Let Die‘, das alte James-Bond-Lied. Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und dass der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er ‚White Horses‘ von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermass, die Attitüden des Punk –, als müssten sie zeigen, was jeder weiss: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da.“

(Über einen Auftritt der gefährlichsten Rockband der Welt im Juni 1992.)

„Wenn Michael Jacksons Falsettstimme durch seine oftmals banalen Nonsensverse winselt, sich in Murmeln, Stöhnen und Schluckauflauten verliert, mit schweren Atmern den polyrhythmischen Background-Effekten voranhaspelt und schliesslich schwermütig wispernd oder mit pubertären Kieksern wartet, bis die Musik ihn wieder eingeholt hat, dann vereinigen sich Unschuld und ausgekochter Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation zu einer explosiven Mixtur. Gegen Jacksons androgyne Sinnlichkeit wirkt Elvis’ lasziver Hüftschwung wie das Kokeln eines Köhlerofens gegen einen schmelzenden Reaktor. Aber: eine radioerotische Verseuchung tritt nie ein, denn Michaels Sinnlichkeit glüht hinter Panzerglas, seine Erotik ist nur auf Mikrochips aufgedampftes Image.“

(Über den „Pop-Held der Computerzeit“ im April 1984.)

„Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen ‚Squeeze-mylemon‘ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.“

(Über ein Led-Zeppelin-Konzert im März 1973 unter dem Titel „Niedergang einer der besten Rock-Gruppen“.)

„Draussen ist es kalt, drinnen ist Fernsehen. Ab 23.15 Uhr ‚Rock-Pop‘. Eine dieser endlosen Rocknächte, Live aus Dortmund, Westfalenhalle. Angesagt ist: ‚Heavy metal‘. Das ist die Richtung der Stahlhärtesten unter den Rockmusikern. ‚Iron Maiden‘, Burschen aus England. Gegen diese eisernen Jungfrauen klingt ‚Supertramp‘ wie Fahrstuhlmusik. Die ‚Scorpions‘ spielen. Nun ja ’spielen‘. Einer Gitarre schrille Töne zu entreissen oder sie in Stücke zu hauen – dazwischen ist nur ein schmaler Grat. Was da aus dem Kanal kommt, ist ganz normaler ‚Heavy metal‘-Sound. In der Sprache der ‚Heavy metal‘-Fans ein ‚tierisch guter Sound‘. Ganz normal. Normal für den, der’s mag. Grauenhafter, widerlicher Lärm für den, der’s nicht mag.“

(Aus einer Betrachtung zum Thema „Heavy Rock – eine Kraft, eine Wut, eine Aggression, die unvorstellbar ist für den, der es nicht erlebt hat“.)

„Was die Beatles in ‚Sergeant Pepper‘ in braver Harmlosigkeit versuchten, zeigt dieses Quartett (Syd Barnett, Roger Waters, Rick Wright, Nicky Mason, inzwischen ein ‚Tip‘) gekonnt: die musikalische Collage. Die Trickvielfalt beweist: die Leute haben Phantasie.“

(Über „The piper at the gates of dawn“ von Pink Floyd im November 1967.)

„Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger… er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.“

(Über Prince im August 1986.)

„Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bisschen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:’Bück dich befehl ich dir. Wende dein Antlitz ab von mir. Dein Gesicht ist mir egal. Bück dich.'“.

(Über Rammsteins „Musik aus der Folterkammer“ im November 1997)

„Manche der neuen Amateurkapellen sind jenseits des nächsten grösseren Weihers so gut wie unbekannt, andere brachten binnen Jahresfrist mehr als eine Million LPs an die Käufer.“

(Über die Neue Deutsche Welle im Juli 1982)

„Miles Davis musste sich nicht erst aus dem Rinnstein erheben, der für so viele schwarze US-Bürger die eigentliche Wiege ist. Als Sohn einer gutsituierten, konservativen, über Besitz verfügenden Klasse, die sich gelegentlich weisser gibt als die Rednecks, war er eher ein unruhiges Bürschchen, das sich so schnell wie möglich der Neger-Bourgeoisie entziehen wollte. Raus aus den Häkeldeckchen, weg von Mum and Dad, zum Teufel mit dem Truthahn beim Thanksgiving Day, rein ins kalte Wasser.“

(Zum 60. Geburtstag des „tätigen Jazz-Vulkans“ im Mai 1986.)

„Als er die ersten Gitarrenakkorde zu ‚Roll Over Beethoven‘ anstimmte, jubelte das Publikum, als stünden dort oben gleichzeitig Bob Dylan, Eric Clapton und John Lennon. Und als er dann während des improvisierten Zwischenspiels bei ‚Let It Rock‘, der zweiten Nummer des Konzerts, zu seinem berühmten ‚Entengang‘ (‚Duck Walk‘) quer über die Bühne ansetzte, sprangen die Besucher wie elektrisiert auf, um den spektakulären Show-Trick zu sehen, über den sie immer nur gelesen hatten.“

(Über ein Konzert des „absoluten Rock-Idols“ Chuck Berry im Februar 1973.)

„Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien.“

(Aus einer Abhandlung zum Thema „Reggae“ im Mai 1979.)

„Bob Dylan bringt eine Band von acht Musikern mit, dazu drei Go go-Girls, die hüftenschwingend die Harmonien summen. Das ist schon recht eklig und eine Provokation nicht nur für Feministinnen, aber derlei scheint heute zum Ritual zu gehören.“

(Über „ein Rock-Idol und seine Kritiker“ im Juni 1978.)

„Ob Bruce Springsteen dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch ausserhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.“

(Über den „Mann, der den Rock’n’Roll retten soll“ im April 1981.)

„The Beatles (die Käfer) sind vier Jünglinge von normalem menschlichem Wuchs, aber ungewöhnlichem Haarschnitt. Drei von ihnen schlagen die Gitarre, einer bedient das Schlagzeug, alle vier singen.“

Über die „Top-Stars von den britischen Inseln“ im Februar 1964.

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Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

„Probably the best Hamburgers on the island“ gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar „Unique“ gegenüber „meinem“ Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
„Der Südländer“, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: „der Schweizer“. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

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Einmal und nie wieder

An alle, die an den Openairs landauf und -ab jetzt wieder stundenlang deutschen Hip-Hop, französischen Rap und Artverwandtes über sich ergehen lassen müssen, bis kurz vor Schluss vielleicht doch noch jemand richtige Musik macht: Das war das Lineup des „Out in the Green“-Festivals, das vom 5. bis am 7. Juli 1991 in Frauenfeld stieg:

Offiziell war ich als akkreditierter Reporter vor Ort. Tatsächlich erlaubte mir mein Badge aber vor allem, mich als Fan nach Lust und Laune in diesem musikalischen Schlaraffenland zu tummeln.

Als ich nach dem Simple Minds-Konzert in einem zigzehntausendköpfigen Menschenmeer weit nach Mitternacht völlig überraschend meinem Brüetsch und seinem besten Freund über den Weg lief, wusste ich definitiv: Auch wenn du 400 Jahre alt wirst – so etwas erlebst du nie wieder.

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Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

 

Los gehts mit „…but seriously“ von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach „P“. Wenig später kam er mit „..but seriously“ zurück. „Los eifach mou ine“, sagte er. „Chasch si ha.“

Zuhause liess ich mich daraufhin mit „I wish it would rain down“ in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo „I wish it would rain down“ erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

***

Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am „Out in the Green“ in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

„Mighty Quin“, „Davy’s on the road again“, „Blinded by the light“: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

***

1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

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Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?“). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der „Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‚Talking Heads'“, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und „Wild Hearts“-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

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In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

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Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

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An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. „Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

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Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war „Hold the line“.

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Ein Abend mit Fleisch am Knochen

Fägige Musik, flotte Leute und Fleisch bis gnue: Am Samstag, 12. Mai, lassen mein Mit-Rocknrolldie Peter Urech und ich wieder einmal eine Sause unter den „Metzgere“-Lauben in der Burgdorfer Oberstadt steigen. Am Grill legt erneut Markus Chalilow auf. Der Eintritt ist gratis.

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Ohne Worte, ämu fast

Die Beatles verewigten sie in „A day in the life“, Deep Purple führten darin ihr „Concerto for Group and Orchestra“ urauf, Pink Floyd bekamen Hausverbot, weil sie in dem 1871 eingeweihten Bau echte Kanonen abfeuerten, Cream traten dort ein letztes Mal auf, Eric Clapton verkaufte sie über 200 Mal aus, Al Green war ebenso da wie B.B. King und Bob Dylan und Joe Bonamassa und Phil Collins und Mark Knopfler undsoweiterundsofort; wer die Bilder in den rund um die Arena führenden Fluren betrachtet, erstarrt beinahe vor Ehrfurcht, und jetzt spielten Toto zur Feier ihres 40-jährigen Bandjubiläums in der Royal Albert Hall in London, und mein Schatz und ich waren dabei, und auch wenn der Begriff „Once in a lifetime-experience“ für manche vielleicht chli gar übertrieben klingen mag: Für Chantal und mich wars eine, und für die Musiker hörbar auch, und für die anderen 9000 Fans ebenfalls, und ehrlich gesagt, weiss ich jetzt – ich bin immer noch halb in Africa und versuche, the line zur Realität zu holden – gar nicht so recht, wie ich beschreiben soll, was ich an diesem Abend des 1. April 2018 über zwei Stunden lang dachte und, vor allem, fühlte; es hat keinen Sinn, nach Worten für etwas zu suchen, wofür es keine Worte gibt (Will Lavin hat sich auf jow.co.uk in dieser Hinsicht mehr Mühe gegeben, aber irgendwie ist auch er gescheitert, wobei: Mit „The night had it all“ traf ers nicht schlecht).

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