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Der König in der Kunststoffkutte

(Bilder: Schatz)

Für den Parkdienst bei der “Franzosenkrankheit” sagte ich damals eigentlich nur zu, weil ich die Vorstandssitzung chli abkürzen wollte. Und siehe da: Ganz überraschend bekam ich das Ämtli.

Zunächst einmal ging es darum, eine Ausrüstung zu besorgen, die höchsten amtlichen Anforderungen genügt. Ich benötigte zwei Triopan samt Blinklichtern, drei Stablampen und Leuchtwesten. Das alles stellte die Stadt Burgdorf zum Teil kostenlos zur Verfügung.

Anschliessend machte ich mich daran, die wägsten und chächsten Mannen und Frauen im Bekanntenkreis als Mitstreiter zu rekrutieren. Das war, wie ich schon nach ein paar Dutzend Mails und Anrufen feststellen musste, nicht ganz so einfach wie das Organisieren des Materials.

Unser Verein, die Szenerie Burgdorf, hat zwar rund 70 Mitglieder. Darunter befinden sich aber nur bemerkenswert wenige, die sich zutrauen, für ein paar Stunden die anspruchsvolle Aufgabe des Autoeinweisens zu übernehmen. Doch kurz vor der Première stand ich einer verwegenen und zu allem entschlossenen Truppe vor, die vor Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit und Durchsetzungsvermögen nur so strotzte.

So musste sich Brad Pitt gefühlt haben, als er seine “Inglorious Basterds” zusammenstellte:

.

(Wobei: Der Vergleich hinkt. Mein Schauspielerkollege Pitt jagte nur fiktiv Nazis und ist im richtigen Leben mit Angelina Jolie zusammen. Ich hingegen winke sehr real Theatergäste auf die Wiese und bin mit der tollsten Frau der Welt verheiratet.)

Jedenfalls: Bei unserem ersten Einsatz am Donnerstagabend lief alles wie gar nicht gross geplant. Ein Kollege stand unten beim Siechenhaus-Parkplatz, ein anderer postierte sich oben auf dem Feld, und ich ging hinunter an die Landstrasse, um den Leuten den Weg auf eben dieses Feld zu zeigen.

Wenn man, in der

orangen Leuchtweste

und mit der

Stablampe in der Hand,

so an einer Abzweigung steht und nicht gerade 2000 Besucher auf einmal eine Abstellgelegenheit für den Liebling der Familie benötigen, hat man relativ viel Zeit, um die angenehmen Seiten des Parkdienstlebens zu geniessen: Vögelein pfeifen, ein Lüftelein weht, das frisch gemähte Gras rundherum riecht nach frisch gemähtem Gras.

Und man spürt nicht ohne Behagen, wieviel Macht einem so ein Kunststoffkutteli verleiht. Jeder – jeder! -, der mit dem Auto daherfährt und einen nur schon aus der Ferne sieht, steigt auf die Bremse; entweder, um möglichst viel mitzubekommen, falls sich da vorne ein Unfall ereignet haben sollte. Oder, weil er davon ausgeht, es könne nicht schaden, vor der vermeintlichen Verkehrskontrolle chli Tempo wegzunehmen.

Was ebenfalls auffällt: Ohne hinzusehen, fährt keiner vorbei. Kinder glotzen einen aus ihren Autofenstern an, als ob man ein Wesen von einem anderen Stern wäre.

(Frage vom Rücksitz an Papi am Steuer:

“Papi! Was macht der Mann da?”

“Nichts.”

“Warum steht er dann an der Strasse?”

“Keine Ahnung.”

“Ist das ein Polizist?”

“Nein.”

“Warum hat er dann eine Uniform an?”

“Das ist keine Uniform.”

“Was ist es dann?”

“Eine Leuchtweste.”

“Wieso?”

“Damit man ihn sieht, wenns dunkel ist.”

“Aber es ist ja gar nicht dunkel.”

“Ja. Aber es wird bald dunkel.”

“Wann wird es dunkel?”

“Wenn die Sonne untergeht.”

“Wann geht die Sonne unter?”

“Bald.”

“Wie bald?”

“Frags Mami.”

“Smami schläft.”

“Nein. Das tut nur so.”

“Warum?”

Verkehrsteilnehmer mit Migrationshintergrund und geleastem Neu-BMW bedenken einen gerne mit einem Blick, der ausdrückt: “Ich in krasse Auto mit Vollbitch. Du herumsteh und arbeit. Wer bessär?”

Beim Herumstehen, inmitten von all dem jungen Heu, fällt einem eher früher als später ein, dass es keine schlechte Idee gewesen wäre, einen Insektenspray mitzunehmen. Und eine Flasche Mineralwasser. Und dass man zwar ein volles Päckli Zigaretten in die Hose gesteckt, aber das Feuerzeug beim Siechenhaus vergessen hat.

Zu behaupten, beim Parkdienst rase die Zeit nur so dahin, wäre übertrieben. Sie kriecht mehr; genau wie der grosse Käfer mit dem grünschwarzen Panzer, der nun schon seit einem geraumen Weilchen damit beschäftigt ist, von der linken Seite der Strasse auf die rechte zu gelangen. Ich wette mit mir selber, dass ers nicht schafft (und verliere).

Wenn mans ganz genau nimmt, kann man sagen: Als Oberbefehlshaber des Parkdienstes an einem nicht sooo grossen Anlass wartet man ziemlich lange darauf, dass etwas passiert. Und während man so wartet wie Godot, kommt man auf Gedanken, die sich auch dann in die Tat umsetzen liessen, wenn man seinen kriminellen Energiespeicher nur ein bisschen anzapfen möchte.

Zum Beispiel überlegt man sich, dass man den nächsten Wagen anhalten könnte. Der Fahrer würde verdattert fragen, was los sei. Dann würde man sagen, “Mühletaler, Kantonspolizei. Das ist eine zivile Kontrolle. Mein Kollege hat Sie zwei Kilometer weiter vorne, bei diesem Waldstück, geradart. Sie waren 27 Stundenkilometer zu schnell. Macht 150 Franken. Wenn Sie jetzt gleich cash bezahlen, können wir Ihnen und uns den administrativen Kram ersparen. Es gibt auch keinen Eintrag in irgendeinem Register.”

Ich bin sicher: Ein Drittel der Gestoppten würde das Portemonaie zücken, ohne Sperenzchen zu machen. Ein weiteres Drittel würde versuchen, den Preis auf eine Hunderternote zu drücken. Darüber könnte man reden.

Item: Um kurz vor 20 Uhr stehen schliesslich drei oder vier Dutzend Autos in Reih’ und Glied vor dem Siechenhaus. Als Chef der Truppe kann ich sagen: Der Parkdienst hat seinen Job zur vollsten Zufriedenheit von allen Beteiligten erledigt. Es gab keinen Ärger und keine Beulen und keine Kratzer. Die Wagen sind so parkiert, dass ihre Besitzer nach dem Theater nur den Zündschlüssel drehen und wegfahren können.

Während die Schauspielerinnen und Schauspieler, die Helferinnen und Helfer und zahlreiche Gäste die gelungene Vorführung begiessen, liegen wir, mit Staub auf den Zungen und Dreck auf den Lungen, in unseren Betten. Aber das ist uns egal. Wir sind nicht zum Feiern da. Wir sorgen für Ordnung. Wir sind die tough guys der Truppe. Wir sind diejenigen, die mit einer Coolness, die ihresgleichen sucht, aber nie findet, tonnenschwere und potenziell tödliche Blechmonster durch die Gegend lotsen.

In einem Satz: Wir vom Parkdienst sind würdige Träger der orangen Kutten.

Published inHeimisches

One Comment

  1. about Hannes: ui hannes dini verlobig würdi de use nä, nid das es no dini liebschti gseht ;-/)

    Danke. Ha ganz vergässe, dasses die Mäudig no git:-)

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