Die neue Virklichkeit (43)

„Ich frage mich manchmal, ob wir für das, was wir vor Corona hatten, genügend dankbar waren“, sagt Christian Häni, der Chef der Berner Mundartband Halunke. (Bild: Marc Riesen, mrphoto.ch)

Während ich auch gestern lebenrettend daheimsass, fragte ich mich auf einmal, was eigentlich Popmusiker machen, wenn sie Hausarrest haben. Um das zu klären, rief ich Christian Häni, den Gründer und Kopf der Berner Mundartband Halunke, an. Weils grad in Einem zuging, besprachen wir gleich das grosse Ganze.

Heute hier, morgen da: Bis es mit Corona losging, waren Musikerinnen und Musiker ständig unterwegs. Wie ist das jetzt?

Christian Häni: Eigentlich wie sonst, nur ohne Konzerte.

Das heisst…

…wir versuchen, ganz normal weiterzuarbeiten. Natürlich fehlen uns die Auftritte und die Begegnungen mit den Menschen, die an unsere Konzerte kommen, sehr. Aber das ist nur ein Teil unserer Büez. Wir sind unsere eigene Plattenfirma, kümmern uns selber ums Marketing und komponieren und produzieren für andere Künstler. Um unsere Fans bei Laune zu halten, sind wir auch intensiv auf Social Media-Kanälen aktiv.

„Wir“: Das sind in erster Linie deine Frau Anja und du.

Richtig.

Dass ihr – anders als viele andere – nicht einfach die Zeit totschlagt, zeigtet ihr letzte Woche: Am Freitag erschien eure neue Single „240 Tusig“.

Ja, aber die war schon im Februar fertig. Damals legten wir fest, dass wir sie am 24. April veröffentlichen werden. In den letzten Wochen haben wir häufig darüber nachgedacht, ob jetzt, mitten in dieser Krise, wirklich der richtige Zeitpunkt sei, um ein Lied unter die Leute zu bringen, das sich inhaltlich null mit der aktuellen Situation befasst. Doch dann fanden wir: das passt tiptopp. Die Menschen sind ja tagein und -aus mit schweren Themen konfrontiert. Da kann etwas Leichtes zwischendurch sicher nicht schaden.

240 Tusig“ ist ein Liebeslied.

Genau.

Wieso komponieren Popmusiker eigentlich immer Liebeslieder?

Vermutlich, weil die Liebe etwas ist, woran sich alle festhalten können. Liebe kann man für einen Menschen genauso empfinden wie für einen Ort oder einem Gegenstand. Ich schätze, dass sich 90 Prozent aller Songs, die je geschrieben worden, um die Liebe, das Weggehen und das Zurückkehren drehen. Jeder und jede, der sich damit beschäftigt, findet dazu einen anderen Zugang. Das finde ich sehr spannend.

Wann erscheint euer Corona-Song?

Ich glaube, nie. Ich bin der Falsche dafür. Ganz am Anfang, als sich Covid-19 der Schweiz näherte, überlegte ich mir gelegentlich, wie ich all die Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen, in einen Song packen könnte. Aber dann sagte ich mir, dass das die Lage kaum verbessern würde, und dass ich deshalb ohne Weiteres darauf verzichten kann, sie musikalisch zu verwerten.

Aber angenommen, du würdest ein Lied über Corona schreiben: Gäbe das eine traurige Ballade oder etwas aufstellend Lüpfiges?

Wahrscheinlich hätte das Lied einen sentimentalen Unterton. Ziemlich sicher ginge es textlich in Richtung Sehnsucht, Fernweh oder Hinterhertrauern. Ich frage mich manchmal, ob wir für das, was wir vor Corona hatten, genügend dankbar waren. Das würde sicher durchschimmern. Wenn ich den Song jetzt schreiben würde, könnte er nach Reggae oder Punk klingen. Reggae gäbe den Sorgen und Sörgelchen, die uns seit spätestens Mitte März umtreiben, eine ironische Note. Punk würde die Ängste, den Ärger und den Frust, den alle mehr oder weniger ausgeprägt verspüren, unterstreichen.

Aber, eben: Dieses Lied werden die Halunke nie spielen.

Nein.

Weil es nichts brächte.

Was etwas bringt, ist, sich an die Vorgaben und Regeln der Leute halten, die etwas zu sagen haben. Diese Leute machen das übrigens super.

Wie kreativ kann man sein, wenn man rund um die Uhr zuhause sitzt?

Das ist für uns kein Problem. Grundsätzlich gilt: Je dunkler die Zeiten, desto kreativer werde ich. Und: Je neugieriger jemand von Natur aus ist, desto leichter fällt es ihm oder ihr, diese Neugierde in Ideen zu verwandeln.

Wie verbringst du deine Tage?

Ich stehe jeden Morgen früh auf, wobei „früh“ heisst: gegen 10 Uhr. Dann gehe ich zwei Stunden mit Shaila, unserem Hund, spazieren, treibe Sport, koche und so weiter. Wir haben in unserer Wohnung ein Tonstudiöli. Darin tüfteln wir stundenlang an neuen Liedern herum. Dort entdeckte ich neulich auch meine böse Seite: Etwas Technisches funktionierte nicht, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das machte mich richtig hässig.

A propos „hässig“: Seit bald zwei Monaten höcklen Anja und du quasi eingesperrt aufeinander. Habt ihr euch in dieser Zeit schon einmal so richtig gestritten?

(Lacht) Nicht häufiger als normal. Nein, ernsthaft: Dass wir ständig zusammensind, ist für uns nichts Neues. Wir unternahmen schon immer das meiste gemeinsam. Wir haben einen praktisch identischen Freundeskreis, und ich bin überhaupt nicht der Typ, der sich mit seinen Kumpels jede Woche zu einem Männerabend treffen muss.

In diesem Jahr werden die Halunke zehnjährig. Gross feiern könnt ihr dieses Jubiläum nicht.

Nein.

Wieviele Konzerte musstet ihr wegen Corona absagen?

Alle. Insgesamt wurden ungefähr 30 Auftritte gestrichen. Neben den grossen Openairs sind auch Engagements an der Bingo-Show von Beat Schlatter, an Hochzeiten oder an anderen Privatanlässen betroffen. Unser erstes Konzert des Jubiläumsjahres gaben wir am 1. Januar am „Touch the Mountains“ in Interlaken. Das war mit 28 000 Zuschauerinnen und Zuschauern unser bisher grösster Auftritt – und vielleicht auch unser letzter. Wenn das so sein sollte, wäre es wenigstens ein toller Abschluss unserer Karriere gewesen.

Wird in diesem Jahr noch irgendjemand irgendein Konzert besuchen können?

Der Sommer dürfte gelaufen sein. Aber vielleicht gibt es im Herbst wieder Clubgigs vor 100 bis 150 Leuten. Das wäre dann aber wohl schon das höchste der Gefühle. Wir hoffen jedenfalls weiter: Im November möchten wir eine Jubiläums-Clubtour spielen.

„Natürlich fehlen uns die Auftritte und die Begegnungen mit den Menschen, die an unsere Konzerte kommen, sehr.“

(Weitere Infos über die Halunke gibts hier.)

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