Die neue Virklichkeit (47)

Eben tanzte man im Partykeller noch unbeschwert und voller Hoffnung mit T.B. aus R., doch am nächsten Morgen stellten sich Fragen, die bleischwer auf dem ganzen Sonntag lagen.

„Immer wieder sonntags
kommt die Erinnerung
dubdidubdidubdub dub.“

(Cindy & Bert, 1973. Für Unerschrockene: hier ist der Link zum Lied)

Tja: Was für Erinnerungen sind es denn, die sich immer wieder sonntags in unsere Köpfe schleichen und von dort aus durch die verwinkelten Gänge unserer Gemüter krabbeln?

Nicht nur schöne jedenfalls, aber dafür können die Sonntage weniger als die bier- und bacardigeschwängerten Samstage zuvor, die sich bisweilen bis tief in die Nacht hinzogen, damals, an idyllischen See- und Flussufern oder in verqualmten Partykellern, in denen wir andächtig der für uns ganz neuen Klänge von AC/DC lauschten und in denen wir erlickten, welch mannigfaltige Freuden einem das Tanzen bereiten kann, solange es geschlossen praktiziert wird, und an dieser Stelle, einfach, damits mal gesagt ist: tuusig Dank für alles, Barclay James Harvest!

Den Preis für dieses ausschweifende Tun inklusive Flaschendrehen mit Scharf und allem bezahlten wir wenig später – nämlich, eben, am Sonntag – mit Katern, Kollern und Kummer: Würde es mit T. B. aus R. wohl so weitergehen, wie es Stunden zuvor geendet hatte, und wenn ja, für zwei Tage, drei Monate oder amänd gar für den Rest des Lebens? Hätte sie gerne eine Wohnung in der Stadt oder ein Häuschen am Waldrand? Will sie zwei Kinder haben? Drei? Oder gar keine, dafür einen Hamster?

Und was ist überhaupt mit F., mit dem sie gemäss Augenzeugen schon mehr als einmal und alles andere als widerwillig wirkend auf eine Art und Weise zugange war, die moralisch und sittlich gefestigtere Jungbürger höchstens aus „Bravo“-Fotoromanen und Dr. Sommer-Beratungen kennen?

So betrachtet…aber ich schweife ab. Jedenfalls könnte man mit der Clique von damals heute Sonntag nicht einmal eine Runde Minigolf spielen gehen, ohne spätestens auf der dritten Bahn wegen Missachtung des Versammlungsverbotes verhaftet zu werden, und nachdem wir dem Barclay James Harvest-Alter inzwischen ziemlich entwachsen sind und uns damit abgefunden haben, dass die T.B’s. dieser Welt längst anderweitig liiert sind, bleibt uns wenig anderes übrig, als die Sonntage als das zu betrachten, was sie sind: hundskommune Tage wie alle anderen auch, nur mit einem Sonn vornedran statt mit einem Wochen.

A propos „ziemlich“: Ziemlich seltsam ist, dass die Leute je früher aufstehen, desto länger Corona dauert, obwohl viele von ihnen dank des Virus ausschlafen könnten, solange sie wollen, und zwar nicht nur an Sonntagen.

Bevor es mit dem Hausarrest losging, schauten die ersten Besucherinnen und Besucher meist erst gegen 8 oder 9 Uhr in diesem Blog vorbei. Jetzt stehen manche schon in aller Herrgottsfrühe vor der Türe meines virtuellen Stübchens, wie ein Blick auf die Statisik zeigt:

Vermutlich hat das damit zu tun, dass den Menschen das Zeitgefühl immer mehr abhanden kommt. Und damit, dass es für viele Leserinnen und Leser längst keine Rolle mehr spielt, ob sie, wenns langsam hell wird, taufrisch ins Badezimmer hüpfen oder rundumzerknittert zum Kühlschrank schlurfen und von hier wie dort wieder zurück ins Bett.

Aber mit diesem Herumgeflohnere ist es ja bald vorbei. Noch achtmal schlafen und schwupp – erwachen wir aus dem Traum oder Albtraum namens „Lockdown“.

In der Burgdorfer Altstadt – und möglicherweise auch andernorts in der Schweiz – sind die Angehörigen der Gastrogilde, die Ladenbesitzer und die Boutiquenbetreiberinnen schon emsig dabei, ihre Lokale für den 11. Mai aller 11. Maie mit ebensoviel Liebe wie Vorfreude herauszuputzen und, nur ganz leise mit den Zähnen knirschend, coronamässig umzurüsten.

Die Stimmung ähnelt ein wenig jener vor dem Eidgenössischen Schwingfest in Burgdorf: Es liegt eine Art Sirren in der Luft, das von Tag zu Tag stärker wird.

Über 50 000 Menschen sassen während des Schlussgangs zwischen Matthias Sempach und Christian Stucki damals Schulter an Schulter in der Arena. Millionen verfolgten das Finale am Fernsehen. Friedlich wars, die ganze Zeit, und freundschaftlich und fröhlich.

Auf Platz 168 in Reihe 7 im Sektor A5 verbrachte ich am 1. September 2013 einen Sonntag, an den die Erinnerungen gerne immer wieder kommen können, dubdidubdidubdub dub.

Fünfeinhalb Minuten Augenwasser: Im Wundersommer 2013 fand in Burgdorf – wo sonst? – das mit Abstand perfekteste „Eidgenössische“ aller Zeiten und Welten statt.

1 Kommentar

  1. Ich hab es eigentlich nicht so mit Statistiken, aber die deine mit den Abrufzahlen und Zeiten ist wirklich übersichtlich und aussagekräftig😉.

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