Die neue Virklichkeit (48)

Ein Fröööind, ein guter Fröööind, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.

In meinem Kopf spielte sich diese Nacht Gruseliges ab: Unzählige Menschen, mit denen ich jahrelang mehr oder weniger regelmässig Kontakt hatte und die am 16. März von einer Stunde auf die andere von meinem Radar verschwanden, tauchten in einem Traum auf, und zwar buchstäblich: Ich ruderte an einem wunderprächtigen Sommertag über den Hallwilersee, als aus dem Wasser links und rechts und vor und hinter mir Figuren an die Oberfläche trieben, die genauso aussahen wie, eben, diese Menschen, nur verwester.

Seit dem Lockdown verkehre ich physisch noch mit sieben Personen. Mit ihnen gehe ich waggeln, treffe ich mich ab und zu auf einen Schwatz oder gönne ich mir das eine und andere Nachtessen, aber selbstverständlich nie mit allen zusammen, sondern immer höchstens zu Fünft. Diese Begegnungen sind jedesmal eine rundum gefreute Sache, auch wenn sie manchmal nur zehn Minuten dauern.

Wir hatten uns damals, als der Bundesrat den kollektiven Hausarrest verhängte, nicht feierlich geschworen, diese Zeit gemeinsam durchzustehen. Wir wussten oder spürten einfach, dass da jemand ist, auf den oder die man sich verlassen kann. Alles Weitere ergab sich wie von alleine.

Wenn wir uns sehen, stehen oder sitzen wir mit dem gebührenden Abstand zusammen und diskutieren die Welt in Ordnung. Trübsal blasen wir nie, ganz im Gegenteil, aber jedem Mitglied des exklusiven Zirkels ist klar, dass es jederzeit Trübsal blasen könnte, wenn es Trübsal blasen möchte.

Nur schon das Wissen darum tut besser als jeder Blick auf die Kurve, auch wenn diese unterdessen soweit abflachte, dass wir in einer Woche versuchen dürfen, ein bisschen in unser normales Leben zurückzukehren, was auch immer „normal“ dann heissen mag.

Überhaupt ist es interessant zu beobachten, wie die Menschen wegen Corona ihre ganz eigenen Plätze fanden, um die Überreste ihres Soziallebens zu pflegen. Ob beim Kronenplatzbrunnen, in der Hofstatt, in stillgelegten Beizen, auf Balkonen oder sonstwo: zum Teil plaudern Männer und Frauen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie sich irgendetwas etwas zu erzählen haben könnten, in einer Vertrautheit miteinander, als ob sie schon in der Schulzeit dickste Kumpelinnen und Kumpels gewesen wären.

Von anderen „Freundinnen“ und „Freunden“ habe ich mich am Sonntagabend getrennt, und zwar leichten Herzens und ohne, dass sie es merkten. 28 Facebook-Bekanntschaften, die ich bis vor Kurzem nicht als „ziemlich sehr sonderbar“ bezeichnet hätte, entpuppten sich in den vergangenen Wochen als besserwisserische Nervensägen, die mir regelmässig Videos von „Experten“ und Links zu Dokumenten schickten, die entweder „belegen“, dass Covid-19 von Irren mit Weltherrschaftsambitionen freigesetzt wurde oder „beweisen“, dass diese Krankheit nichts weiter als eine Grippe im XL-Format sei.

Sie alle putzte ich mit einem Mausklick aus meinem Leben, und seither gilt in meinem virtuellen Umfeld dasselbe wie im realen, nämlich: etwas weniger ist einfach viel mehr.

Das trifft jedoch nicht für alles zu, und offenbar ganz besonders nicht auf Barclay James Harvest. Nachdem ich gestern geschildert hatte, wie wir in jüngeren Jahren zu deren Musik…äh…tanzten und den Text mit „Poor Man’s Moody Blues“ anreicherte, schrieb mir eine Leserin: „Das war jetzt schön, wieder einmal B.J.H. zu hören. Von ihnen konnte ich als Teenager nie genug bekommen.“

Nun denn. Wenn unsere Disco gerade – und, wie ich befürchte, noch für eine sehr lange Weile – auf Eis liegt, kann ich Gästewünsche ja hier erfüllen, und zwar dreimal in handlichen Einzelportionen…

…und einmal als all inclusive Indervergangenheitschwelgpaket:

Soviele Menschen. Soviel Unbeschwertheit. Und soviel Mauer.

Von mir aus könnte das noch lange so weitergehen, doch in diesem Moment ist Pam erwacht. Sie braucht jetzt dringend Milch, Bananen und ein Joghurt.

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