Die neue Virklichkeit (9)

Fix und fies: Bevor wir wussten, wo genau Wuhan liegt, war das Virus bei uns.

Wies Bisiwätter (es gab eigentlich keinen Grund, diesen Beitrag mit „Wies Bisiwätter“ zu beginnen, aber weil auch „Wies Bisiwätter“ zu jenen schönen Mundartbegriffen gehört, die von der Gesellschaft eines Tages häb-chläb im Keller der Sprachgeschichte entsorgt wurden, wo sie auf dem Boden einer staubbedeckten Truhe seither so verzweifelt auf ein Comeback hoffen wie Mel Gibson oder Kim Basinger

(diese Augen!),

dachte ich, das wäre jetzt amänd eine gute Gelegenheit, ihm etwas Licht und frische Luft und, vor allem, Hoffnung zu gönnen, zog ihn aus der Kiste, schüttelte ihn durch, klopfte ihn ab und setzte ihn an den Anfang dieses Textes.

Dort sitzt er nun, mit einem glücklichen Lächeln im zerfurchten Gesicht, lässt die knorrigen Beinchen so gut, wies halt noch geht, über Kim Basingers Locken baumeln und rechnet seine Überlebenschancen neu aus.

Sie stehen nicht schlecht: Wenn nur zwei von hunderttausend Leserinnen und Lesern finden, „oh, das ist jetzt noch schick, dieses ‚Wies Bisiwätter‘ und es dann selber wieder gelegentlich einsetzen, vermehrt es sich schneller als die Mitglieder der Kelly Family und darf sich zumindest für die nächsten paar Jahrzehnte als gerettet betrachten.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen, oder ämu nicht in solch epischer Länge, aber manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann eben tun muss, ganz besonders jetzt, wo jeden Tag mehr Menschen von der Sonnenseite des Lebens auf the dark side of the moon verbannt werden, wo sie sich bange fragen, ob sie von dort je wieder zurückkehren dürfen und wenn ja, was sie in der alten Heimat dereinst wohl antreffen (und was ziemlich sicher nie mehr).

Und damit zurück zum Bisiwätter. Wie Selbiges raste Corona in den vergangenen Wochen rund um den Erdball. Im Dezember hatten die Chinesen das Problem noch exklusiv für sich, aber nicht für lange. Als der Durchschnittseuropäer den Atlas, in dem er auf der Doppelseite „Zentralafrika“ stundenlang dieses cheibe Wuhan gesucht hatte, verärgert zuklappte („Vrene, mir bruuche e neue!“), frästen die Viren durch den Gotthard nicht nur nach Bellinzona, Basel und Zürich, sondern auch in schöne Gegenden wie, sagen wir, das Emmental.

Trotzdem ist das (oder der?) Coronavirus SARS-CoV-2 (soviel Bluff musste jetzt einfach sein) für die meisten Leute immer noch etwas eher Abstraktes, weil nur wenige jemanden kennen, der oder die daran erkrankt ist.

Mir ging es auch so, bis gestern Morgen um 9.35 Uhr. Um diese Zeit teilte mir ein Freund fernmündlich mit, dass sich eine gemeinsame Bekannte in Heimquarantäne befinde, weil sie positiv auf Corona getestet worden sei.

Ich sah diese Frau zum letzten Mal im Herbst vergangenen Jahres und habe folglich keinen Grund, anzunehmen, sie könnte mich ebenfalls infiziert haben. Etwas mulmig wurde mir dennoch zumute, als ich von ihrem Schicksal hörte.

Als Kollege entbot ich ihr schriftlich meine besten Genesungswünsche. Als Journalist fragte ich sie, ob sie bereit wäre, mir in einem Interview für diesen Blog zu erzählen, wie sich ihr Leben nun anfühle.

Wenig später schrieb sie zurück, sie sei nach dem ärztlichen Bescheid „in eine Schockstarre“ gefallen und möchte nun erst einmal die Quarantäne abwarten. Von ihrer Erkrankung habe sie zufällig erfahren. Ihr Arzt habe bei ihr als Risikopatientin im Rahmen einer anderen Abklärung einen Abstrich gemacht und sie 24 Stunden später wissen lassen, sie habe sich trotz der „zig Vorsichtsmassnahmen“, die sie gegen das Virus ergriffen hatte, irgendwo angesteckt.

Seither sitze sie, von der Aussenwelt isoliert, zuhause. Dort erlebe sie „Momente des Hinterfragens, des Bangens, aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt meiner Schlafzimmertür“.

„…aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt in meiner Schlafzimmertür“: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich im Zusammenhang mit Corona in den nächsten Wochen etwas noch Liebe-Volleres werde lesen dürfen.

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