Die neue Virklichkeit (13)

Kleiner Aufwand – grosse Freude: Ein simpler Bummel der Emme entlang erscheint inzwischen nicht nur Angehörigen der Risikogruppe wie ein Geschenk.

Vor vier Stunden begann die Sommerzeit, für den Nachmittag ist Schnee angesagt: Das liest sich auf den ersten Blick ein bisschen schräg. Beim zweiten Hinsehen passt es in einer Welt, in der nur noch ganz wenig ist, wie es im Grunde schon lange vor dem Corona-Ausbruch zum letzten Mal war (also gegen Ende des verflossenen Jahrtausends, ganz bestimmt aber vor 9/11, dem Klimaschock und der Flüchtlingskrise) jedoch recht gut zusammen.

Die Zeit spielt, sicher nicht nur für mich, immer mehr eine Nebenrolle. Gestern realisierte ich erst lange nach dem Aufstehen, dass Samstag ist. Vorher war ich davon ausgegangen, wir hätten Mittwoch. Die Tage fühlen sich alle gleich an. Was auch immer sie einst voneinander unterschieden haben mochte (Wochenplanungssitzung am Montag, Yoga am Dienstag, Singprobe am Mittwoch, Vorstandstreffen am Donnerstag, Jassen am Freitag, Swingerclub am Samstag, Kirchgang am Sonntag), strich ein von blossem Auge unsichtbares Etwas über Nacht aus den Agenden von Millionen von Menschen.

Mit einer Freundin und einem Freund bummelte ich am Nachmittag der Emme entlang. Erleichtert stellten wir fest fest: Der Fluss, die Enten, die Bäume, die Sträucher – es ist noch alles da. Und wirkt ungleich schöner denn je. Bevor wir nach einer Stunde Unsfreuens auseinandergingen und uns vor den Bakterien versteckten, versicherten wir uns, dass das nicht unser letztes Ausflügli gewesen sei.

Es hatte sich angefühlt wie Miniferien. Es öffnete für uns einen Spalt in das Leben, das wir uns alle zurückwünschen (obwohl wir ahnen, dass wir es, zumindest in der uns vertrauten Form, nicht zurückerhalten werden) und ermöglichte uns, über viele kleine Naturwunder zu staunen, an denen wir im Februar achtlos vorbeigegangen wären. Es gab uns die Gelegenheit, mit anderen Menschen zu reden, Gedanken auszutauschen und zäme zu lachen.

Es tat, kurz gesagt, einfach gut; wie ein eisgekühltes Cola Zero an einem glutheissen Sommertag. Solche Erfrischungen stehen für uns nach wie vor bereit. Sie sind bis auf Weiteres allerdings nur in schnell geleerten Eindezigläschen zu haben.

Eigentlich machen die meisten von uns seit dem Lockdown am 16. März ja nichts anderes als das, was John Lennon (für die jüngeren Leserinnen und Leser: John Lennon war ein englischer Musikant, der es weit hätte bringen können, wenn er nicht am 8. Dezember 1980 erschossen worden wäre) auf seinem letzten Album „Double Fantasy“ besang: Sitting here watching the wheels go round and round.

Der Unterschied zu ihm ist einfach, dass wir höchstens noch in mondlosen Nächten um 2 Uhr in den Park gehen, damit uns niemand wegen fahrlässigen versuchten Massenmordes anzeigen kann, uns vor und nach dem Teigkneten die Hände chemisch reinigen, bald nur noch dank der Schilderungen unserer Vorfahren wissen, was ein Rummelplatz ist und keine Ahnung haben, wann wir das nächste Mal einen Strand sehen werden, und ob überhaupt je.

Die Hoffnungen darauf scheinen halbwegs intakt zu sein. An einer Medienkonferenz sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit gestern: „Die schlimmsten Prognosen, die wie vor ein paar Wochen gemacht haben, sind nicht eingetreten.“

Ich verbuchte das sogleich als gute Nachricht, wunderte mich aber im selben Moment darüber, dass das Gehirn und das Gemüt sich offensichtlich schon mit sehr wenig zufriedengeben, um etwas positiv zu werten.

Schön ist auf jeden Fall: Im Haus gegenüber lebt ein Mann, der oft genau dann aus dem offenen Fenster schaut, wenn ich auf dem Balkon meinen Nikotinhaushalt regle. Ich weiss nicht, ob er alleine da wohnt oder ob seine Frau ihren Kopf erst nach dem Eindunkeln für ein paar Minuten ins Freie halten darf, aber das ist ja egal (ämu mir, der Frau vielleicht weniger).

Erst fiel uns nicht auf, dass wir häufig gleichzeitig das Bedürfnis nach einer kurzen Luftveränderung verspüren. Dann begannen wir, ein bisschen zu grinsen, wenn wir uns sahen. Inzwischen winken wir uns manchmal zu.

Wenn das so weitergeht (und das geht es, irgendwie, ja zweifellos), halten wir in vier oder fünf Wochen grosse Kartons mit unseren Vornamen hoch, um uns einander vorzustellen.

1 Kommentar

  1. Deine Virklichkeiten am Morgen früh im Bett gelesen, lassen mich diese Tage mit einem Schmunzeln beginnen. 😊 einfach herrlich immer wieder! Danke!

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