Die neue Virklichkeit (19)

Im Vergleich mit diesem elenden Scheissvirus kommt man sich schon huere chly vor. Die hinterhältig-fiese f***** Tubelimistidiotenbazille lässt über Nacht jahrelang aufgebaute Lebensmodelle zusammenkrachen, zersetzt im Nu betonhart gefestigt geglaubte Familienstrukturen und macht auch grösste Firmen schneller platt als die kaltarschigen Schnellsanierer eines global marodierenen Unternehmensberatungs-vernichtungsunternehmens, das beinahe gleich heisst wie der schärfste Konkurrent von Burger King, es mit ihren einfältigen Aktenköfferli und ihrem blasierten Getue und ihrem gruusigen Gel in den Haaren es sich an ihren lächerlichen Flipcharts je hätten träumen lassen.

Der geneigte Leser und die geneigte Leserin ahnt möglicherweise: Ich bin gerade ein bisschen verstimmt. Das hat natürlich seine Gründe, aber mir wei nid grüble, sondern lauschen zum Flatten des Pulses lieber den lieblichen Gesängen von Geschöpfen, die neben Covid-19 nach wie vor ziemlich gross wirken.

So. Jetzt gehts wieder.

Worüber unterhält man sich wohl so, von Wal zu Wal? Ich meine: Unter Wasser läuft seit der Erfindung des Meeres wenig mehr als darüber, wenn Corona ist. Wettermässig siehts immer öppe gleich aus: kühl bis kalt und feucht und nass. Das gibt beim Smalltalk beim Afterwork-Apéro auf Dauer nichts her. Bücher, Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet: „Nothing was delivered“, wie The Byrds schon 1968 feststellten. Selbst wenn er möchte, kann der Wal von Welt unter Seinesgleichen also nie mit frisch Angelesenem blöffen.

Genau das unterscheidet ihn von, zum Beispiel, mir. Ich weiss, dass ein Blauwal bis zu 33 Meter lang und 190 Tonnen schwer werden kann und täglich 480 000 Kilokalorien Nahrung verputzt. Als ich auf den Kanaren im letzten Winter einmal 30 Kilometer weit lief, verlor ich 5500 Kilokalorien. Wenn ich loswerden möchte, was ein Wal an einem Tag frisst, wäre ich also fast drei Monate lang unterwegs. Für all jene, dies mit dem räumlichen Denken nicht so haben: Drei Monate entsprechen der Grösse von 6626 Fussballfeldern.

Und damit: Weg vom Homeschooling und huschhusch hin zum nackten Überleben.

Mit Zucht und Ordnung, strengster Selbstdisziplin und klaren Strukturen lässt sich der tödlichen Coronalangeweile auch in einem Einpersonen-Haushalt – also: wenn 24/7, und das monatelang, niemand da ist, der einen einfach mal in den Arm nimmt, einem gelegentlich ein tröstendes Wort ins Ohr flüstert oder dann und wann ohne besonderen Anlass ein Cordon bleu unter die von bitteren Tränen durchnässte und total versalzkrustete Bettdecke schiebt – das eine und andere Schnippchen schlagen.

Das mit Abstand Wichtigste ist, die Zeit in möglichst kleine Etappen zu gliedern. Je winziger die einzelne Strecke ist, desto schneller hat man sie absolviert und desto häufiger durchflutet einen das wohlige Gefühl, soeben etwas elementar Nützliches erledigt zu haben.

Mein Tagesablauf sieht – Stand heute – wie folgt aus:

4 Uhr: Augendeckel hochklappen.

4.01 bis 4.02 Uhr: Bettdecke wegstrampeln und aufstehen.

4.02 bis 4.03 Uhr: Süüferli die Treppe zum Wohnzimmer hinuntersteigen.

4.03 bis 4.04 Uhr: Kafimaschine anschalten und aufwärmen lassen.

4.04 bis 4.05 Uhr: Erstes Kafi rauslassen.

4.05 bis 4.16 Uhr: Kafi trinken, iTunes hochfahren und überlegen, mit welcher Musik ich in den Tag starten will (meist läufts auf die Eagles, Thegiornalisti, die Dire Straits, Gary Moore, J.J. Cale oder sonst etwas hinaus)

4.16 bis 4.18 Uhr: Zweites Kafi rauslassen.

4.18 bis 4.27 Uhr: Zweites Kafi trinken.

4.28 bis 4.32 Uhr: Auf dem Balkon erste Zigi rauchen; das Schloss bewundern.

4.32 bis 4.42 Uhr: Internet checken.

4.42 bis 4.51 Uhr: Auf dem Balkon zweite Zigi rauchen; das Schloss bewundern.

4.51 bis 5 Uhr: Leibesertüchtigungen (fakultativstens).

5 bis 5.16 Uhr: Rasieren, duschen, abtrocknen, Zähneputzen, Tenü des Tages auswählen (wichtig: etwas Ordentliches; ja nicht den Trainer!), anziehen, Krawatte festzurren, kämmen.

5.16 bis 11.15 Uhr: Über das grosse Ganze nachdenken; auf dem Balkon etliche Zigis rauchen; das Schloss bewundern.

11.15 bis 11.32 Uhr: Kochen.

11.32 bis 11.58 Uhr: Mittagessen.

11.58 bis 14.45 Uhr: Verdauen, über das grosse Ganze nachdenken II, auf dem Balkon etliche Zigis rauchen; das Schloss bewundern.

14.45 bis 14.58 Uhr: Zeit zur freien Verfügung.

14.58 bis 15.34 Uhr: Einkaufen.

15.34 bis 15.37 Uhr: Einkäufe in den 4. Stock hochschleppen.

15.37 bis 15.42 Uhr: Einkäufe verstauen.

15.42 bis 15.46 Uhr: Newsletter („Profitieren Sie jetzt…!“) löschen.

15.46 bis 18 Uhr: Über das grosse Ganze nachdenken III, auf dem Balkon noch mehr Zigis rauchen. Das Schloss bewundern; dem Nachbarn zuwinken.

18 bis 18.10 Uhr: Kochen.

18.10 bis 18.25 Uhr: Nachtessen.

18.25 bis 23.30 Uhr: Verdauen, fernsehen, auf dem Balkon letzte Zigis rauchen; das Schloss bewundern.

23.30 bis 4.00 Uhr: Schlafen.

Das Nachdenken über das grosse Ganze strengt mich bisweilen an. Ich bin das nicht mehr gewöhnt. Dann schalte ich mein Gehirn aus, schreibe etwas in den Blog oder setze via Facebook dringliche Depeschen ab.

Hin und wieder frage ich per Whatsapp oder Mail Leute, die mir wichtig sind, wie es ihnen geht. Daraus ergeben sich manchmal längere Unterhaltungen und manchmal nicht. Solange ich den Antworten entnehmen darf, dass am anderen Ende der Glasfaserleitung plusminus alles in Ordnung ist, spielt es für mich keine Rolle, ob sie als Roman daherkommen oder als Emoji.

Einmal pro Woche wasche ich meine Wäsche, spüle ich das Geschirr, leere ich den Briefkasten, giesse ich die fünf Pflanzen, die mir Sibylle Gosteli, die beste Floristin zäntume, kurz vor dem Lockdown vorbeigebracht hat, und sauge ich Staub.

Tipp am Rande: Wer die Planzen saugt und den Boden giesst, kann alle sieben Tage eine halbe Stunde mehr totschlagen.

Das Einkaufen ist anders geworden, oder vielmehr: auch das Einkaufen. Als ich neulich meine Behausung verliess, um bei Giusy gegenüber ein paar sizilianische Spezialitäten zu posten, kam mir das gspässig vor; als ob es Jahre her wäre, dass ich zum letzten Mal einen Laden betreten hätte.

Einem Menschen gegenüberstehen und mit ihm einfach so ein paar Worte wechseln zu können, fühlte sich seltsam an. Wie ein Teenager beim ersten Date wusste ich nicht recht, was sagen, obwohl zumindest ein Thema ja auf der picobello desinfizierten Hand lag.

Wenn ich für heute Abend an ein Fest oder auch nur zu einem Nachtessen mit mehr als vier Personen eingeladen wäre – ich bin mir nicht sicher, ob ich zusagen würde. Ich habe es mir in meinem Alleinsein bequem gemacht, ohne, dass ich es mir darin bequem machen wollte.

Zu Beginn des Daheimbleibphase hatte ich mir vorgenommen, mein Leben so normal wie möglich weiterzuführen. Mit diesem Ziel vor Augen marschierten auch andere ins grosse Nichts des kollektiven Ansteckungskurverunterdrückens los.

Am Anfang meldeten sich hin und wieder Geschäftspartnerinnen und -partner, um mir mitzuteilen, sie hätten leider – „Sie wissen ja“ – gerade keine Aufträge für mich, würden mir aber Bescheid geben, sobald sich wieder etwas ergebe.

Diese Unterhaltungen hatten etwas Surreales: Den Anrufenden war genauso klar wie mir, dass „sobald“ über Nacht zu einem sehr dehnbaren Begriff geworden war. Dass „sobald“ im besten Fall Mitte Mai heissen, aber, wenns ganz dumm läuft, auch „nie mehr“ bedeuten kann.

Trotzdem taten beide Parteien, als ob sich sich bloss voneinander verabschieden würden, bevor sie ihre Büros für zwei Wochen Sommerferien schliessen.

Nach gut einer Woche wars mit derlei Gesprächen vorbei. Seither gab es Tage, an denen ich erst nach dem Mittag erstmals mit jemandem redete, weil vorher weder jemand mich anrief noch ich das Bedürfnis hatte, jemanden aus dem Wachkoma zu reissen.

Auf einem Haus nebenan sind Handwerker damit beschäftigt, das Dach neu zu decken. Früher – ich merke gerade: das klingt, als ob ich über meine Primarschulzeit berichten würde – wäre mir der Lärm, der entsteht, wenn ein Sack voller Ziegel aus zehn Metern Höhe in eine Abfallmulde kracht, in all den anderen Geräuschen, die mich umgaben, kaum aufgefallen. Jetzt, wo ansonsten weit und breit nichts zu hören ist, zucke ich jedesmal zusammen, wenns scheppert und klirrt.

Sobald die Handwerker Pause oder Feierabend haben, herrscht um mich herum eine Stille, die ich bisher nicht kannte. Sie stört mich nicht im Geringsten, im Gegenteil: Ich beginne mehr und mehr, sie zu schätzen.

Sie wird mir fehlen, wenn die Normalität – was auch immer dann als „Normalität“ bezeichnet werden kann – irgendwann unseren Alltag zurückerobert haben wird und unsere Hamsterräder wieder so laut surren, dass man das eigene Wort nicht mehr versteht.

Dann wird sich der eine oder die andere zwischendurch vielleicht auch nicht ganz frei von Wehmut an den Frühling des Jahres 2020 erinnern, in dem das hemmungslose Zuhauseherumsiffen kein Zeichen von Faulheit, sondern eine vom Staat verordnete Pflicht war.

5 Kommentare

  1. Sehr realistisch beschrieben, ich sehe Deine Blicke zum Schloss, spüre Dein Nachdenken.
    Doch einen Rat möchte ich Dir erteilen, gönne Dir mehr Zeit zum essen, das Du Dir mit Einfallsreichtum zubereitet hast.

  2. Du rauchst zu viel. Jetzt wäre doch die Gelegenheit, damit wieder mal aufzuhören. Das gibt Erzählstoff für die nächsten zig Wochen.

  3. Deinen Tagesablauf musst Du also virklich überarbeiten. Zwischen dem Augendeckelhochklappen und dem Ausdembetthüpfen liegen höchstens 15 Sekunden, keine Minuten.

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