Die neue Virklichkeit (15)

Die Burgdorfer Altstadt ist für einmal (und nur vorübergehend!) menschenleer. Gesprächsstoff haben die Leute trotzdem, wenn auch nicht immer neuen.

Ein bisschen wirkt sie wie die Kulisse für einen Film, die nach dem Abschluss der Dreharbeiten einfach stehengelassen wurde: Seit zwei Wochen ist die Burgdorfer Oberstadt so tot, wie einige Leute schon lange vor Corona nicht müde wurden zu behaupten.

In Aarau, Luzern, St. Gallen, Thun und überall sonst dürfte es ähnlich trostlos aussehen, aber Aarau, Luzern, St. Gallen, Thun und überall sonst sind nicht Burgdorf. Wenn in Aarau, Luzern, St. Gallen, Thun und überall sonst nichts läuft, ist das sicher bedauerlich, aber normal. In Burgdorf hingegen müssen wir uns erst an diesen Friedhofgroove gewöhnen (aber yes, we can! Auch das!).

Eben versammelten sich hier 350 000 Menschen, um den Wägsten und Chächsten zäntume dabei zuzuschauen, wie sie unter sich den König erkoren. Kaum waren sie weg, strömten die nächsten Heerscharen an den Schlossfuss, weil das Fernsehen kam. Ich könnte noch endlos solche Grossereignisse aufzählen, doch irgendwann ist auch mal gut, und abgesehen davon: „Es bringt nichts, sich im Glanz früherer Tage zu sonnen, wenn die Schatten über der Gegenwart lang und länger werden und das Jetzt langsam im Nichts verschwindet“, wie Polo Hofer nie sagte.

Das ist sowieso die grosse Frage: Wie hätte der Chronist des helvetischen Alltags kommentiert, was d Rosmarie und i plus viele, viele andere Menschen seit seinem Tod vor bald drei Jahren im letschte Tram, in Memphis, ufem Betriebigsamt, am Loeb-Egge z Bärn, in Wyssebüel, oder uf däm länge Wäg zu dir besprachen, während sie am rote Wy nippten oder in einer Wiese voller Alperose lagen, nachdem sie Sidi Abdel Assar vo El Hama, Adelina oder ds Lotti gebeten hatten, d Stüehl ewäg zu stellen, weil travailler für sie selber trop dur war?

Ganz einfach wäre ihm das kaum gefallen, ohne sich zu wiederholen: Den Klimawandel hatte er schon 1981 abgehandelt („Äs git e heisse Summer hüür“). Damals konnte man noch dem Amazonas entlangbummeln ohne ständig befürchten zu müssen, einem Eisbären zu begegnen. Mit Ein- und Auswanderern beschäftigte er sich 1980 in „Ännet dr Gränze“. Der Behauptung, dass ihm zum Thema „Corona“ plusminus dasselbe eingefallen wäre wie 1995 mit „Stop Aids“, würden wohl weder Ramona und Mischler Mone noch Johnny Ace und dr blind Willie McTell lange widersprechen, und e liebe Siech schon gar nicht.

Wenn etlichen Menschen in der Burgdorfer Altstadt gestern e Träne i ds lääre Bierglas gheit isch, kann das mit ihrer zunehmenden Vereinsamung oder dem Comeback des Winters zu tun gehabt haben, muss aber nicht. Falls zutrifft, was die Betreiberin eines Pizza-Lieferdienstes auf Facebook rapportierte, war vor allem die Art und Weise, wie die Polizei sich darum bemühte, die öffentliche Sicherheit auf diesem menschenleeren Fleckchen Welt aufrechtzuerhalten, zum Heulen:

Ich bin weit davon entfernt, jedes Kapitalverbrechen gutzuheissen, nur, weil gerade Corona ist. Trotzdem finde ich: Auch in einer Zeit, in der sich jede Berührung auf den Verlauf der Ansteckungskurve auswirken kann, sollte chly Fingerspitzengefühl erlaubt sein.

Oder vielmehr: Gerade dann sollte ein Minimum an Gspüri vorausgesetzt werden dürfen.

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