Die neue Virklichkeit (17)

Im Gegensatz zu anderen Männern schlief ich auch in den letzten Nächten friedlich im Bett. Ich wusste ja, was sich in Anitas Tüte befand.

Bevor ich zu weiteren Reflexionen über der Welten Lauf aushole, ist es mir ein Anliegen, ein Rätsel aufzulösen, das ich der werten Leserschaft in meinem letzten Beitrag aufgab (wenn auch ohne, dass ich dies beabsichtigt hatte, aber das nur in Klammern).

Der Zuschauerpost nach zu schliessen, erschütterten erbitterte Diskussionen darüber die in den vergangenen Heiminternierungswochen ohnehin laubsägeliholzdünn gewordenen Grundfeste etlicher Beziehungen bis an die Könntebruchstellen.

Nicht wenige Männer wurden scheints wie bettelndes Gesindel vom Tische gejagt. Später durften sie das Läger nicht mit ihren Gemahlinnen teilen, sondern mussten auf der Couch zämekrüglet Busse dafür tun, dem Weibe Widerworte gegeben zu haben.

Konkret ging es um dieses Bild:

Worum zum Teufel, fragte sich offenbar manche und mancher, handelt es sich bei diesem „Notvorrat“?

Woran mag es Hannes nur mangeln? Leidet er Hunger? Dürstet ihn? Gebricht es ihm an etwas? Ist er Lebenswichtigens verlustig gegangen (gut: Letzteres dachte sich garantiert kein Mensch, oder ämu nicht so. Doch wer mich kennt, weiss, dass ich beim Bummeln durch den Wörterwald einfach keinen Genitiv liegen lassen kann, und wenn er sich noch so an ein Zweiglein im Unterholz klammert)?

Vor allem aber: Wer cheibs ist diese Anita? Was will die und wenn nein: wann dann?

Um es kurz zu machen: Anita ist ein Stammgast in diesem meinem virtuellen Stübchen und daneben mit dem Mann verheiratet, der bei der Totalsanierung des Hauses, in dem ich wohne, die Bauleitung innehatte.

Deshalb konnte sie mein Milchchäschtli mühelos orten, und drum schaffte sie es wohl, ins Gebäude zu kommen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Anita gehört zur Burgdorfer Altstadt wie der Kronenplatz und das Schloss, wirkt aber deutlich jünger als diese beiden Sehenswürdigkeiten zusammen. Wenn sie, was leider viel zu selten vorkommt, eine unserer Discosausen besucht, wünscht sie sich immer „Major Tom“.

In ihrem Papiersack steckte weder Nahrung noch Tranksame noch weibliche Unterwäsche (ehrlich nicht, Henä!) noch Tabak, sondern…

…ta-taa!…:


Als ich das sah, hob ich vor Freude ab. Völlig losgelöst von der Erde, verzog ich mich aufs WC um – erraten! – darüber nachzudenken, wie ich Anita dafür danken könnte.

Nach längerem Werweissen fiel mir etwas ein: Sie musste ihren Tom schon so oft mit anderen teilen, dass er jetzt einmal ganz allein ihr gehören soll:

Was tat sich in meinem Mikrokosmos sonst noch?

Nicht viel. In seiner Umlaufbahn allerdings schon.

Gestern Abend kam ein Freund, wie jede Woche, auf ein Kafi vorbei. Heute Abend wollte ich für ihn und eine gemeinsame Freundin Spaghetti Bolo kochen, aber daraus wird nichts: Die Tochter der Freundin rutschte in ihrem Treppenhaus aus. Danach gings mit ihr ab ins Spital. Das Mädchen hat nach wie vor heftige Kopfschmerzen und trägt einen Arm im Gips.

Die Bekannte, die sich mit dem Corona-Virus angesteckt hat und sich in Heim-Quarantäne begeben musste (von wo aus sie mir die denkwürdigen Worte schrieb, sie erlebe „Momente des Hinterfragens, des Bangens, aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt meiner Schlafzimmertür“), schickte mir Tage später diese Nachricht:

„Leute, wir müssen die Quarantäne wirklich ruhiger angehen. Es gibt Menschen, die verrückt werden, weil sie eingesperrt sind. Ich habe das Thema vorhin mit der Mikrowelle und dem Toaster besprochen und wir drei sind uns nun einig, dass wir nicht mehr mit der Waschmaschine reden; die verdreht nämlich immer alles!“

Ich fand den Witz nicht übertrieben komisch, weil er in sehr ähnlicher Form schon während SARS (oder der Vogelgrippe?) zirkulierte.

Aber weil er darauf hinwies, dass die Frau als Hochrisikopatientin offensichtlich auf dem besten Weg aus ihrer Misere ist, gingen meine Mundwinkel beim Lesen aus purer Erleichterung trotzdem ganz von alleine nach oben.

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