Die neue Virklichkeit (18)

„Was machen wir an Ostern“? – Diese Frage lässt auch in Burgdorfer Behausungen die Köpfe rauchen.

Konzerte, Hochzeiten, Auftragsmorde, Strategiesitzungen, Theaterbesuche, Blind Dates, Mitgliederversammlungen, Coiffeurtermine, Gerichtsverhandlungen, Klassen-zusammenkünfte, Feuerwehrmagazineinweihungen, Vernissagen, Sportveranstal-tungen, Entbindungen: Was auch immer Anfang März noch als absolut unaufschieb- oder -absagbar galt, haben wir aus unseren Agenden gestrichen.

Ostern aber sind dringeblieben (und Weihnachten natürlich, samt dem Heiligen Abend, der heuer auf den 20. Oktober fällt, aber wenn das noch lange so weitergeht, gibts natürlich no smoke on the Züriseewater. Es ist schon bemerkenswert: Fünf Engländer lassen es jahrzehntelang an allen Fronten krachen. Zu Mitgliedern einer Risikogruppe werden sie jedoch erst, wenn sie backstage nur noch an Verveinetee nippen und vergessen haben, wie man Gruppi buchstabiert).

Ostern 2020 werden als jene Feiertage in die Geschichte eingehen, bei deren Gestaltung die Familien ungleich unfreier waren als in den 2019 Jahren zuvor. Die Eckpfeiler ums Festgelände setzte der Bundesrat, und zwar nicht sonderlich weit auseinander.

Auf Fahrten in den virusverseuchtissimo Ticino sei zu verzichten, sagte Alain Berset. Der Tonfall, den er dabei anschlug, und die Miene, die er dafür aufsetzte, liessen keinen Zweifel daran, das er das nicht als unverbindliche Empfehlung an Abertausende von Deutschschweizer Rusticobesitzern und Campingfans verstand; das war mehr ein – wenn auch elegant als Bitte getarnter – Befehl (nur zum Säge: so führt man Menschen, Frau Martullo Blocher).

Lange über Alternativprogramme nachzudenken, lohne sich nicht, fügte Berset sinngemäss an: Selbst wenn um den 12. April herum das schönste Wetter seit Menschengedenken herrschen sollte, sei die Bevölkerung dringend gebeten, sich weiterhin drinnen zu vertörlen.

Das heisst: Keine Autokolonnen am Gotthard (was ich persönlich sehr bedaure; am Radio mitzubekommen, wie der Stau von Stunde zu Stunde wächst, gehörte immer zu meinen grössten Osterfreudeli, und das beste war: kaum wurden die Blechschlangen vor Göschenen am Sonntagmittag ein bisschen kürzer, schwollen sie in der Greater Airolo Area wenige Stunden später schon wieder auf Dutzende von Kilometern an), keine Märsche der Friedensbewegten (auch in diesem Jahr hätten daran, schweizweit kumuliert, wohl sieben bis acht und damit deutlich mehr als die erlaubten fünf Personen teilgenommen), keine Heimsuchungen durch sämtliche Vorräte plündernde Verwandtenhorden, dafür aber: 8,5 Millionen Wildcards für die 1. Swiss Indoors im Eiersuchen.

Wer den lieben Kleinen zeigen will, wie das früher war, als Ostern noch draussen stattfanden, kann ihnen auf ihren Tablets das hier

abspielen (falls neben den Egoshootern, den Manga-Pornos und dem neuen Schulkram noch etwas Speicherplatz übrig ist), aber Obacht: Wenn sie den Film einmal gesehen haben, wollen sie ihn sich bis frühestens Mitternacht immer und immer wieder reinziehen.

Vorhin überlegte ich mir, was ich sagen würde, wenn ich Pfarrer wäre und am Ostersonntag eine Predigt halten müsste dürfte. Kaum hatte ich mit dem Sinnieren begonnen, wurde mir klar, dass sich eine solche Ansprache aus aktuellem Anlass kaum aus der Schublade mit der Aufschrift „Ostern 2004“ ziehen oder dem Ärmel schütteln liesse; vielleicht tut sich auch der eine und andere Profi gerade chly schwer damit, die passenden Worte zu finden.

(Falls Manuel Dubach mitlesen sollte: Du musst jetzt ganz stark sein.)

In den Baukasten mit Stichwörtern, aus denen ich sie zusammensetzen möchte, würde ich Begriffe wie „Mitgefühl“, „Verantwortung“, „Spontaneität“, „Hilfe“, „Solidarität“, „Engagement“, und „Gelassenheit“ legen.

Negatives liesse ich weg. Ich würde auch nicht fragen, „Wo ist Gott?!?“ oder „Wenn es einen Gott gibt: Wie kann er so etwas nur zulassen?“. Das haben nach Terroranschlägen und Naturkatastrophen schon unzählige andere und sehr viel berufenere Leute getan, ohne (mir) plausible Antworten liefern zu können.

Möglicherweise ist es aber gar nicht an anderen, mir darauf Antworten zu geben. Möglicherweise läge es an mir, nach Antworten darauf zu suchen. Wenn ja, könnte das ein Predigtthema sein, nur wäre ich damit hoffnungslos überfordert, und Hoffnung ist letztlich what it’s all about, n’est-ce pas?

Ich möchte trotz – nein: gerade wegen! – Corona einen unbeschwert-fröhlichen Ostergottesdienst gestalten. Die Gesangbücher könnten unberührt beim Eingang zur Kirche liegenbleiben. Stattdessen würde ich The Vocalistas fragen, ob sie Lust hätten, an diesem Morgen zu singen, und The Rattlesnakes oder The Foolhouses engagieren und dazu ein Tschuepeli Absolventinnen und Absolventen der Musikschule Region Burgdorf einladen und sie dann einfach machen lassen.

Wenn das, was sie darbieten, besinnlich und feierlich und damit eher meditativ und so klingt: wunderbar. Wenns swingt und groovt und chlöpft und tätscht: tiptopp. Wenns mal so und mal so und mal so tönt: perfekt.

Im Idealfall musigen sie solange, bis keine Zeit mehr für eine Predigt bleibt. Andererseits: Der eine Gast oder die andere Gästin wäre amänd noch froh, wenn er oder sie etwas geistige Nahrung mit nach Hause nehmen könnte. Wer die Ration schlau einteilt, kann davon zehren, bis am nächsten Sonntag wieder jemand zur Gemeinde spricht, der weiss, was er tut.

Für sie würde ich von Zeitgenossinnen und -genosssen berichten, denen diese Seuche ein anderes oder sogar neues Leben geschenkt hat. Von Leuten, welche wegen Covid-19 ihre Geschäfte schliessen mussten und die die freie Zeit, über die sie nun verfügen, nicht vor dem Fernseher totschlagen, sondern Bedürftigen schenken. Oder von Menschen, die ihr Dasein jahrelang im stillen Kämmerlein fristeten, aber jetzt, wos draufankommt, plötzlich aus ihren Versenkungen auftauchen, um zu helfen.

Von Schweizerinnen und Schweizern und Ausländerinnen und Ausländern, die für Nachbarn einkaufen gehen, die sie bis vor Kurzem nur vom Klingelschild her kannten. Die sich stundenlang ans Telefon setzen, um Wildfremden, die nicht wissen, wohin mit ihren Sorgen und Ängsten, ein offenes Ohr zu leihen. Die Eltern entlasten, indem sie Kinder hüten oder Teenagern Nachhilfeunterricht erteilen. Die für andere Hunde ausführen, Zahlungen erledigen und Abfall entsorgen. Die Seniorinnen und Senioren aus Büchern vorlesen, mit ihnen vergilbte Fotoalben durchblättern oder einen Jass klopfen.

Solche Menschen würden im Mittelpunkt meiner Predigt stehen, auch wenn ihnen das wahrscheinlich niene rächt wäre, weil sie das, was sie für andere leisten, als selbstverständlich erachten.

Um den Vortrag schön rund zu machen, müsste ich die vielen Beispiele gegen den Schluss hin irgendwie mit Ostern verknüpfen. Das wäre der heikelste Teil; (allerspätestens) an der Stelle würde sich die Spreu vom Weizen – beziehungsweise der Blogger vom Pfarrer – trennen.

Wenn es mir gelänge, würde mich das sehr freuen, aber wenn ich es – was sehr viel wahrscheinlicher ist – nicht schaffen würde, hätte ich deswegen keine schlaflosen Nächte.

Die Botschaft würde vielleicht auch so ankommen, auch wenn es keine speziell österliche wäre.

(Bevor ichs vergesse: Das „Christmas Concert“ von Irrwisch zählt für mich zu den zehn schönsten Alben aller Zeiten.)

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