Die neue Virklichkeit (25)

Selten haben die Menschen einem Datum dermassen entgegenplanget wie dem 19. 26. April dieses Jahres. Dann verkündet der Bundesrat, ob er den Corona-Hausarrest ganz oder nur ein bisschen aufhebt oder ihn bis Ende Mai oder bis zu den Sommerferien 2020 (der Vermerk der Jahreszahl könnte irgendwann noch wichtig werden) verlängert, weil die cheibe Kurve noch immer nicht comme elle faut abgeflacht ist.

Wenn man von mir wissen möchte, was an diesem 26. April aller 26. Aprille passieren wird – was garantiert niemand wird wissen wollen; mich fragt ja grundsätzlich nie jemand etwas, aber mich hat bekanntlich auch niemand gern und wenn doch, läufts am Ende immer nur auf den Körper hinaus, obwohl die Innereien ungleich mehr zählen -, würde ich sagen: eher nicht allzuviel.

Simonetta Sommaruga, Karin Keller, Alain Berset, Guy Parmelin und Daniel Koch werden der Nation für ihre Solidarität danken und ihr dann mitteilen, dass die Lage immer noch „ernst“ bis „schwierig“ sei. Nach wie vor gehe es darum, die besonders gefährdeten Menschen zu schützen und alle anderen zu stützen, und deshalb und so weiter, und so fort.

Nach „schützen“ können sich 99 Prozent der Ladenbesitzer und Beizer aus der Liveübertragung ausklinken. Mit ihnen müssen auch die Präsidenten von Sportclubs, die Veranstalter von Grossanlässen und die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler alle Hoffnungen auf eine baldige Auferstehung wenn nicht gleich fahren lassen, so doch zweckoptimistischer denn je aufrechtzuerhalten versuchen.

Jubeln können allenfalls die Angehörigen der haareschneidenden Branche, aber bitte nicht zu laut, um keine Neidgefühle zu wecken. Die Frisuren mancher Schweizerinnen (und in Einzelfällen auch Schweizern) gemahnen inzwischen Storchennestern nach Stürmen vom „Sabine“-Kaliber.

Nicht wenige Zeitgenossinnen (und, nochmals, auch wenns vor allem der Political Correctness geschuldet ist: auch Zeitgenossen!) stehen heute mit demselben Look an den Kassen der Grossverteiler wie vor 35 Jahren vor dem Gesichtskontrolleur des „Blackout“ in Kloten, und jetzt kommt mir grad das Augenwasser. Im „Blackout“ feierte unsere KV-Klasse ihre Afterabschlussfeierparty, und wenig später gings für uns in einem ziemlich furchterregenden Tempo ab ins Leben B und zack: war die Zeit des unbekümmerten Seins vorbei, bevor wir realisierten, wie sehr wir sie geniessen sollten.

Die Stunden in der damals angesagtesten Disco zäntume waren von einer grossen Ausgelassenheit geprägt, aber auch von einer leisen Wehmut. Letztere verlor sich irgendwann im Trockeneisnebel. Ihre hartnäckigsten Überreste ertränkten wir in Bacardi Cola.

Dieser Strand! Diese Palmen!!

Dass wir, von „Rock me Amadeus“, „Live is life“ oder „Maria Magdalena“ umtost, soeben unsere Freiheit zig Meter tief unter der Tanzfläche begruben, wussten wir nicht; woher auch. Die Leute, die uns darauf hätten vorbereiten können, texteten uns in den Jahren zuvor endlos mit Nebensächlichkeiten von A wie Algebra über S wie Stenografie bis Z wie Zweifache Buchhaltung zu, doch auf die Idee, uns einmal zu sagen, „hört mal, Leute: So locker wie jetzt könnt ihrs nachher nie mehr nehmen. Wenn das hier vorbei ist, gilts ernst“, kam keiner und keine von ihnen (und wenn – wenn! – jemand auf die Idee gekommen wäre, hätten wir einfach nicht hingehört. Für uns zählte nur, was war und wovon wir träumten. Die Realität hatte daneben an einem kleinen Ort Platz).

In jener Aprilnacht 1985 erlebten wir, um es mit Don Henley zu sagen, der sich mit diesem Thema auskennt wie nur wenige andere, The End of the Innocence, und jetzt machen wir glaub am besten erstmal chly Musig.

„I know a place where we can go
That’s still untouched by man
We’ll sit and watch the clouds roll by
And the tall grass wave in the wind

You can lay your head back on the ground
And let your hair fall all around me
Offer up your best defense.“

Wurden Worte je schöner vertont?

Aber gewiss doch. In „After all these years“von Journey zum Beispiel

oder in „Against the wind“ von Bob Seger

sowie – vor allem! – in „Indiana“ von Melissa Etheridge

und sicher noch in in ein paar anderen Liedern, aber um danach zu suchen, fehlt mir leider die Zeit. Abgesehen davon möchte ich den Eindruck vermeiden, ich sei eine zu Sentimentalitäten neigende Kitschbabe.

Und wenn wir schon dabei sind: als religiösen Fanatiker würde ich mich auch nicht bezeichnen. Trotzdem – nein: deshalb – finde ich ziemlich cool, wie Manuel Dubach, reformierter Pfarrer in Burgdorf, in der Corona-Krise neue Wege nicht nur zu seiner Stammkundschaft findet, sondern auch zu seit Jahren in sehr abgelegenen Tälern weidenden Schafen wie mir, die nicht schon am Montagmorgen darüber nachdenken, was sie am Sonntag anziehen sollen, um angemessen gekleidet z Predig z ga.

Er wendet sich via youtube und Facebook an die Leute – und erreicht damit mehr Publikum als in virenfreien Zeiten bei zig Auftritten zusammengerechnet.

Seine Ansichten zum Thema „Social Distancing“

hörten bisher knapp 1100 Menschen. Gestern machte er sich im Zusammenhang mit dem heutigen Karfreitag Gedanken zum Thema „Humor“.

Wenige Stunden später zeigte der Zähler unter dem Film schon fast 500 Zugriffe an.

500 Zuhörerinnen und Zuhörer: Soviel Publikum haben Pfarrerinnen und Pfarrer sonst höchstens bei Abdankungen ganz prominenter Zeitgenossen und auch nur, wenn der oder die Verblichene das Zeitliche in jungen Jahren gesegnet hat.

Jetzt aber, wo Gläubige und Atheisten – nur sinnbildlich, versteht sich! – Schulter an Schulter im Seich stecken, scheint parallel zur Nachfrage nach Toilettenpapier auch das Bedürfnis nach geistiger Nahrung zu steigen. Der Pfarrer von Burgdorf – und zwar nur er, wenn ich das in aller Neutralität anfügen darf – hat das erkannt und versorgt die Gemeinde auf eine überaus gmögige Art und Weise mit Stoff, der in diesen schweren Zeiten nicht nur leicht verdaulich ist, sondern auch für willkommene Überraschungen in den gänzlich überraschungsfrei gewordenen Alltagen sorgt.

Den Gedanken zu haben, „Karfreitag“ mit „Humor“ zu verbinden, ist nur das Eine. Daraus etwas zu machen, was nicht allzuviele Menschen allzu heftig in ihren Gefühlen verletzt, dürfte ähnlich herausfordernd sein, wie in einem vollbesetzten Zirkuszelt mit Anderthalbliterflaschen voller Nytroglycerin zu jonglieren. Wenns klappt, sagen alle „Ah“ und „Oh“. Wenn nicht…aber mir wei nid grüble.

Abgesehen davon: In den wenigen Fällen, in denen es schon versucht wurde, funktionierte es ja hervorragend.

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