Die neue Virklichkeit (26)

Grosser Auftritt – k(l)eine Wirkung.

Nie – ich wiederhole: nie! – grinste mir das Schicksal hämischer ins Gesicht als diese Woche.

Auf der Rückseite unserer Lokalzeitung war wereliwer zu sehen?

Yup!

Und was passierte daraufhin, waseliwas?

Genau.

Ich habe keine Ahnung, wer das Selfie von mir in meinem Büro geschossen hat. Ich weiss auch nicht, wer das Bild an die Adresse redaktion@dregion.ch schickte in der grossen Hoffnung darauf, dass es abgedruckt würde, und zwar nicht einfach unten links auf Seite 8, weil jemand zuwenig gestorben war und der eigentlich für die Todeanzeige reservierte Platz last minute irgendwie gefüllt werden müsste, sondern unübersehbar, in der Mitte einer der meistbeachteten Seiten der ganzen Zeitung.

Wer auch immer das getan haben mag: Falls der flotte Typ aus der Schmiedengasse 1 auf diese raffinierte Weise dafür sorgen wollte, dass ich über Nacht aus den Niederungen der altstädtischen U- in die Sphären der regionalen F-Prominenz aufsteige, sei ihm ein paar Tage nach dem Erscheinen der „Region“ gesagt: all seine Bemühungen fruchteten nichts.

Kein Schwein rief mich an, niemand flehte um Autogrammkarten. Als sich mir die von Andy Warhol garantierte Chance auf meine 15 Minuten Berühmtheit bot, las längs niemand mehr Zeitung, weil darin sowieso nur Coronazeugs steht. Abgesehen davon bekommen ohnehin nur noch sehr wenige Leserinnen und Leser ihr Leibblatt nach Hause geliefert, da die meisten Verträgerinnen und Verträger als Risikogruppen-mitglieder richtiger-, aber in meinem Fall halt doch höchst bedauerlicherweise, auf das Austragen von Drucksachen verzichten.

Überhaupt, die Risikogruppen. Aber eigentlich brauche ich dazu gar nichts mehr sagen. Es wurde dazu ja schon von allen alles gesagt, wie zu allem anderen auch, denken wir nur an die Themen „Exit-Strategie“, „Abfederung“ oder „Hamsterkäufe“, und wenn wir schon dabei sind: folgende Begriffe mag ich, in alphabetischer Reihenfolge, ebenfalls nicht mehr hören:

Ausnahmezustand

Fallzahlen

Händewaschen

A propos „Fallzahlen“: Was ist eigentlich mit dem Tiger, der sich im Zoo von New York angeblich mit den Corona-Virus angesteckt hat?

Lebt er noch? Geht er weiterhin einkaufen, als ob nichts wäre, oder erledigen das inzwischen die Zebras von nebenan für ihn? Sind Schutzmasken für Raubkatzen sinnvoll oder nutzlos? Liegt er in einem Spital unter dem Sauerstoffzelt? Wurde er eingeschläfert? Gab er die Bazillen vor einem Ableben weiter und wenn ja, wem? Einem Wärter? Einem Artgenossen? Einem Wärter in einem Artgenossen?

Sprangen sie von ihm auf die Löwen und Gazellen und Elefanten und von dort auf die Bäume und Sträucher über? Ist da überhaupt noch jemand oder etwas, im New Yorker Zoo? Oder siehts dort inzwischen auch aus wie, zum Beispiel, auf der Brüder Schnell-Terrasse, wo in diesen Frühlingstagen normalerweise Dutzende von Burgdorferinnen und Burgdorfern heiteren Gemüts dem Pétanquespiel frönen, als ob die Mutter aller Städte nicht im Ämmitau, sondern in Südfrankreich liegen würde?

Brüder Schnell-Terrasse einst („einst“ im Sinne von „vor ein paar Wochen“).
Brüder Schnell-Terrasse jetzt.

Niemand weiss es, niemand hat nachgefragt, alles hängt in der Luft, aber gut: nicht nur im Zoo von New York, sondern auch in der Altstadt von Burgdorf und sonstwo.

Ostern 2020: Das ist die Feier der Tatenlosen im Tal der Ahnungslosen, wobei: ein bisschen Ahnung gibt es ja schon, zumindest, was die Frage betrifft, wies mit der Wirtschaft nach der Lockerung des kollektiven Hausarrests weitergeht: nicht zügig obsi nämlich, sondern mehr steil absi. So interpretiere ich jedenfalls die jüngsten Ausführungen von Eric Scheidegger vom Amt für Wirtschaft, aber deshalb braucht jetzt niemand zu erschrecken; wenn ich die Worte von Wirtschaftsfachleuten interpretiere, ist das von einer ähnlichen Verbindlichkeit, wie wenn ein Stromer auf Mallorca dem Finca-Besitzer aus Deutschland verspricht, er werde sich gleich morgen früh um die kaputte Aussenbeleuchtung kümmern.

„V-Rezession“, „L-Rezession“, „BIP-Rückgang“: Das sind Begriffe, mit denen ich sehr viel weniger anfangen kann als mit, sagen wir, mit „Rock’n’Roll“ oder „Haute Cuisine am eigenen Herd“, aber vermutlich ist das auch gar nicht so wichtig, denn wenn uns Corona eines gelehrt hat, dann nebst vielem anderem das: Die Prognose von heute Mittag ist die Zurückruderregatta von heute Abend.

Da lobe ich mir doch – einmal mehr – Daniel Koch, der an derselben Medienkonferenz schlicht und einfach konstatierte, „wir sind über den Berg hinaus, falls es der letzte Berg ist“. Das ist im Vergleich zu dem, was in den letzten Wochen zahllose Expertinnen und Experten zum Thema beizusteuern sich bemüssigt fühlten, eine an Präzision kaum zu toppende Aussage.

Was gibt es in Sachen Ostern noch zu vermelden? Wenn man lange genug darüber nachdenkt – was man in Ermangelung anderer Beschäftigungsmöglichkeiten ja ad Libido tun kann – kommt man zum Schluss: erschütternd nichts.

Ich gehe davon aus, dass in den christlich geprägten Coronakasernen heute alles plusminus so läuft, wie es unter den gegebenen Umständen halt laufen kann, das heisst: Papi guckt, in seinen täglich dichter werdenden Kokon aus Spinnweben gehüllt, auf dem Sofa fern, s Mami versteckt in den Zahngläsern und hinter der Gottfried Keller-Gesamtausgabe in der Ikea-Wohnwand Eier, Leo und Lea büffeln am Laptop Astrophysik (und zwar nicht für die Schule, sondern für sich selber!, wie der Lehrer bei seinen regelmässigen Videokonferenzen mit der Klasse nicht müde wird zu betonen).

Gegen Punkt 12 Uhr – also: genau dann, wenn der Hackbraten verzehrbereit wäre – ruft Tante Martha an, um sich nach dem Befinden der lieben Verwandten zu erkundigen, und sobald die Bratenscheiben, längst erkaltet, auf den Tellern liegen, klingelt das Telefon erneut, und alle wissen: das ist Onkel Max, und das dauert länger.

1 Kommentar

  1. Hannes Hofstetter

    Dürfte ich bitte ein Autogramm von Ihnen bekommen? Aber bitte desinfiziert und ohne Viren dran. Nicht dass meine Familie, noch schlimmer meine Meerschweinchen, Hamster und Fische krank werden. Danke!

    Und den Untertext „konzentriert sich aufs Wesentliche“ während des Schiessen eines Selfies…. 🙂

    Und viel Vergnügen bei der Ostereiersuche. Dieses Jahr lassen sich die Eiersuche und Staubwischen in den hintersten Winkeln des Daheims doch ideal verbinden. Lieber Gruss aus dem Aargau

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