Die neue Virklichkeit (29)

Wenn die Tagschicht der Wissenschaft Feierabend hat: Sagt sie der Ablösung, was vorher lief? Wenn nein: Wieso können diesem Mobbing nicht ausgediente Schulpsychologen ein Ende setzen?

Über 2000 Jahre lang interessierte sich kein Mensch für sie, oder ämu fast keiner. Aber jetzt, wos ans Läbige geht, prägt sie unseren Alltag bis in die hintersten Winkel. Was auch immer sie sagt, gilt als erwiesen und damit als verbindlich. Der Bundesrat fällt keinen Entscheid, ohne vorher sie zu konsultieren, und einzelne ihrer Exponentinnen und Exponenten avancierten in den letzten Monaten zu Stars, nachdem sie früher immer diejenigen waren, welche im Turnen widerwillig als Letzte in die Fussball-
mannschaften gewählt wurden: die Wissenschaft.

Ihre Stimme hat für Millionen von Leuten mehr Bedeutung als jene aller Politikerinnen und Politiker und Wirtschaftsverantwortlichen zusammen. Umso wichtiger wäre, dass sie sich klipp und klar ausdrücken würde, aber das tut sie nur selten:

Am Morgen schreibt ein Onlineportal, die Corona-Ansteckungskurve weise gemäss „der Wissenschaft“ nach unten. Am Mittag heisst es im Radio, es gebe bei den Ansteckungen laut „der Wissenschaft“ eine alarmierende Dunkelziffer, und acht Stunden später vermeldet Tagesschau, „die Wissenschaft“ sehe am Ende des Tunnels ein Licht (seltsamerweise erwähnt „die Wissenschaft“ in diesem Zusammenhang nie, dass der zunehmend hellere Schein auch von einer gigantischen Lokomotive stammen könnte, die führerlos auf die vor dem Loch auf bessere Zeiten hoffende Bevölkerung zurast, aber dafür hat sie wohl ihre Gründe).

Ist das nur eine Wissenschaft, die rund um die Uhr daran arbeitet, Covid-19 den Garaus zu machen, und in der Hektik manchmal schon um 14 Uhr nicht mehr weiss, was sie um 11 Uhr sagte? Oder sind das in Schichten chrampfende Wissenschaften, die am Feierabend einfach ihre weissen Kittel an die Haken hängen und aus den Labors verschwinden, ohne ihre Ablösungen auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen?

Mobben sich die Wissenschaften auf diese Weise gegenseitig und wenn ja, warum und überhaupt: Wieso unternimmt niemand etwas dagegen? Heerscharen von staatlich alimentierten Psychologen, die am Rande der Pausenplätze jahrelang kettenkiffend darauf warteten, dass Hansli Fritzli den Döner entreisst, um Ersteren zK. der lokalen KESB noch sur place forensisch zu begutachten und Letzterem traumatisierungs-präventiv einen halben Liter Bachblütenessenz in den Unterarm zu jagen, würden sich noch so über neue Betätigungsfelder freuen, und wenn das irgendwann dazu führt, dass „die Öffentlichkeit“ auch nur eine vage Ahnung davon hat, für wen oder was diese „Wissenschaft“ eigentlich steht, ist am Ende allen gedient; nicht zuletzt „der Wissenschaft“ selber – und ganz bestimmt auch „den Medien“.

„Die Medien“ entscheiden ja, was „die Öffentlichkeit“ in Sachen Corona „weiss“ und was nicht (das waren jetzt abnormal viele Anführungszeichen auf einmal, aber was ist „in Zeiten wie diesen“ schon „normal“?).

In manchen Redaktionen, die in den vergangenen Jahren aus Spargründen bis knapp an die Grenze der Blutleere ausgedünnt wurden, halten jedoch nur nur noch einige soeben der Pubertät entwachsene Billigstkräfte die Stellung. Für sie ist „Googlen“ das einzige Synonym für „Recherche“ und das Copypasten von kompletten Wikipedia-Beiträgen nichts Verwerfliches. Sie wähnten sich an ihrem Karrierehöhepunkt, als sie am letzten Gurtenfestival backstage drei Minuten lang mit dem Schwager der Cousine einer längst wieder der Vergessenheit anheimgefallenen Hip-Hopperin aus Katalonien über deren erste CD („Ihr bisher bestes Album!“) plaudern durften.

An ihnen liegt es nun, die Nation allgemeinverständlich über hochkomplexe medizinische, wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge aufzuklären, die Informationen und Anweisungen der Landesregierung unters Volk zu bringen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, unkritisch alles nach unten durchzureichen, was ihnen von oben zugeworfen wird und daneben mit möglichst knackigen – aber zumindest nicht jedesmal total irreführenden – Schlagzeilen die Klickzahlen in der Höhe zu halten.

Das überfordert auf Dauer den talentiertesten Praktikanten, weshalb zur medialen Bewältigung der nächsten Coronawelle ein neues Modell angedacht werden könnte: Ein noch zu evaluierendes Gremium ernennt pro Sprachregion eine mit allen Wassern gewaschene Journalistin (oder einen mit allen Wassern gewaschenen Journalisten, um tschendermässig auch in der aktuellen Notlage in der Spur zu bleiben), die/der sich dann einmal pro Tag mit dem immer gleichen Mitglied des Bundesrats und dem immer gleichen Vertreter der Wissenschaft über Exit-Strategien, Fallzahlen und Kurvenverläufe unterhält und mit ihren/seinen Erkenntnissen sämtliche Medien in ihrem/seinem Einzugsgebiet bedient.

Dann wüssten stets alle gleich viel und kein(e) Medienschaffende(r) müsste je wieder morgens um 7 einen pensionierten Handchirurgen mit virenspezifischen Fragen behelligen, weil der 18. der für heute geplanten 45 Corona-Beiträge längst online sein müsste, die eigentlichen Experten aber schon tutti quanti besetzt sind.

Falls der Journalist oder die Journalistin nach ein paar Monaten leicht ermattet einen Freitag einziehen möchte, dürfte er oder sie das selbstverständlich tun. Dann gäbe es halt einmal 24 Stunden lang nichts über Corona zu lesen und hören und sehen, aber das wäre inzwischen wohl für uns alle relativ locker verkraftbar.

2 Kommentare

  1. Obwohl ich mich nicht zuletzt dank/wegen dem täglichen Zeitungslesen zu den Virus-Ermüdeten zählen kann (Höchsten im Impressum steht nichts von Corona), muss ich sagen, dass ich diesen Beitrag mit grossem Vergnügen las.
    Ist eigentlich jemand hier einmal einer dieser ominösen Wissenschaften begegnet?

  2. Herrlich, die kettenkiffenden Seelenklemptner und ihre „Opfas“ … KESB und ein halber Liter Bachblütenessenz lösen die gute alte Pausenplatzrangelei ab…

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