Die neue Virklichkeit (30)

Vegetarier können einfach den schönen Teller angucken: Aus dem Burgdorfer „Stadthaus“ gibts jetzt beilagenfreie Cordon bleus für den Verzehr daheim. Auf den Küchenchef kommt schon bald etwas zu.

Wenn ich das, was ich mir während des Lockdowns zubereite, in einem Restaurant vorgesetzt erhielte und das Frölein beim Abräumen fragen würde, obs rächt xi isch, käme ich über ein artiges Nicken wohl nicht hinaus: Birchermüesli an Heidelbeer-Joghurt, Birchermüesli an Mango-Joghurt, Birchermüesli an Apfel-Joghurt, Birchermüesli an Blutorangen-Joghurt, Spaghetti Bolo, Hörni Bolo, dicke Nudeln Bolo, dünne Nudeln Bolo, Fusilli Bolo, Farfalle Bolo, Wienerli mit Härdöpfusalat, Härdöpfusalat mit Wienerli, Burger mit Ei, Burger ohne Ei, ab und zu ein Dürüm und alle Coronawellen einmal eine Pizza: that’s it, plusminus.

Aber jetzt, zu meinem einmonatigen Jubiläum als Lebensretter, wollte ich mir wieder einmal etwas ganz Feines gönnen. Das Hotel Stadthaus bietet seit Kurzem komplette Menüs für den Hausgebrauch an. Zur Auswahl stehen ein Swissprim Cordon bleu vom Kalb (mit ohne Gemüse!) oder ein individuell scharfgemachtes Rindstatar plus eine Suppe und ein Dessert für alles in allem 55 Franken.

Küchenchef Christian Bolliger bereitet die Essen in der Stadthaus-Küche zu und verpackt sie nach den aktuellsten Hygienevorschriften. Dann kann man sie bei ihm abholen. Für 10 Franken liefert er den Schmaus sogar nach Hause. Es versteht sich von alleine, dass ich dieses zusätzliche Nötli investiere; immerhin wohne ich im 4. Stock.

Ich fragte drei kulinarikaffine Freunde, ob wir uns zu diesem Festmahl bei mir treffen wollen, aber oha: der eine sagte ab, weil er in seiner Firma in Arbeit versinkt (doch, doch: das gibts noch), die beiden anderen schrieben, sie hätten seit Wochen null (in Zahlen: 0) Einkommen und müssten deshalb bedauernd verzichten.

Um doch noch zu meinem Cordon bleu zu kommen (das Drumerherum brauche ich eigentlich nicht zwingend, aber wenn Chrigu schon dabei ist, zu mir hochzusteigen, kommts auf die paar Kilo extra sicher auch nicht mehr an), habe ich also mehrere Optionen:

a) Ich bestelle es nur für mich und verputze es, im immer schwächer flackernden Schein des letzten noch funktionierenden Gaslämpchens, mutterseelenalleine in meiner totenstillen Wohnung,

b) Ich warte, bis der eine Freund nächste Woche vielleicht chly weniger Büez hat und ordere das Menü dann mit ihm.

c) Ich warte, bis der eine Freund nächste Woche vielleicht chly weniger Büez hat, ordere das Menü dann mit ihm und lade die anderen beiden einfach mit ein.

Eigentlich habe ich mich bereits für eine der drei Varianten entschieden. Ich verrate aber noch nicht, für welche, um gewissen Mitessern die Überraschung nicht zu verhageln.

A propos „Freunde“: Auch der Waggu, den ich mit zwei weiteren lieben Menschen aus meinem Umfeld diese Woche unternahm, hielt wiederum sehr viel mehr, als er versprochen hatte. Diese Bluescht! Diese Farben! Diese Düfte!

Wir waren nun schon zum dritten Mal hintereinander miteinander unterwegs. Weil wir – ausser in der Startphase; da legen wir Wert auf Abwechslung – immer dieselbe Route abbummeln, dürfen wir jedes Mal aufs Neue entzückt beobachten, wie sich die Natur an der Emme unten für den Sommer herausputzt.

Wenn wir im Juli oder August immer noch waggeln (was ich schwer hoffe), können wir bei jedem Strauch und jedem Baum, an dem wir vorbeigehen, sagen, dass wir ihn fast von Anfang an bei seinem Wiederwerden begleitet haben, und das ist, wie ich finde, ein schöner Gedanke (wenn auch einer, auf den man vermutlich nur in nationalen Notlagen kommt, weil sonst alles andere wichtiger ist zu sein scheint).

Nachdem ich hier jede Woche einmal von „Waggu“ schreibe, ist es vielleicht an der Zeit, sich einmal vertieft mit diesem schönen, aber leider vom Aussterben bedrohten Wort zu befassen.

Ein Blick in das Wörterbuch Berndeutsch-Deutsch führt auf eine heisse Spur…

…die bei der Konsultation von Perrypedia jedoch umgehend schockgefriert:

Auf Facebook entdeckte ich eine Frau einen Mann jemanden mit Namen Waggu. Wenn ich sie ihn mir das Bild so anschaue, kommt mir alles Mögliche in den Sinn, aber nichts, was auch nur annährend so tiefenentspannend wirken könnte wie unsere original echten Corona-Waggu.

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