Die neue Virklichkeit (32)

Dank Corona braucht niemand mehr vorzugeben, es gehe ihm oder ihr blendend, weil alles andere Schwäche signalisieren würde.

Samstag, 18. April 2020

Liebes Tagebuch

Über einen Monat ist es nun her, dass der Bundesrat wegen Corona die landesweite Notlage ausrief und ich begann, dir unter den Siegel der Verschwiegenheit anzuver-trauen, was dieser Hausarrest mit mir und Menschen in meinem Umfeld so macht.

Seither ist Vieles passiert, was wir bis dahin für undenkbar hielten. Zum Beispiel, dass „die Medien“ sich irgendwann wieder für etwas anderes interessieren könnten als für Greta Thunberg und ihren Klimawandel.

Sie konnten – und wie: Für den vergangenen Monat verzeichnet die Schweizerische Mediendatenbank unter dem Stichwort „Corona“ gut 62 000 Treffer. Der Klimawandel wurde in derselben Zeitspanne 950 Mal erwähnt. Seine prominenteste Bekämpferin kam in vier Wochen auf 315 Nennungen.

Weiter – oder vor allem – durften wir vom ersten Tag des Lockdowns an feststellen, dass unsere Gesellschaft doch nicht aus lauter Egoistinnen und Egoisten besteht. In der Schweiz und besonders im Emmental und ganz speziell natürlich in Burgdorf wurden innert kürzester Zeit Nachbarschaftshilfsangebote geschaffen, die bis heute gewährleisten, dass es den Angehörigen der Risikogruppen auch dann an nichts mangelt, wenn ihr Bewegungsradius nur noch wenige Quadratmeter umfasst.

Wir entdeckten, dass Nähe auch mit Abstand geschaffen werden kann und dass das Wohl und Wehe des Abendlandes primär von dessen Toilettenpapierreserven abhängt. Wir schätzen die Süssigkeit des Nichtstuns und geniessen die grossen Freuden im Kleinen, wenn wir mit Freunden einen Spaziergang machen oder uns auf ein Stehkafi vor ihrem Haus treffen.

Auf einmal interessieren wir uns dafür, wie es Leuten geht, von denen wir bis Mitte März kaum mehr wussten, als dass sie existieren (wie der Bartli von gegenüber heisst, der immer dann den Kopf aus dem Fenster streckt, wenn ich auf dem Balkon meinen Nikotinhaushalt in Ordnung bringe, ist mir allerdings immer noch unklar, aber er könnte ja auch einmal etwas sagen statt immer nur freundlich zu mir hinüberzu-
winken).

Und: Wir sind im Umgang miteinander ehrlicher geworden. Dank Corona braucht niemand mehr vorzugeben, es gehe ihm oder ihr blendend, weil alles andere Schwäche signalisieren würde. Ob körperlich, seelisch, sozial, wirtschaftlich oder kulturell: irgendwo schwächelt jeder und jede.

Hier rutscht eine Firma täglich näher in Richtung Abgrund, dort zerbröseln Beziehungen nach Wochen ununterbrochenen Nebeneinanders auf Nimmerwieder-
kitten. Da sind junge Leute, die ihre schwerkranken Mütter nicht mehr im Spital besuchen dürfen, und dort Grossväter, die in ihren Altersheimzimmern Fotoalben durchblättern müssen, wenn sie ihre Liebsten sehen wollen.

Nicht wenige Eltern dürften inzwischen mehr als nur eine verschwommene Ahnung davon haben, was die Lehrerinnen und Lehrer für ihre Kinder leisten. Auch der ignoranteste Ehemann begreift in seinem neueingerichteten Homeoffice langsam, dass das Dasein einer Hausfrau mehr umfasst als netflixend ein paar Hemden zu bügeln und am Abend eine Tiefkühllasagne in die Mikrowelle zu schieben.

Gut zu wissen: Den Titel „Beste Hausfrau“ gewann im Jahr 1967 eine gewisse Milena von Below. Sie lebte damals in Burgdorf, wie mir eine Leserin nach der Lektüre dieses Beitrags berichtete. Mit Stefan von Below, dem Sohn der Siegerin, verbrachte ich als Journalist viele, viele Stunden in Gerichtssälen. Die Welt ist manchmal schon klein.

Wir merkten, dass es zig Menschen gibt, die auch dann bereit sind, für uns zu arbeiten, wenn sie sich damit einer grossen Gefahr aussetzen. Die garantieren, dass unser Abfall weiterhin regelmässig entsorgt wird, dass wir ständig über Strom und Warmwasser verfügen, dass es auf den Baustellen vorwärts geht, als ob nichts wäre, und dass wir auch in dieser Ausnahmesituation unter 30 verschiedenen Naturejoghurts auswählen dürfen.

Wir applaudierten den Ärztinnen und Ärzten und den Pflegerinnen und Pflegern in den Spitälern und Heimen, erkannten, dass auf die Angehörigen der Armee und des Zivil-schutzes Verlass ist und sind uns weitgehend einig darüber, dass wir – ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich das je vor allen Leuten sagen würde – einen Bundesrat haben, der mit seinen Chefbeamten und deren Subalternen eine Entschlossen- und Gelassenheit an den Tag legt, die bis in die hintersten Winkel des Landes ausstrahlt.

Wir lernten, wie vernachlässigbar vermeintlich Unverschiebbares sein kann, dass sich Ferien und Grossveranstaltungen absagen lassen, ohne, dass deswegen jemand stirbt – ganz im Gegenteil – , und dass uns kein Zacken aus der Krone fällt, wenn in unseren Agenden einmal für ein paar Wochen (oder Monate; wer weiss?) so gut wie nichts eingetragen ist.

In mancherlei Hinsicht ähnelt das Leben mit dieser Pandemie dem Schweben über Reinhard Meys Wolken: Was uns eben noch gross und wichtig erschien, ist jetzt nichtig und klein.

So betrachtet, wärs vielleicht nicht schlecht, wenn wir versuchen würden, uns das eine oder andere, was Corona mit uns anstellte (und vermutlich noch sehr lange anstellen wird), für die wann auch immer anbrechende Zeit danach zu bewahren.

Ihr blicken einige von uns mit leisem Unbehagen entgegen und andere mit an Panik grenzender Angst. So oder so berührt das Virus jeden und jede im Innersten, unabhängig von der beruflichen Position, dem gesellschaftlichen Status, der Dicke des finanziellen Polsters und der Anzahl der Freundinnen und Freunde auf Facebook.

Das unterscheidet Covid-19 von anderen Naturkatastrophen, unter denen meist jene am meisten zu leiden hatten, die ohnehin schon in einem Masse litten, das wir Wohlstands-verwahrloste uns weder vorstellen konnten noch wollten, wenn wir stocksauer an unserem Latte Macchiato nippten, weil der Kellner vergessen hatte, Pistazienbrösmeli darüberzustreuen.

2 Kommentare

  1. Die von der Missen-Wahl suchen doch nach einem Format? Das würde auf alle Fälle sehr spannend.

    Vielleicht könnte der Bikini-Durchgang mit dem Geschnetzelten kombiniert werden?

  2. Danke für diesen Beitrag! Die ganze Situation aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, fördert viel Positives zu Tage. Blib gsund!
    Und noch eine indiskrete Frage: hat Tess aufgrund der Stay Home Situation ein wenig zugelegt um den Bauch? Ich glaubte,dies auf den Fotos zu erkennen. Vielleicht lag es aber auch nur an der ungünstigen Positionierung des Fotografen?

    Das musst du Tess schon selber fragen. Sie legt zwar einen gewissen Wert auf ihr Äusseres, aber das heisst nicht, dass sie jeden Tag auf die Waage steht und über ihr Gewicht Buch führt.

    Am Fotografen kanns jedenfalls nicht liegen. Wenn jemand weiss, wie man sich für ein Bild perfekt positioniert, ist er es.

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