Die neue Virklichkeit (33)

Weisser als die Felle von Heiligen Kühen sind nur die Röcke und Hemden an der Burgdorfer Solätte. Ob sie Ende Juni stattfindet, kommt morgen aus. (Bild: Simon Steinberger, pixabay)

Für Heilige Kühe ist der Corona-Frühling 2020 dasselbe wie jeder Herbst für das Wild: die time to say good-bye (wie Sarah Brightman und Andrea Boccelli sangen) oder sogar to say good-bye to it all (wie es Chris de Burgh formulierte), oder, um es mit den Doors auf den Punkt zu bringen: The End.

Sie werden dieser Tage am Laufmeter geschlachtet und unter erheblichem Wehklagen oder gänzlich unbeweint ins Grab der Geschichte gekippt.

Budget-Gemeindeversammlungen: Mobilisieren viel zu viele Interessierte, und überhaupt ist der Voranschlag von heute seit Corona das Altpapier von morgen.

Eingeschriebene Briefe: Hatten an jenem Tag ausgedient, an dem der erste Pöstler auf die Idee kam, er könne die Zustellung auch selber quittieren, statt beim Maschineli-
hinhalten vor der Haustüre sein Leben zu riskieren.

Abschlussprüfungen: Seit der Erfindung von Google ohnehin etwas überflüssig.

Feierabendapéros im Kollegenkreis: Wo denn? Und mit wem, wenn auch die Bürogspändli höchstens noch kurzarbeiten?

Jahreskonzert der Musikgesellschaft: Niemand investiert in der Pause noch 100 Franken in Lösli, um nach der neunten Zugabe mit einer Aldi-Speckseite unter dem Arm nach Hause wanken zu können. Kann also auch weg.

Die bald 300-jährige Solätte als heiligste aller Burgdorfer Kühe steht morgen im Burgdorfer Gemeinderatsszimmer, wo sie der Stadtregierung, mit den Hufen auf dem Parkettboden scharrend und hin und wieder eine Dekopflanze aus einem Topf rupfend, glubschäugig beim Diskutieren darüber zuguckt, ob sie am 29. Juni raus darf oder nach dem Motto „Stay im Stall – rette Leben“ drinnen bleiben muss.

Für Auswärtige: Die Solätte ist sozäge die Essenz von Burgdorf, jedenfalls für die Burgdorferinnen und Burgdorfer. Zugezogene vermögen darin wenig mehr als ein Gelage in Weiss zu erkennen, aber wer das laut schreibt, wird subito ohne Znacht aus der Stadt gejagt, und deshalb seis auch an dieser Stelle mit dem gebotenen Nachdruck vermerkt:

Etwas Schöneres als die Solätte hat die Welt nicht zu bieten, ausser vielleicht in diesem Jahr und möglicherweise auch im nächsten und so weiter, aber wer kann das heute schon sagen (und wenn es doch jemand sagen könnte: Wer wäre Manns oder Fraus genug, sich mit einem Megafon in der Hand auf die Schlossmauer zu stellen und den auf irgendeine gute Nachricht plangenden Menschen in ihren nach über vier Lockdownwochen übel heruntergewohnten Behausungen nach einem längeren „One, two…, one, two…“ zuzurufen: „HALLO!!! ACHTUNG!!! DIE SOLÄTTE IST ABGESCHAFFT! DAS IST KEINE ÜBUNG! DIE SOLÄTTE IST ABGESCHAFFT! ES BESTEHT GRUND ZUR PANIK, ABER BLEIBEN SIE RUHIG! SCHALTEN SIE DAS RADIO EIN UND WARTEN SIE AUF WEITERE ANWEISUNGEN! ICH WIEDERHOLE: DIE SOLÄTTE…)?

Die Solätte findet immer am letzten Junimontag statt und lockt jeweils auch zig Menschen aus näher (dem Tessin und dem Waadtland zum Beispiel) und ferner (Italien, Frankreich, USA etc. pp.) auf die Schützenmatte und in die Beizen der Oberstadt.

Für nicht wenige Gastronominnen und Gastronomen ist sie ein elementar wichtiges wirtschaftliches Standbein, und etliche Eltern hören von ihren Kindern an 365 von 365 Tagen nach dem Wecken als Erstes: „Isch hütt äntli Solätte?!?“

Man ahnt: Die Verantwortlichen stehen vor einem heiklen Entscheid. Sagen sie die Sause ab, berauben sie Heerscharen von Eingeborenen ihres liebsten Rituals, legen sie eine üppigst sprudelnde Einnahmequelle trocken und verunmöglichen sie unzähligen Exil-Burgdorferinnen und -Burgdorfern, früheren Weggefährtinnen und -gefährten immer und immer wieder die Frage aller Fragen zu stellen: „Weisch no?“

Geben sie für die Veranstaltung, an der Tausende von jungen und alten Leuten dicht an dicht vom Morgen bis tief in die Nacht hinein miteinander reden, knutschen und husten werden, grünes Licht, riskieren sie, dass Burgdorf wenig später europaweit und auf Ewigkeiten hinaus als Virenschleuder von mindestens Ischglformat gilt.

Einen Weg aus diesem Dilemma weist sicher der gesunde Menschenverstand, und zumindest in Ausnahmesituationen brauchen sich die Begriffe „Verstand“ und „Politik“ ja nicht grundsätzlich zu widersprechen.

Nachtrag 21. April 2020: Der Gemeinderat hat die Solätte 2020 abgesagt.

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