Die neue Virklichkeit (36)

Wie am Zmorgebuffet: Öppe so dürfte es am nächsten Montag vor den Gartencentern und Baumärkten aussehen.

In gut 120 Stunden haben wirs überstanden, oder ämu fast: Am Montag dürfen die Coiffeur-, Massage und Kosmetikstudios sowie die Baumärkte, Gartencenter, Blumenläden und Gärtnereien ihren Betrieb wieder aufnehmen.

Sosehr ich das all jenen Menschen, welche in diesen Branchen arbeiten, und sämtlichen Zeitgenossinnen und -genossen, die vor Vorfreude auf eine rundumsanierte Frise oder einen neuen Rasenmäher schon heute fast vergitzlen, auch gönnen mag: Ich blicke diesem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Wer schon Hotelgäste beim Erstürmen des Zmorgebuffets erlebt hat, kann sich mühelos ausmalen, wie es in diesen Geschäften Anfang Woche zu- und hergehen wird.

Ausgerenkte Kiefer, offene Schädelbrüche, zertrümmerte Kniescheiben: In den Spitälern dürften die Betten, aus denen in Erwartung einer tsunamiartigen Corona-Welle vor wenigen Wochen jeder und jede gekippt wurde, der oder die noch selbstständig röcheln konnte und die dann doch mehrheitlich leer blieben, innert kürzester Zeit mit Opfern der Lockdownlockerung belegt sein.

Bis in die Wyniger Bärge stehen vor den Polizeiposten grünblau geprügelte Hobbygärtnerinnen und blutverschmierte Heimwerker wie weiland die Kriegsver-sehrten vor den Sanitätsbaracken in Stalingrad Schlange, um Anzeigen gegen Unbekannt zu erstatten, wobei die Palette der angeblichen Delikte alles abdeckt, was das Strafgesetzbuch zwischen fahrlässiger Körperverletzung und Mord hergibt.

Gleich daneben stehen drei Partyzelte, in denen Versicherungen nach schweren Hagelzügen sonst ihre Drive-ins veranstalten. Darin werden die Beschuldigten, die von Mitgliedern der Broncos noch an der Ladenkasse widerstandsunfähig geprügelt und in Ketten gelegt wurden, abgeurteilt, wobei die Richterinnen und Richter gehalten sind, zügig vürschi zu machen.

Aufgrund der Notlage können sie auf Befragungen von Angeklagten und die Einvernahmen von Zeugen verzichten. Auch mit dem Anhören von Plädoyers brauchen sie keine Zeit zu verplempern: Staatsanwältinnen und Staatsanwälte sind für diese Schauprozesse ebensowenig vonnötigen wie Verteidigerinnen und Verteidiger.

Aus arbeitsöknomischen Gründen gilt nicht der Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“, sondern die Devise „Wegen nichts sitzt der Typ ja nicht hier“. Einziges Ziel ist es, die Kolonnen vor den Zelten zu verkürzen oder, um es auf Coronadeutsch zu formulieren: to flatten the curve.

Wegen des beschränkten Platzangebotes im Regionalgefängnis Burgdorf werden die Verurteilten in Waschanlagen gebracht, wo sie die nächsten Wochen damit zubringen, Autos mit schweren Schaufeln und stumpfen Pickeln vom Blütenstaub zu befreien. Dazu dröhnen aus Lautsprechern ununterbrochen Xavier Naidoos Greatest Hits.

Bis spätestens am 11. Mai muss die unter Rechtsgelehrten durchaus kontrovers diskutierte Übung abgeschlossen ist. Dann öffnen die anderen Läden ihre Türen. 

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