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“Ehrlicher Verdienst durch sinnvolle Tätigkeit”

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“In den Fängen der Hilfswerk-Hyänen”: Unter diesem Titel schrieb ich neulich über junge Leute, die an Bahnhöfen und vor Einkaufszentren Passantinnen und Passanten ansprechen, um sie als Spender für Hilfswerke zu gewinnen. Bernhard Bircher-Suits (Bild), Leiter Kommunikation & PR und Mitglied der Geschäftsleitung der Firma Corris AG – sie beschäftigt die bisweilen sehr penetrant auftretenden Studentinnen und Studenten – nimmt dazu wie folgt Stellung:

“Sehr geehrter Herr Hofstetter

Menschen als “Plage”, “Nervensägen”, “Schnorrer” oder “Hyänen” darzustellen, finden wir despektierlich und ehrverletzend. Wir beschäftigen mehrheitlich Studenten, die mit einer transparent geregelten Arbeit und einer sinnvollen Tätigkeit auf ehrliche Art und Weise Geld verdienen können.

Sie arbeiten für eine sinnvolle Sache: Sie versuchen, interessierte Personen für eine langfristige finanzielle Unterstützung von Non-Profit-Organisationen zu gewinnen. Unsere Dialoger sind temporäre Mitarbeiter. Sie sprechen auf öffentlichen und privaten Plätzen (Fussgängerzonen, Poststellen, Bahnhöfen, Einkaufszentren, etc.) möglichst viele Passanten auf eine sympathische Art an, um diese über die Projekte und Anliegen einer Non-Profit-Organisation zu informieren. Jeder Dialoger arbeitet jeweils für nur eine Kampagne, mit der er sich auch möglichst identifizieren kann.

“Leute zu bedrängen macht keinen Sinn”

Für die Durchführung von Infostandkampagnen beschäftigen wir jährlich rund 1000 temporäre Mitarbeitende, sogenannte Dialoger. Leider hat es bei so vielen Angestellten immer mal wieder Leute dabei, die sich nicht an unsere mehrfach geschulten und schriftlich verbrieften Regeln halten und Passanten während ihrer Informations- und Verkaufsarbeit bedrängen.

Ein solches Verhalten ist weder in unserem Sinne noch im Sinne unserer Auftraggeber – ausschliesslich Non-Profit-Organisationen. Leute zu bedrängen oder zu überreden macht aus mehreren Gründen keinen Sinn: Erstens leidet das Image von Corris und das Image unserer Auftraggeber, zweitens stornieren „überredete“ Leute kurz danach ihre Spendenzusage bzw. ihr Lastschriftverfahren (LSV) und damit ist ausser Spesen nichts gewesen.

Rund 4200 Franken pro Monat

Gut zu wissen: Ein LSV kann ein Spender von heute auf morgen stoppen und sogar das Geld bis 30 Tage nach Belastung zurückverlangen. Den erwähnten Treuebonus gibt es übrigens bei Corris nicht mehr und der Tageslohn beträgt aktuell 165 Franken pro Tag fix plus 15 Franken Verpflegungsspesen – im Text wird ein alter Lohn von 122,75 erwähnt. Wir zahlen den klar limitierten Qualitätsbonus erst nach mehreren Wochen aus und versuchen so zu verhindern, dass Dialoger die Leute zu überreden versuchen!

Ein durchschnittlicher Mitarbeiter im befristeten Anstellungsverhältnis verdient bei uns mit Bonus im Monat rund 4200 Franken. Ab dem vierten Anstellungsmonat erhöht sich der Fixlohn eines Dialogers im unbefristeten Anstellungsverhältnis auf 200 Franken pro Tag.

“Kritik sehr ernstgenommen”

Nun noch zum Thema “Kassensturz”: 2013 haben einzelne Dialoger ihre Arbeitsbedingungen in den Medien kritisiert. Wir haben diese Kritik sehr ernstgenommen und in enger Abstimmung mit unseren Auftraggebern umgehend diverse Massnahmen umgesetzt. So wurde beispielsweise der fixe Grundlohn für den Studentenjob um rund 20 Prozent erhöht.

Zudem steht allen Mitarbeitern, die Arbeitsprobleme nicht intern lösen können, seit Mitte 2013 eine unabhängige Ombudsstelle zur Verfügung. An sie können sich Dialoger kostenlos und anonym wenden. Die verbesserte Arbeitszeiterfassung wird nun noch strikter kontrolliert. Überstunden werden kompensiert oder ausbezahlt, falls eine Kompensation nicht möglich ist. Corris hat auch die regelmässig stattfindenden Weiterbildungen für Teamleiter und Koordinatoren weiter optimiert.

Nun noch zum Thema “Kosten”: Sie muss man auch im Verhältnis zum Aufwand betrachten. Die Dienstleistung der Corris AG wird pauschal und resultatsunabhängig den Non-Profit-Organisationen verrechnet. Pro Tag und Mitarbeiter entstehen in der Regel Kosten von maximal 850 Franken. In diesem Preis enthalten sind:

– Kosten für die gesamte Planung, Vorbereitung und Durchführung der Kampagnen

– Kosten für die Löhne aller Mitarbeiter

– Kosten für iPads zur Datenerfassung

– Kosten für die Entwicklung, Gestaltung und Produktion der Werbemittel, Infostände, Zeigemappen, etc.

– Kosten für die Standplatzgenehmigungen

– Kosten für Stelleninserate, Rekrutierung und Ausbildung der Mitarbeiter

– Kosten für die Fahrt- und Verpflegungsspesen und Dialoger-Wohnungen bzw. Jugendherbergen

– Kosten für die laufende Betreuung, Motivation und Schulung durch Koordinatoren und Teamleiter

– Kosten für die Qualitäts- und Datenkontrolle (Mystery-Shopper, Kontrollanrufe, etc.)

– Kosten für die Nachbearbeitung der Kampagnen, Auswertungen, Analysen, etc.

“Komplexe Organisation”

Die Infostände sind jeden Tag an einem anderen Ort. Für jeden einzelnen Stand müssen Bewilligungen eingeholt werden. Bis ein Dialoger erfolgreich am Infostand arbeiten kann, bedarf es also vorab schon einer komplexen Organisation. Auch die Betreuung und Nachbearbeitung benötigt viele Ressourcen. Diese Aufgaben bewältigen die Corris-Mitarbeiter in unseren Büros in Zürich, Lausanne und Bellinzona. Und das alles macht Standaktionen teuer. Aber sie sind für die NPOs trotzdem eine absolut zuverlässige Investition in die Zukunft, weil langfristig ein Vielfaches der Kosten in Form von Spenden reingeholt wird.

Informieren und verkaufen

Noch zum erwähnten Thema “Druck”: Die Arbeit ist nicht nur eine Informations-, sondern auch eine Verkaufstätigkeit. Um den Zielen und Wünschen der Hilfswerke gerecht zu werden, erwarten wir von den Dialogern eine Leistung, die nicht markant unter der Durchschnittsleistung aller Dialoger liegt. Dieser Durchschnitt ist wiederum bei jeder Kampagne sehr unterschiedlich, weil er vom Aufgabengebiet und vom Bekanntheitsgrad des Hilfswerks und von den angebotenen Mitgliedschaften und vielem mehr abhängt.

Schlussendlich ist der Dialoger-Job natürlich auch ein Leistungsjob. Wer über längere Zeit unterdurchschnittliche Leistungen erzielt, wird entweder selber aufgeben oder nach erfolglosen Nachschulungen und Ermahnungen unter Einhaltung der gesetzlichen Fristen entlassen.”

(Die Zwischentitel stammen von mir.)

Published inFragwürdigesHeimisches

3 Comments

  1. Sam Steiner

    Der Inhaber von Corris ist innerhalb weniger Jahre zum Millionär geworden. Das zeigt doch schon klar, dass er viel zu viel verlangt für die Leistung und die Hilfswerke abzockt.

  2. Kevin Brutschin, ehemaliger und desillusionierter Hilfwerkangestellter

    Es ist wichtig zu wissen, dass der Autor dieser Stellungnahme, Herr Bircher, erst seit rund einem Jahr Kommunikationschef bei der Corris AG ist. Zuvor war er Journalist bei den Konsumentenmagazinen K-Tipp & Saldo. Das ist insofern spannend, da diese Corris in der Vergangenheit massiv kritisiert haben. Darauf angeprochen meinte Herr Bircher lapidar (siehe http://www.kleinreport.ch/leute/k-tipp-journalist-wechselt-die-pr-75656/): “Corris hat aus der medialen Kritik an Standaktionen in der Vergangenheit viel gelernt und die Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeiter stark verbessert. Ich kann mich mit Corris daher zu hundert Prozent identifizieren.”
    Damit hat er auch schon ein erstes Glaubwürdigkeitsproblem, denn bei den im K-Tipp geäusserten Kritikpunkten ging es höchstens am Rande um Arbeitsbedingungen, sondern bspw. um “fehlende Transparenz der Aktionen” (da vielen Angesprochenen nicht klar ist, dass es sich bei den Sammelnden um Angestelle einer profitorientieren Sammelfirma handelt, und nicht um Hilfswerk-Leute), um zu hohe Sammelkosten für die Hilfswerke (bzw. Preise der Sammelfirmen) oder um aufdringliche, wenn nicht gar “aggressive” (Ansprech-)Methoden.

    Das “Non-Profit-Prinzip” wird missachtet

    Die praktisch einzige Kritik, die Herr Bircher für gerechtfertigt hält, ist also diejenige des Kassensturz vom 12.2.2013: http://www.srf.ch/konsum/themen/arbeit/spenden-firma-ohne-gnade-mitarbeiter-klagen-an – wo die Sammelnden (in der Schweiz “Dialoger” genannt, in vielen englischsprachigen Ländern “Wohltätigkeits-Strassenräuber”) Corris zurecht inakzeptable Arbeitsbedingungen vorgeworfen haben. Die horrenden Preisen für die Standaktionen verteidigt er bspw. schon vehement (als SpenderIn zahlt man die erste Jahresspende komplett ALS AUCH DEN GRÖSSEREN TEIL DER ZWEITEN quasi an Corris – siehe http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Erste-Jahresspende-geht-komplett-an-Fundraiser-25786787).
    Wobei, es bleibt ihm ja auch gar nichts anderes übrig, als nicht auf die Hauptproblematik dieses Sammelsystem einzugehen, denn dann würde er ja seinen eigenen Job “wegschreiben” (und überhaupt die Existenz der Spendesammelfirmen). Das grundlegende Problem ist doch: Das über solche Fundraisingagenturen laufende Sammelsystem lässt sich ethisch gar nicht rechtfertigen! Und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass hier sozusagen eine PROFIT-orientierte (Sammel-)Firma eine viel zu bedeutende Tätigkeit von einer NON-Profit-Organisation übernimmt, d.h. Das “Non-Profit-Prinzip” wird schlicht nicht eingehalten (aus irgendeinem Grund heisst es ja NON-Profit-Organisation).

    Der Sinn von gemeinnütziger Arbeit wird pervertiert

    Mit anderen Worten: Eine Spende wird ja ausdrücklich “für die gute Sache”, bzw. den gemeinnützigen Zweck, gegeben, und eben gerade NICHT, wenn ein Kapitalist sich damit zusätzlich zum Lohn noch Profit auszahlen kann (Corris-Besitzer Gerhard Friesacher hat sich mit dem Geld inzwischen, gewissermassen als 2. Standbein, eine ganze Ladenkette aufgebaut – siehe http://www.changemaker.ch/wp-content/uploads/2010/12/sonntagsblick_changemaker_portrait_gerhard_friesacher_201304.pdf).
    Ich meine, man muss sich das wirklich mal vorstellen: Genau diejenige Institution, welche die Spendenden zur gemeinnützigen Spende bewegt, ist selbst auf Eigennutzen aus – holt sie aber dann trotzdem mit dem gemeinnützigen Argument der “guten Sache” ab! Kurz: Diese Sammelweise geht nicht nur nicht auf, sondern pervertiert regelrecht den Sinn von gemeinnütziger Arbeit!

    Man MUSS unehrlich sein, bzw. das System geht gar nicht auf

    Es geht ja aber noch weiter: Da die Spendenden i.d.S. eine natürliche Abneigung dagegen empfinden, sobald ihnen das klar ist (sehr schön zeigt das übrigens ein Beitrag des Norddeutschen Rundfunks: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/mitgliederfang101.html – in Deutschland ist die genau gleiche Problematik anzutreffen), sind die Sammelnden quasi dazu gezwungen, unehrlich zu sein, d.h. sich nicht klar als Mitarbeitende von gewinnorientierten Firmen auszugeben. Und das wiederum verstösst gegen ein zweites, ethisches Grundprinzip, welches im Hilfswerkbereich ebenso selbstverständlich eingehalten werden müsste, nämlich schlicht: Ehrlichkeit.
    Witzigerweise hat ausgerechnet der K-Tipp – https://www.ktipp.ch/artikel/d/umstrittene-sammel-methode/ – d.h. der ehemalige Arbeitgeber von Herrn Bircher, einst geschrieben, dass, um diesem Prinzip der wahrheitsgetreuen Angabe bei Sammlungsaufrufen gerecht zu werden, die Hilfswerkkontrollstelle ZEWO diesen Punkt ursprünglich extra in ihr Reglement aufgenommen HATTE: “Laut Zewo-Richtlinien sollten sich die Sammler … vorstellen, indem sie sagen, dass sie von einer kommerziellen Firma angestellt sind.”

    Hilfswerkkontrollstelle ermöglicht den NPO mit fataler Reglementsänderung erst überhaupt die Zusammenarbeit

    In der aktuellen Auflage des Reglements vom Januar 2007 (https://www.zewo.ch/Dokumente/Publikationen/Reglemente_Zert/Sa_reg_2010_D.pdf) steht nun allerdings nur noch: “Arbeitet die Spenden sammelnde Organisation mit einer kommerziellen Firma zusammen, ist dieses Verhältnis offenzulegen: Angestellte/r der Firma x im Auftrag der Institution y.” (Zwischenzeitlich hatte die ZEWO auch schon das Verbot des LSV-Abschlusses auf der Strasse, d.h. sozusagen ihr eigenes GENERELLES Verbot für diese Art von Sammlungen aufgehoben.)
    WIE das diese Offenlegung genau erfolgen muss, steht aber plötzlich nirgends mehr! Kurz: Es reicht jetzt also auch, diesen Hinweis z.B. auf dem Spenderformular oder den Ständen in Kleinstschrift anzubringen – und genau so wird es selbstverständlich seither auch gemacht. Und da leider immer noch zu viele Leute gutgläubig reagieren, wenn es um Hilfswerke geht (“Es geht ja um die gute Sache!”) und folglich davon ausgehen, dass es sich bei den Sammelnden entweder um Freiwillige oder mindestens bezahlte Hilfswerkmitarbeitende handelt, übersehen sie die Hinweise auf die ausführenden Sammelfirmen oft.

    ZEWO fördert unlautere Methoden – anstatt sie zu bekämpfen

    Fazit: Die Hilfswerkkontrollstelle hat unlautere Sammelmethoden, bzw. diese Sammlungsform, regelrecht “gefördert”, obwohl ihre Aufgabe selbstverständlich genau das Gegenteil wäre. D.h. auch die ZEWO wird damit in ein schiefes Licht gerückt – zurecht – wie meinem Hintergrundbericht vom November 2014 zu entnehmen ist: https://kevinbrutschin.wordpress.com/2014/11/05/hintergrundbericht-zur-immer-umstritteneren-zs-arbeit-zwischen-npo-spendenfirmen/

  3. Lautenist

    “Dialoger”: *rofl*

    Ich liebe euphemistische Wortschöpfungen.

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