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Frühansteher

Es ist immer dasselbe: Wenn auf dem Ticket «Boarding 6.10» oder so vermerkt ist, steht mindestens eine Stunde vorher ein – meist nicht mehr ganz junges – Paar am Schalter, um des Fräuleins zu harren, das ihnen mit seinem angebostichten Lächeln die Coupons von den Billeten rupfen wird.

Dass das Fräulein vermutlich in dem Moment, in dem die beiden ihren Posten beziehen, noch einmal in seine Wohnung zurückhastet, um das Handy zu holen, können die Reisefüdli nicht wissen. Um sich die Zeit zu vertreiben, kramen sie das Couvert mit den Ferienunterlagen aus ihrem Rollköfferli und studieren die Papiere andächtig zum sechshundertacht-zehnten Mal.

In die Leute, die sich die Nacht auf den Sesseln in der Wartehalle um die Ohren gehauen hatten – es heben ja ständig Flugzeuge ohne jede Vorankündigung zwei Stunden vor dem geplanten Take-off ab – kommt jetzt Bewegung. Die Erfahrung hat sie gelehrt: Sobald jemand vor dem Desk steht, kann der Start jede Sekunde erfolgen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin erhebt sich ein Passagier nach dem anderen. In 0, Nichts bildet sich hinter den Rentnern eine Schlange, die fast bis zum Check-in reicht. Die Uhr springt lautlos auf 5.37 Uhr.

Um Punkt 6 ist das Fräulein vor Ort. Wenn es nach den Anstehenden gehen würde, könnte – wobei: was heisst da „könnte“? „Müsste“, mit höchster Dringlichkeit! – es nun losgehen. Aber das Fräulein steht einfach nur da, erledigt ein paar Anrufe und funkt ein bisschen herum. Dann, endlich, greift es zum Mikrofon und heisst die Gäste des Flugs WK200 der Edelweiss-Air nach Gran Canaria herzlich willkommen.

Die zwei Senioren entern das Flugzeug zuerst. Auf ihren Sitzen in Reihe 33 müssen sie anschliessend sehr, sehr lange warten, bis ihre über 160 Mitreisenden samt Handgepäck in der Maschine verstaut und die Piloten parat sind.

«Eigentlich hätten wir gar nicht so früh dasein müssen“, sagt sie.

«Man kann nie wissen», murrt er.

Published inFerientechnischesFragwürdiges

3 Comments

  1. Yves Aeschbacher

    Auch ganz schön finde ich jeweils diejenigen, welche im Flieger sofort nach Erlöschen des Anschnallzeichens aufspringen, um dann während etwa 10 Minuten mit schräger Kopfhaltung, bis zur Genickstarre, warten müssen bis die Türe aufgeht.

  2. Christoph Hunziker

    Sehr treffend formuliert.

  3. Cornelia Aeschbacher-Hübscher

    Genau so isch es😂😂 immer wieder herrlech das vom nä Sitzplatz us zbeobachte u de ufzstah we niämer meh dört steit🤔.

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