Geisterfahrt

Von einem Jahrhunderterlebnis zu sprechen, wäre übertrieben. Ein bisschen besonders wars allerdings schon, als ich mich gestern zum ersten Mal seit Mitte März wieder einmal von den SBB von A nach B chauffieren liess.

Bahnfahren während Corona – das fägt: Es gibt kein Ellbögle auf den Perrons, keine Verspätungen und kein Gstungg in den Gängen. Jeder und jede kann sich alleine in einem Viererabteil verschanzen und die übrigen drei Plätze mit seinen Siebensachen belegen, ohne, dass jemand mit hochgezogenen Augenbrauen auf den Rucksack auf dem Fenstersitz zeigt und ostentativ fragt, „ist hier noch frei?“

In meinem Wagen sassen noch zwei Frauen und ein weiterer Mann. Weiter hinten und vorne sahs ähnlich aus – und das nicht in der Bündner Pampa, sondern auf der Hauptverkehrsachse zwischen Bern und Zürich. Bei den Zwischenstopps kam es gelegentlich zu Wechseln in der Besetzung. An der Anzahl der Passagiere änderte sich jedoch nur wenig.

In der Schule lernten wir, dass Olten „der Verkehrsknotenpunkt der Schweiz“ sei. Das mag in technisch-logistischer Hinsicht nach wie vor stimmen. Aber sonst?

Nunja:

Abgesehen vom Personal war kaum jemand maskiert unterwegs. Die Leute mit Mundschutz liessen jene, welche oben ohne an ihnen vorbeigingen, mit Blicken spüren, was sie von dieser potenziell tödlichen Nachlässigkeit halten.

Wer sich räuspern oder – bhüetis! – husten musste, versuchte, das möglichst diskret zu tun, zog die Aufmerksamkeit der Mitreisenden damit natürlich aber erst recht auf sich.

Gesprochen wurde kein Wort, doch das war ja schon so, bevor Covid-19 einen grossen Teil unserer Gewohnheiten in Erinnerungen verwandelte. Auffallend war, dass es auch niemand als nötig erachtete, die Lieben zuhause fernmündlich und auch für den Lokführer hörbar allpott über den aktuellen Standort zu informieren („Hoi Schatz! Störe ich gerade? Sorry demfall. Ich wollte nur sagen: Ich bin gleich in Aarau. Bis später. Ich dich auch.“).

Statt nach Knoblauch, Curry und Schweiss roch es nach nichts. Alles wirkte abweisend und steril und folglich wohl genauso, wie vom Bundesamt für Gesundheitswesen beabsichtigt.

Die Bahnhöfe waren so gut wie menschenleer. Die Lautsprecherdurchsagen verhallten im Nichts. „I’m a ghost living in a ghost town“, wundert sich Mick Jagger in dem Song, den er mit seinen Rolling Stones nach einem Spaziergang durch das gedownlockte London aus dem Ärmel schüttelte. Genauso fühlte auch ich mich (also: wie ein Geist, nicht wie Mick Jagger).

Trotzdem – oder gerade deshalb – mussdarf ich nach dieser Premiere sagen: So entspannend wie heute war das Zugreisen vermutlich noch nie.

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