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Glühwein am Laufmeter

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Es gibt eine Gruppe von Menschen, die nach dem Aufstehen nicht gleich die Kaffeemaschine anwerfen, sondern als Erstes ins Wohnzimmer schlurfen, um dort in den Tisch zu beissen.

Bei den Mitgliedern dieses Vereins handelt es sich vorwiegend um Musikmanager, die gelangweilt abgewunken hatten, als ein paar Jünglinge vor ihnen im Büro standen und sagten, sie seien die Beatles und hätten gerne einen Plattenvertrag.

Präsident des Clubs ist jener Mann, der eines verschneiten Wintermorgens auf die Idee gekommen war, in seinem Wohnort einen Weihnachtsmarkt auf die steifgefrorenen Beine zu stellen, und der dann vor lauter Organisieren vergass, sich diese Veranstaltung patentieren zu lassen.

In Wien, wo mein Schatz und unser Hund und ich gerade ein paar Adventstage verbringen, gibts Weihnachtsmärkte an jeder museums-, konzerthallen- und schlossfreien Ecke.

Typisch für die Weihnachtsmärkte in Wien und überall sonst auf der Welt ist der Glühweinstand gleich beim Eingang. Direkt daneben befindet sich meist ein Glühweinstand. Wer weiterbummelt, entdeckt schon nach wenigen Schritten einen Glühweinstand, von dem aus er oder sie einen Blick auf das Treiben am Glühweinstand weiter vorne werfen kann, der neben dem Glühweinstand aufgebaut wurde, der an den Glühweinstand beim Glühweinstand beim Tannliverkaufsplatz grenzt. Von dort aus sind es dann nur noch wenige Meter bis zum Glühweinstand.

Vom vielen Laufen ermattet und schon bis Mitte Niere tiefgekühlt, mag der eine oder andere Weihnachtsmarktbesucher spätestens an diesem Stand spontan denken, dass ein Glühwein jetzt genau das Richtige für ihn oder sie wäre. Also mobilisiert er all seine verbliebenen Kräfte, um sich zehn Meter nach rechts zu schleppen, wo ein gewiefter Gastronom zwischen einem Glühweinstand und einem Glühweinstand einen Glühweinstand eingerichtet hat, an dem die Erstlehrjahrsstifte unter der Aufsicht des mazedonischen Hilfskochs rund um die Uhr heissen Billigstrotwein ausschenken, den er in seiner Beiz nicht einmal den Hardcore-Alkis vorsetzen dürfte, ohne Lämpen zu riskieren, der aber hier, am Weihnachtsmarkt, mit diesem Zuckerzimtnelkengemisch drin und all den Liechtli drumherum und überhaupt: was ist das nur wieder für eine feierliche Stimmung hier! – bestellt wird, als ob es sich um einen perfekt temperierten Jahrgangsburgunder handeln würde.

Nachtrag 26. Dezember: Auch die Reporterin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung findet Weihnachtsmärkte (und Glühwein) nicht so toll.

Published inFerientechnischesFragwürdigesGeschäftlichesKulinarisches

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