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Hosenträger, Glastischli, Arbeitslose und chli Blut im Bad

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Führende Ärzte und vom Ausbrennen bedrohte Lehrer empfehlen, die Ferien zur Entspannung zu nutzen und fernab von daheim auf keinen Fall das zu tun, womit man sich werktagein und -aus ständig beschäftigt.

Deshalb habe ich ganz bewusst (“bewusst” nicht im Sinne von “bewusstseinserweiternd”, wie die kurligen Highpraktiker in ihrem Seminar neulich, sondern, auf gut Deutsch: extra) darauf verzichtet, meinen Laptop zum Bloggen mit nach Gran Canaria zu nehmen, wo ich mir gestern Abend im selben Hotel wie schon in den Jahren 2012, 2013 und 2014 bei der selben Rezess Rezepti Dama des Empfangas wie 2012, 2013 und 2014 ein Zimmer aushändigen liess, das genauso aussieht wie 2012, 2013 und 2014, wobei: in der Früchteschale liegen neuerdings Äpfel statt Orangen und das Bett ist grösser, damit die Schwäne mehr Platz zum (wenn das Wort “Vögeln” je einmal angebracht wäre, dann auf Hundert und zurück in diesem Fall. Aber mit Blick auf den minderjährigen Teil der Leserschaft verklemme ichs mir gerne.) Schmusen haben:

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Allerdings kann man ja auch mit dem iPad schreiben, wenns mit einem schreiben will.

Rechts von mir haust ein Paar aus Sachsen, das sich wohl kurz nach der Hochzeit im letzten Drittel des 1. Weltkrieges darauf geeinigt hat, dass in dieser Ehe er die Hosen anhaben darf, solange sie ihm sagen kann, welche.

In der Praxis läuft das so: Er schlägt ihr bei einem Halbeli Roten auf dem Balkon aus ungewohnt bewölktem Himmel vor, morgen einmal früh aufzustehen, um rechtzeitig bei einem gewissen „Eewiss“ in der Innenstadt zu sein, um einen Wagen zu mieten, um einen Ausflug ins Landesinnere machen zu können und um, falls die Zeit noch längt, den grossen Aquapark mit den alten Delfinen und der neuen Riesenrutschbahn zu besuchen (ich merke gerade: das waren jetzt sehr viele „Um” hintereinander, aber es ging beim besten Willen nicht anders), worauf sie erwidert, das könne man gerne machen, sehr gerne sogar, aber sicher nicht morgen; morgen wolle sie an den Strand, worauf er nuschelt: Oggee.

Das gleich folgende Bild zeigt weltexklusiv die

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Wöschhänki

der beiden.

Weiter hat das Hotelmanagement in meiner Abwesenheit beschlossen, das ehemals fast ganz in Puffrot gehaltene Openair-Restaurant beim Pool dem Zeitgeist zuliebe gewissen farblichen und stylishen Modifikationen zu unterziehen, was darauf hinauslief, dass im Aussenbereich nun an kunstmarmorisierten Glasplattentischen getafelt oder gekäfelet oder gebloggt wird.

Darauf fehlen jetzt nur noch ein paar jener grossformatigen und sauteuren Hochglanzbildbände („Namibia“, „Englische Gärten“, „Schlösser der Normandie“ uswusf.), die neureiche Leute an strategisch wichtigen Punkten in ihrer Wohnung immer so zu drapieren pflegen, dass ihre Gäste glauben sollen, sie, die neureichen Leute, hätten, bevors an der Tür geklingelt hat, gerade in stiller Ehrfurcht vor der Kultur auf dem Schwarzen Kontinent (ist das politisch überhaupt noch korrekt: „Kontinent“?), der britischen Florabewirtschaftung oder der französischen Mittelalterarchitektur in diesem Schinken geblättert, aber die Gäste sind ja nicht blöd.

A propos „blöd“: Um den Zeitunterschied zwischen einem beliebigen Land und Gran Canaria zu erklären, könnte man ins Internet schreiben, „der Zeitunterschied zwischen X und Gran Canaria beträgt + oder – soundsoviele Stunden“. Aber es geht natürlich auch so:

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Wichtig (vor allem für die Betroffenen): Das Vollbeschäftigungsprinzip der kanarischen Kellnergilde hat, vermutlich wegen der Globalisierung im Allgemeinen, der Eurokrise im Besonderen und auch weil überhaupt, ausgedient. Früher erlebte, wer in einem Restaurant auf Playa del Inglés etwas essen undoder trinken wollte, Folgendes:

Kellner A zerrt den Passanten in die Beiz, und zwar unabhängig davon, ob dieser bereits gegessen oder woanders reserviert hat.

Kellner B rückt für den verdatterten Gast, der sich nur langsam mit seinem Schicksal abfindet, einen Stuhl zurecht.

Kellner C sagt dem Gast etwas Nettes.

Kellner D erkundigt sich danach, was der Gast zu trinken gedenke.

Kellner E fragt den Gast, ob er etwas zu essen wünsche.

Kellner F bringt das Getränk.

Kellner G bringt die Speisekarte.

Kellner H notiert die Bestellung.

Kellner C schaut erneut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner I deckt den Tisch ein.

Kellner J schleppt einen Zweiliterkrug Wasser an, mit Limettenschnitzen und der halben Antarktis drin.

Kellner K bringt das bestellte Getränk.

Kellner L hat mit dem Gast eigentlich nichts zu tun, will aber trotzdem wissen, ob alles in Ordnung sei.

Kellner M bringt die Vorspeise.

Kellner N räumt die Vorspeise ab.

Kellner O wechselt das zum Teil noch gar nicht benutzte Besteck aus.

Kellner P bringt den Hauptgang.

Kellner C schaut vorbei, um etwas Nettes zu sagen.

Kellner Q räumt ab.

Kellner R ist derjenige, der

Kellner S ausrichtet, dass man gerne zahlen möchte.

Kellner T bringt die Rechnung auf einem Klemmbrettli.

Kellner U holt das Klemmbrettli mit dem Geld darauf ab.

Kellner V bringt das Wechselgeld.

Kellner W behändigt das Trinkgeld.

Kellner X verabschiedet den Gast wortreich.

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Das ist vorbei. Neuerdings betritt man völlig zwanglos das Restaurant, sucht sich selbstständig einen Platz, ordert ganz alleine etwas von der Karte, konsumiert und bezahlt und sagt Grassias und verschwindet.

Irgendwie, deucht mir, ging damit – nebst dem einen und anderen Arbeitsplatz – auch ein Stückli lokaler Folklore verloren.

Die gute Idee: in aller Herrgottsfrühe dem Meer entlang von Playa del Inglés nach Maspalomas schlendern gehen laufen wies Bisiwätter*. Dann hat man die Welt für sich, und der Wegesrand wird noch nicht von an gestrandete Walrosse gemahnenden Vollblüttlerinnen und -blüttlern gesäumt.

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Die schlechte Idee: sich mit einem Billigsteinwegrasierer aus dem Snackshop neben dem Hotel im Gesicht herumfuhrwerken.

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* Ich hatte schon lange vorgehabt, den schönen Ausdruck “wies Bisiwätter” irgendwo zu verewigen. Et voilà.

Published inHeimisches

4 Comments

  1. Oh, ja!

  2. Chantal

    Und den Schatz, natürlich. Den vermisst er am allermeisten.

  3. Die Bernerinnen und Berner im Allgemeinen vermisse ich noch nicht.

    Die Burgdorferinnen und Burgdorfer und die Oberstadt und das Schloss und alles hingegen…

  4. Christoph Hunziker

    Solltest Du die Berner schon vermissen: die sind magischerweise alle hier im Kernos Beach auf Kreta. Man spricht Bärndütsch…

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