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In den Fängen der Hilfswerk-Hyänen

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Sie sind eine Plage: An Bahnhöfen und vor Einkaufszentren lauern jeden Tag junge Leute auf Mitmenschen, die nur jemanden abholen oder husch etwas posten wollen, um sie mit gutgespielter Betroffenheit darauf hinzuweisen, dass in diesem Moment irgendwo ein Kind verprügelt, ein Wal zerlegt, eine Frau vergewaltigt oder ein Quadratkilometer Wald abgeholzt wird.

Die meist in bunten Jacken und auf Halbmast gesetzten Jeans auftretenden Aktivistinnen und Aktivisten schütten die Passantinnen und Passanten auch in Burgdorf so lange mit Zahlen und angeblichen Fakten zu, bis sie sich dazu verpflichten, die Welt mit ein paar Zehnernötli pro Monat oder Jahr vor dem unmittelbar bevorstehenden Untergang zu retten.

Engagiert und finanziert werden die meisten dieser Nervensägen von der auf Fundraising spezialisierten Firma Corris in Zürich. Sie führt solche Standaktionen im Auftrag von Organisationen wie der Helvetas, Vier Pfoten oder Amnesty International durch. “Bei den Dialogern – so nennen wir unsere Mitarbeiter am Infostand – handelt es sich mehrheitlich um junge Menschen, die in einer Ausbildung stehen, sich beruflich verändern wollen oder gerade ein Zwischenjahr machen”, schreibt Corris auf ihrer Website.

Die “Dialoger” werden laut Corris “in einem mehrstufigen Auswahlverfahren” ausgewählt, “wobei wir grossen Wert auf den Auftritt, die Spontanität und kommunikative Fähigkeiten” legen, behaupten die Corris-Verantwortlichen. Durch “sorgfältige Schulungen in enger Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk und Kontrollen durch Corris” sei gewährleistet, “dass unsere Dialoger ihre Gespräche kompetent und unaufdringlich führen.”

“Unaufdringlich”?

Tatsache ist: Nur die Wägsten und Chächsten schaffen es, vor den Anquatschkommandos in eine Restauranttoilette oder den nächstbesten Bus oder Zug zu fliehen. Für alle anderen gibt es vor dieser Kollektivnötigung auf öffentlichem Grund und Boden kein Entrinnen – auch dann nicht, wenn sie riesengrosse Kopfhörer aufgesetzt haben, am Telefonieren, sonstwie beschäftigt oder schon von Weitem erkennbar einfach nicht an einem Gespräch interessiert sind.

Missionarischer Eifer treibt die Sammler weniger an als die Aussicht auf Geld: In einem “Kassensturz”-Bericht war vor zwei Jahren von einem fixen Basislohn von 122.75 Franken pro Tag die Rede. Wer 20 Tage lang durchhalte, kassiere einen Treuebonus von 850 Franken. Dazu gebe es eine abgestufte Provision: Die Skala beginne jeden Tag neu bei 30 Franken für Spendenzusagen ab etwa 480 Franken. Ausbezahlt werde diese Prämie aber erst rund fünf Monate später, wenn die Spender gezahlt haben.

Als ob sie mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen worden wären, diesen Job zu machen, beklagen sich im selben Beitrag ehemalige “Dialoger” über den “grossen Druck”, dem sie ausgesetzt gewesen seien. Überstunden, Rundumdieuhr-Überwachung, ultrakurze Kündigungsfristen: das alles habe für sie zum Alltag gehört.

Es erstaunt also wenig, dass die professionellen Schnorrer ihrerseits keine Hemmungen haben, mit grossem Druck zu Werke zu gehen. Wenns darum geht, Geld für andere und damit auch für sich selber aufzutreiben, kennen die Hyänen der Hilfswerke nichts: Sie verfolgen ihre Beute durch die halbe Stadt im Wissen darum, dass das Opfer eher früher als später aufgeben und schriftlich bezeugen wird, dass der Kampf gegen die Armut oder die Tierquälerei oder die Arbeitslosigkeit oder sexuellen Missbrauch in der Ehe oder die Ausbeutung des Urwaldes oder den Anallph Analfap Anahlphae (ist ja egal) auch ihm ein echtes Anliegen ist und er nur darauf gewartet hat, dass jemand ihm die Gelegenheit bietet, etwas dagegen unternehmen zu können.

Nachtrag: Die Stellungnahme der Firma Corris kann hier nachgelesen werden.

Published inFragwürdiges

3 Comments

  1. Vielen Dank für diesen Bericht.

    Die von der Corris beschäftigten Spendensammlerinner und -sammler nerven mich bestimmt noch zehn Mal mehr als Sie. Deshalb habe ich monatelang zum Thema recherchiert.

    Hier ein paar Fakten:

    Die Hilfswerkkontrollstelle Zewo hat die Zusammenarbeit zwischen Hilfswerken und solchen Spendesammelfirmen ursprünglich als “Witz” bezeichnet und bis rund 2005 verboten. Die Zewo hätte den betroffenen Hilfswerken das Zewo-Gütesiegel entziehen müssen, doch die Kontrollstelle hat inzwischen jegliche Unahbängigkeit verloren. Der Mann der Zewo-Geschäftsleiterin ist nämlich Kommunikationschef bei der Caritas. Diese hat erst gerade eine Aktion mit Corris gemacht.

    In England ist das über solche Spendenfirmen laufende Sammelsystem grösstenteils zusammengebrochen, da sich die Leute darüber derart genervt haben.

    Die Einnahmen für die Hilfswerke stehen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu den Ausgaben. Eine noch krassere Verschlechterung dieses Verhältnisses kann nur dadurch verhindert werden, dass die “Dialoger” der Corris bei den Passanten mit unlauteren Methoden möglichst hohe Spendenbeträge locker machen will.

    Im November habe ich dazu einen Hintergrundbericht verfasst. Er kann hier nachgelesen werden.

  2. Im Theatersport gibt es die Kunstsprache Volapük. Ich sprech sie jeweils mit sehr offenem Gesichtsausdruck auf Volapük an und ernte Unverständnis und sofortige Flucht.

  3. Das geht so: “Nei Danke i bi scho ire Sekte” oder “Wotschou öppis spände für mini 7 Ching? Wenn nid, de lami itz in Rueh, i mues ga Haubprisle”. Funktioniert, gloub mers. Oder beantworte ein Frage immer mit einer Gegenfrage ;.)

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