Jenseits der Träume

Diese Schuhe würden auf ebay amänd viel Geld bringen: Stilleben vor Jessica Diggins‘ Hotelzimmer.

So seltsam sich das möglicherweise liest: es ist einfach schon etwas anderes, mit einer Olympiasiegerin zusammenzuleben als mit, sagen wir, irgendjemandem sonst.

Seit zwei Tagen wohnen Jessica Diggins und ich Tür an Tür im selben Hotel. Es ist nicht so, dass wir wahnsinnig viel Zeit miteinander verbringen würden – sie ist, im Gegensatz zu mir, nicht hier, um sich in kontemplativen Meditationen zu ergehen, sondern um mit der US-Langlaufnationalmannschaft für die Weltcuprennen in Davos zu trainieren – und doch: etwas einzigartig-Spezielles haftet dieser Nachbarschaft schon an, und zwar bestimmt nicht nur aus ihrer Optik.

Seit Jessie (wir waren – God bless America! – von Anfang an per Du) in mein Leben geskatet ist, stellen sich mir Fragen, an die ich in den letzten 55 Jahren keine Sekunde verschwendet hatte.

Zum Beispiel nimmt mich auf einmal wunder, was eine Olympiasiegerin eigentlich macht, wenn sie nicht trainiert (wobei: sie trainiert sozusagen fast immer).

Die Antwort darauf ist fast schon enttäuschend unspektakulär: ihre Freizeit verbringt sie mit ihrer Co-Medaillengewinnerin Kikkan Randall in ihrem Zimmer, an dessen Türfalle ständig das „Bitte nicht stören“-Schild hängt (als ob jemand auch nur auf die Idee kommen könnte, einfach so bei ihr anzuklopfen).

Meist ist es nebenan ruhig. Manchmal höre ich, wie etwas umhergeschoben wird, hin und wieder telefoniert sie, ab und zu ist ein Lachen zu vernehmen, gelegentlich rauscht Wasser.

Gegen Abend gesellt sie sich jeweils zu ihrem Teamkolleginnen und -kollegen ins Parterre, um im for security reasons (Corona, nicht Terror) abgesperrten Teil des Hotelrestaurants Znacht zu essen. Das dauert meist ein Weilchen. Ich habe noch nicht gesehen, womit sich die Equipe verpflegt, aber dem Duft nach zu schliessen, schaufeln die Athletinnen und Athleten nicht nur Salat und Gemüse in sich hinein, sondern auch Feines aus Ställen und Wäldern.

Was mich aber noch viel mehr interessiert ist: Was für Ziele kann jemand, der das Wertvollste, was es für ihn oder sie zu gewinnen gab, eigentlich noch haben (ausser, dasselbe vielleicht noch zwei-, dreimal zu gewinnen)?

Ich meine: Olympiagold plus, quasi „daneben“, vier Medaillen an Weltmeisterschaften – mehr geht für einen Sportler oder eine Sportlerin einfach nicht.

In „Reach out“, der Hymne zu den Olympischen Sommerspielen von Los Angeles, hiess es – auch winterspielkompatibel -:

„Reach out,
reach out for the medal.
Reach out for the gold.
Come play to win.
Never give in.
The time is right for you to come and make your stand.

You now hold the future in your hand.
You have come from everywhere across the land.
The stars are shining bright
Make it yours tonight.“

Jessica Diggins wollte Geschichte schreiben; für sich selber, für ihre Familie, für ihren Sport, für ihr Land. Sie ordnete diesem einen Traum alles unter. Im Februar 2018 war the time für sie right und funkelten the stars für sie bright: mit Kikkan Randall, ihrem früheren Idol, raste sie beim Teamsprint im südkoreanischen Pyeongchang auf den ersten Platz.

Vor allem in ihrer Heimat avancierte sie über Nacht zum Superstar. Wo auch immer sie seither zu einem Rennen antritt, ist sie die Gejagte. Zehntausende jubeln ihr zu, wenn sie über den Schnee fliegt. Talkshowauftritte, Mediengespräche, Sponsorentermine, Autogrammstunden: selbst wenn ihr Leben schon vor ihrem grössten Triumph nur bedingt in „normalen“ Bahnen verlaufen sein dürfte – was danach kam (eine offiziöse Ernennung zur „Sexiest Winter Olympics“-Athletin inbegriffen), muss unendlich viel grösser als das gerade noch Vorstellbare sein.

Und jetzt…jetzt sitzt Jessica Diggins in einem Hotelzimmer in Davos. Vielleicht lässt sie sich gerade durchkneten, vielleicht hört sie Musik, vielleicht füttert sie ihre 150 000-köpfige Instagram-Fangemeinde mit Schneebildern, vielleicht liest (oder schreibt) sie ein Buch, vielleicht schläft sie.

Nur, eben: wovon träumt man, wenn man seinen Traum verwirklicht hat? Davon, dass es auf ewig so weitergehen möge – auch wenn das bedeutet, sich immer weiter zu schinden und in irgendwelchen Hotels auf das nächste Training, den nächsten Wettkampf oder auch nur das nächste gemeinsame Essen mit den Mannschaftsgspändli zu warten? Von einem Faulenztag am Strand? Davon, es an einer Party, an der einen kein Mensch kennt und an man folglich nicht zu befürchten braucht, dass gleich jemand etwas von einem will, so richtig krachen zu lassen? Von einem stinknormalen Leben mit Mann und Kind und Hund und einem Häuschen im Grünen (oder, in diesem speziellen Fall: im Weissen)?

So, wie ich Jessica Diggins bis jetzt – aus einer irritierend fernen Nähe – „kennengelernt“ habe, würde sie ziemlich sicher für ein halbes Stündchen mit mir in die Lobby höckle, um bei einem Tee oder Mineralwasser chly über sich und so zu plaudern.

Aber irgendwie will ich das alles doch gar nicht so genau wissen.

Einerseits gehen mich ihre Pläne, Ziele und Wünsche nichts an.

Andererseits – nein: vor allem: Wenn sie sich nach ihren Trainings schon für ein paar Stunden zurückziehen kann, soll sie sich entspannen und ihre Privatsphäre geniessen.

Oder einfach: Jessica Diggins sein.

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