Jenseits von Blut und Börse

Am 27. September 2001 sass ich über Mittag mit dem damaligen Vizechef der Berner Zeitung bei Wurst und Bier in einer Quartierbeiz im Lorrainequartier. Er strahlte: “Heute machen wir einmal eine Zeitung, die die Leute richtig aufstellen wird”, sagte er, nachdem auch die BZ in den Wochen zuvor praktisch nur noch ein Thema gehabt hatte: die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten.

Um 12.30 Uhr hörten wir am Radio: Amoklauf im Zuger Kantonsparlament. Tote. Verletzte. Totale Verwirrung. Aus der Zeitung mit den positiven Nachrichten wurde wieder nichts.

Auf meiner persönlichen Landkarte hatte Zug bis zu jenem Tag nur ganz am Rande existiert. Ich wusste: da gibt es einen See, reiche Menschen und Kirschtorten. Mehr nicht.

Nach Werner Leibachers Attentat hatte Zug für mich auf einmal ein Gesicht. Oder vielmehr: mehrere Gesichter. Es waren die Gesichter der Menschen, die vor dem Regierungsgebäude sitzen und stehen; offensichtlich nicht fassend könnend, was soeben geschehen war. Das Bild dazu hat wohl jeder im Kopf; ich brauche es deshalb nicht schlechten Gewissens aus der nächstbesten Datenbank zu klauen.

Jahre später ist Zug für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Alle zwei oder drei Wochen besuche ich Chantal, die mitten in der 26 000-Einwohner-Stadt lebt, seit sie für die Neue Zuger Zeitung arbeitet. Die Pedalovermietung am See, die Pizzerien auf dem Landsgemeindeplatz, den Hafen, den Chinesen, die Läden in der “Metalli”, die Minigolfanlage oder Stadtbibliothek: Alles, was Zug für mich ausmacht, würde ich längst auch mit geschlossenen Augen finden. Mit einer Regierungsrätin bin ich per Du (wenn auch nur, weil sie direkt unter Chantal wohnt und wir uns gelegentlich die Dachterrasse teilen).

Fremd geblieben sind mir nur die Menschen. Das liegt möglicherweise daran, dass es Wochenzuger und Wochenendzuger gibt. Die Wochenzuger schauen blasiert drein, hetzen mit Aktentaschen in der Hand und gegelten Haaren auf dem Kopf über die zum Ablecken sauber gefegten Trottoirs und tun, als ob ihnen die Welt gehören würde. Sie arbeiten für irgendwelche Banken und Holdings und Stiftungen und Fonds.

Die Wochenendzuger hingegen: die Wochenendzuger scheinen eher Leute wie du und ich zu sein. Leider sieht man sie so selten in der Stadt wie Murmeltiere im Tierpark Goldau, was mit Blick auf das wunderschöne Umland allerdings nicht erstaunt. Das Schöne an den Wochenendzugen ist: Wenn man einem von ihnen über den Weg läuft, stinkt er nicht auf zehn Meter Gegenwind nach Aktien und Optionen. Manche Wochenendzuger sind richtig freundlich. Einige sagen sogar Grüezi, aber längst nicht alle. Das diskrete Getue der Wochenzuger scheint im Lauf der Zeit auf die Wochenendzuger abgefärbt zu haben.

Trotzdem: Ich mag Zug, auch wenn dort alles mindestens achtmal teurer ist als in Burgdorf. In Zug leben könnte und möchte ich allerdings nicht; dafür wirkt es auf mich zu…ich weiss nicht…zu künstlich. Zu kühl. Zu distanziert. Zu sehr aufs grosse Geld fixiert. In Zug, stelle ich mir vor, reden die Ehepaare ununterbrochen darüber, ob es sich lohnen würde, wegen dieser neuen hippen Kinderkrippe ans andere Ende der Stadt zu zügeln. Dass vor Nachbars Garage schon wieder ein neuer Porsche steht. Was wohl gescheiter sei: die nächsten Ferien im Mietbungalow auf Antigua oder in Hubers Häuschen auf Trinidad zu verbringen.

Schein und Sein: das sind auch und vor allem in Zug zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe.

So oder so hätte ich damals, in der Quartierbeiz, nie gedacht, dass ich mit Zug irgendwann mehr verbinden könnte als Torten, Blut und tiefe Steuern. Aber gut (oder eben nicht gut): Damals, als der Radiosprecher von dem Massenmord in Zug berichtete und wir dachten: “Mist, schon wieder eine Katastrophe”, ahnten wir auch nicht, dass wenige Tage später ein Flugzeug über Bassersdorf abstürzen würde. Und dass das Ende der Swissair nur noch eine Frage von Wochen war.

About Hannes

Hannes Hofstetter hat Jahrgang 65, lebt in Burgdorf, ist verlobt und seit zehn Jahren Redaktor bei der Berner Zeitung in Bern. Vorher arbeitete er bei den Freiburger Nachrichten in Freiburg, beim Wynentaler Blatt in Menziken und beim Aargauer Tagblatt in Aarau, Zofingen und Brugg. Hobbies: Schreiben, schreiben, schreiben, Blues & Rock, kochen, lesen und schreiben.
Entdeckung, Heimspiel, Man's world, Unter uns

4 responses to Jenseits von Blut und Börse


  1. Remo von Zug

    Eine Hymne über die Stadt Zug. Sehr treffend beschrieben. Kann gar nichts gegenteiliges einwenden.

    Gut schreibst du von der Stadt, Wir vom Land sind da gaaaanz anderstens.

  2. Gegen die beiden Zugerlandeier, die ich kenne, gibts reintotalgarnichts einzuwenden, indeed:-)

  3. Lucia

    alle 2-3 wochen bist du in zug…es würde mich also sehrstens freuen, wenn es denn dann mal mit einem treffen klappen sollte. damit du noch ein zugerlandei mehr kennenlernst :-)

  4. Das wird schon klappen:-) Muss!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>