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Jingle und Hells Bells

Junge Menschen, die in den Einkaufspassagen Weihnachtslieder trompeten: Das war jahrhundertelang alles, was Sydney musikalisch zu bieten hatte. In Dreierschichten rund um die Uhr “Oh Tannenbaum”, “Ihr Kinderlein kommet” und “Jingle Bells” intonierend, erspielten sich diese Leute – meist handelte es sich um Studenten ohne feste Adresse, verbindlichen Lebensentwurf und Ahnung von einem geregelten Liebesleben – ihr Auskommen; zumindest von Mitte November bis kurz vor Ende Dezember.

In der restlichen Zeit gammelten sie herum und verprassten das Münz, das ihnen wohlgesinnte Passanten in den Wochen zuvor in die Hüte geworfen hatten, mit billigem Fusel und was auch immer der Markt an bewusstseinserweiternden Substanzen gerade hergab.

Zu dieser Szene gehörten in den späten 60er und frühen 70er Jahren auch Angus und Malcolm Young, Dave Evans, Larry van Kriedt und Colin John Burgess.

Im Gegensatz zu ihren ökonomisch auf recht wackligen Beinen stehenden Mitbewerbern hatten sie jedoch auch in der elfmonatigen Zwischensaison ein geregeltes Einkommen, indem sie Känguruhschwänze schwarz an Hüpfburgenhersteller im fernen Europa verkauften.

Die heisse Ware beschafften sie sich in Farmen ausserhalb der Stadt. “Sie gehen immer nach dem selben Muster vor”, teilte die lokale Polizei mehr als einmal resigniert mit: Zwei Mitglieder der sogenannten “Cockcracker-Bande” standen Schmiere und zwei dem schlafenden Känguruh auf den Schwanz. Der Fünfte erschreckte das Tier mit einem lauten “Buh!”. Wenn es panisch flüchten wollte, löste sich sein am Boden fixiertes Anhängel fast wie von selber.

Im März 1973 wars für das Quintett mit den Nebeneinkünften jedoch vorbei: Der “Gemeinschaft zur Rettung der zur Fabrikation von unnützem Kram missbrauchten Beuteltiere” (GzRdzFvuKmB) war es gelungen, einen als Känguruh getarnten Aktivisten in eine Zuchtanlage einzuschleusen. Als die Frevler routiniert zur Untat schreiten wollten, sprang der Mann auf, riss sich die Maske vom Kopf, zückte aus dem Beutel seines durchgeschwitzten Kostüms ein Papier, das ihn als Freien Mitarbeiter des Sydney Police Departements auswies und legte die schockstarren Eindringlinge in Ketten.

Als ob es mit dem Pfarrer der nahegelegenen Kirche abgesprochen worden wäre – was es laut zahllosen Historikern aber nicht war – schlugen die Glocken der nahegelegenen Kirchturumuhr donnernd zwölf Mal, als der GzRdzFvuKmB-Delegierte die Frevler aus dem Stall in das Dunkel einer mondlosen Nacht scheuchte. “Dass wir aufgeflogen waren, hätten wir noch verkraftet. Aber diese Glocken…diese Glocken klangen wie live aus der Hölle”, sagte Angus Young sehr viel später.

Ein grobkörniges Schwarzweissbild, das offensichtlich kein professioneller Fotograf, sondern ein Polizist geschossen hatte und das heute in einem Tresor im australischen Kriminalmuseum verwahrt ist, zeigt fünf belämmert dreinblickende Halbwilde, von denen einer trotzig den Zeige- und Kleinfinger der rechten Hand in die Luft reckt. Ein anderer verzieht seinen Mund zu einer Schnute, die Elisabeth II. auch dann nicht hinbekommen hätte, wenn ihr zugetragen worden wäre, dass ihr Philipp sie mit Diana betrügt.

“Young & Co. ziehen den Schwanz ein”, frohlockte ein Wirtschaftsblatt. “No more Sex, no more Drugs, no more Cock’n’Roll”, fasste ein Musikheft bedauernd zusammen. “Tausende von Hüpfburgen vom Einsturz bedroht!”, empörte sich ein Kindermagazin.

Verdrossen suchten die Youngs, Evans, van Kriedt und Burgess nach neuen Schwimmhilfen, um sich finanziell über Wasser halten zu können. Auf ausgedehnten Stadtbummeln beratschlagten sie, was zu tun sei. Der Verzweiflung schon relativ nahe, erwägten sie, es mehr übel als wohl mit einem dieser verpönten bürgerlichen Jobs bei der Ghüderabfuhr, an einer Woolworth-Kasse oder als Gitarren-, Schlagzeug- oder Gesangslehrer zu probieren.

Doch dann, als ob ein gütiges Schicksal sie bei der Hand genommen hätte, standen sie in der Nähe der Sydney Central Station auf einmal vor einer Türe, deren Anblick sie mehr elektrisierte als alles, was sie bisher gesehen hatten:

Was auch immer sie für eine sorgenfreie Zukunft brauchten: Hier hatten sie es endlich gefunden.

Der Rest ist Musikgeschichte.

Published inAustralisches

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