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Mein erster Leserbrief (den ich dann nicht abgeschickt habe)

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Hallo, Kritiker

“Hallo, Kritiker” schreibe ich, weil ich nicht “Lieber” oder “Geschätzter” XY schreiben wollte, nur, um Ihnen daraufhin die Kutteln zu putzen (neulich hat Heinz Brand, ein Bündner Politiker, David Sieber, den Chefredaktor der “Südostschweiz”, auf Facebook mit “Geschätzter David” angeredet. Im nächsten Satz warf er dem Journalisten “Inkompetenz” und “Banalität” vor und schlug Siebers Einladung zu einem klärenden Gespräch aus.

Das kann man im Kindergarten machen – “Werter Leo. Du bist ganz ein Blöder, weil du mein Sandkastenschüüfeli kaputtgemacht hast und Julia immer gestreckten Stoff verkaufst” – aber im Internet, wo auf Anstand und Stil mehr Wert gelegt wird als anderswo, geht das nicht, und unter Erwachsenen schon gar nicht, ausser, man heisst Joschka Fischer. Wenn man Joschka Fischer heisst und dem deutschen Bundespräsidenten coram publico mitteilt, “mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch”, ist das etwas ganz anderes.)

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Nichtsdestotrotz bieten mir die Begriffe “Inkompetenz” und “Banalität” die Gelegenheit für eine elegante Überleitung zu Ihrer Kritik am neusten Toto-Album “35th Anniversary – Live in Poland”. Wenn ich die paar mickrigen Zeilen, die Sie dem Opus in der letzten Ausgabe eines von mir sonst sehr geschätzten Classic Rock-Magazins gewidmet haben, richtig interpretiere, muss ich davon ausgehen, dass Sie die Platte eher nicht so toll finden. Das einer breiten Öffentlichkeit kundzutun, ist selbstverständlich Ihr gutes Recht (auch Deutschland kennt inzwischen ja die Presse- und Meinungsfreiheit). Genauso ist es mir jedoch freigestellt, auf Ihre Meinung zu, äh, pfeifen.

Sie schreiben: “Beim Anhören dieses Live-Mitschnitts geht es einem wie beim Betrachten einer kunstvoll verzierten Rokoko-Kaminuhr mit all ihren Schnörkeln und Engelchen. Man sollte die zur Erzeugung notwendige handwerkliche Kompetenz und Raffinesse respektieren, was aber noch lange nicht heisst, dass einem das Ergebnis auch gefallen muss.”

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Dazu habe ich zunächst einmal eine Frage: Wer genau ist “einem”? Sie selber? Wenn ja: Wieso schreiben Sie dann nicht “Beim Anhören dieses Live-Mitschnitts geht es mir….”?

Oder waren “einem” ihre Damalsnoch-Lebensabschnittspartnerin plus der durchtrainierte Spargelstecher aus Polen, mit dem Sie und Ihre Ex-Freundin in spe sich eine Wohnung geteilt haben, um Kosten zu sparen? Falls dieser langhaarige und obergspürige Singersongwritertyp – in engster Zusammenarbeit mit Ihrer jetztigen Verflossenen – dafür gesorgt haben sollte, dass Sie an jenem Morgen stinksauer am Compi sassen, um diese verdammte Kritik über diese verdammte CD dieser verdammten Amiband in diese verdammte Maschine zu hämmern, obwohl Sie mit dem Kopf ganz woanders waren (nämlich in dem Schlafzimmer, das Sie und Ihr – sorry, ich kann mir das beim besten Willen nicht verklemmen – Spargelchen sich zwei Tage zuvor noch geteilt hatten) wären Sie halbwegs entschuldigt.

Aber auch dann hätten Sie – wir wollen ja journalistisch sachlich bleiben, wollen’t wir? – vermerken könnendürfensollenmüssen, dass mit “einem” nicht jeder Mensch auf diesem Planeten gemeint ist, sondern bloss ein vernachlässigbar kleines Häufchen Leute in einer frischsanierten Altbauwohnung, oder genauer: Zwei Frischverliebte und ein Sitzengelassener.

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Weiter notieren Sie: “Braucht man ‘Africa’ und ‘Rosanna’ tatsächlich in einer weiteren Version?”, als ob es von diesen Songs schon 84 konservierte Varianten geben würde. Tatsächlich existieren von “Africa” total sieben Aufnahmen (darunter jene auf dem nur halboffiziellen Jeff Porcaro-Gedenkkonzertmitschnitt, und wenn wir schon dabei sind: Hier erzählt David Paich, der Mitbegründer und Keyboarder von Toto, die ganze, sehr interessante Entstehungsgeschichte von “Africa”), und von “Rosanna” deren acht. Das Dutzend ist also in beiden Fällen erst gut halbvoll. Achselzuckend sagen Deep Purple dazu nur: “Now what?

Vor allem anderen würde mich jedoch interessieren, ob Sie eigentlich schon mal ein Lied komponiert haben, das mehr Leute zu hören bekamen als Ihr engster Familien- und Freundeskreis, der neulich möglicherweise ja, um noch einmal darauf zurückzukommen, auch wenns (oder gerade weils!) wehtut, um zwei Personen geschrumpft ist. Wissen Sie, wieviele Hektoliter an Blut und Schweiss und Tränen das kostet?

(Bevor Sie eingeschnappt zurückfragen: “Und du, Leserbriefschreiberli? Weisst du das?”, antworte ich: “Oh, jastens! Schliesslich habe ich für meine Frau zur Hochzeit einen kompletten Song mit Intro und Britsch und Autro und Text und allem gebastelt und es am Feier-Abend gespielt und gesungen, aber darum gehts hier gar nicht. Lenken Sie nicht ständig vom Thema ab!”)

Ich merke gerade: Das artet argumentatorisch aus, und die dafür verantwortliche Person sitzt nicht an diesem Ende des Kommunikationsstrangs. Wir halten kurz inne für ein bisschen Musik zum Entspannen:

So.

Natürlich kommen Sie jetzt mit dem Argument, dass jemand, der über Fussball schreibt, auch nicht Profischütteler gewesen sein muss, um eine Ahnung von der Materie zu haben, und dass ein Kriegsberichterstatter selbst dann kompetent über das Geschehen an der Front berichten kann, wenn er noch keinen einzigen Zivilisten umgebracht hat, und damit haben Sie Recht.

Überhaupt: Wenn ich lange genug darüber nachdenke, haben Sie eigentlich mit allem Recht, auch wenn Sie mit Ihrer Ansicht meiner Ansicht nach völlig falsch liegen. Wenn Ihnen die neue Toto-CD nicht gefällt, dann schreiben Sies halt. Wenns Ihnen dabei wohlet und Ihnen das vergammelte Totohasserpack in Ihrer Stammbeiz dafür sabbernd vor Freude auf die Schultern klopft: Tant pis.

Als Toto-Fan kommt einem so ein Verriss sogar entgegen: Er garantiert, dass man (“man” im Sinne von “ich und ein paar Millionen anderer Fans”) davon ausgehen kann, dass nicht Krethi und Plethi in den nächsten iTunes-Store rennen, um sich das Werk herunterzuladen. Dann bleiben die Liebhaber dieses rockmusikalischen Schmuckstücks weiterhin unter sich, und das ist ein sehr schöner Gedanke für Zeitgenossen, die von “Africa” und “Rosanna” und dem ganzen anderen Wahnsinn in Dur und Moll nie genug haben werden und auch nie genug haben wollen.

Published inFragwürdigesKulturellesMediales

One Comment

  1. Heinz Häfeli

    Hey, dem VongenialgeilerRockmusikkeinenSchimmerhabenden-überheblichbesserwissendenPennerVollpfostenMöchtegernGremlin
    hast dus aber so was von gegeben!
    GEIL!
    BRAVO!
    SUUUUUUUUUUPER!
    Stay heavy and strong, old friend!
    TOTO FOREVER!!!!!!!!
    Piiiiiiiiiis: Hene

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