News von den Oldies

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Falls jemals Ausserirdische wissen möchten, was so los ist in der Schweiz und sonst auf der Welt; worüber die Wesen auf diesem Planten reden; was sie beschäftigt; was sie aufregt oder lachen lässt – dann benötigen sie dafür keine Zeitung und keinen Fernseher und kein Radio und kein Internet.

Es genügt, wenn sie sich in einem Bahnwagen voller Senioren verstecken und die Ohren spitzen.

Ich hatte heute Morgen das grosse Vergnügen, mit einer zweidutzendköpfigen Ü70-Wandergruppe von Burgdorf nach Bern zu reisen. Der Zug hatte Lyssach noch nicht passiert, als ich schon wusste, dass man das, was „diese Scholie“ mit ihren Brüsten gemacht hat, schon noch verstehen könne, irgendwie.

Andrerseits: „Wenn d Zyt chonnt, de chonnt si. Me cha em Chräbs ned devolaufe, ond öberhoupt vor gar nüütem“, sagte eine Frau, und erntete für dieses Votum betreten-zustimmendes Nicken.

Weitere Themen in anderen Viererabteilen waren: Das „Eidgenössische“ in Burgdorf („Muesch luege: De Sämpach!“), die „Tanz dich frei“-Demo in Bern („Sesch doch guet, wenn di Jonge öppis mache.“), das Wetter („Ned zum gloube!“), eine bevorstehende Taufe plus, kaum waren wir in der Nähe der Haltestelle Wankdorf angelangt, die Ausschreitungen von Basel- und GC-„Fans“ am Cupfinal („Eifach iischpeere, de Scheffe vo dene Chaote aalüüte und de Eltere säge, si söue eri Goofe ofem Poschte abhole.“).

So ging das, fast eine halbe Stunde lang. Obwohl die Geschichten so unterschiedlich waren wie die Ansichten dazu, gab es unter den Oldies nicht ein einziges Mal Streit. Man hörte einander zu, liess einander ausreden und schwieg, wenn man merkte, das man zu diesem oder jenem Punkt nichts zu sagen hat.

Und: Niemand steckte sich Kopfhörer in die Ohren, niemand brüllte ins Handy, und kein Mensch schien sich daran zu stören, dass mitten in dem – wie sich erst beim Aussteigen zeigte – für diese Gruppe reservierten Wagen seit der Abfahrt in Burgdorf jemand sass, der gar nicht dazugehörte.

Von einem, der nur den Frieden haben wollte

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„Für Ribeah,
Liebe Grüsse,
John Lennon
Yoko Ono
1980“

Diese Worte waren vermutlich die letzten, die John Lennon zu Papier gebracht hat. Die Schrift auf dem Zettel war kaum trocken und Ribeah zweifellos immer noch im Siebten Himmel, als Mark David Chapman – der am Nachmittag dieses 8. Dezember 1980 ebenfalls ein Autogramm des Musikers ergattern konnte – den ehemaligen Beatle mit fünf Kugeln erschoss.

Drei Jahrzehnte später findet sich die achtlos hingekritzelte Notiz, zusammen mit unzähligen weiteren Briefen, Gedichten und Postkarten im Buch

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„The John Lennon Letters – Erinnerungen in Briefen“

wieder.

In einer unvorstellbaren Kleinarbeit hat der britische Journalist und Autor Hunter Davies – der Verfasser der einzigen autorisierten Beatles-Biographie „A hard day’s night“ – zusammengetragen, was Lennon während seines nur 40 Jahre währenden Daseins an Freunde, Ehefrauen, Fans, Familienmitglieder, Geschäftspartner, Geliebte, Konkurrenten und Kritiker geschrieben hatte.

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Philosophische Reflexionen („Die einzige Möglichkeit, allen Menschen eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, besteht darin, sie bekannt zu machen – wir leben im 20. Jahrhundert. Meinst Du nicht, auch Jesus würde im Fernsehen auftreten, wenn er heute lebte?“) wechseln sich ab mit wütenden Reaktionen („Was glaubst Du denn, wer Du bist? Was weißt Du überhaupt?“), humoristischen Geistesblitzen („Wer zu spät kommt, hört oft nicht mehr gut“) und verbalen Angriffen auf seinen früheren Bandkumpel Paul McCartney und dessen damalige Ehefrau Linda („Ich hoffe, ihr begreift, wie viel Scheisse ihr und meine anderen Freunde auf Yoko und mir abgeladen haben, seit wir zusammen sind.“)

Dazu kommen Einkaufslisten („1. Skandinavisches Knäckebrot mit Kleie. 2. Esotts Himbeermarmelade. 3. Brot. 4. Sesambutter“), Liedfragmente, Antworten auf Fragebögen, Aufträge ans Personal („Schicke Y. Os Mutter (verspätet) ein paar Blumen zum Muttertag“), Anweisungen für Lieferanten („Bring das ganze Zeug hier rein, d.h. Lautsprecher und Tonbandgerät“), Zeichnungen, Skizzen und Karikaturen.

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Wer beginnt, in diesem Wort-Schatz zu wühlen, merkt schnell: John Lennon war weder der Heilige, als den ihn Millionen von Anhängerinnen und Anhängern verklärten, noch der Revoluzzer, als den ihn Teile der Regierung seiner Wahlheimat USA fürchteten.

Vielmehr war er tief in seinem Innersten ein in jeder Hinsicht harmoniesüchtiger Familienmensch, dem sein Status als Superstar eher suspekt war und der die Dinge selten ernster nahm, als sie waren. Den Frieden zu haben war alles, was er sich für sich und die Welt sein kurzes Leben lang wünschte. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Art und Weise, wie er seine Briefe abschloss: Auch das gehässigste Pamphlet – wie die erwähnte Tirade an die Adresse von Paul und Linda McCartney – endet mit versöhnlichen Worten wie „Trotz alledem: Alles Liebe für Euch beide von uns beiden.“

Aller finanziellen Sorgen enthoben, hätten John Lennon und Yoko Ono ihre Zeit mit Nichtstun verbringen können. Stattdessen arbeiteten sie rast- und ruhelos an verschiedensten Projekten. Ein Grossteil dessen, was Lennon umtrieb, ist in den „John Lennon Letters“ fast lückenlos dokumentiert.

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Die Rettung der Welt war dem Künstler ein ebensogrosses Anliegen wie das Wohl und Wehe seiner Tante Mimi (und zig anderer Verwandter) im fernen England. Daneben kümmerte er sich um seine Geschäfte, korrespondierte er mit Wildfremden und versuchte er, ein ganz normales Lebens als Ehemann und Vater zu führen.

Das alles unter einen Hut zu bringen, war letztlich jedoch auch einem John Lennon unmöglich. Irgendwann mochte er nicht mehr vom Morgen früh bis spät in der Nacht im Hamsterrad laufen. In „Watching the wheels“, das er für das Album „Double Fantasy“ komponiert hatte, liess er die Welt wissen, was er von diesem ewigen Getriebensein hält. Und wie er den Rest seines Lebens zubringen werde:

„People say I’m crazy doing what I’m doing.
Well they give me all kinds of warnings to save me from ruin
When I say that I’m o.k. they look at me kind of strange,
surely your not happy now you no longer play the game.

People say I’m lazy dreaming my life away.
Well they give me all kinds of advice designed to enlighten me.
When I tell that I’m doing Fine watching shadows on the wall,
don’t you miss the big time boy you’re no longer on the ball?

I’m just sitting here watching the wheels go round and round,
I really love to watch them roll.
No longer riding on the merry-go-round,
I just had to let it go.

People asking questions lost in confusion.
Well I tell them there’s no problem,
only solutions.
Well they shake their heads and they look at me as if I’ve lost my mind,
I tell them there’s no hurry,
I’m just sitting here doing time.

I’m just sitting here watching the wheels go round and round,
I really love to watch them roll,
No longer riding on the merry-go-round,
I just had to let it go.“

Selber schuhld

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(Optische Täuschung: Meine neuen Schuhbändel sind nicht blau, wie man aufgrund dieses Bildes vermuten könnte, sondern schwarz. Eigentlich sollten sie aber braun sein.)

Guten Abend!

Grüessech! Wie kann ich Ihnen helfen?

Ich brauche nur Schuhbändel.

Ou. Die lassen wir grad auslaufen, weil…

…das ist doch wunderbar! Dafür sind Schuhbändel ja da.

Wie meinen Sie?

Zum Auslaufen.

Ach so. Ja….eben…wir haben nur noch die da. (Deutet auf die da). Was fürttigi brauchen Sie?

Ich weiss nicht genau. Schwarze.

Schwarze haben wir hier…und welche Grösse?

Keine Ahnung. Für Halbschuhe. Mit vier Löchern. Also links und rechts. Also acht Löcher. An einem Schuh.

Acht…Moment…(kramt in der Schachtel herum)…acht…ah, ja: Hier!

Die sind aber braun.

Stimmt. Momentli…hier sind die schwarzen. Was sind das für Halbschuhe?

Braune. Dunkelbraune, so gescheckt, irgendwie.

Dann würde ich aber braune Bändel nehmen, für braune Halbschuhe.

Ich auch. Aber es waren schon schwarze drin.

Sind Sie sicher?

Ja, schon. Das heisst: Nein. Jetzt bin ich plötzlich nicht mehr sicher. Vielleicht waren sie auch braun.

Das würde ja auch besser passen.

Stimmt.

(…)

(…)

Also…hätten Sie jetzt lieber die schwarzen oder die braunen?

Die…braunen. Nein, die schwarzen. Ja. Die schwarzen.

Wie Sie wollen. Und zwei?

Nein, nur einen.

Sie meinen: Ein Paar.

Genau. Ein Paar. Zwei Bändel.

Zwei Bändel sind ein Paar; das ist schon so. Sie nehmen demfall ein Paar.

Genau.

Macht dreivierzig. Sind Sie sicher, dass Sie nicht doch noch braune nehmen wollen, wenn die Schuhe doch…

..nein, nein. Schwarz ist tiptopp.

Sie müssens wissen. So. Und einssechzig zurück.

Merci! Schönen Abend noch!

Ihnen auch! Und wenn Sie noch braune brauchen…

…ich glaube nicht. Schwarz ist schon gut.

Zehn Minuten später, daheim, mit den Schuhen in der Hand, die Erkenntnis: Braun wäre besser gewesen. Wesentlich besser. Mann sollte mehr auf die Verkäuferinnen hören.

Stadtbilder (27)

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Im Wartezimmer des Regionalspitals Emmental in Burgdorf: Es gibt Angenehmeres, als einen Teil des Auffahrtsnachmittags im Vorzimmer eines Arztes zu verbringen. Andrerseits: Sofern der Raum architektonisch so schön gestaltet ist wie dieser, hat man wenigstens etwas zu bestaunen. Und wenn sich dann auch noch herausstellt, dass man bis auf eine Erkältung kerngesund ist, kann man fast sagen: Der Ausflug hat sich gelohnt.

Trauerspiel und Freudenfest

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Burgdorf, im „Zelt„, am Mittwochabend um kurz vor halb Neun: Auf der Bühne steht „George“, eine Mundartband aus dem Berner Seeland.

Frei von jeder Ambition, die Plattform, welche die renommierten „Zelt“-Events Schweizer Künstlern für Werbung in eigener Sache bieten, zu nutzen, ackern sich die Akteure durch das Programm.

Ausgerechnet der Mann, der der Gruppe den Namen gegeben hat und der als ihr Aushängeschild am Mikrofon eigentlich dafür sorgen müsste, dass die Maschinerie subito auf Touren kommt und dann eine Stunde lang wie geschmiert läuft, trägt am wenigsten zur Hebung der Stimmung bei. George wirkt seltsam…sagen wir: indisponiert, verpasst Einsätze, wirkt alles andere als textsicher, trifft kaum einen Ton und wenn doch, dann mit irritierender Zuverlässigkeit einen falschen.

„Es fägt“, nuschelt George nach den ersten paar Stücken in die Runde, doch ein Blick ins vielleicht sechshundertköpfige Publikum zeigt: Nein, es fägt nicht. Zäntume werden die Gesichter lang und länger.

Würde in diesem Moment der Strom ausfallen und der Gig abgebrochen: Die Enttäuschten liessen sich an zwei Händen abzählen.

Der Aufforderung des Sängers, sich von den Stühlen zu erheben, kommen viele Gäste noch so gerne nach. Aber nicht, um mitklatschend und -singend das Gebotene zu würdigen. Sondern, weil sich ihnen damit eine willkommene Gelegenheit bietet, die Stätte des musikalischen Grauens unauffällig zu verlassen.

(Tags darauf, als dieser Text bereits publiziert war, richtete sich George auf seiner Facebook-Seite mit folgender Botschaft an seine Fans: „Es tuet mir leid wenn i geschter Abe so ä schlächte Idruck ha gmacht, ig wett aber glich churz Stellig näh derzue. Wie sicher die meischte vo Euch wüsse, schaffe ig näbe dr Musig no 80% im Gartebou. Da ig ä strängi Wuche hinger mir ha und geschter diräkt vor Bousteu bi cho, bini ziemli kaputt gsih. Derzue chunnt dasi im Momänt ä Grippe mit starke Medis uskuriere wo ou no si Teil derzue tuet.

Wahrschindlich hätti geschter Abe gschider keis Bier gno, das het mir dr Räschte gä. I däm Sinn möchti mi bi aune Fans härzlich entschuldige, ha niemer wöue enttüsche.“)

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Burgdorf, im „Zelt“, am Mittwochabend um kurz nach halb Zehn: Auf der Bühne steht „Trauffer“, eine die momentan populärste Mundartband aus dem Berner Oberland. Als ob es kein Morgen geben würde, geben die Musiker um Marc A. Trauffer (Bild) von Anfang an Vollgas. Unter dem Chapiteau vibriert die Luft schon nach drei Akkorden vor Energie und guter Laune.

Bestens aufeinander eingespielt und mit sicht-, hör- und spürbarem Spass an der „Arbeit“ präsentieren die sechs Musiker und ihre Backgroundsängerin einen bunten Querschnitt durch ihre Alben „Dr Heimat zlieb“ und „Fischer & Jäger“. Immer wieder wendet sich der Chef an die Gäste, um chli mit einer Zuschauerin zu flirten, das Emmental zu loben oder etwas zur Entstehungsgeschichte eines Songs zu erzählen.

Auf peinliche Posen und falsche Anbiederungsversuche können Marc Trauffer (Gesang, Gitarre und Schyzerörgeli), Monika Schär (Gesang), Frank Niklaus und Christian Hugelshofer (Gitarren), Adamo Häller (Akkordeon), Christian Kyburz (Schlagzeug) und Marcel Suk, der an diesem Abend zum ersten Mal für Trauffer am Bass steht, verzichten.

Auch wenn der Auftritt naturgemäss über weite Strecken durchchoreografiert ist: Nichts wirkt aufgesetzt, nichts riecht nach Routine. Da sind einfach sieben Menschen, denen es Spass macht, miteinander und zusammen mit vielen Bekannten und Fremden die Sau rauszulassen. Auf hohem Niveau und – wohl anders als das „George“-Personal – im beruhigenden Wissen darum, dass der eine sich jederzeit auf seinen Nebenmann oder seine Nebenfrau verlassen kann.

So fägts.