Ohne Bob und Bono

Wo kein Star-Chor, da keine Katastrophe: Die Säulenheiligen der Wohltätigkeits-Industrie scheinen die Coronafolgen als wenig dringlich lindernsbedürftig zu taxieren.

In den vergangenen Monaten fragte ich mich öppedie, wieso ich Corona nicht als Totalmegagigaunglück empfinde. Aber jetzt – einen Tag, bevor der Bundesrat erläutert, welche neuen Lockerungen Bill „Der Chip“ Gates ihm bekanntzugeben gestattet – ging mir eine Lichtorgel von Pink Floyd’schen Ausmassen auf:

Obwohl Covid-19 sich nun schon seit einem geraumen Weilchen auf Welttournee befindet, sahen die zwei wägsten und chächsten Reiter wider Apokalypsen aller Art noch keine Veranlassung dafür, sich mahnend vernehmen zu lassen.

Das sicherste Zeichen dafür, dass die Menschheit nur noch einen Schritt vor dem Abgrund steht, ist, wenn Robert Frederick Zenon – oder kurz: Bob – Geldof sämtliche Musikerinnen und Musiker, die mindestens 30 Millionen Platten verkauft haben, ins Studio zitiert. Dieses Allstar-Team lässt er dann das immer gleiche Lied singen, um globusumspannend auf ein von ihm als besonders bekämpfenswert eingestuftes Elend aufmerksam zu machen.

Das war zum ersten Mal 1984 so, als Geldofs „Band Aid“ mit David Bowie, Phil Collins, Paul McCartney, Boy George, Rick Parfitt, Paul Young, Nick Kershaw, Sting und vielen, vielen anderen „Do they know it’s Christmas?“ einspielte und für die hungernde Bevölkerung von Äthiopien 12 Millionen Euro sammelte (the times they are auch im notstandslindernden Business changin‘: Was damals eine sagenhaft grosse Summe war, würde von unserem Bundesrat seit ein paar Wochen als Trinkgeld verbucht.)

Weils bei der Premiere so gut geklappt hatte, stellte Geldof fünf Jahre später einen zweiten Chor zusammen:

Und damit nicht genug: Nach dem Motto „Der gute Zweck heiligt jedes Mittel“ umzingelte er die schon ziemlich ausgepresst wirkende Kuh „Christmas“ 2004 und 2014 erneut mit sangesfreudigen Kumpaninnen und Kumpanen, um sie weiter zu melken:

Als das erschöpfte Vieh dachte, jetzt könne es endlich in Ruhe sein Gnadenbrot kauen, enterte er seinen Stall auch noch mit Bardinnen und Barden germanischer Provenienz. „Der Charity-Wiederholungszwang des Iren wird langsam unerträglich“, ätzte der „Tagesspiegel“.

Gigantische Konzerte unter den Labels „Live Aid“ und „Live 8“ (Teilnehmer waren nebst anderen – Augenwasser, marsch! – Bryan Adams, Bryan Ferry, David Bowie, Eric Clapton, Phil Collins, die Dire Straits, Bob Dylan, Mick Jagger, Elton John, Madonna, Paul McCartney, Queen, Santana, die Simple Minds, Status Quo, Tina Turner, The Who und Neil Young) äufneten die Katastrophenkasse zusätzlich.

Völlig überraschend war Geldof auch am „We are the world“-Promistelldichein beteiligt, mit dem die „USA“ 1985 in Gestalt von Lionel Ritchie, Paul Simon, Billy Joel, Michael Jackson, Diana Ross, Bruce Springsteen, Steve Perry, Huey Lewis, Cindy Lauper, Bob Dylan, Ray Charles und wen auch immer die Hitparaden noch hergaben „for Africa“ sangen.

Ein Vierteljahrhundert später wurde auch dieses Werk recyclet. Der Reingewinn – oder was davon nach Abzug aller Reise- und Cateringauslagen übrigblieb – kam dem erdbebengeschädigten Haiti zugute:

Genauso benefit wie Bob Geldof ist Paul David Hewson, den seine besten Freunde nur Bono nennen. Er engagiert sich, seit er berühmt ist, gegen Aids und Kriege und Hunger und das WEF sowie für Schuldenerlasse, Amnesty International, den Freihandel und mehr Entwicklungshilfe. Selbstredend war er ebenfalls in Live 8 involviert.

Mit Geld versteht der Mann umzugehen: Einen Teil der Erlöse, die er mit seiner Hausband U2 generiert, versteuert er gemäss der „Zeit“ in den Niederlanden. Dort braucht er dem Fiskus nur einen Bruchteil seiner Einnnahmen abzuliefern.

Auch Bonos Einsätze an der Front der Ungerechtigkeiten werden nicht unkritisch beobachtet: „Wenn er mir sagt, dass der Himmel blau und das Gras grün ist, dann muss ich mich schon sehr anstrengen, um ihm das zu glauben“, sagte der amerikanische Regisseur Joel Schumacher („Flatliners“, „Falling Down“, „Batman forever“) 1989 in einem Interview.

Aber Himmel hin, Gras her: Solange weder Bob noch Bono zum Chorsingen aufrufen – was in epidemiologischer Hinsicht (Versammlungsverbot!) zweifellos ebenso vernünftig ist wie von der Zuhörerwarte aus betrachtet verdankenswert – dürfen wir der Zukunft mit einiger Gelassenheit ins virengerötete Auge blicken.

Trotzdem gilt es natürlich stets zu bedenken: „There’s a world outside your window, and it’s a world of dread and fear. Where a kiss of love can kill you, and there’s death in every tear.“

Meckerer und Macher

In der Burgdorfer Altstadt scheint das Licht am Ende des Tunnels heller als im Rest der Gastroschweiz.

Langsam, aber sicher laufen die Beizer den Bauern den Titel „Jammeri der Nation ab“: Erst rief der Verband Gastrosuisse nach möglichst baldigen Lockerungen der Corona-Massnahmen – doch kaum durften die Restaurants am 11. Mai wieder öffnen, stimmte er das nächste Klagelied an: Für die Branche sei die Öffnung mit so „einschneidenden Beschränkungen, schmerzhaften Verlusten und grossen Unsicherheiten“ verbunden, dass „viele Lokale bereits im Juni wieder schliessen“ müssten, sagte Verbandspräsident Casimir Platzer gegenüber dem Onlineportal von 20minuten.

Beim Grossteil der Leserinnen und Leser stösst er mit seiner Forderung nach weiteren Aufweichungen der Vorschriften auf taube Ohren:

Aus der Burgdorfer Altstadt kann ich in diesem Zusammenhang melden: Den hiesigen Anbieterinnen und Anbietern von Speis und Trank läufts glaub nicht schlecht. Bei Bummeln durch die Gassen am Schlossfuss stelle ich jedenfalls regelmässig fest, dass die Lokale ordentlich bis sehr gut besucht sind, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Finedining-Adressen oder um normale Beizli handelt.

Freude herrscht…zum Beispiel im „Serendib„.

Die Wirtinnen und Wirte freuen sich darüber, dass sie ihre Betriebe hochfahren durften, und sind dankbar für jeden Gast, der den Weg zu ihnen nach dem langen Hausarrest wieder findet. Das spürt die Kundschaft, erzählt es weiter, und schwupp: füllen sich die Betriebe fast wie von alleine.

Aber eben: Ich kann lediglich für die Burgdorfer Oberstadt und das Kornhausquartier sprechen, und da wie dort gelten nunmal chly andere Massstäbe als im Rest der Schweiz.

Während anderswo zig Beizerinnen und Beizer mit tränenfeuchten Augen in den Coronatunnel starren und händeringend darauf hoffen, dass Casimir der Laute es für sie richtet, lässt man das Licht am Ende des Tunnels hier mit viel Engagement, Selbstvertrauen und Zuversicht lieber selber von Tag zu Tag heller scheinen.

„Unendlich traurig“

So wichtig und richtig das Besuchsverbot aus epidemiologischer und gesundheitspolitischer Sicht auch sein mag, so unmenschlich ist es.“

Am 14. Mai verstarb Theo Wernli, der Vater meiner Schwägerin Judith. Wegen Corona war es seinen Liebsten bis kurz vor seinem Tod nicht erlaubt, ihn im Spital zu besuchen. Nun hat Judith ihre Gedanken dazu auf Facebook veröffentlicht.

«’Und immer wieder schaue ich zur Tür, und ich weiss: Keiner von euch drückt diese Türfalle. Jeder, der ins Zimmer kommt, muss. Niemand will wirklich zu mir.

Das hat mein Papi (72) in den letzten Wochen immer wieder gesagt. 37 Tage im Spital zu sein, ohne seine Liebsten sehen zu dürfen, ist unendlich traurig. 37 lange Tage, ohne seinen Sohn oder seine Töchter zu Besuch zu haben. Ohne mit den Enkeln ganz feste ‚Drückis‘ zu machen. Erst, als es ihm so schlecht ging, dass er nicht mehr ansprechbar war, durften wir zu ihm. Leider auch in diesen 8 Tagen nur zwei Mal.

So wichtig und richtig das Besuchsverbot aus epidemiologischer und gesundheitspolitischer Sicht auch sein mag, so unmenschlich ist es. Ich hoffe ganz fest, dass es keine zweite Welle gibt. Aber wenn, dann braucht es für Spitäler, Pflegeheime, Altersheime usw. ‚kreative‘ Kompromisse, damit diese soziale Isolation von kranken und alten Menschen verhindert werden kann (Schnelltests, Schutzkleidung…).

Ein riesiges Danke allen Pflegerinnen und Pflegern, Ärztinnen und Ärzten im Spital – Sie haben unserem Vater viel Gutes getan und sich fest um ihn gekümmert. Danke auch fürs Vorlesen unserer Briefe und Karten und die Möglichkeit, jederzeit wenigstens anrufen zu dürfen um zu fragen, wie es ihm geht.

Lieber Papi, Du weisst, dass wir in den letzten Wochen nichts lieber getan hätten, als diese Türfalle zu drücken. Wir werden Dich nie vergessen und Dich immer in unseren Herzen tragen. Für immer uf dech!❤️

Geisterfahrt

Von einem Jahrhunderterlebnis zu sprechen, wäre übertrieben. Ein bisschen besonders wars allerdings schon, als ich mich gestern zum ersten Mal seit Mitte März wieder einmal von den SBB von A nach B chauffieren liess.

Bahnfahren während Corona – das fägt: Es gibt kein Ellbögle auf den Perrons, keine Verspätungen und kein Gstungg in den Gängen. Jeder und jede kann sich alleine in einem Viererabteil verschanzen und die übrigen drei Plätze mit seinen Siebensachen belegen, ohne, dass jemand mit hochgezogenen Augenbrauen auf den Rucksack auf dem Fenstersitz zeigt und ostentativ fragt, „ist hier noch frei?“

In meinem Wagen sassen noch zwei Frauen und ein weiterer Mann. Weiter hinten und vorne sahs ähnlich aus – und das nicht in der Bündner Pampa, sondern auf der Hauptverkehrsachse zwischen Bern und Zürich. Bei den Zwischenstopps kam es gelegentlich zu Wechseln in der Besetzung. An der Anzahl der Passagiere änderte sich jedoch nur wenig.

In der Schule lernten wir, dass Olten „der Verkehrsknotenpunkt der Schweiz“ sei. Das mag in technisch-logistischer Hinsicht nach wie vor stimmen. Aber sonst?

Nunja:

Abgesehen vom Personal war kaum jemand maskiert unterwegs. Die Leute mit Mundschutz liessen jene, welche oben ohne an ihnen vorbeigingen, mit Blicken spüren, was sie von dieser potenziell tödlichen Nachlässigkeit halten.

Wer sich räuspern oder – bhüetis! – husten musste, versuchte, das möglichst diskret zu tun, zog die Aufmerksamkeit der Mitreisenden damit natürlich aber erst recht auf sich.

Gesprochen wurde kein Wort, doch das war ja schon so, bevor Covid-19 einen grossen Teil unserer Gewohnheiten in Erinnerungen verwandelte. Auffallend war, dass es auch niemand als nötig erachtete, die Lieben zuhause fernmündlich und auch für den Lokführer hörbar allpott über den aktuellen Standort zu informieren („Hoi Schatz! Störe ich gerade? Sorry demfall. Ich wollte nur sagen: Ich bin gleich in Aarau. Bis später. Ich dich auch.“).

Statt nach Knoblauch, Curry und Schweiss roch es nach nichts. Alles wirkte abweisend und steril und folglich wohl genauso, wie vom Bundesamt für Gesundheitswesen beabsichtigt.

Die Bahnhöfe waren so gut wie menschenleer. Die Lautsprecherdurchsagen verhallten im Nichts. „I’m a ghost living in a ghost town“, wundert sich Mick Jagger in dem Song, den er mit seinen Rolling Stones nach einem Spaziergang durch das gedownlockte London aus dem Ärmel schüttelte. Genauso fühlte auch ich mich (also: wie ein Geist, nicht wie Mick Jagger).

Trotzdem – oder gerade deshalb – mussdarf ich nach dieser Premiere sagen: So entspannend wie heute war das Zugreisen vermutlich noch nie.

Auffahrt zum Herunterfahren

Hundert Stunden Nichtstunmüssen: Wie habe ich mich danach gesehnt! Dank des langen Auffahrtswochenendes komme ich endlich dazu, meine inzwischen nicht mehr ganz neue Wohnung zu inspizieren, gründlich zu putzen, den Ghüder zu entsorgen und den einen oder anderen der vielen Filme zu geniessen, die sich in meiner Swisscom-Box arbeitsbedingt immer höher stapeln.

Einen schönen Teil der vielen freien Zeit werde ich tagsüber schlossbestaunend auf dem Balkon und nächtens batterienaufladend im Bett verbringen (oder umgekehrt), und falls alles läuft, wie es laufen sollte, bleibt mir sogar noch ein Eggeli Zeit, in dem ich mir zur Abwechslung von all den Auswärtsfuttereien der letzten Monate wieder einmal selber etwas kochen kann.

Auch die Leute in meinem Quartier scheinen die kurze Pause vom Alltag zu schätzen: In der Burgdorfer Altstadt herrscht eine Ruhe wie schon ewig nicht mehr, dabei ist die Auffahrt noch keine fünf Stunden alt.