Späte Erkenntnis

Als ich ins Hotelzimmer kam, wars schon fast dunkel. Ich steckte die Karte in den Schlitz neben der Türe und schwupp: Es ward Licht.

Beim Hinausgehen zog ich die Karte wieder hinaus und merkte: Das ist gar nicht der Zimmerschlüssel, sondern meine ID. Das machte mich gwundrig: Ich steckte nacheinander auch meine Bank- und die Kreditkarte in das Apparätli, und beide Male hatte ich gleich danach Strom.

Ich ging zum Nachtdiensthabenden an der Rezession, um ihm von meinem Experiment zu berichten. Nachdem ich fertigerzählt hatte, schaute er mich an, als ob er auf eine Pointe warten würde. Dann antwortete er, das sei normal: Diese Geräte würden mit jeder beliebigen Karte funktionieren, sagte er. In jedem Hotel, überall auf der Welt. Die Art der Karte spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, dass es einen Kontakt gebe. Dann wurde es technisch, worauf ich ihm nicht mehr folgen konnte.

Hm, dachte ich: Da verschwendet man in der Schule zighundert Stunden kostbarer Zeit mit Algebra, Geometrie, Steno, Buchhaltung undsoweiterundsofort im Wissen darum, dass man das später sowieso nie brauchen wird…aber wenn auch nur einer der Lehrer mal 20 Sekunden investiert hätte, um einem so etwas zu sagen, hätte man etwas gelernt, was man fürs Leben wirklich brauchen kann.

Kipp cool

Auf Gran Canaria vereisen die Strassen nur alle paar Schaltjahre und sehr, sehr lokal (oder wenn, wie in diesem Fall, ein Getränke-Lieferwägeli umgefallen ist).

Eine Art Betriebsausflug (3)

Für Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter läuft es auf ihrer Retraite auf Gran Canaria wie am Schnürchen flotter als befürchtet soweit ok. Fast jeden Tag sitzen der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis in Maspalomas zusammen, um sich mindmappend und brainstormend für die „komplexen Challenges einer hypervolatilen Zukunft“ zu wappnen, wie es in Hofstetters Einladung geheissen hatte.

Heute schlugen sie miteinander einen ganz dicken strategischen Pflock ein: Die Rolf Knie-Bilder im Empfangsbereich werden im Januar abgehängt und einem Blindenheim geschenkt. Dafür erhalten Hobbykünstlerinnen aus dem Emmental und dem Oberaargau die Gelegenheit, ihre Werke gegen ein bescheidenes Entgeld jeweils für ein paar Wochen an dieser sehr prominenten Stelle zu präsentieren.

Nun neigt sich letzte Meeting dieses Tages seinem Ende zu. Losgegangen war der Diskussionsmarathon, wie auch schon, am Hotelpool. Gegen 10 Uhr dislozierte man in ein Fischbeizchen am Strand. Dort verweilte man bei Pangasius-Chnuschperli aus Südkorea und ein paar Eimern Sangria ungewisser Provenienz, bis die Sonne beinahe das Meer berührte. Dann verschob sich das Trüppchen in eine Bar.

Seit einem geraumen Weilchen ist der griesgrämige Wirt – abgesehen von den drei Businessleuten in kurzen Jeans und verwaschenen Tourshirts längst der Vergessenheit anheimgefallener Rockbands – der einzige Mensch im Lokal. Um sich die Zeit zu vertreiben, trocknet er die Biergläser immer wieder von Neuem ab.

Hofstetter: „Ich weiss, es war anstrengend, und mir ist klar: Ihr wollt langsam ins Bett.“

Hofstetter (zuckt zusammen, als ob jemand neben ihm einen Silvesterböller aus China abgefeuert hätte): „Was hast du gesagt?“

Hofstetter (hebt mühselig den Kopf vom Tresen): „Du hast wie immer recht. Sooooo recht“ (lässt den Kopf mit einem dumpfen „Toc“ auf die Massivholzplatte zurückfallen).

Hofstetter: „Es ist so: Seit gestern gehe ich mit einem Überraschungsei schwanger, das ich jetzt einfach legen muss. Wenn ich es auch nur noch eine Stunde länger in mir behalte, dann…“

Hofstetter: „…ich will gar nicht wissen, was ‚dann’“.

Hofstetter (schnarcht leise).

Hofstetter: „Um es kurz zu machen: Bei mir hat sich eine Frau gemeldet. Auf Facebook. Nachdem ich das Protokoll unserer letzten Besprechung ins Internet gestellt hatte.“

Hofstetter: „Das beweist wieder mal: Transpiration zahlt sich aus!“

Hofstetter: „Meine Worte, mein Lieber. Meine Worte.“

Hofstetter: „Lass mich raten: Sie lebt in dem Blindenheim, das uns den Knie-Karsumpel abnimmt.“

Hofstetter (schnarcht lauter).

Hofstetter: „Nein, nein. In einer schnuckeligen Wohnung in Aarau.“

Hofstetter: “Und was will sie von dir?“

Hofstetter: „Von uns. Sie will etwas von uns.“

Hofstetter: „Nouhau? Aktien? Geld?“

Hofstetter: „Seit wann sind wir eine AG?“

Hofstetter: „Oh. Richtig. Läck, bin ich müde. Also: Sag schon: Was…“

Hofstetter: „Sie möchte unser Verwaltungsratspräsidium übernehmen. Von Hofstetter.“

Hofstetter: „Potz! Ist sie chli…“ (macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen an der Schläfe).

Hofstetter: „Kein bisschen. Im Gegenteil.“

Hofstetter: „Wie heisst sie?“

Hofstetter: „Kann ich nicht sagen. Persönlichkeitsschutz. Ungekündigtes Verhältnis. Konkurrenzklausel. Das volle Geheimhaltungsprogramm halt.“

Hofstetter: „Wenn sich bei uns jemand aus heiterem Himmel für diesen megawichtigen Posten bewirbt, müssen wir doch als Allererstes wissen, wer das ist, sonst könnte ja jeder kommen.“

Hofstetter: „Sie ist aber nicht jeder. Sie wäre für uns dasselbe wie…wie soll ich sagen?…wie Helene Fischer für die Schlagerbranche. Im Gegensatz zu der Fischer kann sie ihre Texte aber selber schreiben.“

Hofstetter: „Wir würden reich und berühmt!“

Hofstetter: „Davon dürfen wir ausgehen.“

Hofstetter: „Kenne ich sie?“

Hofstetter: „Woher soll ich wissen, wen du alles kennst? Ihr Name beginnt mit ‚H’ und hört mit ‚r’ auf.

Hofstetter: „H“…“r“…: Das ist ja genau wie bei uns!

Hofstetter: „Stimmt. Nur anders.“

Hofstetter: „Horisberger? Hochreutener? Heuberger? Hugentobler?“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ich sags nicht. Aber stell dir mal vor, die Leuchtreklame auf unserer Zentrale: Hofstetter & Horisberger. Oder Hofstetter & Hochreutener. Oder Hofstetter & Heuberger. Oder von mir aus auch Hofstetter & Hugentobler: Wie sich das liest! Richtig edel.“

Hofstetter: „Kompetent, irgendwie.“

Hofstetter: „Viel besser jedenfalls als beispielsweise Hofstetter & Kunz. Hofstetter & Kunz hätte etwas Halbgares an sich; etwas Unfertiges, Improvisiertes.“

Hofstetter: „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habs begriffen.“

Hofstetter: „Meine Nerven! Vom Namen her stünden wir auf einer Stufe mit Isis und Osiris!“

Hofstetter: „Isis und Osiris?!? Gehts bei dir nie eine Nummer kleiner?“

Hofstetter: „Wieso? Wenn Isis statt Osiris diesen Armageddon…“

Hofstetter: „…wenn schon: Agamemnon…“

Hofstetter: „…Kaiser ist Kaiser…“

Hofstetter: „..ich möchte nur…“

Hofstetter: „…egal. Wenn Isis Agamemnon geheiratet hätte: Weisst du, was dann passiert wäre? Mozart hätte seinen Hit von Grund auf neu komponieren müssen, und das nur, weil die Namen der Hauptdarsteller nicht zueinander passen. Agadings hat viel mehr Buchstaben als Osiris, und drum könnte das kein Mensch singen. Dasselbe gilt für Hofstetter und einen dieser langen Namen und Hofstetter und Kunz. Das eine harmoniert, das andere nicht. Verstehst du?”

Hofstetter: “Ich glaube, ich bin nahe dran.”

Hofstetter (erwacht aus dem Koma): „Ist das immer noch dieselbe Sitzung oder schon wieder eine neue?“

Hofstetter: „Hofstetter hat mir soeben erzählt, dass sich eine Frau bei ihm gemeldet habe.“

Hofstetter: „Und dann haben wir noch ein bisschen über die alten Römer geplaudert.“

Hofstetter: „Bei Hofstetter hat sich eine Frau gemeldet? Boah. Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

Hofstetter: „Sie will unseren Hofstetter als VRP ablösen.“

Hofstetter: „Weisst du, was lustig ist?“

Hofstetter: „…?“

Hofstetter: „Im ersten Moment dachte ich, du hättest gesagt, eine Frau wolle unseren Hofstetter als Verwaltungsratspräsident ablösen!“

Hofstetter: „Genau das sagte ich.“

Hofstetter: „Noch genauer gesagt, habe ich das gesagt. Die Frau hat sich schliesslich bei mir…“

Hofstetter: …“ja, ja.“

Hofstetter: „Name? Alter? Werdegang? Hobbies? Lohnvorstellungen?“

Hofstetter: „Ist alles top secret.“

Hofstetter: „Kannst du wenigstens versuchen, das wenige, was du uns über sie erzählen darfst, in einem Satz zusammenzufassen?“

Hofstetter: „Natürlich kann ich das. Komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist ja unsere Kernpotenz.“

Hofstetter und Hofstetter: „Wir hören.“

Hofstetter: „Die Frau ist tough. Sie ist cool. Sie ist intelligent. Sie ist witzig. Sie denkt strukturiert. Sie kennt die Kanaren aus dem Effeff. Sie weiss, was sie will. Sie hat keine Angst vor Herausforderungen. Sie liebt Katzen. Und sie ist in Militärfragen extrem bewandert.“

Hofstetter: „Militär! Wenn ich das nur schon höre.“

Hofstetter: „Wieso meinst du? Auf dem globalen Markt sind Zucht und Ordnung das A und O. Amazon, Nestlé oder Apple sind Synonyme für Disziplin. An ihnen müssen wir uns orientieren. Sie müssen unsere Leitsterne auf dem Weg nach…“

Hofstetter: „…hast du dich schonmal mit jemanden, der sich in solchen Dingen auskennt, über deine Hybris unterhalten?“

Hofstetter: „Ich fahre einen stinknormalem VW. Mit diesen Weltrettungswägeli kann ich nichts anfangen.“

Hofstetter: „Das sind Hybriden. Ich meinte ‚Hybris’“.

Hofstetter: „Hat der etwas mit Isis zu tun?“

Hofstetter: „Lassen wirs einfach.“

Hofstetter: „Wenn ich auch etwas sagen darf…“

Hofstetter: „…sprich, Kamerad!“

Hofstetter: „Ich finde das mit den Katzen toll. Wenn sie Tiere so gern hat, mag sie sicher auch die Menschen. Vielleicht kann sie etwas von dem Lockeren, Unverkrampften und Heiteren einbringen, das mir bei uns, ehrlich gesagt, manchmal etwas fehlt.“

Hofstetter: „Ich leite ihr deinen wertvollen Input gegebenenfalls weiter.“

Hofstetter (schaut demonstrativ auf die Uhr): „Dann ist jetzt ja glaub alles…äh…nein, doch nicht. Wie geht es nun weiter? Ich meine: für uns? Und diese Frau? Und für Hofstetter?“

Hofstetter (kann seine rotgeäderten Augen kaum noch offenhalten): „Macht bitte vorwärts, Leute. Ich kippe gleich vom Stuhl. Was immer ihr beschliesst: Ich bin mit allem gebotenen Enthusiasmus dafür.“

Hofstetter: „Was uns betrifft, ist es sehr einfach: Wir treffen uns morgen um Sechs Null-Null zum nächsten Meeting, um die Pendenz „Kafiautomat“ ein für allemal zu nageln. Ich habe im „Haxenstüberl“ einen Tisch reserviert. Der Frau schreibe ich gleich, dass wir hocherfreut wären, wenn sie den Job übernehmen würde. Über ihre Gage und alles reden wir noch. Hofstetter…nun…Hofstetter…“

Hofstetter: „…irgendjemand muss es ihm sagen. Das sind wir ihm einfach schuldig nach all den Jahren…“

Hofstetter: „…in denen er bei keiner unserer Geschäftsreisen dabei war? In denen er keine einzige Budenweihnachtsfeier bezahlte? In denen er uns nicht eine Lohnerhöhung gönnte? In denen er am Sonntag lieber mit seinen Lions-Kumpanen golfen ging, als uns und unsere Liebsten zum Gottesdienst zu begleiten? Meinst du diesen Hofstetter, wenn du von einem Hofstetter sprichst, dem wir Lobpreisungen und Danksagungen und eine formvollendete Benachrichtigung über seine Absetzung schwach sein sollen?“

Hofstetter: „Fairerweise müsstest du vielleicht anfügen, dass das mit den Geschäftsreisen so nicht ganz stimmt; nebst einigem anderen. Einmal liessen wir ihn am Flughafen stehen, und diesmal vergassen wir, ihn einzuladen.“

Hofstetter: „Ach was! Als ich mich neulich am Telefon mit ihm darüber unterhielt, konnte ich ihn kaum verstehen, weil hinter ihm Wellen rauschten und über ihm Möwen krächzten und neben ihm Frauen kicherten. So tragisch kanns für ihn also kaum gewesen sein, dass wir ihn nicht auf die Kanaren mitnahmen.“

Hofstetter: „Das heisst für uns…“

Hofstetter: „Putschs sind Chefsache. Die neue Verwaltungsratspräsidentin soll dem designierten Ex-Verwaltungsratspräsidenten beibringen, dass wir ihn im besten gegenseitigen Einvernehmen fristlos entlassen. Wenn sie das einigermassen hinbekommt, wissen wir: Sie ist unsere Frau.“

Hofstetter: „Und wenn nicht?“

Hofstetter: „Dann wisst ihr: Ich bin euer Mann.“

Hofstetter: „Der bist du ja längst.“

Hofstetter: „Aber nicht ganz oben.“

Hofstetter und Hofstetter (schweigen betreten).

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter (bezahlen und verlassen die Bar).

Hofstetter (singt auf dem Weg zum Hotel leise vor sich hin): “Die ihr der Wand’rer Schritte lenket – stärkt mit Geduld sie in Gefahr…”

Hofstetter: “Was murmelst du da?”

Hofstetter: “Nichts. Gar nichts.”

Was bisher geschah

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

Nachtwache

Als ich erwachte, erholte Maspalomas sich noch von den Tritten, die ihm Abertausende von Touristen auch in den letzten 20 Stunden verpasst hatten.

Nach dem Duschen schlurfte ich in die Küche. Dort goss ich blubberndheisses Wasser über das Kafipulver im Tassli und genoss den bittersüssen Geruch, der daraufhin durch das Zimmer waberte. Pflotschnass, wie ich war, machte ich es mir auf einem der Balkonliegesessel gemütlich.

Die Stadt schlief tief. Wenn ein Windhauch durch die Palmenkronen strich, schien sie, wie in einem schönen Traum, wohlig einzuschnaufen. Hin und wieder surrte ein Taxi über den Asphalt. Zwei Verliebte bummelten schweigend Hand in Hand Richtung Strand.

In dem Moment, in dem sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, zerriss ein Schrei die Stille. Irgendwo zwischen den Bungalows auf der anderen Seite der Strasse brüllte ein Mann einen Namen, immer und immer wieder. Entweder, dachte ich, ist ihm der Hund entlaufen. Oder dann wurde er von seiner Frau ausgeperrt.

Ich nippte an meinem Kaffee, zog an der Zigi und starrte weiter auf die Siedlung. Der Mann sirachte wie ein Wahnsinniger. Ich konnte ihn zunächst nicht sehen, aber wo er durchging, war unschwer zu erkennen: Jedesmal, wenn er ein Gebäude passierte, aktivierte er dessen Aussenbeleuchtung.

Er kam auf einem planlosen Zickzackkurs näher. Im Schein der Strassenlaternen wankte er vor ein Haus an der Kreuzung. Er krakeelte noch eine Weile weiter – und verstummte unvermittelt.

Der Bewohner des Hauses wollte wissen, was vor einem Anwesen los ist. Er trat durch das Tor. Der Störefried bemerkte ihn nicht. Er lief auf die Avenida des Estados Unidas und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ein grosskalibriges Auto.

Ich war sicher, gleich eine Klinge aufblitzen zu sehen oder Schüsse zu hören. Aber in der halben Minute, in der der Mann auf den Fahrer einredete, passierte nichts dergleichen. Der Wagen fuhr davon, der Mann ging weiter. Kopfschüttelnd verzog sich der Typ aus dem Bungalow zurück auf sein Grundstück.

Kaum hatte der Mann sich in Bewegung gesetzt, begann er erneut zu toben. Nach ungefähr hundert Metern bog er nach links ab und verschwand aus meinem Blickfeld. Dann fuhr ein Polizeiauto in das Strässchen, in das er gegangen war. Minuten später legte sich Ruhe wie ein kühlendes Tuch auf das Quartier.

Über Maspalomas funkelten zahllose Sterne. Das kleine Drama, das sich Ewigkeiten unter ihnen gerade abgespielt hatte, war ihnen – wie alles, was uns manchmal sogar sehr viel länger als nur ein paar Minuten in Atem hält – vollkommen schnuppe.

Grosses Retzl

Jedesmal, wenn ich an diesem Laden auf der Strandpromenade von Maspalomas vorbeikomme, frage ich mich: Was zum Teufel steht auf diesem Schild?

Klar ist: Wer drei Artikel kauft, braucht nur zwei zu betalen bezahlen.

Aber „Halen“?

Ich las das Wort vor- und rückwärts, zerlegte es in seine Einzelteile, setzte die Buchstaben neu zusammen…aber das brachte alles nichts.

Schliesslich googelte ich es: Halen ist eine Stadt in Belgien und ein Teil von Emsek in Niedersachsen und von Lotte in Steinfurt und ein See in Schweden, ein versunkener Ort in der Nähe von Duisburg, eine Reihenhaus-Siedlung in Herrenschwanden und eine Haltestelle des Regionalverkehrs Bern-Solothurn.

Weiter gibt es die Rockband Van Halen und, mit chli orthografischem Goodwill, das Halenstadion, doch ein Halen, das mit Damenkleidern zu tun haben könnte, lässt sich im gesamten Internet nicht finden.

Aber, wer weiss: Vielleicht ist das ein Marketingtrick der ganz raffinierten Sorte. Möglicherweise hat der Ladenbesitzer das Wort völlig zusammenhanglos auf die Tafel notiert in der Hoffnung darauf, dass regelmässig Passantinnen seine Boutique betreten und fragen, was es mit diesem „Halen“ auf sich habe.

Dann sagt der Mann, „ach, nichts Besonders. Aber schauen Sie mal diese supergünstigen BHs und diese feingerippten Négligées…“ – und schon gibt es für die Besucherinnen kein Halen Halten mehr.

Denkbar ist zweitens, dass der Chef händeringend darauf wartet, dass sich einmal ein Deutscher nach Gran Canaria verirrt, damit er ihn fragen kann, wie man – was auch immer – richtig schreibt.

Eine Art Betriebsausflug (2)

Kaum waren Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter auf Gran Canaria gelandet, stellten der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer einer Burgdorfer Schreibwerkstatt fest, dass sie ihren Verwaltungsratspräsidenten Hofstetter zuhause vergessen hatten.

Um sicherzustellen, dass so etwas in Zukunft weniger häufig passiert, treffen sie sich heute zu einer Sondersitzung. Mit einem Memo, das er weit nach Mitternacht verschickte, zitierte Hofstetter die anderen beiden auf 3.30 Uhr zum Pool beim Hotel. Um diese Zeit, schrieb er, würde “noch nicht ständig der Fax rattern”. Man sei also völlig ungestört.

Nun baumeln sechs flipflopmalträtierte Füsse im Wasser. Nicht alle Mitglieder des Trios machen den gleich busperen Eindruck.

Hofstetter: “So, meine Herren: Ich danke euch fürs Erscheinen. Einziges Traktandum unseres Meeting ist die Causa ‘Hofstetter’. Ich wäre froh, wenn wir uns ausschlieslich darauf konzentrieren würden und möglichst wenig Nebenschauplätze…”

Hofstetter: “Mir ist sterbenselend.”

Hofstetter: “Schlecht geschlafen?”

Hofstetter: “‘Schlecht’ wäre schön gewesen. Ich habe kein Auge zugetan.”

Hofstetter: “Ich schon.”

Hofstetter: “Ich auch. Also: Reden wir über…”

Hofstetter: “Gegen 23 Uhr kehrten wir vom Allyoucaneatasiaten ins Hotel zurück. Dann ging ich duschen. Anschliessend las ich noch ein paar Seiten.”

Hofstetter: “Was liest du gerade?”

Hofstetter: “Das brauchst du nicht zu wissen. Kennst du sowieso nicht.”

Hofstetter: “Sag schon.”

Hofstetter: “Nein, ich sags nicht. Und wenn ich nein sage, meine ich nein.”

Hofstetter: “Wenn dus mir verrätst, lade ich dich zu einem Cordon bleu im ‘Stadthaus’ ein, mit ohne Gemüse.”

Hofstetter (flüstert): “Fifty shades of grey”.

Hofstetter: “Hä?”

Hofstetter: “Fifty shades of grey!“

Hofstetter: “Na und? Meine Grossmutter sagte, das sei gar nicht so schlecht. Im Darknet habe sie darüber nur lausige Kritiken gelesen. Aber dann habe sie gemerkt, dass das wie ein Pilcher-Roman sei, nur mit mehr Werkzeug.””

Hofstetter: “Jedenfalls: Kaum hatte ich den Schalter zum Lichterlöschen gefunden, riefst du an und sagtest, seit soeben liege eine Mail in meinem Postfach.”

Hofstetter: “Stimmt. Genauso habe ich das gemacht. Um Punkt Einsfünzehn, wenn ich mich richtig erinnere.”

Hofstetter: “Du sagtest, in der Mail stehe, dass wir uns um 3.30 bei diesem Pool hier versammeln, um über Hofstetter zu sprechen.”

Hofstetter: “Richtig.”

Hofstetter: “Um ehrlich zu sein – und nimm das jetzt bitte nicht persönlich! -, habe ich mich in diesem Moment zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob du eigentlich noch alle Tassen im Schrank hast, und wenn ja, ob sie noch ganz sind.”

Hofstetter: “Bitte?!?”

Hofstetter: “Ich meine: Kein Mensch – kein einziger Mensch auf dieser Welt! – ruft mitten in der Nacht einen anderen Menschen an, um ihm zu sagen, er habe ihm gerade etwas gemailt…und ihm gleich noch zu erklären, was er gemailt hat.”

Hofstetter: “Ich habe ja nicht nur dich angerufen, sondern auch Hofstetter.”

Hofstetter (langsam, aber sicher verzweifelnd): “Das spielt doch keine Rolle.”

Hofstetter: “Und ob das eine Rolle spielt: Gerade hast du gesagt, dass niemand mitten in der Nacht einen anderen Menschen anrufe undsoweiterundsofort. Das war, wie du selber weisst, Chabis. Mit Hofstetter warens zwei Menschen. Also hundert Prozent mehr als von dir behauptet.”

Hofstetter (dem Weinen nahe): “Ich mag jetzt nicht über so Zeug diskutieren. Du hast Recht mit deinen Prozenten und allem, und ich danke dir auch aus tiefstem Herzen für deine Infos zu später Stunde…”

Hofstetter: “…keine Ursache…”

Hofstetter: “…aber mir ist wirklich ganz grauenhaft übel. Ich…”

Hofstetter: “…denk jetzt einfach nicht an den Schoggi-Dürüm, den wir am ersten Tag hier bestellt hatten. Denk! Um! Himmelswillen! Nicht! An! Diesen! Schoggi-Dürüm!!!”

Hofstetter (hält sich die Hand vor den Mund, stösst sich mit der anderen Hand aus dem Wasser und rennt quer durch den Hotelgarten zum Ausgang. Noch bevor die Türe hinter ihm ins Schloss gefallen ist, sind aus dem Dunkel Würgelaute zu hören, die nichts Menschliches an sich haben).

Hofstetter: “Wetten, er hat eine Palme…”

Hofstetter: “…auf dieser Seite hats keine Palmen. Das ist ein kleiner Parkplatz. Die Randständigen von Maspalomas legen sich jeweils hier schlafen.”

Hofstetter: “Gut. Dann reden halt nur wir beide über diese Verwaltungsratspräsidentensache.”

Hofstetter: “Zuerst will ich noch wissen, was das mit dem Fax bedeuten sollte.”

Hofstetter: “Das mit dem Fax?”

Hofstetter: “In deinem Memo stand, dass wir uns so früh treffen, weil dann noch kein Faxgerät rattert.”

Hofstetter: “Ach so, das. Ja, das habe ich geschrieben.”

Hofstetter: “Wieso?”

Hofstetter: “Hörst du einen Fax? Oder sonst etwas, was uns stören könnte?”

Hofstetter (lauscht angestrengt): “Nein. Keinen Mucks. Nur diese…diese…Geräusche von hinter der Mauer.”

Hofstetter: “Eben.”

Hofstetter (sich kaum hörbar selber fragend): “Ist das noch Wahnsinn – oder ist es schon Genie?”

Hofstetter: “Wie meinen?”

Hofstetter: “Nichts, nichts.”

Hofstetter: “Nun denn. Bevor ich anfange, darf ich euch, beziehungsweise jetzt halt nur dir, beste Grüsse von unserem geschätzten Verwaltungsratsvorsitzenden Hofstetter ausrichten.”

Hofstetter (leicht erstaunt): “Du hast mit ihm geredet?”

Hofstetter: “Natürlich. Gestern Abend, nachdem wir wieder im Hotel waren.”

Hofstetter: “Ich bin jetzt gerade ein bisschen…was hat er denn gesagt? Habe ihr DAS Thema überhaupt ansprechen können, ohne einen Bruderkrieg anzuzetteln?”

Hofstetter: “Wir haben uns nur darüber unterhalten. Er sagte, dass das alles kein Problem sei. Und dass er auch dann nicht mitgekommen wäre, wenn wir ihn mit einem Chärtli zu dieser Reise eingeladen hätten, sagte er. Ihn brauche es bei diesen Strategiemeetings ja gar nicht. Da nutze er die Zeit lieber für Sinnvolles, sagte er.”

Hofstetter: “Wörtlich? Auch das mit dem Sinnvollen?”

Hofstetter: “Wortwörtlich. Weiter sagte er noch, es könne uns und dem gesamten Konzern sicher nicht schaden, wenn wir einmal für ein Weilchen ohne ihn z Schlag kommen müssten. Wir hätten den Laden ja auch zu Dritt total im Griff.”

Hofstetter: “Er war nicht hässig oder so?”

Hofstetter: “Kein bisschen. Eigentlich klang er so munter wie seit Jahren nicht mehr.”

Hofstetter: “Und er sagte auch nicht, nächstes Mal wolle er mit von der Partie sein?”

Hofstetter: “Nein, will er nicht. Weder nächstes noch ein anderes Mal.”

Hofstetter: “Das heisst…Moment…das heisst, wir hätten uns über ihn gar keine Gedanken zu machen brauchen?”

Hofstetter: “Du hast es erfasst.”

Hofstetter: “Das heisst aber auch, dass wir uns diese Sitzung von Anfang an hätten schenken können?!?”

Hofstetter: “So betrachtet, hast du zumindest nicht völlig unrecht.”

Hofstetter: “Nicht ‘so betrachtet’. Ich habe in jeder Hinsicht recht.”

Hofstetter: “Wenns dir hilft: In jeder Hinsicht, tatsächlich.”

Hofstetter: “Wenn Hofstetter das erfährt, dreht er durch.”

Hofstetter: “Kann sein, ja. Heute scheint nicht sein bester Tag aller Zeiten zu sein.”

Hofstetter: “Was wollen wir machen?”

Hofstetter: “Überlass das nur mir. Du wirst sehen: In zwei Minuten will er mich küssen.”

Hofstetter: “Ganz bestimmt wird er das wollen.”

Hofstetter (wankt vom Tor her leichenblass in Richtung Pool und krächzt): “Hallo?!! Seid ihr noch da?”

Hofstetter: “Klar sind wir noch da. Wir haben extra auf dich gewartet.”

Hofstetter: “Ich weiss gar nicht, ob ich das gutfinden soll. Eigentlich würde ich lieber direkt ins Bett…”

Hofstetter: “…dorthin kannst du auch gleich. Wir haben die Angelegenheit bereits a Fong durchbesprochen. Hofstetter wird Hofstetter nach dem Sonnenaufgang anrufen und ihm sagen, wie leid uns das alles tut, und dass wir, ihn engster Absprache mit ihm, am liebsten gleich die Daten für unseren nächsten Betriebsausflug fixieren möchten. Dann gibt uns Hofstetter zwei, drei Tage durch, an denen es ihm passen würde. Aber wenn es soweit ist, hat er die Reise schon wieder vergessen.”

Hofstetter: “Das klingt jetzt fast zu einfach, um wahr zu sein…bist du sicher, dass das funktioniert? Wieso sollte er unsere Reise vergessen?”

Hofstetter: “Lueg, unser VRP hat dermassen viel um die Ohren, dass ihm immer mal wieder etwas unters Eis gerät. Darunter sind bestimmt auch einige Termine, die wichtiger sind als unsere Ausflüge; ämu für ihn.”

Hofstetter: “Ich…”

Hofstetter: “Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich weiss so sicher, dass er nicht mitkommen wird, als ob er mirs selber gesagt hätte.”

Hofstetter (beugt sich zu Hofstetter hinüber, legt ihm einen Arm um die Schultern, zieht ihn an sich und sagt: “Sorry, Alter. Aber dafür muss ich dich einfach küssen!”

Hofstetter: “Geh dir erst die Zähne putzen. Und leg dich dann für ein paar Stunden hin.”

Hofstetter: “Darf ich wirklich…?”

Hofstetter: “Aber sicher. Ich bestätige es dir gleich noch per Mail und rufe dich anschliessend kurz an, ok?”

Schönere Aussichten

2018 gibt es immer noch Leute, die ihre Rechnungen mit dem gelben Büechli am Postschalter begleichen statt onlinebankend. Und Zeitgenossen, die ihre Ferien nicht im Internet buchen, sondern in einem Reisebüro. Zu Letzteren gehöre auch ich.

Martin Hintermann, mein bester Freund ever, betreibt in Beinwil am See das Büro Hintermann Reisen. Er weiss längst, was ich hotelmässig mag und, vor allem, was eher weniger. Ich brauche weder güld’ne Wasserhähne im Bad noch echte Renoirs über dem Bett noch jeden Tag frisch gebüscheltes Obst vor einem original echten Luigicolanisofa, lege dafür aber einen gewissen Wert auf Ruhe; vor allem nachts. Abgesehen davon weiss ich eine nette Aussicht zu schätzen.

Nachdem ich ihm mein Anliegen – sinngemäss: „Zwei Wochen Ferien auf Gran Canaria; alles Weitere wie gehabt“- unterbreitet hatte, buchte Martin für mich ein Hotel in Maspalomas.

Der Quartiermeister der Unterkunft interpretierte meinen Wunsch so:

Nun bin ich nicht der Typ, der routinemässig die Justiz bis und mit Bundesgericht einschaltet oder – als noch groberes Geschütz – den „Kassensturz“ in Stellung bringt, wenn einmal etwas nicht ist, comme il seiner Ansicht nach faut.

In diesem Fall aber dachte ich, es könnte nicht schaden, Martin in der fernen Schweiz mit einem Kurzfilm über meine immissionsträchtige Lage ins Bild zu setzen.

Minuten später schrieb er zurück: „Sh…goht gar ned“ und fragte, ob ich das Zimmer wechseln wolle.

Noch am selben Tag teilte mir der Mann an der Rezession mit, ich dürfe umziehen. Seit heute residiere ich im 12. Stock des Hotels, ganz zuoberst, und habe hier total den Frieden.

Ob das online auch geklappt hätte?

Ziemlich sicher schon, aber ganz bestimmt nicht auf eine so unkomplizierte Art und Weise.

Bevor die Hotelverantwortlichen auch nur erfahren hätten, dass einen ihrer Gäste ein leises Unbehagen plagt, wären zwischen mir und irgendwelchen Onlinehotlinesklaven zig Mails hin- und hergegangen, in denen steht „…nehmen wir zu Kenntnis…“, „…weisen wir darauf hin…“, „ausserhalb unserer Zuständigkeit….“, „bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen…“, „…empfehlen wir Ihnen…“ undsoweiterundsofort.

In diesem Sinne: Es lebe Martin mit seinem Reisebüro und jeder andere Gewerbler, für den ein Kunde immer noch sehr viel mehr bedeutet als nur eine Zahl auf einer Kreditkarte.

Eine Art Betriebsausflug (I)

Alle Jahre wieder kommen nicht nur das Christkind und der Osterhase. Fast genauso regelmässig fliegen Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter – der Gründer, der Betreiber und der Geschäftsführer eines Schreibstüblis in Burgdorf – nach Gran Canaria. Gewisse geschäftliche Dinge lassen sich ihrer Ansicht einfach besser weit ausserhalb des Büros besprechen.

Nachdem die Herren am Morgen in Las Palmas gelandet sind, höcklen sie jetzt bei über 30 Grad unter dem wolkenlosen Himmel in einem Beizli an der Strandpromenade von Maspalomas, um einfach mal wieder die Seelen baumeln zu lassen halbnackten Frauen hinterherzustarren die Konzernstrategie für die nächsten 12 Monate zu skizzieren.

Hofstetter: „Hach…“

Hofstetter: „Hör doch auf!“

Hofstetter: „Ich habe ja noch gar nicht richtig…“

Hofstetter: „…das ist auch nicht nötig. Wir wissen alle, was jetzt kommt: Ein endloses Blabla darüber, was wir doch für eine tolle Truppe seien und wie schön du es findest, dass wir uns immer mal wieder hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, versammeln, undsoweiter, undsofort.“

Hofstetter: „Eigentlich wollte ich nur sagen, dass wir eine tolle Truppe sind und dass ich es schön finde, mit euch immer mal wieder hier, auf diesem paradiesischen Fleckchen Erde, ein paar Tage verbringen zu dürfen, und sonst vielleicht noch Dieses oder Jenes.“

Hofstetter: „A propos ‚alle’…“

Hofstetter: “Hat jemand ‘alle’ gesagt?”

Hofstetter: „Ja. Du. Gerade vorhin, als du sagtest: ‚Wir wissen alle, was jetzt kommt.’ Da sagtest du ‚alle’“.

Hofstetter: „Gut, haben wir darüber geredet. Also: Was hast du zu Aproposen?“

Hofstetter: „Als du ‚alle’ sagtest, fragte ich mich plötzlich, wo eigentlich unser VRP ist.“

Hofstetter: „VRP?“

Hofstetter: „Das ist die deutsche Abkürzung für Unique Selling Point. Auf Englisch heisst das USP. Wird gerne verwechselt mit USB und UBS, aber nicht von mir.“

Hofstetter: „Ach so. Ok. Wo ist er denn, unser ‚Unique Selling Point?“

Hofstetter: „Mir hängts gleich aus. ‚VRP’ heisst Verwaltungsratspräsident. Unser Verwaltungsratspräsident fehlt. Hofstetter ist nicht da. Weiss jemand, wo Hofstetter ist?“

Hofstetter: „Nein.“

Hofstetter: „Keine Ahnung.“

Hofstetter: „Hat wirklich keiner von euch daran gedacht…“

Hofstetter: „Nä-ä.“

Hofstetter: „Was heisst hier ‚von euch’?!? Du hättest ihm genausogut einmal sagen können, dass wir wieder hier runterfliegen. Du siehst ihn schliesslich jeden Morgen und Abend im Badezimmer. Dann wäre er jetzt auch bei uns und…“

Hofstetter: „…ich führe keine Diskussionen im Konjunktiv.“

Hofstetter: „Sag mal, ganz ehrlich: Findest du das wirklich gut?“

Hofstetter: „Dass wir Hofstetter schon wieder daheim vergessen haben?“

Hofstetter: „Nein. Diesen Schoggi-Dürum.“

Hofstetter: „Hättest du lieber einen mit Früchten? Oder einen für Laktose-Inkontinente?“

Hofstetter: „Jessesgott!“

Hofstetter: „Wusst ichs doch.“

Hofstetter: „Ich bringe das Zeug beim besten Willen nicht runter.“

Hofstetter: „Dann lässt dus halt liegen. Man könnte schon meinen…“

Hofstetter: „Ich habe aber Hunger, tami!“

Hofstetter: “Wie alt bist du eigentlich?“

Hofstetter: „Gleich alt wie du.“

Hofstetter: „Du meinst: Gleich jung.“

Hofstetter: „Im Moment habe ich weniger ein Problem mit meinem Alter, als vielmehr mit diesem…diesem….“

Hofstetter: „Ich muss bei allem Respekt vor der osmanischen Kultur sagen: Ich bin ebenfalls ein bisschen irritiert. Erst verkündest du grossartig, dass du uns heute einmal regionale Spezialitäten vorführen willst…und dann schleppst du uns in eine Beiz, in der es Schoggi-Dürüms gibt.“

Hofstetter: „Eben.“

Hofstetter und Hofstetter (im Duett): „Was, eben?“

Hofstetter: „Schoggi-Dürüms sind eine hiesige Spezialität.“

Hofstetter: „Sagt wer?“

Hofstetter (zeigt auf einen sehr autoritär wirkenden Mann in einem “Staff” T-Shirt, der an der Kasse gerade die Tageseinnahmen zusammenzählt): „Der Typ da hat es mir vorhin verraten.“

Hofstetter: „Der Typ da ist offensichtlich der Betreiber dieses Lokals.“

Hofstetter: „Siehst du.“

Hofstetter: „…???“

Hofstetter: „Wer, wenn nicht ein eingeborener Wirt, könnte sagen, was eine regionale Spezialität ist und was nicht?“

Hofstetter: „Vielleicht hats ja auch Dürüms mit Fleisch.“

Hofstetter: „Fleisch ist sowas von out.“

Hofstetter: „Und das weisst du von…“

Hofstetter: „…den metoo-Leuten.“

Hofstetter: „Das ist doch etwas völlig anderes. Denen gehts um…“

Hofstetter: “…Gehyster ist Gehyster. Meinst du wirklich, ich frage hier in aller Öffentlichkeit, ob der werte Herr Kollege vielleicht etwas mit Fleisch haben könne, nur um dann von einem Flashmob tagelang kreuz quer über die Insel getrieben zu werden?“

Hofstetter: „Es heisst ‚Lynchmob’. Ein Flashmob ist, wenn man….“

Hofstetter: „…miteinander ein Flash hat. Das weiss ich dänk schon. Ich wollte dich nur testen.“

Hofstetter: „Was würdet ihr davon halten, wenn wir einfach in ein anderes Restaurant zügeln würden?“

Hofstetter: „Gute Idee.“

Hofstetter: „Matador! La fattura please; subito.“

Hofstetter (zu Hofstetter): „Falls jemand fragt: Ich kenne den nicht.“

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter bezahlen je mit einer der 100 Euro-Noten, die sie nach der Landung aus dem Bankomaten am Flughafen gezogen hatten. Dann schlendern sie durch die Beizengasse. Schon nach wenigen Schritten bleiben sie stehen.

Hofstetter: „Schaut mal!“

Hofstetter und Hofstetter: „Schon besser.“

Hofstetter: “Was gibts hier?”

Hofstetter: “Moment. Ich gehe mal schauen.” (Geht mal schauen. Dann rapportiert er: “Asiatisch und Chinesisch.”)

Hofstetter: „Aber: Warum ist da niemand?“

Hofstetter: „Stimmt. Warum isst da niemand?“

Hofstetter: “Solche Wortspielchen kannst du dir schenken.”

Hofstetter: “Wieso? Ist doch witzig, dieses ‘ist’ und ‘isst…”

Hofstetter: “Das funktioniert nur schriftlich. Und auf Hochdeutsch. Müsstest du eigentlich wissen.”

Hofstetter (kaum hörbar, mehr zu sich selber als zu den anderen): “Und so jemand arbeitet in unserem Büro.”

Auf Zeitreise

Als ich Martin Schuppli zum ersten Mal traf, war er mir auf Anhieb sympathisch. Der frühere “Blick”- und “Schweizer Illustrierte”-Redaktor betreibt seit einiger Zeit das sehr lesenswerte Onlineportal “deinadieu.ch“.

Vor ein paar Wochen fragte er mich, ob er sich mit mir über meine Geschichte als Ex-Alkoholiker unterhalten könne. Ich sagte spontan zu. Wenig später trafen wir uns in Burgdorf. Was bei dieser Begegnung herausgekommen ist, kann hier nachgelesen werden.

Für mich hätte sich das Gespräch auch dann gelohnt, wenn Martin es anschliessend nicht journalistisch verwertet hätte: Es war für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit – und in die (hoffentlich noch in sehr weiter Ferne liegende) Zukunft.

Nachtrag, gegen Abend: Dass dieses Interview einen gewissen “Impact” haben würde, war mir klar.

Dass das Echo darauf so viel- und doch einstimmig ausfallen würde, konnte ich aber nicht ahnen.

Kaum war der Beitrag auf Facebook verlinkt, wurde er kommentiert. Von Menschen, die ich kenne. Und von Leuten, die ich vielleicht noch kennenlerne.

Auch auf deinadieu.ch selber gabs Zuspruch:

Dazu kamen (und kommen) Whatsapp-Nachrichten, Anrufe, Mails…es nimmt fast kein Ende.

Sosehr mich all diese Reaktionen freuen, sosehr überrascht mich, dass das Thema “Alkohol” offenbar immer noch mit einer Art “Tabu” belegt ist.

Alleine in der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit 250 000 bis 300 000 Menschen alkoholabhängig. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es in jeder Familie mindestens einen Menschen gibt, der zuviel trinkt. So betrachtet, unterscheidet sich diese Krankheit in nichts von einem Beinbruch, einem Rückenleiden oder einem Herzinfarkt.

Und doch: Während die Leute in der Regel mit grösster Selbstverständlichkeit über ihre Beinbrüche, Rückenleiden oder Herzinfarkte reden, fassen sie das Thema “Alkohol” – wenn überhaupt – nur mit spitzen Fingern an. Das betrifft irgendwie immer nur die anderen.

Wenn die Gesellschaft lernen würde, genauso entspannt über Alkmissbrauch zu sprechen wie über zig andere Krankheiten auch, wäre, denke ich, allen geholfen.