Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

 

Los gehts mit “…but seriously” von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach “P”. Wenig später kam er mit “..but seriously” zurück. “Los eifach mou ine”, sagte er. “Chasch si ha.”

Zuhause liess ich mich daraufhin mit “I wish it would rain down” in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo “I wish it would rain down” erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

***

Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am “Out in the Green” in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

“Mighty Quin”, “Davy’s on the road again”, “Blinded by the light”: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

***

1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

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Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?”). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der “Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‘Talking Heads'”, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und “Wild Hearts”-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

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In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

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Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

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An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. “Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

***

Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war “Hold the line”.

Kaum zu glauben, aber wahr

Es ist schon wahnsinnig: Über 30 Jahre, nachdem sie mit Abba zum letzten Mal auf einer Bühne stand, und 40 Jahre nach “Waterloo” trat Agnetha Fältskog an einer von der BBC ausgerichteten Gala für Kinder in Not wieder einmal live auf. Mit Gary Barlow, dem Ex-Sänger von Take That, sang sie das von ihm für sie komponierte “I should have followed you home”…und sorgte nicht nur beim Publikum in der Halle, sondern ganz bestimmt auch bei Millionen von TV-Zuschauern und Fans, die den rührenden Auftritt im Internet mitverfolgten, für Hühnerhaut.

Die Stimme, die Augen, die Bewegungen und, vor allem: diese Ausstrahlung – “die Blonde von Abba” hat sich in all den Jahren kein bisschen verändert, sieht man einmal von ein paar Fältchen im Gesicht ab. Aber die stören nicht, ganz im Gegenteil. Sie machen die 63-jährige Frau – falls das überhaupt möglich ist – nur noch sympathischer.

“Cant’t believe it’s really you”, singt Barlow zum Einstieg. Es ist tatsächlich kaum zu glauben, dass sie es ist. Aber glücklicherweise wahr.

(Und ja, ich weiss: Das alles ist jetzt auch schon wieder ein Jahr her. Nur: Ich freue mich darüber halt immer noch wie ein kleines Kind.)

Abba wenigstens stimmen die Klickzahlen

abbablog

Mamma mia: Am 6. April 2014 werden es auf den Tag genau 40 Jahre her sein, dass Abba mit “Waterloo” den Concours Eurovision de la Chanson Eurovision Song Contest gewonnen haben.

Nun hat Agneta Fältskog, die eine der beiden Sängerinnen des schwedischen Pop-Quartetts, der “Welt am Sonntag”  gesagt, es gäbe “wohl Pläne”, anlässlich dieses Jubiläums “etwas zu machen”. Was genau unter “etwas” zu verstehen sein könnte, verriet die 63-Jährige nicht – vermutlich aus gutem Grund.

Denn “etwas machen” kann viel heissen – oder wenig. Und das “wohl” vor den “Plänen” deutet eher nicht darauf hin, dass die vier Schweden, die ihren letzten öffentlichen Auftritt am 11. Dezember 1982 in der britischen “Late late breakfast show” absolviert hatten, jeden Tag zusammensitzen, um sich zu überlegen, ob sie ihre bereits fixfertig choreografierte Welttournee im Olympiastadion von Sydney oder in der Londoner O2-Arena lancieren sollen.

“Etwas”: Das könnte ein Buch sein, oder eine weitere Greatest Hits-Sammlung, oder die Veröffentlichung von bis heute (und wohl nicht ganz zu Unrecht) unter Verschluss gehaltenen Mitschnitten von Studioaufnahmen und Soundchecks.

Sehr viel war schon, was Abba zur 30 Jahr-Feier ihres Triumphes gemacht haben: 2004 liessen sie von Regisseur Carl Astrand den selbstironischen Kurzfilm “Our last Video ever” drehen.

Doch was ein pflichtbewusster Online-Journalist ist, hyperventiliert nur schon beim Lesen der Wörtchen “etwas machen” vollautomatisch etwas gaaaanz anderes herbei:

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Dass ausgerechnet Agneta Fältskog immer diejenige war, die sich am heftigsten gegen allfällige Reuninon-Pläne ausgesprochen hatte (zuletzt dementierte sie entsprechende Gerüchte im Mai 2013)

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oder dass Björn Ulväeus und Benny Andersson, die musikalischen Köpfe von Abba, schon mehrfach kategorisch ausschlossen, dass sich das Popwunder wiederholen könnte,

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ist den Kolleginnen und Kollegen von der schnellen Storybasteltruppe egal. Die Hauptsache ist, dass die Klickzahlen stimmen.

Musikalische Schändung

Der 25. Oktober 2013 kann aus musikalischer Sicht aus sämtlichen Kalendern gestrichen werden: An jenem Tag erschien mit “André Rieu celebrates Abba” die überflüssigste, peinlichste, miserabelste, katastrophalste, schauderhafteste, jämmerlichste, elendeste, unverschämteste, unwürdigste, charakterfreieste, würdeloseste, stumpfsinnigste, idiotischste und überhaupt schlimmste CD aller Zeiten.

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Der “Maestro aus Maastricht” präsentiere damit “eine wundervolle Song-Sammlung (…). Die zeitlosen Evergreens (…) erstrahlen durch die unverkennbare Handschrift Rieus in einem neuen klassischen Licht”, jubelt der fürs Jubeln bezahlte Werbetexter der Plattenfirma, die das Machwerk verantwortet.

“Wundervoll” ist die Song-Sammlung in der Tat. Das gilt allerdings nur für die Originale, und ganz bestimmt nicht für Rieus Arrangements, die die Popdiamanten mit Hektolitern von rondoveneziösem Schmalz aus Geigen und Harfen und allem zukleistern.

Falls sie schon drin wären, würden die Mitglieder von Abba hochtourig in ihren vom neuen klassischen Licht beschienenen Gräbern rotieren.

Doch selbst das Klappern ihrer Knochen klänge um Klassen besser als das, was von ihren Liedern nach der Massenschändung durch den dauergrinsenden Holländer und seinem Orchester übriggeblieben ist.

Für jene Leserinnen und Leser, denens vor wirklich nichts gruuset:

Wunderbares Wiederhören

Was für ein Lied! Was für eine Stimme! Was für eine Frau!

Neun Jahre war Agneta Fåltskog von der Bildfläche verschwunden. Nachdem sie auf “My colouring book” einige ihrer Lieblingslieder von anderen Komponisten neu interpretiert hatte, tauchte sie ab. Sie habe von dem Rummel, der ein Vierteljahrhundert lang um sie gemacht worden war, die Nase voll und lebe mit ihrem Mann abgeschieden in einem Haus bei Stockholm, war zu lesen, aber für Millionen von Fans kaum zu glauben.

Jetzt meldet sie sich mit der Pop-Ballade “When you really loved someone” zurück, als ob sie nur eine Woche Ferien gemacht hätte.

Und das Beste von allem: Am 10. Mai veröffentlicht die 62jährige(!) Schwedin ein komplettes neues Album. “A” heisst es, wie der erste Buchstabe des Alphabets, oder wie “Abba”.

Für die jüngeren Leser: Abba war die Band, mit der Agneta Fåltskog in den 70er- und frühen 80er-Jahren zum Superstar wurde, und die der Menschheit am Ende “The winner takes it all” und “The day before you came” vermachten: Zwei der traurigsten Musikvideos, die je gedreht wurden. Die Hauptrolle in den beiden Abschiedsfilmen spielte erschütternd glaubwürdig…Agneta Fåltskog.

Die grosse Depression scheint vorbei zu sein. Auf “When you really loved someone” klingt und wirkt eine der grössten Popsängerinnen ever so frisch und munter wie damals, in der Hochblütezeit von Abba.

Bin ich der einzige, der das Gefühl hat, die Welt sei auf einmal noch ein Birebitzeli schöner geworden?

Nachtrag 7. Mai: Das Magazin der “Zeit” widmet Agneta Fåltskog ein tolles Porträt.

Die Geschichte wiederholt sich

So war das damals, als Abba vom 27. Februar bis am 13. März 1977 Australien besuchten: Der ganze Kontinent stand Kopf.

Und nun, 35 Jahre später, freuen sich die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes offensichtlich genauso hibbelig auf die nächste Visite eines musikalischen Quartetts aus dem für sie sehr hohen Norden.

Es ist ein bisschen wie mit dem Hasen und dem Igel: Wo auch immer man hinkommt – eine Bäng Gäng-Kappe ist schon da. Sei es in gemütlicher Runde im Garten,

am Strand

oder sonstwo:


(Bild: Schatz)

Die Partyband aus der Schweiz scheint Down Under omnipräsent zu sein. Oder, um eine schöne Zeile aus “Waterloo” zu zitieren: “The history book on the shelf is always repeating itself.”

“Du willst jetzt nicht ernsthaft Abba, die weltweit über 300 Millionen Platten verkauft haben, mit einer Hobbytruppe vergleichen, die…äh…”, wirft eine Stimme im Hinterkopf ein.

“Und ob ich das will!”, schleudere ich ihr entgegen, und zähle aus dem Stand nur die drei wichtigsten Argumente dafür auf, dass Anja Stöckli (Gesang), Gavan Hancock (Gitarre), Stefan Haller (Bass) und Urs Hofstetter (Schlagzeug) Down Under demnächst bald in absehbarer Zukunft irgendwann ein ähnlicher Triumphzug bevorsteht, wie ihn Agneta Fältskog, Annifrid Lyngstad, Benny Andersson und Björn Ulvaeus seinerzeit absolvierten.

1) Bäng Gäng besteht, wie Abba, aus vier Personen.

2) Bäng Gäng arbeiten beim Komponieren, wie Abba, mit zwölf Tönen.

3) Bäng Gäng haben einen Sänger, der aus Australien stammt.

4 (als Zugabe): Für manche Australier sind die Schweiz und Schweden Hans was Heiri.

5 (als letzte Zugabe): Im Gegensatz zu Abba können Bäng Gäng bei der Planung der Operation “Aussie-Storm” persönliche Beziehungen spielen lassen. Der Brüetsch und die Schwägerin des Drummers sind vor Ort fast ununterbrochen damit beschäftigt, die Werbetrommel für “The Argovian Pehenomenon” zu rühren. Und noch bevor die PR-Arbeit im Grossraum Sydney ganz abgeschlossen ist, lässt sich sagen: Australien ist bereit.

So move you asses over here!

A-Erlebnis

Jahrelang thronten A-ha in meiner Musiksammlung ganz oben, dicht gefolgt von Aaron Neville und Abba.

Aber nun ist das längst aufgelöste Trio aus Schweden nach unten gerutscht: Es musste seine Position zugunsten einer Band namens A räumen.

Wie A klingen? So:

Entdeckt habe ich sie durch meinen Schreibkollegen Lukas Heinser. Er hat A in seinem Blog “Coffee and TV” eine richtige kleine Liebeserklärung gewidmet. Die hat mich so gwundrig gemacht, dass ich gleich 15 Franken fürs Herunterladen von “Hi-Fi Serious” investierte.

Jetzt habe ich nicht nur eine tolle Scheibe mehr in meiner Melodien-Datenbank. Jetzt ist auch der Spitzenplatz in meiner Playlist für immer vergeben; jedenfalls, solange für den Anfang des Alphabets kein neuer Buchstabe erfunden wird.

Der erste Satz und was dann kommt

Mit dem ersten Satz ist es immer so eine Sache: Einerseits sollte er die Leserinnen und Leser packen und fesseln und in die Geschichte ziehen.
Andrerseits gibt es für den potenziellen Leser wenig Abschreckenderes als einen Satz, dem man schon von Weitem ansieht, dass er einen packen und fesseln und in eine Geschichte ziehen soll.

In den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen. Sie beginnen – Überraschung! – alle ganz anders. Und haben mich doch alle gepackt und gefesselt.

“Dass mein Sohn der Star eines Pornofilms ist, fand ich heraus, als Karen Glenister, die zwei Häuser die Strasse runter wohnt, mit einen Umschlag durch den Briefschlitz steckte”:

So beginnt die erste von vier Kurzgeschichten des britischen Erfolgsautors Nick Hornby (“High Fidelity”), die der Verlag Kiepenheuer & Witsch im Band “Small World” zusammengefasst hat. Mit diesem Satz verspricht Hornby mehr hochklassige Unterhaltung als, sagen wir: Mario Barth mit einer zweistündigen RTL-Vorschau auf sein Abendprogramm. Und beim Versprechen belässt Hornby es nicht: Wer das Buch zur Hand nimmt, legt es erst wieder zur Seite, wenn er oder sie zu seinem oder ihrem grossen Bedauern schon auf Seite 158 und damit am Schluss angelangt ist. “Small World”: Das ist eine luftig-leichte und damit perfekte Lektüre für einen lauen Frühlingsabend im Garten oder einen Sommertag am See. Wie jedes andere Buch von Nick Hornby auch.

“Was die Todessehnsüchte im Rock’n’Roll betrifft, steht der Motörhead-Song “Ace of spades” mit seiner Textzeile “I don’t wanna live forever”-Textzeile immer noch ganz weit vorne”:

Das sind die ersten Worte von “Lemmy Talking”. Die folgenden 170 Seiten enthalten zig Zitate von Lemmy Kilmister, dem Gründer und Chef von Motörhead. Um “Sex, Drugs & Rock’n’Roll” geht es in dem Buch naturgemäss auch, aber nicht nur. Die “Heavy Metal-Legende” (als solche preist der Verlag seinen Protagonisten an) äussert sich auch über Kollegen, und zwar, wie in diesem Fall, überraschend wohlwollend: “Er hat grossartige Songs geschrieben. Wenn Mikkey sich mal das Gehirn wegsaufen sollte kurz vor einem Auftritt, und angenommen, er (der andere Musiker) sitzt zufällig in der Garderobe nebenan und ich bitte ihn sehr, seeeehr höflich um Hilfe – der spielt ein komplettes Set von Motörhead. Ohne Fehler!”, sagt der vermutlich ehrlichste Mensch der Rockgeschichte über…Phil Collins

“Abbas unglaublicher Erfolg ist die Geschichte von vier Musikern aus einem fernen Land im Norden Europas, die gemeinsam mit ihrem rastlosen und eigenwilligen Manager auszogen, die Welt zu erobern”:

Das ist dem schwedischen Autor Carl Magnus Palm zum Auftakt seiner Abba-Biographie “Licht und Schatten” eingefallen. Über 650 Seiten umfasst der Wälzer, in dem Palm “Die wahre Geschichte” einer der grossartigsten Bands ausbreitet, die je auf diesem Planeten musiziert hat. Schön ist, dass Palm sich nicht auf das flüssige Aufzählen von sauber recherchierten Fakten und das Verknüpfen von (teils natürlich längst bekannten) biographischen Details beschränkt. Er analysiert auch die Musik, die Millionen und Abermillionen von Menschen noch heute begleitet, auf eine so nachvollziehbare Art und Weise, dass auch Laien verstehen, was die Magie der Abba-Harmonien ausmachte – und nach wie vor ausmacht.

“Es ist viel passiert seit damals, als wir unsere Band gegründet und angefangen haben, die Musik zu machen, die wir bis heute lieben”,

schreiben Francis Rossi und Rick Parfitt im Vorwort zu “Die Status Quo-Autobiographie”. – “Viel passiert” ist gut: Die vor rund 50 Jahren gegründete Boogie-Rock-Truppe hat das Musikschaffen des letzten Jahrhunderts mitgeprägt wie wenige andere Formationen. Dafür genügten ihnen plusminus drei Akkorde – und ein untrügliches Gespür dafür, was die Leute in den Festzelten und Riesenarenen dieser Welt hören wollen. Rick Parfitt und Francis Rossi, die Quo-Masterminds, haben ihre gemeinsame Geschichte with a little help from the Journalist Mick Wall verfasst. Wie die beiden in (bisweilen leicht divergierenden) Erinnerungen schwelgen, mit wieviel Humor sie den Trubel um sie herum (und sich selber) betrachten und mit welchem Spass und Ehrgeiz sie ihr in die Jahre gekommenes Schlachtross immer noch von Bühne zu Bühne treiben: Das erstaunt und beeindruckt und lässt darauf hoffen, dass ihnen und ihren Mitspielern noch viele, viele Jahre vor möglichst imposanten Lautsprechertürmen rund um den Planeten vergönnt sein mögen.

“Als sich Roger Waters das erste Mal herabliess, das Wort an mich zu richten, studierten wir am College schon fast ein halbes Jahr Architektur zusammen”:

So leitet Rick Mason, der frühere Schlagzeuger von Pink Floyd, sein Buch “Inside Out” ein. Wobei: Dieses Werk “Buch” zu nennen, ist, wie zu sagen, Wolfgang Amadeus Mozart habe sich als Klavierspieler verdingt. “Inside out” ist die Bibel für die Freunde der rockmusikalischen Hochkultur. Eine auf Hochglanzpapier gebannte Orgie von Klängen, Texten, Bildern, Ideen und Träumen. Ein Rausch zum Lesen. Und eine psychologische Studie über das Neben-, Mit- und Gegeneinander von Menschen, deren Egos irgendwann so gigantisch gross ware, dass sie sich unter ihrem Gewicht kaum mehr fortbewegen oder weiterentwickeln konnten. Selbstverständlich schildert Mason die Pink Floyd-Saga von ihren alles anderen als bescheidenen Anfängen bis zu ihrem bitteren Ende. Er erzählt, wie “Wish you were here”, “Dark side of the moon” und (fast) sämtliche anderen Alben der Briten zu zeitlosen Klassikern avancierten und was es alles brauchte, bis “The Wall” endlich stand. Aber wie Mason das tut; wie er diese Saga einbettet in den Lauf der Zeit; wie er Zusammenhänge erklärt, die andere nicht einmal erkannt haben, das sucht auf dem Markt der Musik-Biographien vermutlich Seinesgleichen, ohne je fündig zu werden.

Im verblassten Glanz der Vergangenheit

Das Roxette-Konzert vom 31. Oktober 2001 im Hallenstadion Zürich: Das war, als ob jemand in einem zum Ersticken aufgeheizten Raum die Fenster aufreissen würde, um kühle Nachtluft hereinströmen zu lassen. Anderthalb Monate, bevor Marie Fredriksson und Per Gessle die Schweiz besuchten, hatten Fanatiker Flugzeuge in das World Trade Center in New York gejagt. Das Attentat von Zug lag noch keine Woche zurück. Die Swissair-Maschinen blieben am Boden. Bartträger mit Turban galten auf einmal als globale Gefahr. Mit der Unbeschwertheit, die die 80er und 90er Jahre geprägt hatte, war es vorbei.

Nur Roxette waren noch da, mit ihrem Gutelaune-Sound und ihren Balladen, die auch tristeste Momente für ein paar Minuten aufzuhellen vermochten. 70 Millionen CDs voller Pop- und Rockperlen verkauften die Fliessbandarbeiter aus der nach Abba zweitgrössten schwedischen Hitfabrik.

Wenige Monate später wurde bei Marie Fredriksson, der Sängerin, ein Gehirntumor diagnostiziert.  Auch für sie und ihren Komponisten und Gitarristen Per Gessle war auf einen Schlag nichts mehr, wie es soeben noch geschienen hatte. Fredriksson kämpfte um ihr Leben, Gessle – höchst erfolgreich – um Anerkennung als Solokünstler. Roxette waren Geschichte.
Einen Ehrenplatz im Musik-Olymp hatten sie sich mit zeitlosen Liedern wie “The Look”, “Joyride”, “It must have been love” oder “Fading like a flower” längst gesichert.

Doch am 14. Juli 2011 wird Tatsache, was jahrelang niemand ernsthaft in Erwägung zu ziehen gewagt hatte: Roxette stehen auf der Piazza Grande in Locarno auf der Bühne. Seit Februar sind Fredriksson und Gessle auf Tournee. Zigtausende von Fans – darunter unzählige, die in der Hoch-Zeit der Band noch nicht einmal in der Planungsphase gewesen sein dürften – freuen sich über die Rückkehr ihrer Idole. Ihrer Wegbegleiter in guten und schlechten Zeiten.

Auf das Comeback einer Legende.

Als Roxette den Platz nach anderthalb Stunden verlassen, gehen sehr, sehr viele von all den Leuten, die dem Duo sosehr entgegengeplangt hatten, mit konsternierten Gesichtern durch die Gassen in die umliegenden Restaurants, Parkhäuser und Hotels. “Things will never be the same”, hatte die von ihrer Krankheit sicht- und hörbar gezeichnete Fredriksson (54) in einem besinnlichen Moment des Konzertes gesungen.

“Things will never be the same”: Das gilt, wie das Publikum schon nach den ersten zwei Stücken erkennen muss, auch für Roxette. Wo vor zehn Jahren noch pure Spielfreude von der Bühne in die Menschenmassen sprühte, dominiert heute die Routine. Nicht gerade lustlos, aber erschreckend statisch, ackern sich Fredriksson, Gessle und die Begleitband durch einen Querschnitt aus ihrer Hitsammlung.

Wie wohl sich die Frontfrau während der Darbietung fühlt, weiss niemand. Marie Fredriksson muss bewusst sein, wie sehr ihre einst glockenhelle Stimme dem Gesamtkunstwerk Roxette fehlt. Sobald es in höhere Tonlagen geht, springt die Backgroundsängerin für die Chefin ein. Und die schwache Stimme ist noch das Stärkste, was die zweifache Mutter nach all den Operationen und Therapien bieten kann. Wenn die 54-Jährige kurz neben oder hinter der Bühne verschwindet – was sie oft tut -: Verflucht sie dort ihren Körper dafür, nicht mehr das Energiepaket von früher zu sein? Oder dankt sie ihm dafür, bis hierhin durchgehalten zu haben und bittet ihn, auch in den folgenden Tourmonaten nicht schlapp zu machen?

Per Gessle seinerseits überlässt die Show über weite Strecken der blonden Frau am Mikrofon und fährt mit angezogener Handbremse durch das Programm. Im Gegensatz zu Fredriksson braucht er keinem Menschen zu beweisen, was er – noch – kann. Dass er wieder da ist; er war ja nie weg. Will er Marie Fredriksson, indem er sich klein macht, grösser wirken lassen, als sie zu sein noch imstande ist? Betrachtet er diese Tournee als eine Art Freundschaftsdiens an der Frau, die es ihm ermöglichte, vom grossartigen, aber ausserhalb Schwedens praktisch unbekannten, Musiker zum Superstar zu avancieren?

Wer Roxette im Oktober 2001 erlebt hatte und das Comeback in Locarno verpasste, wird Marie Fredriksson und Per Gessle anders in Erinnerung behalten als jemand, der am 14. Juli 2011 auf der Piazza Grande stand: Er wird, wenn er einen ihrer Songs hört, an ein grossartiges Duo denken, das rund zwei Jahrzehnte musikalisch mitprägte und stellenweise sogar veredelte.

Und nicht an zwei Menschen, die – warum auch immer – fest davon überzeugt waren (oder nach wie vor sind), die Zeit liesse sich zurückdrehen, anhalten und noch einmal neu gestalten, obwohl ihr das Schicksal die Hälfte der dafür nötigen Mittel für immer entrissen hat.