Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

 

Los gehts mit “…but seriously” von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach “P”. Wenig später kam er mit “..but seriously” zurück. “Los eifach mou ine”, sagte er. “Chasch si ha.”

Zuhause liess ich mich daraufhin mit “I wish it would rain down” in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo “I wish it would rain down” erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

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Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am “Out in the Green” in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

“Mighty Quin”, “Davy’s on the road again”, “Blinded by the light”: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

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1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

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Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?”). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der “Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‘Talking Heads'”, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und “Wild Hearts”-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

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In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

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Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

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An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. “Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

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Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war “Hold the line”.

Lebensfreude vor dem Tod

Im Wissen darum, dass er bald stirbt, produzierte Rick Parfitt letztes Jahr noch ein Album – ohne seine Kumpels von Status Quo.

Dass manche Songs auf „Over and out“ auf mehr als drei Akkorden basieren, mag angesichts der musikalischen Vita des Künstlers überraschen. Dass vier, fünf Texte mehr Tiefgang haben als das komplette Quo-Oeuvre, erstaunt mit Blick auf die Perspektiven des Gitarristen weniger.

Dass jemand, dem klar ist, dass seine Uhr demnächst abläuft, den Zurückbleibenden so kraftvolle, mitreissende und – ja – pure Lebensfreude versprühende Melodien schenkt, ist schlicht und einfach grossartig, um nicht zu sagen: kaum fassbar, um nicht zu sagen: etwas, was auch Leuten, die mit Rock‘n‘Roll nur wenig anfangen können, ein Höchstmass an Respekt abverlangen dürfte.

In einem Satz: „Over and out“ ist ein Erbe, das rund um den Erdball zwangsangenommen gehört.

Ganz easy

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Stephan Eicher war schon da und Hanery Amman auch und Hank Shizzoe und Sina und Les Trois Suisses und Stiller Has und Gustav und einmal sogar eine Bundespräsidentin und so weiter, und so fort. Gestern Abend fügten die Berner “Halunke” der funkelnden Kette von denkwürdigen Veranstaltungen im Kulturhof Schloss Köniz eine weitere Perle hinzu. Sie tauften in dem heimeligen Lokal vor einem rundum begeisterten Publikum ihre neue CD “Easy”.

Ob handyfilmender Teenager oder andächtig lauschender Oldie: dem Lausebubencharme  der mal tiefgründigen, mal von Romantik durchtränkten und mal auch nur witzigen Songs der Berner Hip-Popper konnte – und wollte natürlich – sich (auch) an diesem Gig niemand entziehen.

Die bestens aufgelegte Band um Komponist, Sänger, Gitarrist, Texter und Produzent Christian Häni spielte sich tiptopp aufeinander abgestimmt durch das Repertoire ihrer vier Alben (“Souerei”, “Houston, we are ok”, “Grammophon” und “Easy”) und zündete mit “Vor Hand ids Muul”, “Me Meer”, “Nidohnidi”, “Gar ke Zyt” ,”Guatemala”, “100 Millionewatt”, und dem aktuellen Gassenhauser “Schiffbruch” ein zweistündiges Hitfeuerwerk, das erfreulicherweise nicht einfach im verregneten Nachthimmel verpuffte, sondern von SRF3 auch für all jene konserviert wurde, die in Köniz nicht live mit von der Partie sein konnten; wie zum Beispiel Büne Huber.

Der Kopf von Patent Ochsner hat den Halunke bei “Schiffbruch” chli unter die Arme gegriffen und damit möglicherweise einen nicht geringen Anteil daran, dass die Single von den Radiostationen landauf und -ab regelmässig gespielt wird.

Huber war mit seiner Hausband gestern anderswo beschäftigt, aber irgendwie…irgendwie fehlte er trotzdem kein bisschen, und das wiederum sagt einiges darüber aus, auf welch hohem Level die Halunke sich mit spielerischer Leichtigkeit – oder eben: ganz easy – inzwischen bewegen.

 

(Nachtrag: Das komplette Konzert kann hier nacherlebt werden.)

 

Der Charme des Verstaubten als Reiz des Neuen

Unknown

Auf musikalischen Grundierungen aus dem letzten Jahrhundert ganz neue Klang- und Wortbilder zu malen: Das erfordert nicht nur einiges an Mut und Selbstvertrauen; wer das tut, muss auch wissen (oder zumindest ahnen), dass sein Publikum bereit ist, bekannte – und langsam chli ausgetretene? – Pfade zu verlassen und ihm an Orte zu folgen, die es noch nicht kennt.

Christian Häni, der Gründer, Sänger, Texter, Komponist und Produzent der Halunke, setzt mit “Gramophon”, der dritten CD der Berner Band, auf die Karte “Zurück in die Zukunft”. Soviel Jazz und Swing gabs auf einem Schweizer Mundartalbum noch nie, und das wohl aus gutem Grund: Das Risiko, mit Bläsern und Streichern eine Zielgruppe zu verunsichern, die sich schon beim Klang einer echten elektrischen Gitarre fragt, was zum Teufel das sei, ist gross.

Häni  schrieb für “Grammophon” sämtliche Songs und spielte fast alle Instrumente im Alleingang ein. Am Ende hat er die CD auch noch produziert. Um den Vertrieb, die Werbung und Konzertbuchungen kümmert sich seine Frau Anja, die auch den Onewoman-Backgroundchor bildet.

Von einer “Band” im eigentlichen Sinne kann bei den Halunke also kaum noch die Rede sein. “Grammophon” ist von A bis Z Hänis Werk, was schon auf der Hülle ersichtlich ist: Sie zeigt einen Mann, dessen Kopf überquillt vor klangerzeugenden Gerätschaften aller Art.

An der Kurbel am rechten Ohr dreht zweifellos eine unsichtbare Muse, und zwar an 24 Stunden am Tag, und in der Nacht auch noch, an sieben Tagen pro Woche und an sämtlichen Wochen des Jahres. Nach  den Anstrengungen der letzten Monate sieht sie inzwischen vielleicht chli verhürschet aus; deshalb mochte sie wohl nicht mit aufs Bild.

Doch auch wenn die Halunke inzwischen zum Familienbetrieb mutiert sind – auf der Bühne stehen und sitzen, neben Häni, nach wie vor Simon Rupp an den Gitarren, Marco Mazzotti an den Bässen und Christian Berger an den Drums. Zur Plattentaufe in der Mühle Hunziken werden zusätzlich noch Bläser und ein Pianist mit von der Partie sein, damit die CD live möglichst ähnlich klingt wie zuhause im Player.

“Souerei”, das erste Album der Halunke, war übermütig. “Houston we are ok”, die Nachfolge-CD war ebenso originell, wirkte aber deutlich ernsthafter. “Grammophon” ist manchmal witzig und oft tiefsinnig und kommt, übers Ganze gehört, um einiges reifer daher als seine Vorgänger. Zwischen den Zeilen blitzt jedoch nach wie vor viel Schalk auf, und seine Leidenschaft fürs Beobachten und Notieren von Alltagsmenschen und -situationen hat Häni nicht verloren; ganz im Gegenteil.

Aber Häni textet nicht mehr “nur” auf Pointen hin, sondern erzählt (wie zum Beispiel im vorab veröffentlichten “Guatemala”) Geschichten, die auch so funktionieren würden; ohne Musik. Aus der Ferne grüsst weiterhin Mani Matter, aber nur noch hin und wieder und nicht mehr so oft wie auf “Souerei” und “Houston”. Häni hat sich von seinem grossen Vorbild emanzipiert und geht nun eigene Wege, ohne den Übervater ganz aus den Augen zu lassen.

Musikalisch ist “Grammophon” schwer einzuordnen (aber: es braucht ja auch nicht immer alles eingeordnet zu sein). Christian Häni bedient sich ungeniert bei zeitlosen Grössen aus der Vergangenheit, um auf seine eigenen Melodien und Harmonien eine Art Kunststaub zu legen. Rund 200 prominente und weniger bekannte Künstler aus längst vergangenen Epochen geben sich auf “Grammophon” gemäss Pressetext ein virtuelles Stelldichein.

Ihre Beiträge überziehen das aktuelle Werk aus der Halunke-Schmiede mit einer Patina, die ihre Reize hat. Und die ein mehrmaliges Durchhören fast zwingend erfordert; die vielen Samples und Mixturen dürften ein wenig gewöhnungsbedürftig sein – vor allem für jenen Teil der “Kundschaft”, dem Namen wie “Glenn Miller” oder “Adriano Celentano” nichts oder nur wenig sagen.

Wer sich die Zeit nimmt, sich “Grammophon” mehrmals anzuhören und wer bereit ist, das jüngste Gemüse auf dem weiten Feld des Berner Mundartschaffens vorurteilslos (“Swing? Das ist doch mehr etwas für Scheintote.”) zu probieren, wird erfreut feststellen, dass es sich dabei um etwas in diesen Gefilden noch nie Dagewesenes handelt, das auch den eigenen geschmacklichen Horizont um den einen und anderen Meter nach links und rechts erweitert.

Das totole Musikvergnügen

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Vier reguläre Konzert-Alben veröffentlichten Toto in 34 Jahren: “Absolutely live”, “Mindfields”, “Live in Amsterdam” und “Falling in between live”. Dazu kamen mit “In Concert in Vina del Mar” und “Toto & Friends” zwei halboffizielle Dokumente ihres Bühnenschaffens.

Nun haben die mehrfachen Grammy-Gewinner aus Los Angeles mit “35th Anniversary – Live in Poland” einen weiteren Auftritt für die Nachwelt konserviert. Da kann man sich – sofern “man” nicht gerade der grösste Toto-Fan nördlich und südlich von Sydney ist – natürlich fragen: War das nötig?

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Die Antwort lautet (Überraschung!): Aber klar doch! Und wie nötig das war!

Und zwar nicht nur für Toto, die sich und ihren Jüngern und Ältern damit ein perfektes Geschenk zu ihrem Bandjubiläum machen. Die Scheibe ist auch ein tolles Lehrstück für all jene, welche – aufgewachsen mit Klängen aus dem Computer und ihrem Lokalradio “mit allne Hits us de 80er und 90er und em Nöischte vo hütt” – glauben, Musik sei etwas, was automatisch passiere, per Mausklick und auf Knopfdruck; einfach so.

Sie merken spätestens nach “On the run” und “Goin’ home”, den ersten Songs auf “35th…”, dass Musik nur dann eine Kunst ist, wenn sie möglichst nichts Künstliches an sich hat. Wenn sie lebt und vibriert und tätscht und chlöpft und streichelt und schmeichelt. Wenn sie einen mit schweissnassen Händen packt und durchschüttelt und erst wieder loslässt, wenn sie verstummt (oder auch nicht; im besten Fall klingt sie auch in völliger Stille noch stundenlang nach).

20 Perlen aus drei Jahrzehnten präsentierten Joseph Williams (Gesang), Steve Lukather (Gitarre und Gesang)), David Paich (Piano und Gesang), Steve Porcaro (Keyboards), Nathan East (Bass) und Simon Phillips (Schlagzeug) an ihren Geburtstagsfeierlichkeiten, die sie im letzten Juni auch nach Zürich geführt hatten.

Und das Erstaunlichste daran ist: Keines dieser Schmuckstücke überstrahlt das andere. Die ganz grossen Hits wie “Africa”, “Rosanna” oder “Hold the Line” durften an der Party zwar naturgemäss nicht fehlen. Im Gegensatz zu früheren Konzerten, an denen sie oft wie Leuchtbojen in einem durch endlose Soli aufgewühlten Ozean bei Nacht wirkten, sind sie jetzt jedoch Teile eines stimmig wirkenden grossen Ganzen. “Kleinere” Nummern wie “Pamela”, “Home of the Brave”, “White Sister”, “99”, “Better World” oder “Stop lovin’ you” schwimmen gleichberechtigt neben den drei Giganten, statt von ihnen unter Wasser gedrückt zu werden.

Das freut nicht nur die über den ganzen Globus verstreute Fangemeinde. Sondern auch Angehörige der schreibenden Zunft, die Toto bisher bloss mit spitzen Fingern anfassten oder gleich in die Schublade mit der Aufschrift “Überperfektioniert und glattpoliert” legten, weil sie mit den Zahlen, die Toto im Laufe ihrer Karriere aufeinandergetürmt haben, nichts anfangen können: An rund 5000 Alben – darunter “Thriller” von Michael Jackson, der meistverkauften Platte aller Zeiten – waren Toto-Mitglieder als Studiomusiker beteiligt. Dafür wurden sie für über 200 Grammies nominiert. Weltweit haben die Kalifornier 35 Millionen Alben verkauft.

Wer mag, soll mit Blick auf dieses Palmarès nun von “Fliessbandarbeit” sprechen. Oder vor diesen Leistungen den Hut ziehen und für immer schweigen.

Was “35th Anniversary…” betrifft, sind sich die Kritiker – zum ersten Mal seit dem Über-Werk “IV” – mehrheitlich einig: Hier liegt sowohl als CD als auch als Blue-ray und DVD ein Meisterwerk vor:

“Die Band strotzt nur so vor Energie, Spielkultur, Leichtigkeit, Homogenität und Vitalität und liefert ein in allen Belangen 1A-Konzert ab, das vor allem auch Wärme, Spass und Freude vermittelt.”

(Rockszene.de)

“A tour de force, amazing music.”

(Getreadytorock.me.uk)

“…eine Gruppe, die an Groove, Zusammenspiel und Perfektion kaum zu toppen ist, aber dabei so viel emotionale Tiefe vermittelt wie selten zuvor.”

(Rocks)

“Technisch auf höchstem Niveau rocken, smoothen und poppen sich die Jungs durch ein umfangreiches Set, das alle Hits enthält, lassen aber nie die Leidenschaft in ihrem Bühnenacting vermissen.”

(Rock’n’Roll-Reporter.de)

“Playing to a massive, standing-room-only crowd in Lodz, Poland, a lineup featuring Steve Lukather, Steve Porcaro, David Paich, and Joseph Williams take to the stage to deliver a stellar performance for their ecstatic fans.”

(allmusic.com)

“Musikalisch betrachtet gibt es nichts zu meckern. Das darf nicht verwundern angesichts der Tatsache, dass die Musiker in der ‘Musician’s Hall of Fame’ vertreten sind. Ein Steve Lukather wird seinem Ruf als einer der besten Gitarristen gerecht, stellt sich aber immer songdienlich in den Dienst der Band. Das Tasten-Duo besticht durch Spielfreude und spielt sich die Sound-Bälle nahezu blind zu. Die Rhythmus-Fraktion mit den beiden Routiniers Phillips und East sorgt für einen Groove, der seinesgleichen sucht.”

(Hooked-on-music.de)

“Die Herren wissen längst, wie sie ihr Publikum von der ersten Sekunde in den Bann ziehen. Musikalisch ist Toto sowieso über jeden Zweifel erhaben. Das ist Mainstream-Rock auf höchsten technischem Niveau.”

(Rock-Jazz-Pop.com)

“This is a band at ease with itself, enjoying the music, playing for the love of one another and the legacy they’ve created together.”

(Somethingelsereviews.com)

Schattenspender für die Konkurrenz

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Mit “Long Stick goes Boom – Live from da House of Rust” legen Krokus das dritte Livealbum ihrer bald 40jährigen Bandgeschichte vor. Das in der Solothurner Kulturfabrik Kofmehl eingespielte Konzertdokument hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits macht es grossen Spass, viele alte Heuler in einer etwas modernisierten Fassung zu hören. Andrerseits wirkt die CD seltsam künstlich.

“Headhunter” fehlt, “To the Top” fehlt, “Winning Man” fehlt… doch abgesehen davon bieten die Bluesrock-Berserker vom Jurasüdfuss ihren Fans genau genau das, was sie von ihnen erwartet haben.

Und, für Veteranen dieses Genres eher überraschend, sogar noch mehr: Mit „Dirty Dynamite“, „Go Baby go“, „Hallelujah Rock’n’Roll“ sowie Auszügen aus „Betta than Sex“ und „Dög Song“ bringen Fernando von Arb, Mandy Meyer, Mark Kohler (Gitarren), Marc Storace (Gesang), Chris von Rohr (Bass)  und Flavio Mezzodi (Drums)  auch Müsterchen aus der jüngsten Schaffensperiode zu Gehör.

Nur: Im Gegensatz zum erdig-körnigen Live-Doppeldecker “Fire & Gasoline” aus dem Jahr 2004 klingt “Long Stick…” verdächtig geschliffen. Der “Dräck”, den von Rohr von anderen Bands unermüdlich fordert, fehlt diesmal weitgehend.

Wie tief von Rohr, der die Platte produzierte, bei der Fertigstellung des Werks in die  Trickkiste gegriffen hat, ist unklar. In einem Interview antwortet er auf die Frage, ob “Long Stick…” im Studio nachpoliert worden sei, erst mit “das war zum Glück nicht nötig”.

Zwei Atemzüge später räumt er ein, “einige wenige Kleinigkeiten ausgebessert” zu haben, “hauptsächlich bei den Chor-Gesängen”. Darüberhinaus seien “zwei bis drei verstimmte Gitarren ersetzt” und “zu lange Sing Along-Passagen mit dem Publikum gekürzt” worden.

Ob in “Long stick…” soviel “Live” ist, wie draufsteht, weiss ausser Chris von Rohr folglich kein Mensch.

Wobei: Solange es aus den Lautsprechern und Kopfhörern chlöpft und tätscht wie anno dazumal, als die ewigen Wandler in den AC/DC-Fusstapfen erst die Kirchgemeindehäuser in ihrer Wohngegend und später die Megastadien in den Vereinigten Staaten erbeben liessen, ist das alles ja gar nicht sooo wichtig.

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Übrigens: Mein Bruderherz scheint mit “Long Stick…” ebenfalls nicht rundum glücklich zu sein. In einer Plattenkritik auf CeDe.ch notiert er unter dem Titel “Nur das 2.-beste Livealbum”:

“Vorab: <Fire & Gasoline> gefällt mir besser. In meinen Ohren knallt das Teil einfach mehr als <Long stick…>. Und ganz ehrlich: Von 3 Gitarren erwarte ich, dass man den Unterschied zu 2 Gitarren auch wirklich merkt! Und zwar nicht an verschiedenen Stellen der Songs oder des Albums, sondern im Gesamtpaket!

Klar, Maiden haben damit auch immer wieder ihre Schwierigkeiten. Aber gerade deshalb finde ich: 2 Gitarren tätens auch.

Die Songauswahl: Nicht schlecht. Schön, dass es <Hellraiser> darauf geschafft hat. Der Beweis, dass auch CvR nicht immer stur an seiner Meinung festhalten muss und will. Aber warum man auf Live-Knaller wie <Winning man> oder Album-Fan-Faves wie <To the top> verzichtet, das wird wohl für immer ein gut gehütetes Krokus-Geheimnis bleiben.

Jä nu… Hauptsache, sie sind noch dabei und stecken live noch so manche Schnuderigruppe in den Sack!”

Gott nimmts gemütlich

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Wenn man als Musiker alles erreicht hat. Wenn man niemandem mehr etwas beweisen muss. Wenn einem der Himmel ebenso vertraut ist wie die Hölle. Wenn man soviel Geld hat, dass auch die Grosskinder noch Mühe haben werden, es auszugeben. Wenn man seit über 40 Jahren als Gott bezeichnet wird…was macht man dann?

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Man wartet am Strand mit silikongetunten Extremblondinen auf den finalen Herzinfarkt, nervt die Leute im Pub down the road jeden Tag mit seinen ausgeleierten Geschichten – oder man greift zum Telefon, ruft ein paar Kumpels von früher an und fragt sie, ob sie vielleicht Lust hätten, mit einem ins Studio zu gehen, um chli zu spielen.

Nein, sagt man den ebenfalls längst angegrauten Kollegen, die schon befürchten, das könnte amänd in Arbeit ausarten; es sei nichts Ernstes. Niemand brauche etwas zu komponieren, weil das Rohmaterial bereits vorliege. Ihre Instrumente und viel gute Laune: Mehr bräuchten sie nicht mitzubringen, versichert man den Jungs.

Dann legt man den Hörer zurück auf die Gabel – das Handy, das einem Nachbarn vor zwei Jahren zum 65. Geburtstag geschenkt hatten, damit man daheim nicht versauert, liegt immer noch unbenutzt in einer Wohnwandschublade – und wartet ab, was passiert.

Nach ein paar Wochen klingelts an der Türe. Unter grossem Hallo und Schulterklopfen und You’relookin’fuckin’great! bittet man Paul McCartney, J.J. Cale, Chaka Khan und Steve Winwood herein. Man verputzt gemeinsam eine Gemüseplatte, stösst mit stillem Wasser auf die Glory Days an und steigt schliesslich süüferli die Kellertreppe hinab.

Wenig später sind die Gitarren und Orgeln eingestöpselt und die Mikrofone justiert. Es kann losgehen.

So ungefähr stelle ich mir die Entstehungsgeschichte von “Old Sock” vor, dem neuen und 20. Studioalbum von Eric Clapton. Ich weiss nicht, ob Mr Slowhand von Anfang an vorgehabt hatte, damit sein Alterswerk zu schaffen. Aber falls das der Plan gewesen sein sollte: Er ist aufgegangen.

Locker und entspannt fidelt sich der Brite durch eine Auswahl seiner Lieblingslieder und zwei neue eigene Stücke (“Gotta get over” und “Every little thing”). Einige der Songs (zum Beispiel “Goodnight Irene” von Lead Belly) wurden noch vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, andere (wie das schon von Gary Moore geklaute “Still got the Blues” aus dem Jahr 1974) sind vergleichseise neueren Datums.

Im Vergleich zu E.C.’s letzten überpolierten und rundumgeschliffenen Werken “Back home” und “Clapton” wirkt “Old Sock” erfrischend roh und erdig und dennoch (oder gerade deshalb) persönlich und streckenweise beinahe intim. Auf den Einsatz von elektronischem Schnickschnack wurde weitgehend verzichtet.

Wer eines jener epischen Gitarrensoli erwartet, mit denen Clapton seine Fans weiland verzückte, wird auf “Old Sock” enttäuscht. Hier dominiert heimeliger Folk, cooler Jazz, warmer Reggae und traditioneller Blues.

Das einzige Stück, das von Ferne an den Clapton von damals erinnert, ist “Gotta get over”:

Andere würden mit so einem Song eine Weltkarriere begründen. Für Eric Clapton und seine Kumpels ist er nicht mehr – aber auch nicht weniger – als ein Vehikel, auf dem sie bestens gelaunt durch den Herbst ihrer Karrieren tuckern können.

Kurz vor Schluss, als man schon nahe daran ist, das Opus mit dem Präsikat “Perfekt” zu würdigen, plärrt ein Kinderchor dazwischen, aber was solls. Vermutlich dachten die alten Kämpen, es sei immer noch besser, wenn sich die Kleinen im Aufnahmeraum nützlich machen, statt draussen herumzulärmen und die Seniorenrunde auf ihrem gemütlichen Rundgang durch die Vergangenheit zu stören.