Articles with Altstadt

„Momentan läuft noch alles normal“

„Leben mit Corona“: Unter diesem Motto bat ich im März Geschäftsleute, Kulturschaffende und Privatpersonen aus der Burgdorfer Oberstadt und dem Kornhausquartier, für die Facebook-Seite unserer Altstadtvereinigung zu notieren, wie sie mit der damals noch recht neuen Virenbedrohung umgehen.

Die Antworten sind erst neun Monate jung, lesen sich zum Teil aber wie aus einer längst vergangenen Zeit.

Unter Schilderbürgern

„Pothäslech“ und „Schwachsinn“ oder „geil“ und „cool“? In Burgdorf stehen die Zeichen auf Pink.

Kaum wurden die Burgdorferinnen und Burgdorfer nach zwei Monaten Hausarrest in die Freiheit entlassen, bekamen sie Überraschendes zu sehen: An zwölf Plätzen ragen seit einer Woche schweinchenfarbene Wegweiser aus dem Boden. Sieben dieser Stelen wurden in das Pflaster der „geradezu modellhaft historischen“ und denkmalgeschützten Altstadt versenkt.

Für alle jene, die mit dem Begriff „Wegweiser“ nichts anfangen können: Das sind „klar erkennbare Orientierungshilfen“, mit denen Ortsunkundige „problemlos zu ihrem Ziel geleitet“ werden können, wie einer doppelseitigen Reportage im „Stadtmagazin“ zu entnehmen ist.

Bei der Lektüre des Artikels kommt der Laie unweigerlich zum Schluss, dass es sich bei der sogenannten „Signaletik“ um ein Fachgebiet handelt, das in Sachen Komplexität auf einer Stufe mit der Gehirnchirugie oder der Astrophysik angesiedelt werden muss.

Immerhin sollten sich die neuen Tafeln „modular“ an neuen und bestehenden Rohrpfosten anbringen lassen, farblich überzeugen, durch „Flexibilität“ bestechen, Urbanität ausstrahlen, das Städtische mit dem Ländlichen verbinden und darüberhinaus erst noch „eine gute Kosteneffizienz“ aufweisen, heisst es in dem Artikel.

Was genau unter „gut“ zu verstehen ist und wieviel Steuergeld die Übung verschlingt, ist dem Text allerdings nicht zu entnehmen.

Aus unerfindlichen Gründen fehlt in dem Beitrag auch ein Hinweis auf den Oberkommandierenden der Operation: Die Federführung hatte der seit Ende 2018 frühpensionierte Ex-Leiter der Baudirektion inne. Er durfte dieses Projekt auf Kosten der Stadt aus dem Ruhestand heraus realisieren.

Nur die Kosten sind irgendwie kein Thema: Das Stadtmagazin informiert über die neuen Wegweiser.

Angesichts all dieser Ansprüche und Vorgaben war es selbstredend undenkbar, jemanden aus der plusminus 200 Mitarbeitenden zählenden Gemeindeverwaltung zu bitten, sich bei einem Kafi mit Burgdorfer Malern, Metallbauern und Grafikern etwas Zweckdienliches einfallen zu lassen.

Stattdessen schalteten die Verantwortlichen – was tut man für die Kosteneffizienz nicht alles? – ein auf Design und Grafik spezialisiertes Büro aus Biel ein.

Schon knapp ein Jahr später präsentierten die auswärtigen Fachleute eine Lösung, die gemäss dem städtischen Verlautbarungsorgan „ins Auge sticht“ und sich „vom übrigen Schilderwald gut abhebt“.

Via Facebook reagierte die Bevölkerung darauf mit gedrosselter Euphorie:

Zustimmende Voten gabs natürlich auch…

…aber wer die Sache nicht durch die rosa Brille betrachtet, kommt alles in allem zum Schluss: Selten lag Seldwyla näher bei Burgdorf als heute, und das will in einer Stadt, für die schon die Installation eines Bankomaten ein Ereignis von nationaler Bedeutung darstellte und deren Führungspersonal eine Medienmitteilung verschickt, wenn es beschliesst, mit dem Bezahlen der Rechnungen vorübergehend nicht bis am letztmöglichen Tag zuzuwarten (inzwischen lässt es sich damit wieder mehr Zeit), doch etwas heissen.

Es werde anderes Licht: So wird – vielleicht – schon bald das Casino Theater beleuchtet.

Und – es bleibt spannend: Im Auftrag der Baudirektion beschäftigt sich eine Firma aus dem Seeland seit einem geraumen Weilchen mit einer neuen Beleuchtung für die Oberstadt und das Kornhausquartier.

Auf ihrer Website schreibt sie:

„Die Altstadt, bei der sowohl die Gastronomie, wie auch das Gewerbe und Wohnraum im Vordergrund stehen soll für alle Nutzer einladend und umweltschonend ausgeleuchtet werden. Der Gang durch die Altstadt soll ein Highlight werden, jedoch soll sich das Produkt an sich nicht in den Vordergrund stellen. 

Abgerundet wird dieses Projekt mit einer neuen Weihnachtsbeleuchtung, welche ebenfalls zu einem neuen Highlight der Stadt Burgdorf werden soll.“

Die Umsetzung ihrer Pläne obliegt einer Beratungsfirma aus Villarsel-le-Gibloux („Wir begleiten Gemeinden, Städte, EW’s, Installateure, Vereine, Unternehmen und Private bei der Konzeption, Planung, Umsetzung und Optimierung ihrer Beleuchtungs- und Smart City Projekte“), einem Lichtplanungsunternehmen aus Ostermundigen („Da der Lichtmast ein idealer Träger für Smart-City Komponenten ist, sind wir auch in diesem Themengebiet up to date“) sowie einem Inneneinrichtungsgeschäft aus Lüterkofen („Ihre Spezialisten für Innenarchitektur, Böden, Polsterei, Textilien und Ergonomie“).

Das Engagement von Letzterem dürfte in Burgdorf mit besonderem Interesse zur Kenntnis genommen worden sein:

Sieben Monate, nachdem es den Auftrag erhalten hatte, wollte das Seeländer Büro seiner Kundin vorführen, zu welchen Erkenntnissen es gelangt ist.

Eines Tages standen deshalb an verschiedenen Plätzen in der Altstadt Strassenlampen in unterschiedlichen Formen und Grössen. Nach dem Eindunkeln bummelten Entscheider aus der Baudirektion und Mitläufer aus dem Altstadtleist-Vorstand durch die Quartiere, um den Ausführungen des externen Experten zu lauschen und zu sehen, was wo warum wie wirken würde.

Zu dem Treffen nicht eingeladen war – soviel zum Thema „Sowohl die Gastronomie, wie auch das Gewerbe“ – die Detaillistenvereinigung Pro Burgdorf.

Top Secret: Musterung von neuen Altstadtbeleuchtungs-Möglichkeiten auf dem Kronenplatz.

Von diesen Umtrieben bekamen nur jene wenigen Menschen etwas mit, die an dem Abend zufällig aus den Fenstern ihrer Wohnungen guckten, denn die Besichtigung fand am 18. März statt. Auf Geheiss des Bundesrates hatte sich die Schweiz und damit auch tout Burgdorf kurz zuvor vor dem Corona-Virus in Deckung gebracht.

Anmerkungen oder Fragen von Einheimischen brauchten also weder die Delegation der Stadt noch der von ihr beigezogene Spezialist zu gewärtigen, doch das Beispiel „Wegweiser“ hat ja gezeigt:

Das kommt ganz bestimmt auch so gut.

Meckerer und Macher

In der Burgdorfer Altstadt scheint das Licht am Ende des Tunnels heller als im Rest der Gastroschweiz.

Langsam, aber sicher laufen die Beizer den Bauern den Titel „Jammeri der Nation ab“: Erst rief der Verband Gastrosuisse nach möglichst baldigen Lockerungen der Corona-Massnahmen – doch kaum durften die Restaurants am 11. Mai wieder öffnen, stimmte er das nächste Klagelied an: Für die Branche sei die Öffnung mit so „einschneidenden Beschränkungen, schmerzhaften Verlusten und grossen Unsicherheiten“ verbunden, dass „viele Lokale bereits im Juni wieder schliessen“ müssten, sagte Verbandspräsident Casimir Platzer gegenüber dem Onlineportal von 20minuten.

Beim Grossteil der Leserinnen und Leser stösst er mit seiner Forderung nach weiteren Aufweichungen der Vorschriften auf taube Ohren:

Aus der Burgdorfer Altstadt kann ich in diesem Zusammenhang melden: Den hiesigen Anbieterinnen und Anbietern von Speis und Trank läufts glaub nicht schlecht. Bei Bummeln durch die Gassen am Schlossfuss stelle ich jedenfalls regelmässig fest, dass die Lokale ordentlich bis sehr gut besucht sind, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Finedining-Adressen oder um normale Beizli handelt.

Freude herrscht…zum Beispiel im „Serendib„.

Die Wirtinnen und Wirte freuen sich darüber, dass sie ihre Betriebe hochfahren durften, und sind dankbar für jeden Gast, der den Weg zu ihnen nach dem langen Hausarrest wieder findet. Das spürt die Kundschaft, erzählt es weiter, und schwupp: füllen sich die Betriebe fast wie von alleine.

Aber eben: Ich kann lediglich für die Burgdorfer Oberstadt und das Kornhausquartier sprechen, und da wie dort gelten nunmal chly andere Massstäbe als im Rest der Schweiz.

Während anderswo zig Beizerinnen und Beizer mit tränenfeuchten Augen in den Coronatunnel starren und händeringend darauf hoffen, dass Casimir der Laute es für sie richtet, lässt man das Licht am Ende des Tunnels hier mit viel Engagement, Selbstvertrauen und Zuversicht lieber selber von Tag zu Tag heller scheinen.

Auffahrt zum Herunterfahren

Hundert Stunden Nichtstunmüssen: Wie habe ich mich danach gesehnt! Dank des langen Auffahrtswochenendes komme ich endlich dazu, meine inzwischen nicht mehr ganz neue Wohnung zu inspizieren, gründlich zu putzen, den Ghüder zu entsorgen und den einen oder anderen der vielen Filme zu geniessen, die sich in meiner Swisscom-Box arbeitsbedingt immer höher stapeln.

Einen schönen Teil der vielen freien Zeit werde ich tagsüber schlossbestaunend auf dem Balkon und nächtens batterienaufladend im Bett verbringen (oder umgekehrt), und falls alles läuft, wie es laufen sollte, bleibt mir sogar noch ein Eggeli Zeit, in dem ich mir zur Abwechslung von all den Auswärtsfuttereien der letzten Monate wieder einmal selber etwas kochen kann.

Auch die Leute in meinem Quartier scheinen die kurze Pause vom Alltag zu schätzen: In der Burgdorfer Altstadt herrscht eine Ruhe wie schon ewig nicht mehr, dabei ist die Auffahrt noch keine fünf Stunden alt.

Die neue Virklichkeit (31)

Keine Spur von Gstrüpp: Simonetta Sommaruga hatte die Haare an der gestrigen Corona-Medienkonferenz des Bundesrates auffällig schön.

Erwartet hatte ich ein totalzerzaustes Geschöpf, das nur noch entfernt an ein menschliches Wesen erinnert. Zu sehen bekam ich gestern Nachmittag eine Frau, die sich wie aus dem Truckli vor die Nation setzte, um den bundesrätlichen Fahrplan für die Lockdownlockerung zu präsentieren.

Das heisst: Simonetta Sommaruga (59) muss in den vier Wochen, in denen landesweit kein «Haargenau» und kein «Hair-einspaziert» und kein «Haarometer» und kein „Hairlich“ und kein „Hairzig“ und kein „Haarsträubend“ und keine „Haarchitekten“ und keine „Vier Haareszeiten“ offen war, die Möglichkeit gehabt haben, sich von einer Jessica oder so (18) die Frisur richten zu lassen.

Polit-Aficojo -Avocad -Afischenatos erstaunte das nur bedingt: Für die da oben gelten auch und ganz besonders in Notlagen komplett andere Spielregeln als für uns da unten (wenn überhaupt!), und wenn Alain Berset in seinem Garten mit einem nigelnagel-neuen Schüfeli schon am 25. April fabrikfrische Sonnenblumensamen eines Freiburger Floristen eintopft, statt, wie alle anderen, erst zwei Tage später, wäre ich der Letzte, der sich darüber wundern würde, denn mit uns kann mans ja machen, wir zahlen schliesslich auch pünktlich unsere Steuern für nichts und wieder nichts und stayen lifes savend ganze Frühlinge lang @ home, ohne kritische Fragen nach dem Wieso und Warum zu stellen oder auch nur in den Spiegel zu schauen, um uns in unserem von Angela Merkel ferngesteuerten Dasein wieder einmal unserer eigenen Identität bewusst zu werden, aber ein Blick in den Spiegel brächte ja sowieso nichts, denn alles, was wir darin sehen würden, wäre ein totalzerzaustes Geschöpf, das nur noch entfernt an ein menschliches Wesen erinnert, AUSSER NATÜRLICH, MAN IST BUNDES-PRÄSIDENTIN!!!

Eben präsidierte Hannes Zaugg-Graf noch den Grossen Rat des Kantons Bern, aber selbst das genügte nicht für eine Privatschur, was, von unten betrachtet, irgendwie tröstlich ist.

Damit verlassen wir die sachliche Ebene und schauen uns noch kurz auf der persönlichen um.

Tess‘ Hüeti Claudia Nolte geht es mit ihrer kaputten Achillessehne nach wie vor eher unprächtig (sie ist aber jederzeit für ein Openair-Kafi vor ihrem Haus zu haben und bringt das Gebräu sogar eigenhändig in einem Chörbli hinunter, und solange das so weitergeht, besteht kein Anlass zur Sorge):

Bei Tess selber ist alles im grünen, beziehungsweise silbergrauen Bereich (gut: Wenn man sie fragen würde, bekäme man zu hören, sie sei rund um die Uhr am Verhungern, aber das war schon vor Corona so und wird auch nach Corona so bleiben). Diese Woche kam sie mich besuchen. Sie empfahl mir dabei dezent, über den Kauf eines eigenen Sofas nachzudenken, damit sie ihres nicht immer mit mir teilen muss:

Giusy Rovetto, die in der Burgdorfer Schmiedengasse den gluschtigschten Laden für sizilianische Spezialitäten nördlich von Palermo betreibt, hat beste Aussichten auf den Titel „Miss Coronaltstadt 2020“. Ob die feierliche Preisverleihung im angemessen grossen Rahmen je wird stattfinden können, ist, Stand jetzt, eine andere Frage.

Mein „Jööö“ des Tages ging an eine Frau aus Lyssach, deren Name hier nichts zur Sache tut. Sie berichtete mir, ihr Bub habe sich beim Trampolinhüpfen hinter dem Haus einen Arm gebrochen. Das habe ihm ziemlich wehgetan. Viel mehr schmerze ihn allerdings, den imposanten Gips nicht seinen Gspändli in der Schule vorzeigen zu können.

Zum Thema „Trampolin“ hat Tony Carey 1990 übrigens ein wunderschönes Lied geschrieben:

https://www.youtube.com/watch?v=zfxPKFEm1s0

„Some people got much too much
Some people got the midas touch now
Some people are waiting for the train
Some people get blood on their hands
Some people see disneyland now
Some people are candles in the rain
Like a trampoline
Goes up goes down
Out of luck or heaven bound
But we’ve got something and we’ll never touch the ground
On the trampoline
Just me and you
Just a little love will see us through
Hang on to me baby, I’ll be here with you
On the trampoline.“

Wenn das keine Liebeserklärung ist, weiss ich auch nicht.

Im Übrigen möchte ich wieder einmal darauf hinweisen, dass wir in Burgdorf das schönste Schloss weit und breit haben.