Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Cooler Typ

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Ich weiss nicht, wer beim Aussichtspunkt unter dem Schloss Burgdorf diesen Schneemann gebaut hat. Mit Blick auf seine schmucke Kopfbedeckung ist klar: es muss ein Schwingerfreund gewesen sein.

Klar ist auch: nur ein paar Meter weiter unten wohnt Francesco M. Rappa, der OK-Vizepräsident des “Eidgenössischen” 2013 in Burgdorf.

Ich könnte ihn, wenn ich mit dem Hund sowieso gleich auf die erste Bislirunde gehe, spontan aus dem Haus klingeln und mich bei ihm danach erkundigen, ob er der Stadt diesen Schutzeisheiligen auf Zeit spendiert hat.

Das Rätsel um dem Schöpfer des coolen Typen bleibt allerdings wohl für immer ungelöst: Um 4.52 Uhr am Morgen ist es nochli früh für Hausfriedensbrüche. Und später am Tag, sobald die Sonne wieder scheint, steht der Schneeschwinger schon mitten im ersten und letzten Schlussgang seines Lebens.

Nachtrag: Auf die schriftliche Frage des Blogwarts, ob er der Stadt diesen Prachtskerl modelliert habe, antwortet Francesco Rappa, er sei “unschuldig”.

Das blutte Zähni schlägt alles

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Es ist ja nicht so, dass ich beim Schreiben ständig daran denke, wie der Text, den ich gerade tippe, bei den Leserinnen und Leser ankommen wird. Aber gegen Ende Jahr einmal durch verschlungene Gänge in den dunklen Maschinenraum dieses Blogs hinunterzusteigen und dort, in der hintersten und finstersten Ecke, den Klick-Zähler abzulesen: das macht halt schon irgendwie Spass.

Die meistgelesenen Beiträge 2015 waren:

1) “Blutti Zähni” (14’733 Klicks)

2) “Offenbar geht es um Ihr Postfach” (13’220)

3) “Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren” (13’008)

4) “Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk” (11’561)

5) “Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne” (10’243)

6) “Überglückliche Fügung” (10’103)

7) “Unter Männern” (9’924)

8) “Ein flotter Dreier zum Dreiunddreissigsten” (9’894)

9) “Paradies in der Pampa” (9’705)

10) “Ein stierisch gmögiger Pfundskerl” (6’681)

Interessant ist: der Artikel, für den ich mit Abstand am meisten Zeit aufgewendet habe (nämlich der hier), schaffte es nicht einmal auf eine vierstellige Besucherzahl. Aber wie ich meine Pappenheimerinnen und -heimer inzwischen kenne, dürfte es von diesem Moment an nur noch eine Frage von Minuten sein, bis auch er dem Tausenderclub angehört.

Für Eure Zeit, Euer Interesse, Eure Zuschriften und Eure Anregungen danke ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, von Herzen. Auch wenn es noch ein paar Tage dauert: ich freue mich heute schon darauf, Euch auch im 2016 wieder in meinem virtuellen Stübli begrüssen zu dürfen.

Asta la vista

Florian Ast sagt (in einem mehrseitigen Interview* mit der Schweizer Illustrierten): «Mein Privatleben geht ja eigentlich niemanden etwas an.»

Und gibt sich entsprechend zugeknöpft, was sein Privatleben betrifft:

“Als mich Francine rauswarf, wusste ich nicht wohin. Deshalb habe ich eine Zeit lang hier im Hotel Krone in Sarnen gewohnt, wo ich die Leute gut kenne. In dieser Region habe ich auch mein Studio und wohne jetzt auch hier.” (…) “Ich war vorher acht Jahre mit meiner Frau zusammen und hatte in 37 Jahren zwei Beziehungen, die medial öffentlich waren. So schlecht ist das auch nicht. Da gibt es Männer, die viel mehr Frauen hatten. Aber ich schwöre, es wird eine dritte Frau in meinem Leben geben. Denn ich will nicht allein sein und glaube immer noch an die grosse Liebe.”
(Aus einem Interview mit der Aargauer Zeitung)

«Ich bin nicht der Casanova der Nation, bin nicht sexsüchtig und stehe auch nicht auf One-Night-Stands.»
(Aus einem Interview* mit der Schweizer Illustrierten)

«Ich schwöre, es wird eine dritte Frau in meinem Leben geben. Denn ich will nicht allein sein und glaube immer noch an die grosse Liebe.»
(Aus einem Interview* mit dem “Sonntag”)

“Ich koche sehr gerne. Das ist für mich kein Müssen. Und abwaschen tue ich auch. Ich erfinde selber Menüs. Scharfe Eigenkreationen. Ich bin eigentlich gar kein Macho.”
(Aus einem Interview mit der “Schweizer Familie”)

Die Frage ist: Wen interessiert das?

Und: Wer hat ein Interesse daran, dieses Interesse an allem, was mit dem und um den Mundartsänger herum passiert, bei Bedarf auch künstlich aufrecht zu erhalten?

Wen die unendliche Geschichte um “Flöru” interessiert, ist unschwer zu erraten: Es handelt sich um dieselbe – und überraschend grosse – Leserschaft, die mit der Effizienz eines frisierten Dyson-Staubsaugers jedes noch so kleine Krümelchen in sich aufnimmt, das vom Tisch der Prominenz fällt (oder besser: Was die Prominenz für sie sehr bewusst vom Tisch fallen lässt). Diese Menschen verfolgen die Irrungen und Wirrungen in Europas Königshäusern mit genauso grossem Ernst wie das unendliche Auf und Ab in den emotionalen Wellentälern der Cervelat-Prominenz.

Zu behaupten, dass diese Leserinnen und Leser alles glauben, was ihnen “die Medien” zum Teil stündlich vorsetzen, wäre (ziemlich) sicher übertrieben. Die regelmässigen Bulletins aus einer Welt, die für sie immer unerreichbar bleiben wird, geben ihnen jedoch eine merkwürdige Art von Halt nach dem Motto, “Ich weiss habe gelesen, dass WX Beziehungsprobleme oder YZ Schulden hat. Also bin ich.”

Womöglich ist es für Menschen, die schon durch das eine und andere finst’re Tal gewandelt sind, tröstlich, zu sehen, dass auch eine Prinzessin wegen ihres Mannes vom Kummer geplagt werden kann oder dass nebst dem eigenen Sohn auch ein “DSDS”-Kandidat Schwierigkeiten damit hat, erwachsen zu werden.

Diese Menschen verschlingen naturgemäss auch jede Zeile, die über Florian Ast und sein – in ihren Augen – bewegtes Dasein als Star “Star” veröffentlicht wird.

Diese Menschen sind exakt die Zielgruppe, auf die (längst nicht mehr nur) die Boulevardmedien schielen, wenn sie ihre Promischlagzeilen und -stories basteln.

Und diese Menschen haben natürlich auch die Stars und Sternchen vor Augen, wenn sie die Medien mit immer wieder neuen Sensationen aus ihrem Leben füttern, um sich irgendwie im Gespräch zu halten.

Nella Martinetti, Piero Esteriore, Gunvor Guggisberg: Ihnen und vielen anderen Berühmtheiten ist – abgesehen von einem extremen Hang zur Selbstdarstellung und einer Vorliebe für Bäder im Selbstmitleid – gemeinsam, dass sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit weniger wegen ihrer künstlerischen Fähigkeiten und Tätigkeiten verankert sind. Sondern vor allem wegen ihrer (zumindest für Schweizer Verhältnisse) kurvenreichen Biographien, die primär die Ringier-Medien durch Heerscharen von “People”-Reportern lückenlos dokumentier(t)en.

Martinetti würde vermutlich heute noch leben, wenn sie sich nicht hätte ganz sicher sein können, dass Ringier ihren Tod flächendeckend vermarkten würde. Esteriore steuerte sein Auto nicht in eine beliebige Türe; er lenkte ihn getreu der Devise “Näher mein Blick zu dir” in jene des Ringer-Pressehauses in Zürich. Gunvor Guggisbergs erste Karriere als Sängerin wurde von Ringier mit Pauken und Trompeten lanciert und wenig später mit Hammer und Amboss beendet.

Zum überschaubar kleinen und medial folglich omnipräsenten Kreis von Schweizer Prominenten gehört auch Florian Ast. Er kennt das Spiel mit der Öffentlichkeit seit Jahren. Nachdem die Nation – unter aktiver Mitwirkung der Direktbeteiligten – über jedes Detail der Trennung des Temporär-“Traumpaars” Bescheid wusste, sagte er gegenüber der Aargauer Zeitung: “Das gehört zum Business, obwohl ich diesen Teil eigentlich gar nicht mag.”

Daran, zur Trennung einfach nichts zu sagen und abzuwarten, bis “die Medien” die nächste Sau durchs Dorf treiben, hat der Sitzengelassene offensichtlich keine Sekunde gedacht. Ganz im Gegenteil: Ast war finster entschlossen, aus dem “Aus” soviel Kapital wie möglich zu schlagen. Denn auch er weiss: Schlechte Publicity ist besser als gar keine Publicity.

Nur: Das konnte er so natürlich nicht sagen; nicht vor allen Leuten, die Ende August seine neue CD kaufen sollen. Weil zu den ungeschriebenen Regeln des Spiels zwischen Promis und Medien gehört, dass das Objekt der Berichterstattung nie zugeben würde, gerne Objekt der Berichterstattung zu sein, beteuerte der Sänger im selben Gespräch mit der AZ, er “finde es nicht korrekt, wie unsere Geschichte in den Medien breitgewalzt wurde. Wir wurden ständig von Paparazzi belagert. Auch heute noch stehen Fotografen vor meinem Studio bereit. Das ist wie in Hollywood. Man glaubt es kaum, dass das hier in der Schweiz möglich ist. Wenn ich spazieren gehe, lauern sie mir auf und rennen mir hinterher. Oder dann wird bei mir zu Hause einfach mal eine TV-Kamera aufgestellt, Nachbarn werden belästigt. Grauenhaft! Horror!”

Zu den Regeln gehört auch, dass die Medienverantwortlichen jeden Verdacht, ihre Zugpferde mit Geld oder Gunst zu kaufen, weit von sich weisen. Stefan Regez, der Chefredaktor der “Schweizer Illustrierten”, sagte im Zusammenhang mit dem Fall “Ast” in der AZ: «Verträge und Abmachungen gibt es nicht. Schon gar nicht exklusive.» André Häfliger, der Doyen der Schweizer People-Journaille, wird etwas konkreter: «Mit Ast und Jordi arbeiten wir generell gut zusammen. Es sind gegenseitige Interessen.»

Florian Ast selber versichert: “Es gibt keine Exklusiv-Deals oder Abmachungen. (…) Was ich mit «Blick» und Ringier abschliesse, sind Medienpartnerschaften. Das heisst: Für mein Album und meine Konzerte werden Inserate geschaltet. Die Medienpartnerschaft hat aber auch Auswirkungen auf den redaktionellen Teil. Das ist aber für mich die eine gute Möglichkeit, dass in den Ringier-Blättern auch über meine Musik geschrieben wird.”

“…auch Auswirkungen auf den redaktionellen Teil” ist gut. Wie das Haus Ringier seinen redaktionellen Teil nutzt, um Kühe gleich herdenweise melken zu können, hat es unlängst demonstriert, als in Bern Wladimir Klitschko und Tony Thompson gegeneinander um den WM-Titel boxten. Zusammen mit dem Klitschko-Management hat die Ringier-Firma Infront den Kampf veranstaltet. Offizielle Medienpartner waren der «Blick» plus drei Ringier-Radiostationen. Um den Vorverkauf kümmerte sich die Ringier-Tochter Ticketcorner. Schon Wochen vor dem Kampf waren die Ringier-Blätter voll mit “Exklusiv”-Material über Wladimir Klitschko und den Mundartrocker Gölä. Dieser war für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung gebucht. Und brachte just in jener Zeit zwei neue CDs heraus. Die Gelegenheit, den Büezer-Rocker bei dieser Gelegenheit zu einem Nonplusultra der Schweizer Musikgeschichte hochzustilisieren, liessen sich weder Ringier noch Gölä entgehen.

“Was dem einen sein Boxmätsch, ist mir meine Trennung von Francine Jordi”, mag sich Florian Ast gedacht haben. Für ihn – und die beteiligten Medien – ging die Rechnung auf. Wenn seine CD erscheint, ist sein Name auch Zeitgenossen ein Begriff, die mit Mundartklängen nichts am Hut haben. Asts PR-Sekundanten Die Journalisten konnten – und können – ihre Leser weiterhin mit “Flöru”-Geschichten bei der Kioskauslage und auf ihren Online-Seiten halten. Die paar Kundinnen und Kunden, die sich über den Ast-Overkill beschweren: Geschenkt. Die bleiben der Zeitung wegen des Sudoku treu. Oder wegen des Sportteils.

Und falls das Interesse an Asts Privatleben dereinst wieder abflauen sollte: Irgendetwas ist ja immer. Irgendetwas wird immer sein:

(* Die Interviews sind online nicht verfügbar)

Der beste Stoff liegt vor der Haustüre

In meinem Briefkasten lag gestern ein dickes Couvert. Darin steckten ein paar Ausgaben des Wynentaler Blattes. Geschickt hat sie mir Martin Suter. Er ist seit gut einer Ewigkeit dessen Chefredaktor.

Sieben Jahre lang habe ich unter mit ihm für die “Lokalzeitung im Seetal, Wynental, Ruedertal, Suhrental, Michelsamt” gearbeitet. Ich berichtete über sensationelle Dorffeste, analysierte hochdramatische Fussballspiele, rapportierte emotionsgeladene Gemeindeversammlungen, interviewte Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Sport, lobpreiste Konzerte von einheimischen Musikschaffenden, blies lokale Gewerbeausstellungen zu Weltformatgrösse auf, ging tagelang der Frage nach, ob der Region eine Waschbäreninvasion bevorstehe und tippte mich – wie mein Chef auch – an den Rand der Erschöpfung, als der Pfeffiker Zigarrenfabrikant Kaspar Villiger als Nachfolger der über ein Telefongespräch gestolperten Elisabeth Kopp in den Bundesrat gewählt wurde.

Es war, um es mit der Band “Juli” zu formulieren, eine in jeder Hinsicht geile Zeit.

Und nun, 20 Jahre später, liegt wieder ein “Wynentaler” vor mir. Er sieht, von Nuancen abgesehen, tupfgenau gleich aus wie 1995, jenem denkwürdigen Jahr, in dem Monika Fasnacht mit dem “Donnschtig-Jass” tout Beinwil am See in helle Aufregung versetzte. Und damit auch uns Journalisten ordentlich auf  Trab hielt:

Gut (oder vielmehr, nicht gut): Die Auflage war, wie bei allen anderen Schweizer Zeitungen, schon beeindruckender als heute. Doch Konzessionen an all das, was hochbezahlte “Medienexperten” im sich lichtenden Blätterwald predigen, werden an der Zwingstrasse 6 in 5737 Menziken trotzdem keine gemacht.

Der Online-Auftritt des “Wynentalers” wirkt, als ob das Internet erst vorgestern erfunden worden wäre. Leserführung? Themengewichtung? Wozu auch. Wer das Wynentaler Blatt zur Hand nimmt, braucht keine Orientierungshilfen; er oder sie studiert es sowieso von zuvorderst links oben bis zuhinterst rechts unten. Von der allüberall grassierenden Kolumnitis blieben zumindest diese Zeitung und ihre Kundschaft verschont.

Während die Konkurrenz dem beruflich totalabsorbierten Leser und der atemlos zwischen Kita, Ballettschule und Fussballplatz hin- und herrasenden Leserin zuliebe auf immer kürzere Texte und grössere Bilder setzt, widmet der “Wynentaler” den 1. August-Feiern in seinem Stammgebiet je hundert Druckzeilen plus bis zu vier Fotos und damit durchschnitlich eine halbe Seite.

Auch wenn sich die Bundesfeiern und die nach wie vor zwingend dazugehörigen Ansprachen seit 1292 verblüffend ähneln, werden die Appelle ans vaterländische Gewissen pflichtbewusst notiert und möglichst schon im Titel zusammengefasst: “Heimat ist, wo man sich zuhause fühlt”, erfuhr das Festvolk in Teufenthal, “Achte jedes Vaterland – liebe das eigene”, hiess es in Schlossrued. “Zusammenschluss bedeutet nicht Gleichmacherei”, sagte eine Politikerin in Unterkulm. In Reinach erfuhren die Anwesenden bei Wurst und Wein und Bier und Brot, dass Gemeinden “ein gesellschaftfliches Juwel” seien. Anderswo zählten mehr die Äusserlichkeiten: “Gemütlich, familiär und mit Aussicht” wars in Beinwil am See, in Birrwil standen “Dickhäuter auf der Gemeindehauswiese”, in Oberkulm gabs “Sonne, heisse Rhythmen und ‘heisse’ Themen” und in Zetzwil eine “eindrückliche Festrede und Höhenfeuer”.


Doch nur aus 1. August-Abhandlungen besteht das vor mir liegende Exemplar nicht. Das ist insofern erstaunlich, als es für kleinere Zeitungen in der sommerlichen Nachrichten-Dürrezeit besonders anspruchsvoll ist, den grossen Leerraum mit möglichst Substanziellem zu füllen. Mit einem überaus “läsigen” Porträt des neuen Verkaufsladens der Fahnenfabrik Sevelen in Beinwil am See, einem stimmungsvollen und sehr hübsch illustrierten Text über ein Openair-Festival in Menziken, einem im Staatsarchiv recherchierten Rückblick auf das Unwetter 1804, Kürzestgeschichten über Ferienpass-Aktionen, Berichten über Sportanlässe sowie zig News aus Gemeinden, Vereinen und Kirchen segelt das WB scheinbar mühelos durch die Sommerflaute.

Beim Betrachten dieser Ausgabe beschleicht mich zunehmend ein etwas irritierendes Déja-vu-Gefühl. Denn jeder einzelne dieser Berichte hätte – wenn auch mit anderen Protagonisten – schon zu meiner Zeit genau so im “Wynentaler” stehen können. Es wiederholt sich offensichtlich alles. Immer und immer wieder.

Ich weiss gar nicht: Ist es für die Menschen eigentlich schön, in ihrem Dasein soviele Konstanten zu haben, oder ist es für sie eher mühsam, weil es ihnen zeigt, dass sich letztlich halt doch nur sehr wenig verändert? Dass sich ihr Leben ununterbrochen um die selben paar Fixpunkte dreht?

Ich tendiere zu Ersterem. Und merke gerade: Ich werde langsam alt.

In einem Punkt bin ich mir aber sehr sicher: Auch wenn sich die Leute zu jeder beliebigen Zeit über den Radioaktivitätsgrad in Japan oder die Blutwerte der Bayern-Spieler oder die für Weihnachten prognostizierte Niederschlagswahrscheinlichkeit im brasilianischen Regenwald ins Bild setzen können – über das, was vor ihrer Haustüre passiert, informiert sie in dieser Detailverliebtheit und mit diesem aufrichtigen Interesse für Menschen und deren Umfeld nur “ihre” Zeitung; zumindest vorläufig noch.

Diesen Trumpf spielt das Wynentaler Blatt wöchentlich zweimal aus. Und erfreut damit jedes Mal knapp zehntausend Abonnentinnen und Abonnenten plus unzählige Leser in Beizen, Wartezimmern und Zügen.

In diesem Sinne: Auf Wiederlesen im Sommer 2031! Und zwar auf Papier – und ja nicht im Netz.