Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

Inselleben (VIII)

Tag 7, neulich

Was dem Wintersportler das muskelerwärmende Einturnen vor der Abfahrt, ist dem Blogleser das gehirnlockernde Quiz vor der Lektüre.

Also: Wer entdeckt die drei Unterschiede (Schlaumeier aufgepasst:: Die Farbe des Himmels zählt nicht!)?

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Sehr gut. Dann bummeln wir jetzt zum Hotelpool. Dort liegen über Mittag allerlei Leute herum, die sich bei weit über 30 Grad im nicht vorhandenen Schatten viel Interessantes zu sagen haben:

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Mann um die 40, in türkisblauer Badehose (M40): “…da sag ich: Nö. Machen wir nicht.”

Mann um die 60, in schwarzer Badehose, mit Ferrari-Chäppi (M60): “Richtig.”

M40: “Nö. Machen wir nicht, sag ich. Geht nicht.”

M60: “Richtig.”

M40: “Darauf er: Warum nicht? Darauf ich: Weil wir das nicht machen. Bringt nix.”

M60: “Richtig.”

M40: “Kannst du dir das vorstellen? Siehst du, was ich meine? Bringt einfach nix.”

M60: “Sicher.”

M40: “Also. Er wieder: Und was sagt die Brigitte? Ist sie noch da, die Brigitte? Was sagt sie? Darauf ich: Brigitte sagt auch, besser nö. Auf keinen Fall, sagt sie.”

M60: “Richtig. Richtig.”

M40: “Der hat das nicht kapiert, verstehst du?”

M60: “Sicher.”

M40: “Ich meine, wie oft muss ich jemandem sagen, das machen wir nicht, bis er…”

M60: “…sicher.”

M40: “Jedenfalls, er wieder: Darüber reden wir noch. Darüber müssen wir noch reden, später mal. Darauf ich: Nö, müssen wir nicht. Ganz bestimmt nicht. Nicht darüber. Für uns ist alles klar. Machen wir nicht.”

M60: “Richtig.”

M40: “Darauf er: Schade. Schade. Hätte man machen können, denke ich. Denke ich immer noch. Aber wenn ihr…” Darauf ich wieder: Nö, machen wir nicht. Bringt nix.”

M60: “Richtig.”

M40: “Nicht zu glauben, nicht?”

M60: “Ja. Ist so.”

M40: “Ich brauch ein Bier. Du?”

M60: “Sicher.”

***

Mutter, um die 30: “Chum use, Meik!”

Bub, vielleicht 6:

Mutter: “Meik! Chum jetz use!”

Bub:

Mutter: “Meik! Michi!”

Bub:

Mutter: “Chunnsch jetz use?!?”

Bub:

Mutter (zum Mann nebenan): “Du, de Meik chunnt nid use.”

Mann nebenan:

Mutter: “Meik!!!!!”

Mann (tut, als ob er gerade aus dem Koma erwacht wäre): “Was isch?”

Mutter: “De Meik chunnt eifach nid use. Hanims jetz scho tuusig Mal xeit.”

Mann: “Dänn söler halt drinblibe.”

Mutter (schüttelt den Kopf): “Meik!”

Bub:

Mutter (zum Mann; verzweifelt): “Är chunnt nöd. Säg öppis!”

Mann (zur Mutter; genervt): “Was söli säge?”

Mutter: “Är söl usechoo, dänk!”

Mann (Richtung Wasser, an niemanden bestimmten gerichtet): “Söllsch usechoo.”

Bub:

Mutter (zum Mann; ungläubig): “Das glaub ich eifach nöd!”

Mann (zur Mutter; schon wieder halb im Koma): “Was glaubsch nöd?”

Mutter (zum Mann; stinksauer): “Wie du…”

Mann (zur Mutter; betont gelassen): “Was, wie du?”

Mutter (zum Mann): “Ich ha dir xeit, söllschem säge, är söl usechoo.”

Mann (zur Mutter): “Hanims ja xeit.”

Mutter (zum Mann): “Aber nid richtig.”

Mann (zur Mutter): “Dänn sägems doch du richtig.”

Mutter (zum Mann; bis zu ihrem Zusammenbruch kann es nicht mehr so lange dauern, wie es schon gedauert hat): “Nei, du muesch. Du bisch de Vatter.”

Mann (zur Mutter): “Ja, ja.”

Mutter (zum Mann; schnappatmend): “Du weisch genau, das ich das Ja, ja nid mag haa! Mags würkli nid verliide, und doch bringsches immer wider!!!”

Mann (wegdösend): “Tami, isch das gmüetlech hütt.”

Mutter (zum Bub; als ob hinter ihm soeben eine dreieckige Flosse aufgetaucht wäre): “Meik! Chum use!!!”

Bub:

***

Nachtrag zum Beitrag von gestern: Die Arbeiten am Nachbarhaus der Poolanlage schreiten flott voran, wie ein erneuter Augen- und Ohrenschein auf der Baustelle heute Morgen zeigte:

Wenn das in diesem Affenzahn weitergeht, können die Touristen nebenan ihre Ferien schon in wenigen Monaten wieder in aller Ruhe geniessen.

Aus dem Leben eines Playaboys (IV)

Er kam ohne Warnung: Der Einschlag von vier Japanern Chinesen Koreanern Asiaten auf dem Westflügel des Hotelpools riss auch mit ausgeschalteten Hörgeräten dösende Gäste aus ihrer wohligen Lethargie.

Seither ist nichts mehr, wie es einmal war. Hinlegen, Augen schliessen – schon fühlt man sich wegen des ununterbrochenen und zuweilen fast unverständlichen Geschnatters aus Fernost wie an einem gigantischen Ententeich statt in einer Oase der kollektiven Kontemplation.

Die Schweizer Fraktion unter den Umliegenden nimmts gelassen: Morgen früh schlottert das Quartett ein paar Lawinen vom Jungfraujoch oder knipst das Kolosseum in Rom in handliche Stücke (nein: Nicht “oder”. “Und”.).

Am Nachmittag – die Asiaten sind nach dem Trip ins Berner Oberland und einer für alle Beteiligten unvergesslichen Reise nach Rom im Basislager zur Eiffelturmspitze angelangt, ohne ein Gesicht oder eine Kamera verloren zu haben; Letzteres wäre eine Katastrophe – treffen sich die von den Ereignissen etwas überrumpelten Spitzen des Römer Tourismusbüros auf den Trümmern des Kolosseums zur Lagebesprechung:

– “Und jetzt? Was machen wir jetzt?”

– “Kasse. Soviel Kasse wie noch nie.”

– “Bene. Wieviel haben die Berliner damals für un piccolo pezzo Mauer verlangt? 10 Mark? Machen wir 50!”

– “Bei den Viagravorräten des Berlusconi! Du kannst doch nicht die Mauer mit dem Kolosseum vergleichen! Wie lange stand das eine? Wie lange ist das andere schon da? 100, Minimum. Plus Steuern, Zoll und alles.”

– “Gut. 500.”

– “500 was? Euro?”

– “Das sehen wir dann. Kommt auf die Griechen an. Irgendwie kommts ja immer auf die Griechen an.”

– “Merda!”

– “Hat übrigens jemals ein Kaiser auch nur einen Fuss auf die Mauer gesetzt?”

– “Nein. Aber Kennedy.”

– “Das ist etwas anderes. Kennedy ist tot.”

– “Caesar auch.”

– “Wie gesagt: Das ist etwas anderes. Kennedy ist Kennedy. Caesar ist Caesar. Und ich bin hier der Chef.”

– “Naturalmente. Ich meinte ja nur.”

– “Also. Mit Steuern, Zoll, Caesar, Nero, den Christen und den Löwen und so weiter: 800.”

– “Runden wir auf. Touristen haben sowieso nie Münz. Und wenn doch, schmeissen sies in den Brunnen von dieser Ekberg. 1000.”

– “Pro Stein?”

– “Pro Eintritt. Die Steine kosten extra.”

(In den wachsamen Augen ganz sensibler Zeitgenossen mag das mit den Asiaten vielleicht chli rassistisch erscheinen. Nun denn: Verklagt mich doch. Denkt einfach daran: Ich blogge hier unter iberischer Flagge in königlich-spanischem Hohheitsgebiet. Viel Spass mit den Rechtshilfeersuchen!)

Zurück zum Pool. Eigentlich wollte ich heute die wenigen geschriebenen und vielen ungeschriebenen Regeln, denen das Dasein an demselben unterworfen ist, zum Mittelpunkt meiner Ausführungen machen. Im Kopf hatte ich, wie sich das für einen gewissenhaften Journalisten auch im temporären Ruhestand gehört, schon einen packend-informativen Einstieg vorformuliert und mir etwelche Mühe gegeben, dabei nicht allzusehr ins Boulevardeske abzugleiten:

“Das Areal rund um den Hotelpool ist eine Welt für sich. Nirgendwo sonst – nicht einmal im Bundes- oder einem anderen Rat – wird so fies intrigiert, skrupellos geellböglet, hinterhältig taktiert, ungeniert geschnödet oder kurz: um den eigenen Vorteil gerungen wie an diesem Wasserbecken, an dem nicht wenige ihre kompletten Ferien durchstehen, -liegen und -höcklen, obwohl sie sich in Zürich-Kloten noch so darauf gefreut hatten, jetzt endlich einmal “das andere Gran Canaria” zu entdecken. Das mit dem Essen bei Eingeborenen samt Ritt auf Pablito, dem eigens dafür gezüchteten Eseli.”

Am Beispiel des Liegenbesetzens by Badtüechli zu nachtschlafener Stunde wollte ich aufzeigen, wie idiotisch sich äusserlich völlig normal wirkende Leute aufführen, wenn es darum geht, sich die Poleposition am Pool zu sichern. Aber dann bemerkte ich am Beckenrand dieses Schild:

(Brille verlegt? Kontaklinsen verloren? Auf der Tafel steht in sämtlichen gängigen Weltsprachen, es sei verboten, die Liegestühle vor 9 Uhr morgens zu okkupieren.)

Damit war meine Geschichte natürlich gestorben.

Glaubte ich…

…bis ich um kurz nach 5 waseliwas sah?

Um Missverständnissen vorzubeugen und dem sicher auch hier mitlesenden Geheimdienst mit aller gebotenen Deutlichkeit klarzumachen, dass ich null Interesse an einem Jobangebot habe: Ich stand nicht extra so früh auf, um zu kontrollieren, ob amänd doch schon ein Liegestuhl besetzt sei. Ich bin um diese Zeit immer puurlimunter und platze schier vor Tatendrang.

Was nun? Sollte ich die Geschichte wiederbeleben? Oder in Frieden ruhen lassen? Sind auch für Geschichten Wiedergeburten denkbar? Was, wenn sie auf einmal in Form eines Hinterdenkulissenberichts aus dem Musikantenstadl vor mir steht?

Während ich versuchte, mich zu einer Entscheidung durchzuringen, fielen die Mitbewohner des Hotels über das Zmorgebuffet her wie Piranhas nach dem Ramadan über eine frisch geschächtete Kuh und plünderten die bis zum Rand mit süssen und sauren und scharfen und milden und fetten und gesunden Köstlichkeiten gefüllten Hochglanzbecken bis auf die letzte Haferflocke.

Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. Ich wurde ganz konfus: Nebenan ging die Dusche los. Ein Auto fuhr vorbei. Die Hotelkatze hob den Kopf. Draussen bestellte ein Mann aus dem Land Goethes und Grönemeyers, beherzt seinen ganzen Fremdwörterschatz plündernd, “una Serwessa mas!” (alle Männer bestellen hier immer “una Serwessa mas”, egal, was für Zeit ist, und unabhängig davon, obs der Gemahlin passt oder nicht. Ich bleibe beim agua mineral. Wenn ichs an der Bar richtig krachen lassen will, darfs auch mal ein Cola Zero sein). Laut klopfend begehrte das Zimmermädchen (“Zimmermädchen” ist ein gutes Stichwort: Heissen die Zimmermädchen immer noch Zimmermädchen? Oder gibts es nun auch dafür einen jedes Visitenkartenformat verhöhnenden Fachbegriff im Sinne von “Junior Vice Consultant Underwriter in the Back Office of the Room Service & Cashuality Affairs Department at Parque Tropical Hotel, Playa del Inglés, Gran Canaria?”) Einlass in Camera 120.

Ich tat, was ein Mann in solchen Situationen eben tun muss: Ich ging zum Strand. Untewegs zählte ich die Palmen. Als ich unten angekommen war, hatte ich die Sache mit der Geschichte vergessen.

“Comes a time”, sang Neil Young mit seinen “Crazy Horse” 1978 (für Zeitgenossen mit ramponiertem Kurzzeitgedächtnis):

Genau der Neil Young, der mit seiner Band soeben das Album “Americana” produziert hat, das “fantastisch”, “grossartig”, “zeitlos”, “wegweisend” “epochal” oder “grandios” nennt, wer the british art of understatement zu schätzen weiss, dieser Neil Young also sagte im Zusammenhang mit Poolliegestühlen und Woodstock einmal…

…Mist. Jetzt habe ich den Faden verloren.

Jedenfalls: Gestern Abend stieg, von den aus diesem Anlass ganz besonders hell strahlenden Sternen beschienen, die von allen mit einer fast schon fiebrig zu nennenden Vorfreude herbeigesehnte grosse Schlagersause. Weil ich keine anderweitigen Projekte hatte, nahm ich in dem grossen Openairrestaurant irgendwo Platz, wos grad noch Platz hatte, und liess mich, im Beisein von sechs oder sieben anderen Zuhörerinnen und Zuhörern (darunter ein Hotelkoch und eine Serviertochter) auf eine Zeitreise durch die letzten Jahrzehnte entführen: “Anita”, “Blue blue, blue Johnny blue”, “La paloma blanca”, “Ein Stern, der deinen Namen trägt”…unsere kleine Schicksalsgemeinschaft wurde von der mit voller Wucht über uns hinwegrollenden musikalischen Schleimmasse beinahe von den Sitzen gespült.

Auch oder gerade weil das Duo konsequent auf mindestens Halbplayback setzte und gänzlich darauf verzichtete, Liedgut von George Michael, Phil Collins und James Blunt zum Vortrage zu bringen, verbuchte ich das als grande Spettacolo angekündigte Geschrummel als nette Abwechslung im ansonsten doch eher spettacolofreien Ferienalltag.

Wie die Künstler heissen, ist mir über Nacht entfallen. Dafür weiss ich noch, dass sie einen schwarzen Minijupe trug und er eine Frisur hatte, die vor 30 Jahren topmodern gewesen sein musste.

“Topmodern”…”topmodern”…ach ja: Das Lied von Neil Young! Auf “Comes a time” kam ich (vermutlich) nicht wegen des Pools, sondern, weil für die time des Abschieds von diesem Fleckchen Erde mit fast chli beunruhigend grossen Schritten naht. Noch heute, morgen, übermorgen – und schon ist wieder fertig Lustig.

Weitere Ferienpläne? Momoll, die gibts.

Aber eher für später.

Nachtrag: Ich sehe gerade – es gibt sie noch, die Zimmermädchen.

(Morgen live von der Insel: Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.)

Bereits erschienen:

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”.

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht.”

Fanpost und der Versuch einer Antwort

Oha – die erste Beschwerde:

“Eigentlich ist es schade für mich, dass du jetzt beruflich blogst“, schrieb mir heute Abend eine treue Leserin. “Da weiss ich gar nichts mehr von dir, und dass mich die vielen, vielen Filmli nicht so interessieren, wirst du verstehen. Nichts mehr von leeren Tassen auf dem Tisch oder von Gags rund ums Haus – nur noch Musik und Klatsch…..Du machst das ja nicht für mich, aber mir entgehen viele Freudeli, die ich mir am Abend vor dem Ins-Bett-Gehen habe zu Gemüte führen können”, teilte mir die Frau mit, die ich auch im realen Leben ab und zu sehe, deren Namen ich hier aber auf keinen Fall und auch nicht unter tagelanger Folter mit Lena-Songs verraten würde.

Ich kenne die Frau nach 45 Jahren, drei Monaten und ein paar Tagen inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie mir, eigentlich, etwas ganz anderes schreiben wollte. Eigentlich sagte sie mir auf diese Weise durch einen ganzen Blumenladen, dass ich mich nun schon seit einem geraumen Weilchen nicht mehr gemeldet habe, was an sich kein Weltuntergang sei, weil auch sie durchaus noch Sinnvolleres zu tun habe, als die Tage neben dem Telefon sitzend auf einen Anruf von mir wartend zu verbringen, aber nett wärs halt doch, wenn man wieder einmal wüsste, wies im fernen Burgdorf und Zug und Bern so läuft und geht und steht und überhaupt und alles.

Nun denn. Packen wir den Klatsch ein und über das Privatleben aus:

Mein absoluter Höhepunkt der letzten Tage war das Konzert der “Halunke” in Baden (die “Halunke”, liebe Leserin, sind Ihnen bestens bekannt. Irgendwo bei Ihnen daheim liegt eine signierte CD von den Jungs, die sich sehr darüber gefreut hatten, die CD für Sie zu unterschreiben). Im “Fjord” herrschte eine tolle Stimmung unter lauter aufgestellten und vielen aufstellenden Leuten. Die Band war tiptopp zwäg; nur der Drummer sass halb tot hinter seinem Schlagzeug und überstand den Abend nur dank einer aus dem Publikum dargereichten Megaportion Neocitran einigermassen bei Sinnen.

Als aufmerksamer Ehemann in spe kaufte ich meiner zukünftigen Gattin ein nigelnagelneues “Halunke”-T-Shirt:

Anschliessend übernachteten Chantal und ich bei den zwei besten Trauzeugen der Welt. Am nächsten Morgen fuhren wir in aller Herrgottsfrühe zurück nach Burgdorf. Dort legte sich mein Schatz mit einer zünftigen Erkältung für den Rest des Wochenendes ins Bett.

Das wärs eigentlich schon. Das heisst: nein, noch nicht ganz.

“Aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über die Ausrichtung des Projekts” (so würden das professionelle PR-Leute formulieren) bin ich neulich aus dem OK des Burgdorfer Stationentheaters ausgestiegen. Über die genauen Umstände haben die Parteien “Stillschweigen vereinbart” (noch so ein Schmuckstück aus der Schatzkiste der Textbausteine-Verwerter). Ich werds überleben, das Theater wohl auch. Also: kein Grund zur Sorge.

Die Hirnerschütterung, um noch kurz in die medizinische Ecke zu gucken, ist auf Nimmerwiederspüren versurrt. Gebrochen ist aktuell nichts, weder im Kopf noch in den darunterliegenden Etagen. Man kann sagen: Ich bin wie neu, nur knapp ein halbes Jahrhundert älter.

In der Bude läufts prächtig. Was immer ich mir im letzten Sommer von meinem Wechsel von Burgdorf nach Bern erhofft hatte, ist eingetroffen. Ich habe lässige Gspändli. Zwei davon hielten mir heute Nachmittag für ein Bild hin, nämlich Benno Kislig und Franziska Zaugg:

(Wer bemerkt die zehn Unterschiede?)

Projekte und Pläne gibts selbstverständlich auch. Am nächsten Samstag kommen uns meine Eltern in Zug besuchen, worauf wir uns wirklich sehr, sehr ausgesprochen freuen. Wir bekochen sie indisch. Weiter will ich noch das Weihnachtsgeschenk 2010 für meinen Göttibuben posten, das er australienbedingt immer noch nicht erhalten hat.

Mitte März spielt Steve Lukather in der Alten Mühle Hunziken in Rubigen. Das liegt direkt hinter dem Ende der Welt und ist mit dem ÖV unmöglich zu erreichen. Ich habe deshalb meine über 150 Facebook-Freundinnen und -Freunde gefragt, ob mich jemand, der oder die automobiler ist als ich, begleiten wolle, aber kein Schwein rief mich an, kein Schwein nimmt mich mit.

Und dann ist da noch was: Am 2. April bin ich, zusammen mit drei anderen Autorinnen und Autoren, für eine Krimi-Lesung auf der Bäregghöhe engagiert. Am selben Abend findet der Polterabend von deinem anderen Sohn meinem Brüetsch statt. Ich muss das irgendwie organisieren, weiss aber noch nicht genau, wie. Gäbig wäre, wenn Chantal und ich an jenem Wochenende den Golf meiner Eltern haben könnten.

Ich frage die beiden glaub einfach mal, wenn sie am Samstag zu uns zum Essen kommen.

In flagranti

Für alle, die beim “Halunke“-Gig im Badener Nordportal nicht mit von der Partie sein können:

So sieht das aus, wenn sich die Jungs mit ihrer “Souerei” im Gepäck an die Arbeit machen…

…und so, wenn sie dann – endlich – auf der Bühne stehen:

(Wobei – es geht auch eine Nummer grösser):

Übrigens: Hier ist – ja, ja: leicht verspätet – noch das Interview, das meine Bald-Schwägerin im Rahmen des “Best Talent“-Wettbewerbs von DRS3 mit Ober-Halunke Christian Häni führte, obwohl oder gerade weil er und sein Gitarrist Simon Rupp “gar ke Zyt” hatten:

Musicnight vom 24.09.2010

(Den Roadmovie ganz oben hat Anja Häni-Gottmann gedreht)

Der helle Weihnachtswahnsinn

Weihnachten in Australien: das ist so ein Mythos von Barbecues im weissen Strandsand und jungen Leuten mit lustigen Samichlausmützen auf den Köpfen, die sich neben einem kleinen Plastiktannli mit eisgekühltem Bier zuprosten, während die Sonne blutrot flackernd hinter den schäumenden Wellenkämmen mit den dreieckigen Haiflossen drauf am wolkenfreien Horizont versinkt.

Tatsächlich ist Weihnachten auch in Australien: vor allem ein huere Gstürm. Wer es auf den verstopften Highways nach Stunden in die Stadt geschafft hat, steht vor gigantischen Warenhäusern endlos Schlange. Drinnen: Weihnachtslieder vom Endlosband plus Legionen von Last Minute-Shopperinnen und -Shoppern am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Besinnlichkeit? Ruhe? Innere Einkehr? Chasch dänke.

Wer schenkt wem was, was er oder sie ihm oder ihr nicht schon letztes Jahr geschenkt hat und was er oder sie nach den Feierlichkeiten sogar gebrauchen könnte? Das ist die grosse Frage, die nicht nur die Leute in Burgdorf, Zug und Baden, sondern auch die Bevölkerung von Sydney und Umgebung umtreibt.

Jene wenigen, die nicht mit Einkaufen beschäftigt sind, machen sich anderweitig nützlich: Sie dekorieren das Haus bis an die Grenze zur Hauptstrasse mit Myriaden von bunten Blinklichtern an kilometerlangen Kabeln, montieren elektrische Esel und Ochsen aufs Dach oder sammeln, als Rentiere verkleidet, Geld für krebskranke Kinder.

Einig ist allen, dass sie finden, heuer seis mit dem Feiertagsstress ganz besonders gestört. Und dass jeder fest davon überzeugt ist: Mit seinen paar Einkäufchen und den paar Lämpchen an der Fassade gehört er oder sie nicht zu den (schein-)heiligen Hysterikern, die diesen Wahhnsinn immer mehr ins fast Unerträgliche weitertreiben.

Weihnachten in Australien ist also genau wie Weihnachten in der Schweiz – nur ohne Schnee und bei 30 Grad im Schatten. Immerhin.

Schwarz auf Gelb

Im Kurtheater Baden hängt dieses Plakat:

Die Frage ist: Wie reagiert man politisch korrekt, wenn man das sieht?

Empört?

Entsetzt?

Schockiert?

Oder darf man – ganz verstohlen und nur, wenn niemand in der Nähe ist – kurz schmunzeln, ohne gleich als Rassist abgestempelt zu werden?