Ohne Worte, ämu fast

Die Beatles verewigten sie in “A day in the life”, Deep Purple führten darin ihr “Concerto for Group and Orchestra” urauf, Pink Floyd bekamen Hausverbot, weil sie in dem 1871 eingeweihten Bau echte Kanonen abfeuerten, Cream traten dort ein letztes Mal auf, Eric Clapton verkaufte sie über 200 Mal aus, Al Green war ebenso da wie B.B. King und Bob Dylan und Joe Bonamassa und Phil Collins und Mark Knopfler undsoweiterundsofort; wer die Bilder in den rund um die Arena führenden Fluren betrachtet, erstarrt beinahe vor Ehrfurcht, und jetzt spielten Toto zur Feier ihres 40-jährigen Bandjubiläums in der Royal Albert Hall in London, und mein Schatz und ich waren dabei, und auch wenn der Begriff “Once in a lifetime-experience” für manche vielleicht chli gar übertrieben klingen mag: Für Chantal und mich wars eine, und für die Musiker hörbar auch, und für die anderen 9000 Fans ebenfalls, und ehrlich gesagt, weiss ich jetzt – ich bin immer noch halb in Africa und versuche, the line zur Realität zu holden – gar nicht so recht, wie ich beschreiben soll, was ich an diesem Abend des 1. April 2018 über zwei Stunden lang dachte und, vor allem, fühlte; es hat keinen Sinn, nach Worten für etwas zu suchen, wofür es keine Worte gibt (Will Lavin hat sich auf jow.co.uk in dieser Hinsicht mehr Mühe gegeben, aber irgendwie ist auch er gescheitert, wobei: Mit “The night had it all” traf ers nicht schlecht).

Vorne, bei den Vollidioten

Für ihre Plätze im “Golden Circle” des Zürcher Hallenstadions hatten die Leute je 140 Franken bezahlt. Weitere 150 Euro blätterten manche von ihnen für die “VIP-Experience” hin. So heisst das Privileg, vor dem Toto-Konzert beim Soundcheck dabeisein zu dürfen. Anschliessend signieren die Bandmitglieder T-Shirts, Chäppis, Poster und Platten und halten am Ende für ein Erinnerungsbild mit ihren solventen Fans hin:

(diese Aufnahme klaute ich von der Facebook-Seite des Toto- und Steve Lukather-Fanclubs. Sie entstand in Italien, hätte aber auf jeder beliebigen anderen Station der “40 Trips around the sun“-Tournee geschossen werden können).

Minuten, bevor es auf der Bühne losgeht, sitzen sie mit ihren Handys im Anschlag auf ihren Stühlen. Kaum fällt der Vorhang, schiessen sie auf, recken die Arme in die Höhe und filmen, was das Zeug hält. “Alone”, “Hold the line”, “Lovers in the night”, “Spanish Sea”: Einen Song nach dem anderen halten sie mit ihren Kameras für die Ewigkeit fest.

Mit den 300 Stutz, die sie für diesen Abend hingeblättert haben (die Kosten für ein paar Cüpli, das Parkhaus und allerlei Merchandising-Artikel sind darin noch nicht eingerechnet), sicherten sie sich offensichtlich auch das Recht, sich in der Halle ohne Rücksicht auf die gängigsten Anstandsregeln aufzuführen.

Die Angehörigen des hinter ihnen platzierten Pöbels sehen ausser abstehenden Ohren, fast haarfreien Hinterköpfen und verschwitzten Unterarmhöhlen nichts mehr. Sich ebenfalls erheben mögen sie aus Rücksicht auf die Zu”schauerinnen” und -“schauer” in den Reihen 4, 5, 6 ff. nicht, und überhaupt: Um das Konzert stehend geniessen zu können, hätten sie nicht zwingend Sitzplätze zu buchen brauchen.

Irgendwann haben die Hobbyfilmer ein Einsehen oder Krämpfe in den Waden. Man hat jetzt freien Blick auf die Band und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass das bis zum Schluss so bleibt, aber chasch dänke: Kaum erklingen die ersten Akkorde des nächsten Hits, baut sich die Wand aus Jacken und Hemden und Mobiltelefonen wie von alleine erneut vor einem auf.

Ich bin sicher (und hoffe inständig): Wenn die Leute nach Hause kommen und von ihren Lieben gefragt werden, wie es so war, das Konzert, sagen sie: “Keine Ahnung. Ich muss zuerst auf dem Handy nachschauen.”

Dann öffnen sie ihre Film-App, klicken sabbernd vor Vorfreude auf “Play” – und bekommen ausser einem undefinierbaren Krach nichts zu hören und abgesehen von heillos überbelichteten Musikern auch nichts zu sehen.

Alles im Lot

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Los gehts mit “Frau ich freu mich” (vom 1982 erschienenen Album “Für usszeschnigge”) und weiter mit “Ne schöne Jrooss” (1980), “Nix wie bissher”, “Anna” (beide aus dem Jahr 1992), “Fortsetzung folgt” (1988) und “Aff und zo (2001), und dann ist die BAP-Maschinerie soweit warmgelaufen, dass Wolfgang Niedecken (Gesang und Gitarre), Michael Nass (Keyboards), Ulrich Rode (Gitarre), Werner Kopal (Bass), Sönke Reich (Schlagzeug) und Anne de Wolff (zig Instrumente) sich daran machen können, mit der “Ballade vom Vollkasko-Deperado”, “Alles relativ”, “Absurdistan” und “Vision von Europa” aktuelles Liedgut von der CD “Lebenslänglich” zu präsentieren, aber irgendwie…nun…irgendwie wollen die rund 800 Fans im Basler Rhypark letztlich halt doch nur das eine, nämlich: abtauchen in die guten, alten Zeiten, und weil Niedecken, wie er schon zu Beginn des Konzertes gesagt hat, “natürlich genau weiss, was ihr am Liebsten habt”, zündet die Band daraufhin das komplette Hitfeuerwerk mit “Jraduss”, “Do kanns zaubere”, “Kristallnaach” und allem, und auch wenn jene BAP, welche an diesem Abend auf der Bühne stehen, mit jenen BAP, die vor 40 Jahren damit begannen, die Musikwelt auf Kölsch zu erobern, nur noch den Gründer Niedecken gemeinsam haben, fägts nach wie vor, als wenn et jestern woo, dass sie am 4. November 1988 für Schweissausbrüche in der Luzerner Festhalle sorgten, oder dass sie am 24. Februar 1991 das Zürcher Volkhaus vier oder fünf Stunden lang in Grund und Boden rockten und rollten und kammermusizierten, und fast wie bestellt wechselt sich Sozialkritisches alle paar Minuten ab mit Hochpolitischem und Zuckersüssem, und wer den Menschen, wenn die Scheinwerfer von der Bühne weg ins Publikum strahlen, in die Gesichter schaut, und wer beobachtet, mit wieviel ungekünstelter Freude die Band sich durch ihr endlos scheinendes Repertoire fidelt, kommt irgendwann zum beruhigenden Schluss: Im Grunde genommen ist “Alles im Lot”, solange BAP alle Jubeljahre wieder eine neue Platte aufnehmen und damit die Lande bereisen, auch wenn ihre ganz, ganz grossen Tage inzwischen verdamp lang her sind; oder vielleicht gerade deshalb.

Der Stehaufmann

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Ein Konzert von Hanery Amman mitzuerleben: Das ist, wie mit seinen besten Freunden Geburtstag zu feiern und alle fünf Minuten ein noch tolleres Geschenk auspacken zu dürfen. Oder, wie in einer Zeitmaschine zu sitzen und durch vergangene Jahrzehnte zu reisen.

“Teddybär”, “D Rosmarie und i”, “Musig wo’s bringt”, “Rote Wy”… der Mann mit den chli schütteren grauen Haaren, der am 27. Brienzersee Rockfestival auf die Bühne schlendert, als ob er zur Helferequipe gehören würde, hat die Mundartmusik geprägt wie kein anderer vor und nach ihm.

Teenager kennen seine Songs ebenso auswendig wie deren Eltern und Grosseltern. Was Hanery Amman geschaffen hat, gehört zum helvetischen Volksgut und wird in Schulen gesungen und in Pfadilagern und an Hochzeiten und Abdankungen landauf und -ab. In seinem Heimatort Interlaken wurde ein Platz nach ihm (und Polo Hofer) benannt; die aus seiner Feder erblühten “Alperose” wurden von den Zuschauerinnen und Zuschauern des Schweizer Fernsehens zum “grössten Schweizer Hit aller Zeiten” gewählt.

Hanery Amman ist – so abgedroschen der Begriff inzwischen sein mag – eine Legende, schon zu Lebzeiten, und bräuchte längst niemandem mehr etwas zu beweisen, ausser vielleicht sich selber. Aber auch das ist nicht sicher: Viel Aufhebens um sich und sein Schaffen zu machen, ist Hanery Ammans Sache nicht.

Dafür gibt es nur wenige kunstschaffende Zeitgenossen, um die sich soviele Mythen ranken wie um den “Chopin des Oberlandes” (wie Hofer seinen alten “Rumpelstilz”-Kumpel” einst genannt hat). Leute, die ihn näher (zu) kennen (glauben), sagen, er sei launisch, mürrisch, unzugänglich, eigenbrötlerisch und stur bis zur Verbissenheit. Er schlafe wegen seines Tinnitus so gut wie nie, komponiere grundsätzlich nackt und horte im Keller seines Daheims unzählige Songs, für die etliche seiner Berufskollegen töten würden, denke aber aus unerfindlichen Gründen nicht im Traum daran, damit ins Studio zu gehen, um sie für die Nachwelt zu konservieren.

Im Jahr 2000 erschien sein bisher letztes Album. “Solitaire” gehört zum Intimsten, Eindrücklichsten und Berührendsten, was ein Musiker hierzulande je produziert hat. Die CD wirkt vom ersten bis zum letzten Ton wie ein Vermächtnis. Amman beschäftigt sich darauf dermassen intensiv und offen mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens, dass jedermann, der sich das Werk anhört, ahnt oder weiss: Hier kehrt jemand sein Innerstes nach aussen, um einerseits von seinen Erfahrugsn zu berichten, und um andrerseits seinen Mitmenschen etwas mit auf den Weg geben zu können, von dem sie noch lange zehren dürfen. “Wenn die Schweiz eine Musik verdient hat, dann diese”, befand die “Weltwoche” damals.

Sehr lange konnte sich Hanery Amman auf den Lorbeeren für sein Opus Magnum nicht ausruhen. 2007 wurde bei ihm Krebs diagnostizert. Es folgten Operationen, Chemotherapien und dicke Schlagzeilen, und wenn man mit jemandem zusammensass, der Hanery in den letzten Monaten getroffen haben könnte, lautete die erste Frage an ihn oder sie immer, “wie gehts ihm?”, und die Antwort darauf mit trauriger Regelmässigkeit “schon recht, aber es ist natürlich noch lange nicht vorbei”.

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Ganz von der Bildfläche verschwand der Musiker aber nie. Immer wieder gab es Gerüchte um ein Comeback, und ab und zu trat er sogar irgendwo auf. Zu seinem 60. Geburtstag vermachte er seinen Fans “als Dankeschön fürs Warten” gratis das Lied vom “Waldgeischt”. Für die Hip-Popper Halunke, die ihre Wurzeln ebenfalls im Oberland haben, veredelte er spielend und singend “Hopfe und Malz” auf deren Silberling “Houston, we are ok”.

Ansonsten wurde es um Hanery Amman aber immer ruhiger. Und schliesslich sogar beängstigend still.

Und jetzt – jetzt höckelt er an seinem Elektropiano und spielt sich, als ob nie etwas gewesen wäre, eine vom Veranstalter vorgegebene Stunde lang durch eine kleine Auswahl seiner Hits. Er winkt ins Publikum, treibt die Bandkollegen an, lässt seine berühmten Arpeggi durch die Boxen perlen und schüttelt Soli aus dem Ärmel, die nicht wenigen Lederjackenträgern und Anhängerinnen der Jeanskuttenfaktion Tränen der Freude und Rührung in die Augen treiben.

“Hanery Amman” und “krank”: Diese beiden Begriffe passen an diesem in jeder Hinsicht prächtigen Nachmittag nicht zusammen – ganz im Gegenteil: Mit jedem Ton, den Amman seinem Instrument entlockt, und mit jeder Silbe, die er zuweilen eher krächzt denn singt, scheint er seinen Fans versichern zu wollen: Macht euch keine Sorgen; ich habs überstanden.

Dann erzählt er seine wohl schönste Geschichte; jene, die mit “s het grägnet i de Bärge” beginnt und die ihn und seine Rosmarie bis Spanie führt. Spätestens, als die beiden zäme blutt ids Wasser renne und Muschle sueche im Sand, ist allen im Festzelt klar, dass sie in diesem Moment etwas erleben, was sich ohne Übertreibung mit “Wunder” umschreiben lässt:

Die triumphale Rückkehr von einem, den manche schon für immer verloren geglaubt hatten.

Weitere Konzertdaten:

19.11.14 Interlaken
19.12.14 Münchenbuchsee
20.12.14 Interlaken
09.01.15 Luzern
17.01.15 Rubigen
31.01.15 Pratteln
07.02.15 Grosshöchstetten
21.02.15 Burgdorf
21.03.15 Murten

Viel Weiteres von und über Hanery Amman kann hier nachgelesen werden.

Kleiner Schreck beim Blick in den Spiegel

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Es Birebitzeli bin ich schon erschrocken, als ich bei der Lektüre von Spiegel Online heute Morgen über die Schlagzeile “Der Rockstar und sein peinlicher Bruder” stolperte (siehe Bild oben).

Dass mein Brüetsch es als Gründer und Schlagzeuger von Bäng Gäng zu Ruhm und Ehr’ gebracht hat – und zwar auch auf der anderen Seite des Planeten -, war mir schon klar. Und das mag ich ihm und seiner Band ja von Herzen gönnen.

Aber “peinlich”? Ich?

Und wenn ja: Wieso muss ich das aus dem Internet erfahren?

Hochstimmung unter dem Hochnebel

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Er zieht und zieht und zieht sich hin, der Winter, und das Schlimmste daran ist: Es schneit nicht einmal. Dafür liegt die Welt fast ständig unter einer Hochnebeldecke, die nur hin und wieder einen Fleck Blau durchscheinen lässt.

Aber mir wei nid chlage. Wir haben ja noch die Musik. Und solange wir die Musik haben, ist und wird alles gut. Drei Bands aus dem Bernerbiet hellen mit ihren jüngsten Werken auch die düstersten Stimmungen innert weniger Minuten auf:

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Von “Oesch’s die Dritten” kannte ich bisher nur den “Ku-Ku-Jodel” und, ämu ein bisschen, die Chefin. Weil mich wunder nahm, was die europaweit erfolgreiche Familienkapelle sonst noch zu bieten hat, hörte ich mich gestern Abend zum ersten Mal durch eine komplette CD (genauer gesagt: gleich durch das ganze Live-Doppelalbum mit all ihren Hits) und muss auch mit meinem volksmusikalisch eher zweifelhaften Hintergrund sagen: Das fägt ja wahnsinnig!

Würde man die 30 Abdiepost-Lieder in eine logische Abfolge bringen, ergäbe sich eine hübsche Geschichte:

Ein “Swiss-Girl” mit “rehbrune Ouge” trifft unter “grünen Tannen” nicht “üse Ätti”, sondern den “Jodler-Bueb”. Über allem leuchtet “der weisse Mond von Maratonga”.

“Du bist mein Sonnenschein”, sagt das Swiss-Girl zum Bueb; “ich tanz so gern mit dir”. Auf ihrem Beobachtungsposten hinter dem Musikantenstadl nicken “der alte Jäger” und “die Bergvagabunden” zustimmend: “Jodeln ist cool”.

“Mein Jodler kommt von Herzen”, flüstert das Swiss-Girl seinem “Pepito” zu. Dieser, etwas verlegen geworden, weiss nicht so recht, was er darauf erwidern soll, und murmelt “es blüht ein Edelweiss”. Das Swiss-Girl erkennt den zweideutigen Sinn dieser Bemerkung sofort. Es nimmt den Bueb bei der Hand und bummelt mit ihm dorthin, “wo der Wildbach rauscht”.

“Typisch Oesch”, sagt der Jäger zu den Vagabunden, und schwenkt vor lauter Freude “les cloches de ma vallée”, worauf “7000 Rinder” fluchtartig das Weite suchen.

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Ebensoviel gute Laune versprühen Marc Trauffer und seine Band auf ihrer vierten CD “Alpentainer”. Auch ihnen gelingt es – wie schon auf “Fischer & Jäger” und “Dr Heimat zlieb” – scheinbar mühelos, aus Optimismus Ohrwürmer zu kreieren, die auf der Bühne erfahrungsgemäss noch viel lebendiger wirken als ab Konserve. “Etwas altmodisch, etwas modern, etwas verrückt, äh, verrockt”: Mit diesen Worten beschreibt Trauffer nicht nur seinen aktuellen Hit

“Brienzer Buurli”;

diese Beschreibung passt auch bestens auf die 13 weiteren Stücke, die der Chef eines Holzspielwaren-Unternehmens und Lokalpolitiker mit seiner hochkarätigen Truppe auf dem Silberling verewigt hat.

Darüberhinaus ist es Trauffer mit “Du drükisch dä Chnopf” auch noch gelungen, eines der schönsten Schweizer Liebeslieder der letzten Jahre zu schreiben.

Kurz gesagt: “Alpentainer” ist eine in jeder Beziehung runde Sache, die nicht nur dann Freude macht, wenn das Wetter einem selbige nimmt.

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Zum Einstieg hämmert ein altes Klavier. Dann setzen die Bläser ein – und schon schepperts und chlöpfts, dass auch der verbohrteste Tanzmuffel unwillkürlich mit dem Fuss wippt: Mit “Musig”, ihrer jüngsten Single, blicken die Halunke auf die swingin’ 20er- und 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Der Song ist ein Vorgeschmack auf das neue Album, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Und für das Christian Häni, der Anführer der Hippopp-Bande, schon ordentlich Material verschlissen hat, wie er auf der Halunke-Website notiert:

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Online ist “Musig” nicht gratis erhältlich. Dafür wird auf Facebook der Video-Dreh kostenlos dokumentiert:

1)

2)

Nachtrag 27. Februar: Jetzt gibts “Musig” doch noch online. Et voilà:

Saganhaft

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Stadien füllen sie seit Jahren nicht mehr. Und auch die rund 1000 Zuschauer fassende Konzertfabrik Z7 war gestern Abend bei Weitem nicht ausverkauft, als die kanadischen Bombastrocker von Saga auf ihrer Europatournee ihren traditionellen Zwischenhalt in Pratteln einlegten.

In einem fast schon familiären Rahmen eröffnete das Quinett den Abend mit “Ice nice”. In den nächsten zwei Stunden boten die Mannen um Sänger und Keyboarder Michael Sadler einen abwechslungsreichen Überblick auf ihre umfangreiche Bandgeschichte.

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Überraschungen blieben weitestgehend aus. Hätten die Fans vor dem Gig wünschen dürfen, was gespielt werden soll: Die Setliste wäre vermutlich genauso herausgekommen, wie die Band sie sich zurechtgelegt hatte.

Diese Vorhersehbarkeit tat der guten Stimmung jedoch keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil. Wie viele Formationen, die ihre Hochbüte in den 80er-Jahren erlebt hatten (Foreigner, Styx, Journey, REO Speedwagon), ist es auch Saga nicht mehr gross ums Experimentieren. Sie beschränken sich darauf, ihrer Anhängerschaft alle paar Jahre wieder ein bombastisch arrangiertes und perfekt intoniertes Greatest Hits-Programm zu servieren. Mit Blick auf all die Perlen, die sie in der Vergangenheit geschaffen haben, nimmt ihnen dieses Aufdenlorbeerenausruhen kein Mensch ernsthaft übel.

Den in epischen Schlachten in Riesenstadien gestählten Helden von früher verzeiht das Publikum ohnehin mehr als den am Fernsehen gecasteten und von Plattenfirmen auf Massentauglichkeit polierten Emporkömmlingen von heute.

Fünf Jahre ist es erst her, dass Saga sich – auch in Pratteln – mit viel Pathos von ihren Fans verabschiedet hatten, weil Michael Sadler sich mehr um seine Familie kümmern wollte.

Wenig später lancierte das Quintett – jetzt mit einem gewissen Rob Moratti am Mikrofon – ein weiteres Album. Doch kaum hatte man sich an den Namen des Sadler-Nachfolgers einigermassen gewöhnt, war Sadler schon wieder da, um mit seinen Jungs zu neuen Ufern aufzubrechen – oder vielmehr: um mit ihnen weiter durch jene Klangwelten zu reisen, die nun schon seit drei Jahrzehnten Menschen rund um den Erdball faszinieren.

Die tote Frau vom Waschmaschinen-Mann

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Auch die ältesten Hotelangestellten können sich nicht erinnern, im Pool des “Playa d’Oro” jemals eine so schöne Leiche gesehen zu haben: Strohblondes Haar, sonnengetönte Haut, ein knallgelbes Bikinihöschen – würde die Frau noch leben, hätte der Sabber der Männer das Becken längst überlaufen lassen.

So aber, mit diesen dunkelvioletten Würgemalen und den panisch aufgerissenen Augen, die blicklos in den wolkenlosen Himmel starren, hat sie die tausend Kubikmeter Wasser für sich alleine.

Missmutig beobachten Paolo Cruz und Daniele Corrida von der Policia Playa del Inglès, wie ein pummeliger Gerichtsmediziner die Tote wie eine Luftmatratze zum Rand des Beckens schiebt. In kleinen Wellen schwappt das lauwarme Wasser über den starren Körper und von dort in die Nasenlöcher des Forensikers.

„Nach Spuren zu suchen, können wir uns schenken“, murmelt Corrida. „Die sind längst weggespült.“ Sein Kollege spuckt auf den rostroten Steinboden. „Egal. Das geht auch ohne. In diesem Hotel leben soviele Leute – da muss irgendjemand irgendetwas gesehen haben.“

Schnaubend stemmt sich der Arzt aus dem Pool. Er packt den glitschigen Torso unter den Achseln, hievt ihn hoch und legt ihn unter den süss duftenden Blüten eines Jacarandabäumchens in den Schatten. Dann lässt er sich vom Hausdienst weisse Leintücher bringen, um die Leiche vor den Blicken der Touristen zu verbergen. Diese haben sich im Glauben, es handle sich um einen Teil des Animationsprogramms,  im Planschbereich des “Playa d’Oro” eingefunden. Und beobachten nun mit einer Mischung aus Grauen und Gwunder, wie das so läuft, nach einem Mord.

Paolo Cruz und Daniele Corrida schlendern zur Rezeption, um herauszufinden, wie die Frau hiess und in welchem Zimmer sie logiert hatte. Mit spitzen Fingern nestelt der Portier in einer Beige fotokopierter Identitätskarten und Pässe herum. Schliesslich zieht er ein Papier hinaus: „Ist sie das?“, flötet er. „Das ist sie“, antwortet Cruz.

„Nele Schmitz. Aus Düsseldorf. 302“, sagt der hochaufgeschossene und etwas geierhaft wirkende Mann hinter dem halbrunden Kunststoffmarmortresen. Er interessiert sich für die Uniformierten offensichtlich mehr als für den Grund ihres Auftauchens in seinem Horst. „Wenn ich Ihnen sonst noch behilflich sein kann, melden Sie sich einfach. Ich habe um punkt 18 Uhr Feierabend. Für nachher habe ich noch keine Pläne“, ruft er den Ordnungshütern nach.

Polizei

“Guten Tag”, sagt Paolo Cruz zu dem Mann, der zehn Minuten später die Türe öffnet und aussieht, als ob er die Nacht in einer laufenden Waschmaschine verbracht hätte. “Sie sind…”

“…Schmitz. Berndt Schmitz. Mit dt und tz. Was wollnse?“

“Ich bin Paolo Cruz von der Polizei von Playa del Inglés. Das ist mein Kollege Daniele Corrida. Wir haben gerade Ihre Frau aus dem Hotelpool gefischt.”

“Aha. Und wo ist sie jetzt?”

“Unten. Hatte Ihre Frau Feinde?”

“Wieso ‘hatte’?”

“Sie ist tot.”

“Ach so. Nee. Nicht, dass ich wüsste.”

“Wo waren Sie letzte Nacht?”

“Hier, im Zimmer.”

„Und heute Morgen?“

„Ich bin in dem Moment aufgewacht, in dem Sie anklopften.“

“Ist sonst noch jemand hier?“

„Nö.”

„Sie sind also seit gestern Abend alleine.“

“Ja.”

„Wieso?“

„Nele wollte unbedingt an eines dieser Konzerte im Hotelgarten. Ich hatte Kopfschmerzen und Durchfall.“

„Und seither haben Sie sie nicht mehr gesehen?“

„Nein.“

„Kam Ihnen das nicht merkwürdig vor?“

„Wieso auch? Nele kann tun und lassen, was sie will.“

„Sind Sie eifersüchtig?“

„Wir führen eine offene Ehe, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Trotzdem – ich muss Sie das fragen. Ist reine Routine: Haben Sie Ihre Frau umgebracht?”

“Angenommen, ich hätte: Glauben Sie ernsthaft, dass ich Ihnen das einfach so auf die Nase binden würde?“

“Dürfen wir uns kurz umsehen?”

“Muss das sein? Ich bins ja nicht gewesen.”

“Gut. Entschuldigen Sie die Störung. Einen schönen Tag noch.”

 “Keine Ursache. Ihnen auch.”

Cruz und Corrida streichen Berndt Schmitz mit dt und tz von ihrer Liste der Verdächtigen, die somit noch genau null Namen umfasst.

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Unzählige Verdächtige und ein Streber

Als die Türe zum Zimmer des Waschmaschinenmannes lautlos ins Schloss fällt, dämmert den Fahndern, dass diese Ermittlung in echte Arbeit ausarten wird. In den drei Häusern, die zum „Playa d’Oro“ gehören, dürften ihrer Schätzung nach fünf- bis achthundert Menschen untergebracht sein.

„Ganz genau sind es…Moment…670 Damen und Herren, zum Teil mit Kindern“, klärt der der Concierge die Polizisten, überglücklich über das unverhofft schnelle Wiedersehen, nach einem Blick in die Gästeliste auf.

“Ich hätte heute eben doch frei nehmen sollen”, brummt Daniele Corrida.  “Aber nein: Carla will erst am Freitag mit mir aufs Land fahren. Also nehme ich am Freitag frei.”

“Carla? Ich dachte, das sei…”

“…wir probierens nochmal. Das heisst: Sie probiert es nochmal.”

“Sie hat ein grosses Herz, deine Carla.”

“Wem sagst du das? Die Frage ist aber: Was machen wir jetzt?”

„Das müsst ihr schon selber miteinander…”

“…ich meine hier. Jetzt. Wegen dieser…Sache.”

“Jetzt klopfen wir die restlichen Räume ab.”

“Spinnst du? Dafür benötigen wir…(lässt die Augen über die unzähligen bunten Balkone an der blendend weissen Fassade gleiten)…Tage. Wochen!”

“Hast du einen besseren Vorschlag?”

“Wir könnens ja telefonisch versuchen.”

“Telefonisch?!?”

“Wir gehen zum Empfang und sagen unserem neuen Freund, er soll uns in ein Zimmer nach dem anderen durchstellen. Wenn du den ein bisschen an deiner Uniform schnuppern lässt, telefoniert der für uns bis Mitte nächsten Jahres.”

“Und dann? Angenommen, es nimmt überhaupt jemand ab: Was sagst du dann? <Guten Tag, hier spricht Daniele Corrida von der örtlichen Polizei. Ich möchte Sie nur kurz fragen, ob sie etwas mit der Leiche zu tun haben, die unten beim Pool liegt.>?”

“In der Art habe ich mir das vorgestellt, ja.”

“Siehst du: Deshalb bin ich der Chef und nicht du. Telefonisch Zeugen befragen, oder vielleicht sogar mögliche Täter; ich glaubs ja nicht¨“

„Reg dich wieder ab. War ja nur ein Vorschlag.“

„Jeder Polizeischüler im ersten Semester weiss, dass nicht nur wichtig ist, was die Leute sagen. Was zählt, ist, wie sie es sagen. Ob sie dabei schwitzen wie die Affen oder mit den Füssen scharren. Ob sie einen anschauen oder aus dem Fenster gucken. ”

“Dann setzen wir uns eben beim Eingang an einen Tisch und fragen jeden, der hereinkommt oder hinausgeht…”

“…halt die Klappe. Wir gehen jetzt in die Zimmer.”

“Und wenn niemand da ist? Ich meine: 38 Grad, keine Wolke weit und breit – die sind doch alle am Strand jetzt, oder in der Stadt, oder was weiss ich; jedenfalls sind sie ganz sicher nicht hier.”

“Dann schreiben wir auf, wo wir ein zweites Mal vorbeischauen müssen, und machen den Rest am Abend, oder morgen früh.”

“Fantastisch. Sonst haben wir ja nichts Gescheiteres zu tun.”

“Nein, haben wir nicht.”

„Streber.”

“Ich versuche nur, meinen Job anständig zu machen.”

“Eben. Das interessiert doch keine Sau, wer diese Frau…”

“…ihren Mann schon, glaube ich.“

“Übertrieben traurig sah er aber nicht aus; musst du zugeben. Auf mich wirkte er eher wie jemand, der soeben erfahren hat, dass es zum Abendessen Nudeln statt Spaghetti geben würde.”

“Das war der Schock. Wenn sie schockiert sind, reagieren die Menschen ganz anders als normal. Sobald der Typ realisiert, was los ist, heult er Rotz und Wasser, jede Wette.”

“Ich könnte jetzt etwas Kühles vertragen.”

“Zuerst stochern wir ein wenig in diesem Heuhaufen herum.”

“Aber wirklich nur ein wenig.”

“Wir machen 50 Zimmer. Dann lade ich dich zu einem Bier ein.”

“30.”

“50.”

“40.”

“50.”

“Ok. Gehen wir.”

Verschlossene Türen und “The HAENIS from Switzerland”

Abgesehen vom Licht der Unterwasserscheinwerfer, das die Oberfläche des Swimmingpools wie eine zerknitterte goldene Folie schimmern lässt, und vom Schein der orange-gelben Kerzen auf den rotgedeckten Tischen ist es im Garten des Hotels fast dunkel. Das Geplapper und Gelächter von bestens gelaunten Menschen aus aller Welt flirrt durch die immer noch feuchtheisse Luft. Besteck klappert auf Tellern. Alle paar Sekunden ist das “Pling” von aneinanderstossenden Gläsern zu hören.

Die Gäste haben den Zwischenfall vom Nachmittag vergessen oder verdrängt oder gar nicht mitbekommen. Sie konzentrieren sich auf ihre Meeresfrüchte und Paëllas und Sangrias und Biere und auf einen jungen Mann mit Gitarre und eine junge Frau am Schlagzeug, die wenige Meter vor ihnen musizieren.

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Laut dem grossen Plakat neben dem Buffet handelt es sich bei dem Duo um “THE HAENIS from Switzerland“. Sie verdanken dieses Engagement dem Umstand, dass Röbi „Roberto“ Fankhauser, der Besitzer des Hotels, seine Wurzeln auch nach 14 Jahren auf Gran Canaria nie ganz vergessen hat und sich via Internet regelmässig über das Geschehen im Bernbiet auf dem Laufenden hält.

Bei einem dieser Online-Streifzüge durch seine alte Heimat entdeckte er “The Haenis“. Bands mit „The“ im Namen, dachte sich Fankhauser, sind, wie The Beatles, The Bee Gees, The Eagles, The Cars oder The The bewiesen, immer gut, weshalb er The Haenis ohne lange zu überlegen für ein einwöchiges Gastspiel im „Playa d’Oro“ verpflichtete.

Das Publikum lauscht der Darbietung mit wohlwollendem Interesse. Wovon der Mann mit dem mediterran wirkenden Dreitagebart und die Frau mit dem herzigen kleinen Hund auf dem T-Shirt singen, erschliesst sich den wenigsten. Aber wer weiss: Vielleicht stürmen „The Haenis“ in vier oder sechs Jahren oder so sämtliche Hitparaden zwischen Reykiavik und Sydney, und dann im Bekanntenkreis beiläufig fallenlassen zu können, “die haben schon in einem Hotel auf den Kanarischen für mich gespielt”: Das hätte schon was.

Etwas abseits vom Geschehen lehnen Daniele Corrida und Paolo Cruz an einer gigantischen Palme. Sie haben die letzten Stunden damit zugebracht, durch die labyrinthartig verwinkelten Hotelkorridore zu gehen, und sich dabei gefühlt, als ob sie durch ein Dampfbad laufen würden. 43 Mal standen sie vor verschlossenen Türen. Sechsmal wurde ihnen geöffnet – und beschieden, man wisse von nichts. Aus dem Zimmer 811 schlug ihnen ein dermassen intensives Gegrunze und Gestöhne entgegen, dass sie beschlossen, beide Ohren zuzudrücken und ihre Mission als für vorläufig beendet zu erklären.

Kaum standen sie wieder draussen, steuerten sie die Bar an. Nach einem grossen, kalten Bier und je zwei Litern Agua Minerale gingen sie zu Gin Tonic mit Eis über. Dabei blieben sie, bis sie gerade noch rechtzeitig bemerkten, dass sie immer noch im Einsatz sind. Daraufhin wechselten sie zurück zum Bier.

“La-la-lalalalaaaa, la-la-la-la“ schallt es von den Tischen zu den Polizisten herüber. Hemmungslos singen Österreicher, Italiener, Franzosen, zwei Finnen, drei Schweden, das eingeborene Personal und ein Schweizer den Refrain des Liedes mit, das der Sänger als “üsi nöi Hitsingle” angekündigt hatte. Blitzartig sind Corrida und Cruz wieder bei der Sache. Als ob ihre Augen kleine Radarschirme wären, lassen sie ihre Blicke über die Gesellschaft schweifen.

„Etwas stimmt hier nicht“, denkt Cruz, während er den Mikrofonständer fixiert. „Etwas passt nicht dazu.“ Tief in seine Gedanken versunken, zuckt er zusammen, als ihm Corrida den Ellenbogen in die Rippen rammt und mault: „Ich bin kaputt. Können wir gehen?“

„Nein“, sagt Cruz. „Wir bleiben noch hier.“

Eine hochgelegte Latte und ein müder Rocker

Um punkt Mitternacht beenden The Haenis ihr Konzert mit einer eingeberndeutschten Hiphop-Version von “Sweet Home Alabama”. Nach dem Schlussakkord steigen die bis in die hinterste Furche durchgeschwitzten Zuhörerinnen und Zuhörer umständlich von den Stühlen, ordnen ihre derangierten Frisuren, unterschreiben die Rechnungen und ziehen sich in ihre Zimmer zurück. Nachdem alle gegangen sind, legt sich eine gespenstische Ruhe über den kleinen Park.

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The Haenis verstauen ihre Instrumente in einer Kammer neben der Küche. Viel Zeit, um sich zu erholen, haben sie nicht: In weniger als elf Stunden steht ihre nächster Einsatz auf dem Programm. Dann sollen sie die Teilnehmerinnen des Kurses „Aquafit 60+“ auf Trab bringen.

Das Musikerpaar erörtert gerade die Frage, wo es zu dieser späten Stunde noch etwas zu trinken bekommen könnte, als es bemerkt, wie sich ihm zwei Fremde nähern.

Ohne sich gross mit Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten, blafft der eine der Uniformierten: “Das Bikinioberteil am Mikrofonständer: Ist das eures?”

“Bhüetisgott, nein!”, antwortet der junge Mann verblüfft. “Das hing schon da, als wir kamen. Und überhaupt wäre mir das viel zu gross. Damit kann man ja Wassermelonen verpacken“, fügt die Frau an.

“Auf die Idee, dass es nicht dahingehören könnte, seid ihr nicht gekommen?”, fährt Corrida fort.

“Wie auch?”, fragt der Sänger. “Wir dachten, das sei ein Teil des Equipments. Dekoration oder so.”

“Dann gehört der Krempel da also nicht euch“, stellt Cruz fest.

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„Der Krempel da?“, fragt der junge Mann, und zieht die linke Augenbraue soweit hoch, bis sie beinahe das Dächli seiner Kappe berührt. „Bei allem Respekt: Das sind…“

„…jajaja. Dann halt die Instrumente und Lautsprecher und alles. Und, eben: der Mikrofonständer. Das alles ist nicht euer…Zeug.“

“Wir haben nur Badesachen und Schminkzeug und so mitgenommen”, erklärt die Frau geduldig. „Wir steigen doch nicht mit zig Gitarren und einem Schlagzeug und Verstärkern und Boxen und einem Mischpult ins Flugzeug! Wir sind nicht Pink Floyd.”

“Verstehe.“

“Aber CD’s haben wir dabei; jede Menge sogar, und iPhonehüllen. Wenn Sie ein Weihnachtsgeschenk für Ihre Frau Gemahlin…”

“Danke, nicht nötig“, winkt Corrida ab. „Seit wann seid ihr hier?”

“Seit Mitte Nachmittag. Nach einem Begrüssungsapéro beim Direktor legten wir uns kurz hin. Dann machten wir einen kurzen Soundch…testeten wir die Anlage und…ja…dann gins auch schon los. Das war um punkt 20 Uhr und dauerte bis vorhin. Vier Stunden, inklusive Ansagen und Zugaben.”

“Wisst ihr, wer vor euch hier gespielt hat?”

“Bis gestern waren Bäng Gäng hier. Ganz grosses Kino! In der Schweiz haben die die Latte so hochgehängt, dass alle anderen Bands auf einer Giraffe darunter durchreiten könnten. Krokus zum Beispiel waren weltberühmt, bevor Bäng Gäng kamen. Inzwischen sind sie froh, wenn sie das Volkshaus…”

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“…Bäng Gäng? Komischer Name. Heissen die wirklich so?”, erkundigt sich Cruz.

„Klar.“

„Wenn die spielen, wie sie heissen, möchte ich nicht…aber das ist jetzt nicht das Problem.“

“Sondern?”

“Dieses Bikinioberteil, wie gesagt. Oder besser gesagt: Die Frau, der es gehörte. Sie ist tot. Ermordet.”

Der junge Mann zieht sich reflexartig die Mütze vom Kopf. “Das wussten wir nicht“, sagt er betreten.

„Kennen Sie jemanden von diesen…diesen…Bäng Gäng?”, will Paolo Cruz wissen.

“Mit dem Drummer haben wir ab und zu zu tun, ja.”

“Haben Sie seine Handynummer?”

“Natürlich. Soll ich…”

“….selbstverständlich!”

“Um diese Zeit?”

“Das sind Rocker. Die stehen in diesem Moment auf und starten die nächste Orgie.”

“Wenn Sie meinen. Sekunde.”

“Und?”

“Der Schlagzeuger sagt, er habe noch nie ein gelbes Bikinioberteil gesehen, jedenfalls nicht in diesem Hotel, und schon gar nicht am Mikrofonständer.“

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“Ist der Mann zuverlässig?”

“Extrem.”

“Was sagte er noch?”

“Nicht viel. Er war gerade eingeschlafen. Hat den ganzen Tag lang seinen Sohn gehütet. Dann kam die Frau von der Arbeit nach Hause. Dann haben sie noch ein wenig miteinander geplaudert und etwas Kleines gegessen und dazu Springsteen gehört. Dann gingen sie duschen, dann…”

“…ist ja gut. Hat er noch etwas gesagt, was uns interessieren könnte?”

“Nur, dass seiner Band während ihres Aufenthaltes im ‚Playa d’Oro’ jeden Abend Hunderte von Kleidungsstücken zugeworfen worden seien. Wenn sie möchten, könnten sie mit all den Slips und BHs eine Unterwäscheboutiquenkette eröffnen, sagte er. Einmal sei auch ein Schnorchel geflogen kommen, aber das soll ich für mich behalten, wobei:  Wenn ichs weitererzähle, mache das auch nichts; die Hauptsache sei dass er jetzt endlich schlafengehen könne. Dann hängte er auf.“

“Merda.”

“Hören Sie: Wir würden Ihnen wirklich gerne helfen. Aber wir haben einen ziemlich langen Tag hinter uns und möchten jetzt gerne ins Bett.”

“Natürlich. Wenn uns noch etwas einfällt, melden wir uns bei Ihnen, oder umgekehrt. Sie verschwinden ja nicht gleich wieder von der Insel.”

“Oh, nein! Was würden auch die Aquafitleute von uns denken? Aquafitleute sind unberechenbar. Das Internet ist voll von Geschichten über Musiker, die von ausser Rand und Band geratenen…”

“Wieso sind Sie auf einmal so…nervös, junger Mann? So aufgekratzt?“

“Aufgekratzt? Ich? Ich bin einfach nur dure. Game over, wie wir in der Schweiz sagen. Die Hitze! Der Jetlag! Die Aufregung! Wir spielen zum ersten Mal im Ausland, müssen Sie wissen. Was den Beatles der Star Club in Hamburg war, ist für uns vielleicht das Playa d’Oro auf Gran Canaria. Wenn das gut läuft: Tschou, Kulturfabrik Lyss – Goooood evening, Madison Square Garden! Aber zuerst sind jetzt, wie gesagt, die Aquafitleute…“

“…Sie kommen mir vor wie einer dieser Batteriehasen aus dem Fernsehen.“

“Wir kennen nur einen Hasen, und der ist still“: Mit diesen Worten schafft es die junge Frau, das Gespräch noch vor dem Sonnenaufgang zu beenden.

Die Casting-Show und Ärger im Büro

Fluchend versucht Daniele Corrida, die halbantike Kaffeemaschine in Gang zu bringen, als Paolo Cruz grinsend ins Büro stürmt. „Ich habs“, sagt er. „Wir brauchen Filme. Und Fotos.“

Corrida stutzt. „Wovon?“

„Von allem, was seit vorgestern Abend im Hotel passiert ist. Es ist ganz einfach: Jeder Mensch hat heutzutage ein Fotohandy, und jeder Mensch knipst und filmt ununterbrochen, was um ihn herum passiert. Auf einer dieser Aufnahmen ist bestimmt zu sehen, wie das Bikinioberteil zwischen der Zeit, in der diese Bäng Gäng noch ohne Stoff am Mikrofon spielten, und gestern Nachmittag, als The Haenis ihren Kram aufbauten, an den Ständer gekommen ist“, doziert der Polizist.

„Und wie kommen wir an diese Handys? Niemand rückt sein Handy freiwillig heraus“, gibt Corrida zu bedenken.

„Ich lasse mir etwas einfallen. Lass mich nur machen“, sagt Cruz. Er zieht eine Zeitung aus der hinteren Hosentasche und lässt sich in seinen durchgesessenen Bürostuhl fallen. Corrida widmet sich wieder der Kaffeemaschine.

„Horror im Hotel!“, brüllt Cruz die Schlagzeile von der Frontseite entgegen. Dem Artikel im Innenteil ist zu entnehmen, dass im Pool des Playa d’Oro eine tote Frau gelegen habe und dass die Fahndung nach dem Täter  „auf Hochtouren“ laufe. Illustriert ist der Text mit drei Bildern, die offensichtlich von Amateuren geschossen wurden. Das grösste Foto zeigt ein mit einem weissen Laken bedecktes Etwas, ein zweites einen dicklichen Herrn mit hochroten Kopf, der jemanden aus dem Wasser hebt, und das dritte Paolo Cruz und Daniele Corrida auf dem Weg zu Rezeption.

Die Ermittlungen seien „sehr, sehr anstrengend“, wird „eine anonyme Quelle aus Polizeikreisen“ zitiert. „Nur schon all die Zimmer nach möglichen Tätern abzusuchen, war eine fast übermenschliche Anstrengung.“

Cruz blättert weiter. Und weiter. Und weiter. Unten links auf der Seite 18 findet er, was er nicht gesucht hat: Eine Vorschau auf eine Castingshow, die am Wochenende in Maspalomas stattfinden soll. In dem Moment, in dem er den Beitrag liest, ist ihm, als ob in seinem Gehirn ein winziges Puzzleteilchen ganz von alleine an den richtigen Platz fallen würde: „Eine Castingshow! Das ist es!“, ruft er durch das Büro.

Daniele Corrida schaut ihn fragend an.

„Wir lassen den Hotelchef einen Wettbewerb veranstalten. ‚Das Playa d’Oro sucht den Superstar’, oder etwas Ähnliches. Jede Wette: Die jungen Gäste machen mit, und die Alten fotografieren und filmen, als ob es um ihr Leben gehen würde. Der Witz ist: Prämiert wird nicht nur der beste Beitrag auf der Bühne, sondern auch der tollste Film und das schönste Bild. Am Ende lassen wir von der Jury, die – was niemand zu wissen braucht – aus lauter Polizisten besteht, die Handys einsammeln, laden deren Inhalte unauffällig auf einen USB-Stick und schwupp: Haben wir einen gigantischen Berg von Bildmaterial.“

„Nur, um sicher zu sein, dass ich dich richtig verstanden habe“, sagt Corrida. „Du willst bis weit nach deiner Pensionierung Filme und Fotos von wildfremden Leuten anschauen, nur, um herauszufinden, wer eine Touristin ermordet hat, die, ausser ihrem Mann vielleicht, keine Sau vermisst?“

„Ich habs dir schon einmal gesagt: Das ist unser Job. Ganz besonders das ist unser Job. Wenns dir nicht passt, kannst du die gerne den Tunesiern und Algeriern anschliessen, die überall diese billigen Sonnenbrillen und Kettchen verkaufen.“

„Es passt mir ja“, sagt Corrida kleinlaut. „Es ist nur…“

„Von mir aus darfst du dich bei der Zeitung gerne noch einmal über unsere unmenschliche Arbeit beklagen. Als anonyme Quelle bist du für die Reporter Gold wert.“

„Ich…“

„Wir machen jetzt diese Castingshow, und damit basta. Ruf den Hotelchef an und erklär ihm, was wir vorhaben.“

Rote Augen und eine böse Überraschung

Die Castingshow im „Playa d’Oro“ ist ein voller Erfolg – für alle Beteiligten. Eine 15ährige Norwegerin gewinnt mit einer recht eigenwilligen Interpretation von „Killing me softly“ den ersten Preis in Form einer Speedboodfahrt auf dem Meer. Den Fans im Publikum fliegen vor Begeisterung die Vaporisiergeräte aus den Gesichtern. Der Service kommt mit dem Getränkeausschank kaum nach. Die Polizisten laden in aller Eile knapp 10 000 Fotos und Filme auf ihre Sticks.

Über diese Ausbeute beugt sich tags darauf Paolo Cruz. Er ist alleine im Büro; Daniele Corrida ist mit seiner Carla ins Landesinnere gefahren, um auf verschiedenen Märkten für die nächste Woche einzukaufen. Auch in den nächsten Tagen würde er Cruz keine grosse Hilfe sein: Er müsse noch jede Menge Nachtschichten kompensieren, eröffnete er Cruz beim Adjossagen, und nehme deshalb bis Mitte nächste Woche frei.

Endlos ziehen auf Cruz’ angestaubtem Bildschirm glückselige Erwachsene, Teller voller Leckereien, nackte Brüste, exotische Blumen, Speisekarten, gigantische Gummibananen, Esel, sändelende Kinder, Palmenwipfel, Sonnenuntergänge, Segelboote und Papageien vorbei. Dieselben Motive begegnen ihm auch am Wochenende, am Montag, am Dienstag und am Mittwoch.

„Hast du etwas gefunden?“, erkundigt sich Corrida bei seinem Kollegen, als er am Donnerstag erkennbar gut ausgeruht auf die Polizeiwache zurückkehrt. Cruz ist nichts ums Reden zumute. Eigentlich ist ihm um überhaupt nichts zumute. Sein Elan, den Mörder der Frau im Hotel zu überführen, droht langsam, aber sicher, unter der Bilderflut zu versinken.

„Ich arbeite daran“, sagt Cruz kurzangebunden, und klickt sich durch die nächsten Aufnahmen. „Vorbildlich“, grinst Corrida. „Ich verschaffe mir nur kurz einen Überblick auf die Pendenzen, die in den letzten Tagen liegengeblieben sind. Dann bin ich gleich bei dir.“

Doch „gleich“ ist für Daniele Corrida ein relativer Begriff. Die Abbauarbeiten an seinem Pendenzenberg ziehen sich bis in die Abendstunden hin. In dem Moment, als er seinen Laptop zuklappen will, sagt Cruz mit einem seltsam gehässigen Unterton in der Stimme: „Komm mal her.“

Corrida stellt sich neben seinen Chef. Mit den Händen auf den Oberschenkeln abgestützt, betrachtet er ein Dutzend Fotos, die Cruz nebeneinander auf dem Bildschirm angeordnet hat.

„Fällt dir etwas auf?“, fragt Cruz.

„Auf den ersten Blick nicht“, sagt Corrida.

„Und auf den zweiten?“

„Auch nicht.“

„Sag mal: Für wie dumm hältst du mich? Der Typ auf diesem Bild und auf diesem und auf diesem und auf diesem und auf allen anderen Fotos: Das bist doch du. Und die Frau, mit der dieser Typ herumknutscht, ist unsere Tote aus dem Pool!“

„Äääh…“: Mehr fällt Corrida dazu nicht ein.

„Das heisst: Kurz, bevor die Frau getötet wurde, warst du bei ihr. Du warst am Tatort. Mit ihr.“

„Wir haben zwei, drei Gläser miteinander getrunken. Ich war vorher schon nicht mehr nüchtern, und dann…dann…ich weiss wirklich nicht mehr. Filmriss. Blackout. Ich kann mich an nichts erinnern. Deshalb habe ich dir vermutlich nichts gesagt.“

„Erzähl doch nicht solchen Mist!“, bellt Cruz. „Du hast nichts gesagt, weil du Angst hattest, automatisch zu den Verdächtigen zu gehören, sobald ich erfahre, dass du da warst. Mit ihr. Mit dieser Frau. Bist du wahnsinnig geworden?“

„Ich…“, murmelt Corrida.

„Gib mir deine Waffe. Und deinen Ausweis. Du bist bis auf Weiteres suspendiert.“

Corrida händigt seinem Chef das Verlangte aus. „Kann ich dann gehen?“

„Oh, nein, mein Lieber. Zuerst will ich wissen, was da lief, zwischen ihr und dir. Dann will ich wissen, wie lange du im Hotel warst. Dann will ich wissen, ob sie noch gelebt hat, als du gingst. Ich weiss nicht, was ich noch alles wissen will. Aber ich weiss, dass du dieses Gebäude nicht verlassen wirst, bevor ich alles weiss, was ich wissen muss.“

Corrida sackt in sich zusammen. Bis am nächsten Morgen erzählt er seinem Chef und dessen Vorgesetztem, der als neutraler Befrager am Verhör teilnimmt, von seiner Nacht im Hotel. Er lässt nichts aus: Nicht seine Anmachversuche an der Bar, nicht, wie er die Frau irgendwann dazu gebracht hatte, einen gespritzten Weissen mit ihm zu trinken, nicht, wie sie ihm ihr Leid darüber klagte, dass ihre „offene Ehe“ ausschliesslich von ihrem Mann gelebt würde, nicht, wie er sich alle Mühe gab, den alles verstehenden Zuhörer zu mimen und die Frau gleichzeitig bis knapp vor die Grenze zum Koma abzufüllen und nicht, wie er sich schliesslich mit ihr in die Kammer neben der Küche zurückzog, um zu tun, was seiner Meinung nach getan werden musste.

“Du bist ein Narr”, sagt Paolo Cruz. “Du weisst, was jetzt kommt: Ich muss dich verhaften. Dreh dich um und leg die Hände auf den Rücken.”

„Lass ihn.“ Die Frauenstimme ist kaum zu hören.

„Carla? Was…?“

„Lass ihn laufen. Ich habe die Frau getötet. Daniele hat damit nichts zu tun. Das heisst: Doch. Hat er. Aber er wars nicht.“

„Ich verstehe nicht“, sagt Paolo Cruz.

„Das ist doch nicht so kompliziert“, antwortet Carla, und sie klingt leicht genervt. „Ich wusste doch, dass Daniele seine Finger nicht von diesen Touristinnen lassen kann. Seit er bei eurem Verein ist, nutzt er jede freie Minute, um sich in seiner schicken Uniform an fremde Frauen heranzumachen. Nach unserem letzten Streit hat er mir zwar geschworen, die Finger von ihnen zu lassen. Aber das glaubte ich ihm nicht. Deshalb bin ich ihm an jenem Abend ins Hotel gefolgt. Als ich dort ankam, stand er mit dieser Deutschen an der Bar.“

„Und dann…“ wirft Cruz ein.

„Und dann habe ich gewartet, bis sie fertig waren, in ihrem Kämmerlein. Kaum hatte er seinen Spass gehabt, lief Daniele davon. Die Frau lag immer noch da, sturzbetrunken und kaum bei Bewusstsein. Es war ganz einfach: Ich legte ihr meine Hände um den Hals und drückte zu. Drei Minuten später zog ich sie in den Pool. Das war eigentlich das Schwierigste von allem. Die Schlampe war schwerer, als ich gedacht hatte.“

„Wieso hat dich niemand gesehen?“, fragt Cruz.

„Weil die Gäste längst ins Bett gegangen waren. Und die Hotelangestellten waren oben im Saal bereits damit beschäftigt, die Tische für das Frühstück vom nächsten Morgen zu decken.“

„Du kannst das nicht wissen, Carla: Daniele hat den Mord vorhin gestanden. Ich weiss also nicht, wieso du…“

„Ich sage die Wahrheit“, sagt Carla. Vergleich die Fingerabdrücke auf dem Hals mit meinen. Diese kleinen Rillen in der Haut sieht man vielleicht nicht mehr. Aber Fachleuten wird auf den ersten Blick auffallen, dass meine Finger genauso gross oder klein sind wie die Flecken am Hals. Danieles Finger sind grösser.“

“Und was ist mit dem Bikinioberteil? Wie kam das an den Mikrofonständer?”, will Cruz wissen.

“ich habe gesehen, wie Daniele die Frau auszog. Er hatte es wahnsinnig eilig. Kaum hatte er ihr das Badeklaid über den Kopf gestreift, riss er den BH auf und warf ihn weg. Irgendwie landete er auf dem Ständer. Ich habe vergessen, ihn zu entsorgen. Anfängerfehler”, sagt Carla verbittert.

Paolo Cruz wendet sich an seinen Kollegen, der die Diskussion schweigend mitverfolgt hatte: „Stimmt, was Carla sagt?“

„Ja. Leider.“, sagt Daniele Corrida.

„Warum hat du dann vorhin behauptet, du seist es gewesen?“

„Ich wollte Carla nicht belasten. Und letztlich ist das alles ja nur meine Schuld. Ohne mich wäre das alles nie passiert. Carla hat mir meine Seitensprünge schon so oft verziehen und mir Dutzende von neuen Chancen gegeben. Ich wusste, dass sie das diesmal nicht mehr tun würde. Diesmal war das eine Mal zuviel. Sie würde gehen, und ich würde den Rest meines Lebens mit dir auf dieser Wache und fremden Frauen in Hotelbars verbringen. Das ist keine Perspektive. Aber mehr habe ich nicht zu bieten.

Carla hingegen: Sie hat, wie du neulich ja selber gesagt hast, ein grosses Herz. In einer winzigen Gefängniszelle würde es erdrückt.”

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Ein Blues-Denkmal am Genfersee

“Leute: Wenn ihr jetzt da rausgeht, habt ihr die einzigartige Chance, euch ein Denkmal zu setzen, das für alle Zeiten unzerstörbar in der Musiklandschaft stehen wird. Also: Vercheibets nicht!”: Das hat sehr wahrscheinlich niemand gesagt, als der Schweizer Bluesmusiker Philipp Fankhauser und dessen Band am 29. Juni 2012 in der Garderobe der Miles Davis Hall in Montreux sassen und darauf warteten, das weltberühmte Jazzfestival am Genfersee zu eröffnen.

Doch dass über diesem Abend etwas Magisches liegt, muss Fankhauser (Gitarre und Gesang), Angus Thomas (Bass), Hendrix Ackle (Piano und Hammond), Marco Jencarelli (Gitarre), Tosho Yakkatokuo (Drums) und ihrer Bläsertruppe vor dem Gang auf die Bühne bewusst gewesen sein. Anders lässt sich der musikalische Zauber, den sie Sekunden später für die nächsten zwei Stunden entfalteten, nicht erklären.

Auch wenn Musikkritiker schnell einmal von einer “Sternstunde” schreiben, wenn der Tag lang und ihnen die Inspiration abhanden gekommen ist: Zu Fankhausers Darbietung in Montreux passt der Begriff perfekt. Da sass jeder Ton, passte jeder Akkord und stimmte jede Phrasiserung. Routiniert oder gar steril wirkte der Gig dennoch nie. Vielmehr gingen die Musiker, die sich zum Teil seit Jahrzehnten kennen, mit einer Spielfreude ans Werk, die nur an den Tag legen kann, wer mehr darf als muss, weiss, was er kann und spürt, was die Menschen neben, hinter und vor ihm wollen.

Mit der CD und der DVD “…plays Montreux Jazz Festival” wird das Ereignis nun auch für die vielen, vielen Bluesfreundinnen und -freunde erlebbar, die den Auftritt – mit dem sich Fankhauser laut seinen eigenen Worten “einen 30jährigen Traum” erfüllte – nicht vor Ort geniessen konnten.

Schon beim ersten Durchhören fällt auf, dass diese Konzert-Konserve – im Gegensatz zu vielen anderen Live-Dokumentationen – nicht klingt, als ob sie unter Wasser oder auf einer Presslufthammer-Ausstellung fabriziert worden wäre. “…plays Montreux” ist an Klarheit und Schärfe kaum zu überbieten. Jeder Akteur erhält den ihm gebührenden Raum; nichts ist in den Vordergrund gemischt, nichts wird hinter den Vorhang verdrängt.

Musikalisch bleiben auf dem von Fankhauser und dem kürzlich verstorbenen Festivalgründer Claude Nobs produzierten Werk ebensowenige Wünsche offen wie technisch. 16 Songs – darunter eines jener rar gewordenen Schlagzeugsoli, die tatsächlich fägen und nicht der Selbstbefriedigung des Drummers dienen – umfasst die Werkschau.

Einzelne Titel hervorzuheben, verbietet sich eigentlich von alleine. Sehr hühnerhautig sind “Roadhouses & Automobiles” oder “Please come on home”. Mehr auf die Tube gedrückt wird in “Blues ain’t nothing” oder in “Love man riding”. Für die Fans des Dreckig-Schrummeligen empfiehlt sich “Flyin High (Yesterday) als Anspieltipp. In “Down in the valley” beweist Fankhauser im Dialog mit dem Publikum seine Entertainer-Qualitäten (“Come on! This ist Montreux, not some Hinterfultigen!”)

Auf Überraschungen verzichtet der 49jährige Truber auf seinem 13. Album weitgehend. Die Referenz erwiesen wird Fankhausers Wegbegleitern Johnny Copeland, Robert Cray, Solomon Burke und anderen Genregrössen. Geboten wird das Programm der “Try my love”-Tour, was bedeutet, dass Perlen wie “Members only” oder “Lonely in this town” fehlen. In der Truhe voller anderer Schmuckstücke werden sie jedoch kaum vermisst.

Aber für jene, dies halt trotzdem immer wieder gerne hören – hier ist, ausser Konkurrenz, die Studio-Version von “Members only”:

Zuuu-gaaa-beee, Zuuu-gaaa-beee!

“Das mit den Halunke wissen wir jetzt dann langsam“, teilte mir meine Stammleserin T.F. neulich mit.

Auf ihre Kritiken lege ich – im Gegensatz zu Anmerkungen von gewissen anderen Leuten – grossen Wert, normalerweise.

Aber es gibt Ausnahmen.

Zum Beispiel, wenn im Internet eine Dokumentation der Plattentaufe von “Houston we are ok” auftaucht. Dann muss ich diesen Film – sorry, liebe T.F. – einfach hier reinstellen: