Forever young

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(Bilder: von der Facebook-Seite von Verena Hofmann geklaut.)

“Musik” aus Computern, eine Million Menschen, Abfall überall – und das alles auch noch in Zürich: nie würde ich mich (bald 50) an der Streetparade blicken lassen.

Andere sehen das entspannter: Verena Hofmann aus Beinwil am See zum Beispiel stürzte sich gestern freudig in das “sehr wilde, aber sehr friedliche” Getümmel im Limmatbecken. Auf Facebook (siehe Bild oben) notierte sie nach ihrer Rückkehr, es sei “schön und heiss” gewesen, und als mein Bruderherz diesen Beitrag mit den Worten kommentierte, das sei jetzt “scho eis vo mine Highlights vo dem Johr: Du a de Streetparade…. Du besch soooone cooli Nudle!”, antwortete sie: “Be scho s vierti Mou gsi. Das esch emmer em Grosschend ond mi Tag.”

“Grosschend”? – Richtig gelesen: Verena Hofmann ist 71, und im Gegensatz zu sehr vielen ihrer – pardon! – Altersgenossinen und -genossen, die sich jeden Morgen von Neuem überlegen müssen, womit sie die langen, langen Stunden bis zum Zubettgehen totschlagen könnten, nutzt sie ihre Zeit, um fremde Orte zu entdecken, andere Menschen kennenzulernen, die Natur zu bestaunen oder kurz: das Leben zu geniessen.

Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist,

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Schmetterlinge zu züchten,

besucht sie Konzerte von

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Herbert Grönemeyer

oder Helene Fischer, kraxelt sie

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in den Bergen

herum oder besichtigt sie

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Sprungschanzen

und

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Städte,

sitzt sie in

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Freilichttheatern

oder drückt ihren motocrossenden und radquerfahrenden Enkeln

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Ueli

und

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Pascal

die Daumen.

Als die quirlige Urgrossmutter, rein spasseshalber, versteht sich, online kürzlich ihr “geistiges Alter” errechnen liess, dürfte das Resultat niemanden überrascht haben, der oder die hin und wieder mitbekommt, was sie jahrein und -aus so alles treibt:

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Als ich das sah, dachte ich: So möchte ich auch einmal jung werden.

Erst die Rechnung, dann das Rind

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Würde der letztes Jahr aufgestellte Rekord von 14 Minuten gebrochen werden können? – Das war die grosse Frage vor der Generalversammlung des FC Böju Club 90, und um sie gleich zu beantworten: Nein, konnte er nicht, was aber keinesfalls an einem unbremsbar redefreudigen Präsidenten lag oder an ausufernden Wortmeldungen zu den tiefschwarzen Zahlen in der Rechnung oder an rotköpfig geführten Grundsatzdebatten zur Besetzung des Vorstandes, sondern schlicht daran, dass die Donatorenvereinigung in der nächsten Saison ein Vierteljahrhundert alt wird, was naturgemäss allerlei festliche Aktivitäten auslöst (Höhepunkt: ein zweitägiger Ausflug ins Elsass), über die der Vorsitzende in groben Zügen informierte, sowie am Umstand, dass die Verantwortlichen – eher überraschend – zum ersten Mal überhaupt das Thema “Mitgliederbeiträge”, beziehungsweise eine allfällige Erhöhung derselben, auf die Traktandenliste zu setzen geruht hatten, worüber zwar niemand ernsthaft diskutieren mochte, was aber halt doch ein paar zusätzliche Sekunden kostete, nur: Irgendwie war das mit den 14 Minuten nach den letztlich benötigten knapp 30 Minuten sowieso nicht sooo schlimm, denn einen Rekord gabs dennoch zu vermelden: 41 von 71 Mitgliedern hatten sich im Restaurant Zihl an diesem Gründonnerstagabend zum offiziellen Teil (und, vor allem: dem fantastischen anschliessenden Essen) eingefunden, soviele wie noch nie, und alle hatten den Plausch und allen war spätestens, als nach und nach würzige Suppen, gartenfrische Salate, butterzarte Brocken vom Schwein und vom Rind plus fruchtige Coupes aufgetischt wurden und man dazu übergehen konnte, sich zum Teil schon recht bis sehr lange zurückliegender Heldentaten zu entsinnen, klar: Es gibt tatsächlich Generalversammlungen, die einfach nur Spass machen und darüberhinaus erst noch einem guten Zweck dienen (zum Beispiel jenem, junge Leute von the manch zweifelhafte Verlockungen bietenden Streets of Beinwil am See nach draussen, in die freie Natur, zu holen und ihnen dort eine sinnvolle körperliche Betätigung im Kreise Gleichgesinnter zu ermöglichen), und wir geniessen gerade das grosse Privileg, Teil einer solchen Veranstaltung sein zu dürfen.

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(Bild: Schatz)

Vo Böju för Böjuer

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Es ist zum Verzeifeln: Alle Jahre wieder erhält jemand den Literaturnobelpreis für verschwurbelte Texte, die kein Mensch liest. Auf die Idee, jemanden auszuzeichnen, der etwas erschafft, was lesende Zeitgenossinnen und -genossen zuhauf interessiert und erfreut, ist offensichtlich noch niemand gekommen.

Ein heisser Kandidat – oder eine heisse Kandidatin – für diese Ehrung wäre jene Person, die auf Facebook vor ein paar Monaten die Seite “Du bist von…, wenn du…” lancierte.

Seit jenem Tag können Leute wie du und ich online notieren, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an den Ort denken, in dem sie aufgewachsen sind, und in dem sie einen prägenden Teil ihres Lebens verbracht haben.

Weil sich im Internet nicht nur Schrott in Sekundenbruchteilen über den ganzen Globus verstreuen lässt, sondern weil sich dank dieses Mediums auch immer mal wieder eine gute Idee rasend schnell fortpflanzt, gibt es inzwischen unzählige solcher Seiten, und stündlich werden es mehr.

Sie entwickeln sich nach und nach zu einem gigantischen kollektiven Gedächtnis, auf das auch kommende Generationen mit einem Mausklick werden zurückgreifen können.

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Was im Laufe der Zeit vergessen gegangen ist (oder in zig teuren Sitzungen beim Psychiater für vermeintlich immer verdrängt werden konnte), wird bei der Lektüre dieser Beiträge an die Oberfläche gespült.

Ehemalige Lehrer, Polizisten und Schulhausabwarte, Treffpunkte für Verliebte, Ladenbesitzer, kurlige Dorforginale oder kleine Welten bewegende Ereignisse: Die Bandbreite der Themen hat keinen Anfang und – hoffentlich – nie ein Ende.

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Auch für meine Heimatgemeinde wurde neulich eine derartige Seite aufgeschaltet (für Facebooker: Hier ist sie). “Du besch vo Böju, wenn…” heisst die virtuelle Fundgrube, in der schon weit über 300 aktuelle und frühere Einwohnerinnen und Einwohner von Beinwil am See ihre ganz persönlichen Erinnerungen austauschen.

Manche dieser irgendwann von meinem Radar verschwundenen Nostalgiker tauchen jetzt wie aus einem dichten Nebel vor mir auf, wenn ich etwas von ihnen lese. Ich sehe Häuser, die dem Erdboden gleichgemacht wurden (wie zum Beispiel

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die alte Post,

in der ich meine ersten Schritte wagte, und in der ich später meiner Schwester das Laufen beibrachte, indem ich sie an den Hosenträgern in der Senkrechten hielt und süüferli durch die Wohnung manövrierte.)

Auch Pädagogen, die ich längst auf den Mond geschossen wähnte, und Wirtschaftsexperten, die rotnasig und pfuusbackig jeden Tag meinen Weg kreuzten, sind auf einmal wieder präsent (was nicht immer nur lustig ist; aber was solls).

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Wenn man weiss,

“e welere Richtig de Ängu ofem ref. Chileturm of sinere Schalmai spielt – för d Lüt e de Gartewirtschaft vom Hirt.”

oder wenn man

“em winter, iighänkt met 6 schlette, d hofmatt abgfahre” ist

oder wenn man sich

“no cha a Sandmetzger erinnere”

oder wenn zuhause

“es paar Gläser vom Wettschwemme em Chochichaschte” stehen

oder wenn man weiss,

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“dass das original Wappe vo anno dazumal gsi esch”

oder wenn man

“be de operette metgmacht hesch oder esch goh luege”

oder wenn man

“vo Ponzis ar Tankstelle no bedient wurde bisch”

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oder wenn man

“de Zythans (Tictac)” kannte

oder wenn man

oder wenn es einen

“trurig macht, we d endwecklig vo böju isch,was gschäfter ,d beize, beckereie,metzgereie abelangt”

oder wenn man

“im Sommer de Sonntig of em Sprongtorm i der Badi verbrocht” hat

oder wenn man

“no vor Auge hesch, we de Biitu Eichenberger Beat amene 1-Match am See onde en Uskick diräkt em gägnerische Goal versänkt het!”

oder wenn man

“d Frisur vom Bahnhofvorstand cha beschriibe”

oder wenn man

“dini Geissli oder ou d’Bääbi hesch chönne go taufe loh bim Pfarrer Schöni im Wohnzimmer vom Pfarrhus.”

oder wenn man

“d Habasuma Lisebeth no kennt hett”

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oder wenn man

bis Bösigers ad Metzgete isch, nume wäg de Öpfelschnitzli”

oder wenn man gesehen hat,

“wie de Herr Kasper e Radiergummi het loh flüge”

oder wenn man

“in der Osterzeit die Müllcontainer bei der Haschi nach Ausschuss Zucker-Eili durchsucht hat. Die Ausbeute war jeweils gross und freute den Schulzahnarzt…”

oder wenn man

“Herr ond Frau Bruederer als Schuelhuusabwart kennt het”

oder wenn man

“em Lehrer Zemmermaa ede Päuse hesch müesse Zigarettekippe e Chöbu go tue”

oder wenn man

“em Häxewäldi di chliine Chend erschreckt” hat

oder wenn man

“bir Frau Hauenstein, Frl. Vogt oder Herr Friedli id schuel isch”

oder wenn man

“zum wiederholten Mal Zeuge davon geworden bist, wie die Frau Haller ihren guten Willy zusammengestaucht hat. So in der Art wie: “Willy, lass das! Das findest Du eh nie. Ich mach das”. Dabei wollte der gute Mann den Kunden doch nur behilflich sein.”

oder wenn man

“i de badi esch go papierli zämesammle ond deför vom badmeister e glace öbercho” hat,

oder wenn man

“zo de Fröilein Sager ed Schnorpfi esch”

oder wenn man

“no weisch dases 2 metzger gha het ond de schmedlibeck”,

oder wenn man

“vom Metzger Edi Chuehörner zom Us-Choche ond Chueauge als Färnseh heignoh” hat,

oder wenn man

“de Muserjöggu” kannte (der “genau 2 Zäh im Mul” hatte: “Eine Obe zum en härdöpfel schelle und eine unde zum Nasegrüble…”

oder wenn man weiss, dass

“de Krimi-Willi be dim Töffli hinde in Uspoff gluegt het ond gseit het es stimmi öppis mitem Zylinder ned.”

oder wenn man

“bem Ölerbeck am Sondig esch go e Chäswäie asse”

…dann – und nur dann! – ist man von Böju.

Und hat viele Gründe, darauf chli stolz zu sein.

Denn all das hat kein anderes Dorf auf der Welt zu bieten.

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(Die historischen Bilder zu diesem Beitrag habe ich von Martin Burger geklaut, der die “Du besch vo Böju…”-Seite regelmässig mit Fotos aus dem Archiv seines Vaters Renato Burger bereichert. Ich hoffe, er nimmt mir den Diebstahl nicht allzu übel.)

Fast wie daheim

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Das Restaurant Seetal in Beinwil am See war für mich wie ein zweites Zuhause. Einerseits kehrten wir mit dem FC regelmässig in der urgemütlichen Beiz an der Aarauerstrasse 79 ein. Andrerseits war ich mit den Söhnen der damaligen Wirtsleute befreundet.

Von ihnen, ihrem Vater und ihrem Grossvater – er hatte es als Mann mit den grössten Ohren der Schweiz einst bis in den “Blick” geschafft – lernte ich an endlosen Samstag- und Sonntagnachmittagen jassen und auch sonst allerhand über das Leben.

Der kulinarische Hit waren Bratwürste mit Zwiebeln und Rösti. Am runden Stammtisch diskutierte die Gaschtig die Welt in Ordnung; nach einigen der Bauern und Handwerker konnte man die Uhr stellen. Hinter dem Tresen mit der Kasse darauf war die Küche, und hinter der Küche war der Hof, und auf dem Hof war der Stall (und neben dem Stall stand eine mächtige Tanne, auf deren Wipfel Spatzen sassen, auf die wir einmal ein bisschen mit dem Luftgewehr schossen. Aber das nur nebenbei.).

Im “Seetal” duftete es nicht nur nach Zigaretten und Stumpen, sondern manchmal auch nach Mist und Kühen, aber das störte niemanden, im Gegenteil: Auch das trug viel dazu bei, dass man sich im “Seetal” weniger wie in einem Restaurant fühlte, sondern wie bei Menschen, die ständig daheim sind und denen es nicht das Geringste ausmacht, wenn allpott Leute hereinschneien, um chli zu plaudern oder Zeitung zu lesen oder einfach nur schweigend in einer Ecke zu höcklen und bei einem Halbeli Roten darauf zu warten, dass auch dieser Tag vorbeigeht.

Seit meinem letzten Bier im “Seetal” ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Im Rahmen einer Familienfeier kehrte ich gestern in das Haus zurück, in dem ich als Teenager unzählige tolle Stunden verbracht hatte.

Meine Befürchtungen, dass die (inzwischen nicht mehr sooo) neuen Besitzer alles umgebaut und auf Modern getunt haben könnten, verflogen in dem Moment, in dem ich durch die Eingangstüre trat: Abgesehen davon, dass die Aschenbecher fehlen, sieht es in der Gaststube noch fast genau gleich aus wie einst. Von der ersten Sekunde an wars mir im “Seetal” wieder genauso vögeliwohl wie damals, als “Fis” jeden Tag aus seiner glorreichen Operettenvergangenheit erzählte und Ferdi bei Margrit im Halbstundentakt “nones Grosses” bestellte.

Aufgetischt wurden nicht Würste, sondern Spezialitäten aus der Steiermark (die Familie von Andreas Schelesen, die den Betrieb nun führt, stammt aus Österreich): Einem chüschtigen “Vogerlsalat” folgten ein butterzartes Stück Braten an einer himmlischen Sauce mit einer Polenta, die auch Menschen, die mit atomisiertem Mais sonst nicht wahnsinnig viel anfangen können, die Freudentränen in die Augen trieb. Crêpes über einer halbgefrorenen Glace rundeten das Erlebnis ab.

Das einzige, was mir chli fehlte, waren das Muhen der Kühe im Hintergrund und, nach dem Dessert, die Frage, “machemer none Jass?” Abgesehen davon fühlte ich mich im “Seetal” wie schon neulich, als ich mit meiner Frau einen Match meines ehemaligen Fussballclubs besucht hatte: Als ob ich durch ein Loch in der Zeit gefallen und sehr, sehr sanft gelandet wäre.

Frühwerk

Loewen

 

Bei der Lektüre des “Wynentaler Blattes” ist mein Brüetsch heute Morgen auf diesen Beitrag gestossen.

Jetzt weiss ich gar nicht: Soll ich mich darüber freuen, einen minimunzigen Teil der Dorfgeschichte von Beinwil am See mitgeschrieben zu haben – oder fassungslos den Kopf schütteln, weil einer meiner Texte bereits in der Historiker-Rubrik “Vor 25 Jahren” erscheint?

Infos für Insider (II): Das Dorfheftli

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Sieh, das Interessante liegt so nah: Seit knapp zwei Jahren kümmert sich das “Dorfheftli” in sieben Aargauer Gemeinden um das gesellschaftliche, sportliche, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen vor den Haustüren seiner Leserinnen und Leser. Die Redaktion des monatlich erscheinenden Magazins erfüllt ihre Aufgabe mit grosser Professionalität.

Erfolgsgeschichten werden in der Schweizer Zeitungslandschaft nur noch selten erzählt. Im beinahe abgeholzten Blätterwald  raunen sich die letzten Überlebenden des grossen Kahlschlags ununterbrochen Klagen über sinkende Auflagen und Inseratevolumen zu, weil immer mehr Leserinnen und Leser sich  online informieren und Werbegelder fast nur noch ins Internet fliessen.

Und doch – es gibt Ausnahmen. Das “Dorfheftli” zum Beispiel hat es geschafft, sich aus dem Stand in knapp zwei Jahren als Pflichtlektüre für über 12 000 Menschen zu etablieren.

In sieben Gemeinden im aargauischen Wynen- und Seetal erscheint an jedem zweiten Mittwoch im Monat das durchgehend farbige und im handlichen A5-Format publizierte Magazin – und zwar flächendeckend. Es wird in sämtliche Haushaltungen verteilt; auch in jene,  die an ihren Briefkästen einen “Stopp Werbung”-Kleber angebracht haben.

Thomas Moor, einer der  Macher des “Dorfheftli”,  erinnert sich an die Geburt eines der jüngsten Kinder der um ihre Zukunft bangenden Zeitungsfamilie:  “Entstanden sind die Dorfheftli aus dem traditionellen «Böjuer», dem Informationsblatt für die Gemeinde Beinwil am See. Er bestand jahrzehntelang aus zwei bis drei schwarzweissen, fotokopierten und gefalteten A4-Seiten. Seinen Schwerpunkt bildeten Gemeindeinfos. Um ein typografisches Kunstwerk handelte es sich nicht, wie auch der Beinwiler Ortsbürger Heinz Barth befand.”

Als Inhaber der Werbeagentur artwork ag im benachbarten Reinach habe Barth dem “Böjuer”-Herausgeber eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, sei damit aber auf taube Ohren gestossen.

Doch kaum hatte der Verleger Beinwil am See verlassen, wurde Barth aktiv: Er lancierte  ein umfangreicheres, farbiges und informativeres “Dorfheftli”.

Auf so etwas hatten offensichtlich auch andere Gemeinden im Wynen- und Seetal gewartet: Kaum war der neue “Böjuer” da, erkundigten sich bei Barth Behördemitglieder von umliegenden Orten danach, ob sich auch für ihre Dörfer etwas Ähnliches produzieren lasse. Inzwischen gibt es massgeschneiderte “Dorfheftli” für Beinwil am See, Leutwil, Meisterschwanden, Menziken, Reinach, Seengen und Tennwil.

Als jemand, der in Beinwil geboren und aufgewachsen ist, widme ich mich “meiner” Ausgabe in der Hoffnung, Neues über meine alte Heimat zu erfahren – und, wer weiss, den einen oder anderen alten Bekannten zumindest auf Papier wiederzusehen.

Nach zwei Seiten trockener Ratsnachrichten wird mein Wunsch  erfüllt: Ausführlich verabschiedet das „Dorfheftli“ einen Zeitgenossen, mit dem auch in in frühen Jahren hin und wieder zu tun gehabt hatte:

Der Schulhausabwart Heinz Bruder wurde, wie es im Lead heisst, „nach 29jähriger, pflichtbewusster Tätigkeit“ pensioniert. Mit sieben aussagekräftigen Bildern und einem gmögigen Text wird das Ereignis gewürdigt.

Erfreulich ist: Im “Dorfheftli” heissen die Menschen nicht, wie in vielen anderen Lokalpostillen, „Frau Meier“ oder „Herr Müller“; sie haben einen Vornamen und einen Namen. Die Schreibenden sind sich offensichtlich nicht zu schade, bei Bedarf nachzufragen, wie die Protagonisten ihrer Berichte heissen. Damit signaliseren sie: Wir interessieren uns für das, was ihr tut. Und wir behandeln euch mit Respekt.

Die Titelgeschichte ist, wie auch die Frontseite, dem FC Beinwil am See gewidmet, der soeben den Wiederaufstieg in die 2. Liga geschafft hat. Auf vier Seiten wird der ruhmreiche Vereins vorgestellt. Weil nicht nur die obersten Clubverantwortlichen, sondern auch untere Chargen zu Wort kommen, wirkt die Story einerseits sehr läbig.

Andrerseits ist sie etwas gar textlastig ausgefallen; sie “bleielet”. Wenn zumindest ein Teil der Gesprächspartner mit einem kleinen Bild vorgestellt würde, käme er wesentlich luftiger und leichter lesbar daher.

In die Rubrik „PR“ fallen die über das ganze Heft verteilten Mitteilungen der Schulleitung und der Schulpflege, des Altersheims, des Spitals, einer Treuhandfirma, des Turnvereins, des Männerchors, der Kirche, der Polizei, einer Bäckerei, der Kerzenzieher, der Wyna-Expo, der Veranstalter des Homberg-Laufes und einer Schreinerei. Sie machen rund einen Viertel des redaktionellen Teils aus.

Die PR-Beiträge sind kaum je als Fremdmaterial deklariert. In Einzelfällen weist eine munzige Fussnote darauf hin, woher der Text stammt. Weil die redaktionellen Eigenleistungen ebenfalls nicht namentlich gezeichnet werden, weiss der Leser nie so recht, was jetzt echter Journalismus ist und was (bezahlter?) Stoff. Ein “pd” am Anfang oder am Ende der Pressemitteilungen würde für  Transparenz sorgen.

Die Aktualität hat im “Dorfheftli” naturgemäss an einem kleinen Ort Platz: Ein Monatsmagazin kann sich dem Tages- und Wochengeschehen nicht mit derselben Intensität widmen wie eine Zeitung.

Aber als Konkurrenz zum “Wynentaler Blatt” oder zum “Der Lindenberg” versteht  sich das “Dorfheftli” gar nicht; jedenfalls nicht auf  redaktioneller Ebene. Wenns ums Geld geht, siehts nachvollziehbarerweise anders aus: “Vom kaum grösser werdenden Inseratekuchen schneiden wir eine nicht zu unterschätzende Scheibe ab”, sagt Thomas Moor.

Satt sind die “Dorfheftli”-Macher noch lange nicht – und Kuchen ist nach wie vor da: Nach den sieben bisherigen hätten auch weitere Gemeinden ihr Interesse an einem “Dorfheftli” signalisiert, sagt Thomas Moor. Entsprechende Verhandlungen seien “am Laufen”.

 

Das “Dorfheftli” auf einen Blick:

Herausgeberin: artwork ag, Reinach.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Vier festangestellte  für die Redaktion, Produktion und Social Media-Aktivitäten plus vier freie für journalistische Einsätze.

Erscheinungsweise: 12x pro Jahr

Auflage: 12 310 Exemplare

Weitere Infos: www.dorfheftli.ch

In der Rubrik “Infos für Insider” bereits erschienen: “Theater Zytig”

Nachtrag 24. Januar 2014: Ein halbes Jahr nach diesem Beitrag beschäftigt sich auch die Argauer Zeitung mit dem “Dorfheftli”.

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Auf hohem Niveau gestrandet

Bevor mir jemand vorwirft, ich sei chli befangen: Ich bin chli befangen.

Eine Band, deren Schlagzeuger aus Beinwil am See stammt und die nicht nur am Hallwilersee probt, sondern auch regelmässig dort auftritt, wo meine dicksten Wurzeln wuchern, hat bei mir einen Bonus, den andere Exponenten Schweizer Musikschaffens leider, leider nicht haben.

Nur: Diese Extrapunkte benötigen die Stranded Heroes gar nicht. Was sie brauchen könnten, wäre ein Pressetext, der nicht schon im ersten Satz die längst zu Tode bemühten “satten Riffs und packenden Beats” als “authentisch und unverkennbar” anpreist. Bei Medienleuten, die noch einen Rest Ehrgefühl haben, landen derlei Verlautbarungen im Papierkorb. Die beigelegte CD verschenkt die Musikredaktion beim vorweihnächtlichen Büroausmisten samt zig anderen ungehörten und -besprochenen Mustern hoffnungsfroher Newcomer an die Kollegen. Diese entsorgen den Silberling irgendwann, ohne ihn je in das Abspielgerät geschoben zu haben.

Und das hätten weder die gestrandeten Helden verdient noch all die nach neuer Nahrung lechzenden Freunde intelligenter Rockmusik, die in Zeiten der galoppierenden Rapitis und Jamesbluntisierung zunehmend das Gefühl beschleicht, verhungern zu müssen.

“Metamorphin”, das Erstlingswerk des 2008 gegründeten und bereits ziemlich bühnenerfahrenen Quartetts, hört sich streckenweise an, als ob man Nightwish die Keyboards weggenommen und gesagt hätte: “So. Jetzt zeigt doch mal, wie ihr so klingt ohne all die synthetischen Mäscheli und Bändeli, die ihr immer um eure Songs wickelt, damit sie möglichst bombastisch wirken.”

Und wumm!

Die Stranded Heroes sind quasi “Nightwish netto”. Nur origineller, frecher und mit mehr Mut zum Risiko. Während Nightwish elektronisch verzuckertes Schwerverdauliches auftischen, kreieren die Heroes erfrischend fettarme Menüs. Wobei – Bonus hin oder her – der Vergleich ein wenig hinkt: Die Finnen mit ihren Ausnahmesängerinnen verkaufen seit bald zwei Jahrzehnten Millionen von Platten und sind auf einer Briefmarke verewigt. Die Aargauer mit ihrer Ausnahmesängerin veröffentlichen im Herbst 2011 ihre erste CD. Welche Vorkehrungen die Schweizerische Post im Hinblick auf dieses Ereignis trifft: Niemand weiss es.

Tatsache ist: Mit ihrem Debütalbum rammen die Stranded Heroes auf dem Feld des alternativ getunten Melodic-Rock einen dicken Pflock in den Boden. 40 Sekunden hat Anja Bolliger auf “Bed of Ivory”, dem ersten Song, Zeit, um ihre hierzulande wohl einzigartige Stimme – sie klingt wie in Guinness getränkt – durch den Raum schweben zu lassen und der Welt zu zeigen: “Hier sind wir. Und wir meinen es ernst”. Dann zersägt ein fieser, scharfer Gitarrenakkord von Stefan Voramwald den fast mythisch anmutenden Monolog der Frau. Sekunden später macht sich die Rhythmusabteilung mit Basser Mash Lüscher und Drummer Kusi Hintermann an die Arbeit und – wumm!

Was in der folgenden halben Stunde aus den Lautsprechern in die Gehörgänge fräst, rummst und fägt und harmoniert von A bis Z. Handwerklich gibts nicht das Geringste auszusetzen; textlich beschränkt sich der flotte Vierer erfreulicherweise nicht darauf, die immer gleiche Geschichte vom einsamen Mann und der verzweifelten Frau zu erzählen, die sich zu vorgerückter Stunde in einer Bar treffen und Monate später wieder ihrer eigenen Wege gehen. “An Stränden aus Gold und Grau stranden die Helden, packen ihr Werkzeug aus und erzählen von Neuland, Aufbruch und dem Zurückgelassenen”, fasst der Pressetexter zusammen, und beweist damit, dass er auch anders kann, wenn er nur will.

Beim dritten Durchhören steht fest: Die Stranded Heroes könnten auch aus Chur oder Zollikofen stammen – ich fände sie trotzdem sackstark.

Stranded Heroes live:

– 2. Juli: Rock and Ride, Jegenstorf BE,
– 13. August: Heitere Open Air, Zofingen
– 26. August: Dorffest zum 150. Geburtstag der Musikgesellschaft Beinwil am See

Hasch mich

Ich war jung und brauchte das Geld für ein Töffli. Deshalb arbeitete ich in den Sommerferien für ein paar Wochen in der Confiseriefabrik Halter in Beinwil am See.

Deren bekanntestes Produkt war (und ist)

das Haschi-Bonbon,

“ein vorzügliches Linderungsmittel bei Husten und Katarrh”.

“Haschi” steht für “Halter & Schillig”. So hiessen die Herren, die 1907 in Beinwil die “1. Zuckerbäckerei-Manufaktur der Schweiz” gegründet hatten. Bei Leuten, die das nicht wussten, führte der Markenname bisweilen zu Irritationen: Haschisch galt in meiner Teenagerzeit – den “Kindern vom Bahnhof Zoo” seis gedankt – als gefährlichste Droge der Welt; mindestens.

Nun: “The times, they are a-changin‘”, singen Bob Dylan (auf dessen

Konzert in Sursee

ich mich übrigens sehr freue), Phil Collins und viele andere. Das Fabrikgebäude, in dem ich damals tonnenweise Täfeli in Tüten packte, steht zum Verkauf. Haschen ist gesellschaftlich längst akzeptiert und entsprechend out.

Und wer “Haschi” unbedingt mit dem berühmt-berüchtigten Kraut assozieren will, darf das inzwischen tun, ohne gleich eine Klage wegen Rufschädigung zu riskieren: