Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Feduschine statt Pyramiden

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Adios: Noch 25 Stunden, dann sind sie vorbei, meine Solo-Ferien 2013. Morgen früh sitze ich im Flieger nach Zürich, wo schon Roger Waters auf mich und meinen Schatz wartet.

Ich packe meine ziemlich genau sieben Sachen hier ohne Bedauern zusammen. Denn trotz konstant hoher Temperaturen wurden wir heuer – ganz im Gegensatz zum Vorjahr – nie so richtig warm miteinander, Gran Canaria und ich.

Natürlich: Als ich vor zwölf Monaten eine Woche auf dieser Insel verbrachte, war für mich vieles neu. Das Hotel, die Dünen, die Menschen: Das alles sah ich damals zum ersten Mal. Entsprechend reizvoll war es, jeden Tag eine kleine Entdeckungsreise zu unternehmen.

Bei der Zweitauflage würde ich Déjà-vus und -eus erleben; das war mir bewusst. Wer seine Ferien 2013 zur selben Zeit am selben Ort verbringt wie 2012, muss mit der einen und anderen Wiederholung rechnen. Dass die Sandberge von Maspalomas extra wegen mir umgeformt würden, durfte ich ebensowenig erwarten, wie dass die Hotelchefs das Abendprogramm auf den Kopf stellen, weil ich die Flamcenotänzerinnen, Zirkusartisten, Sängerinnen und Zauberer von früher her kenne.

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Aber darum geht es gar nicht. Es geht auch nicht darum, dass ich letztes Jahr das bessere Zimmer gehabt hatte, dass mir diesmal das Handy zwischenzeitlich abhanden kam oder dass ich gestern, am 9. September, bemerkte, dass mein Rückflugticket irrtümlich auf den 7. September ausgestellt worden war.

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Das Problem – mein Problem – waren andere Touristen. Sehr, sehr viele andere Touristen.

Ausländer tummeln sich zwar schon seit dem 19. Jahrhundert auf dem malerischen Eiland vor der Küste Westafrikas, und zwar nicht zu knapp. Aber im vergangenen Jahr war ich erstens von deutlich weniger und zweitens von wesentlich normaleren zivilisierteren Menschen umzingelt.

Mit soviel Arroganz und Wohlstandsverwahrlosung sah ich mich in meinem ganzen Leben noch nie konfrontiert. Unabhängig von ihrer Nationalität ist es unwahrscheinlich vielen Gästen dieses Landes offensichtlich völlig egal, was ihre Gastgeber und Mitreisenden über sie denken.

Schuld am zahlenmässig fast chli beängstigend überbordenden Fremdenverkehr auf Gran Canaria sei primär die verworrene politische Lage in Ägypten, sagt mein Freund, der sich in der Reisebranche bestens auskennt. Weil von Trips an den Nil seit einiger Zeit dringend abgeraten wird, seien unzählige Leute, die ihre Ferien eigentlich im Schatten der Pyramiden verbringen wollten, auf die Kanarischen Inseln ausgewichen, wo ja ebenfalls immer die Sonne scheint und es ein Meer hat und wo die Eingeborenen erst noch fliessend kalt und warm Deutsch sprechen.

Statt Aaaahend und Oooohend durch die Tempel von Luxor zu schlendern, hocken die um ihre hochkulturellen Erfahrungen Geprellten nun johlend und gröhlend in den Bars und Beizen von Playa del Inglés und lassen die Umsitzenden an ihrem von Nofretete und Ramses geprägten Denken und ihrem auf unzähligen Reisen in bedeutsamere Länder geschärften Wissen teilhaben.

Das klingt dann so: “Isch nehm ma diese Feduschine und n grossas Helles und…kuck ma, Alda: Tittn bis zude Kniescheibe runda!!!”

Es sind dieselben Zeitgenossen, die an der Rezeption endlos darüber diskutieren, ob sie sich am Zmorgebuffet einen Teller vollbeigen und diesen dann mit aufs Zimmer nehmen können (aber immerhin: Andere fragen nicht einmal, sondern machens einfach. Manche benutzen dafür nicht einmal einen Teller).

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Wegen diesen Leuten hängen überall Flyer, denen zu entnehmen ist, dass der Bademeister Badetücher, die nur zu Reservationszwecken auf die Liegen am Pool gelegt wurden, entfernt (und wehe dem Bademeister, der diese Verordnung durchsetzt!).

Diese Leute beschweren sich beim Barkeeper darüber, dass die Zweimannband im Garten mit Halbplayback spielt.

Und wenn sie endlich abreisen, diese Leute, drücken sie der Putzfrau gönnerhaft einen Euro Trinkgeld in die Hand. Dann sagen sie ihr, sie könne die Köfferli nun zum Ausgang bringen.

Die meisten dieser Leute waren letztes Jahr nicht auf Gran Canaria. Damals war es problemlos möglich, sich einmal irgendwo hinzusetzen und etwas zu lesen oder zu schreiben, ohne, dass man alle fünf Minuten nach einem Loch im Boden suchen musste, in dem man peinlich berührt oder angewidert verschwinden konnte, weil man mit diesem Platzdajetztkommich!-Pack nichts zu tun haben will.

Nun, wo alles bald vorbei ist, kann ichs ja sagen: Ich habe den Playaboy, mit dem ich bei meiner Playadelinglés-Premiere sieben tolle Tage genossen hatte, nie gesehen (unsere Erlebnisse sind hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier dokumentiert). Er war gar nicht da.

Als ich mein Zimmer bezog, erblickte ich auf dem Bett einen Zettel. Darauf stand: “Hi! Die letzten Monate hier waren nicht schön. Pälla und so; du verstehst schon. Ich bin auf Sardinien, in einer kleinen Pension in den Bergen. Machs guet – oder zumindest das Beste daraus.”

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