Auf Zeitreise

Als ich Martin Schuppli zum ersten Mal traf, war er mir auf Anhieb sympathisch. Der frühere “Blick”- und “Schweizer Illustrierte”-Redaktor betreibt seit einiger Zeit das sehr lesenswerte Onlineportal “deinadieu.ch“.

Vor ein paar Wochen fragte er mich, ob er sich mit mir über meine Geschichte als Ex-Alkoholiker unterhalten könne. Ich sagte spontan zu. Wenig später trafen wir uns in Burgdorf. Was bei dieser Begegnung herausgekommen ist, kann hier nachgelesen werden.

Für mich hätte sich das Gespräch auch dann gelohnt, wenn Martin es anschliessend nicht journalistisch verwertet hätte: Es war für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit – und in die (hoffentlich noch in sehr weiter Ferne liegende) Zukunft.

Nachtrag, gegen Abend: Dass dieses Interview einen gewissen “Impact” haben würde, war mir klar.

Dass das Echo darauf so viel- und doch einstimmig ausfallen würde, konnte ich aber nicht ahnen.

Kaum war der Beitrag auf Facebook verlinkt, wurde er kommentiert. Von Menschen, die ich kenne. Und von Leuten, die ich vielleicht noch kennenlerne.

Auch auf deinadieu.ch selber gabs Zuspruch:

Dazu kamen (und kommen) Whatsapp-Nachrichten, Anrufe, Mails…es nimmt fast kein Ende.

Sosehr mich all diese Reaktionen freuen, sosehr überrascht mich, dass das Thema “Alkohol” offenbar immer noch mit einer Art “Tabu” belegt ist.

Alleine in der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit 250 000 bis 300 000 Menschen alkoholabhängig. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es in jeder Familie mindestens einen Menschen gibt, der zuviel trinkt. So betrachtet, unterscheidet sich diese Krankheit in nichts von einem Beinbruch, einem Rückenleiden oder einem Herzinfarkt.

Und doch: Während die Leute in der Regel mit grösster Selbstverständlichkeit über ihre Beinbrüche, Rückenleiden oder Herzinfarkte reden, fassen sie das Thema “Alkohol” – wenn überhaupt – nur mit spitzen Fingern an. Das betrifft irgendwie immer nur die anderen.

Wenn die Gesellschaft lernen würde, genauso entspannt über Alkmissbrauch zu sprechen wie über zig andere Krankheiten auch, wäre, denke ich, allen geholfen.

Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Es ist, wies ist

Der Krieg in Syrien dauert an, vier oder acht Amtsjahre von Donald Trump liessen sich inzwischen nur noch mit juristisch eher fragwürdigen Mitteln verhindern, das Burgdorfer Bauamt vergisst alle zwei Wochen, den Ghüder am Punkt Dienstag in unserem Quartier abzuholen: Die Welt, liebe Leserinnen und liebe Leser, ist aus den Fugen geraten, und wenn wir schon dabei sind:

Mit Fuge und Recht kann man knapp vier Wochen, nachdem es geschlüpft ist, also behaupten: Das Jahr 2017 geht, wenn es so weitermacht, innert Kürze den Bach runter (anders als 2010 zum Beispiel, an dessen Ende ich meiner damaligen Freundin erfolgreich einen Heiratsantrag machte, oder auch ganz im Gegensatz zu 2013, als Mark Knopfler und Toto auf der Piazza Grande in Locarno für zwei bis an mein Lebensende denkwürdige Hochsommerabende sorgten, und schon gar nicht zu vergleichen mit unserem Hochzeitsjahr 2012; d e m Jahr überhaupt), aber was solls?

“It’s what it is” (lat. “Es ist, wies ist”) sang Knopfler damals, im Tessin, als zweiten Song seines Konzerts (los wars mit “Border Reiver” gegangen; dies nur der Vollständigkeit halber), und wenn er das sagt, wirds wohl stimmen. Andernfalls hätte sich “Sailing to Philadelphia”, die CD mit “What it is” drauf, wohl kaum zigmillionenfach verkauft, oder nicht? ODER NICHT?!? – Eben.

A propos “Tessin”: Falls bei diesem anhaltend garstigen Wetter jemand darüber nachzudenken beginnen sollte, spontan für ein Wochenende in den relativ nahen Süden zu verschwinden, kann ich das Hotel Collinetta bei Ascona wärmstens empfehlen. Es kostet sozusagen fast gar nichts und bietet sehr viel (Aussicht, um nur einen Vorzug zu nennen):

Burgdorf hingegen hinkt in attraktivitätstechnischer Hinsicht aktuell chli hintennach

,

aber das wird bestimmt ganz von selber wieder werden, und wenn nicht, beschwere ich mich einfach bei unserem neuen Stapi.

Keinen Grund zur Klage hatte meine Schwägerin Judith Wernli. Sie sammelte für die Hilfsorganisation Volunteers for humanity in Dättwil warme Kleider, Decken, Schuhe und so weiter für Menschen auf der Flucht. 


(Bild: zvg)

Als wir bei ihr vorbeischauten, um unser Scherflein zu der Aktion beizutragen, gings in der Garage zu wie in einem Bienenhaus. Die Leute deponierten nicht nur säcke- und schachtelweise Ware, die sie selber nicht mehr benötigen, sondern nutzten die Gelegenheit auch zu einem Schwatz unter Bekannten oder Wildfremden, und so hatten am Ende alles etwas davon. “Unfassbar gross” sei die Unterstützung, freuten sich die Verantwortlichen auf Facebook, während es sich ein paar wenige Stänkerer nicht verklemmen konnten, gleichenorts darauf hinzuweisen, dass im Fall auch in der Schweiz Menschen Not leiden würden.

Ich frage mich manchmal, was das für Zeitgenossinnen und -nossen sind, die in der kuscheligen Wärme ihrer Einfamilienhäuschen rund um die Uhr an ihren teuren Laptops und schicken iPads sitzen, um das Internet nach Meldungen abzugrasen, die sie in ihrer Ansicht bestätigen, ständig zu kurz zu kommen.

Vermutlich sind es dieselben Leute, die bei Google Suchbegriffe wie “Junge holt sich einen runter” oder “Susan Link Füsse” (wer ist Susan Link? Ach so: eine TV-Moderatorin. Gut zu wissen.) eingeben und daraufhin, warum auch immer, in diesem Blog landen, wo sie ihren Senf, frustriert darüber, nichts zum Thema “Junge holt sich einen runter” gefunden zu haben, zu wahllos angeklickten anderen Texten absondern.

Zu diesem Beitrag landeten im Laufe der letzten Wochen – anonym, versteht sich – folgende Kommentare in meinem Spamfach (die Fehler lasse ich stehen; irgendwie fehlt mir gerade die Zeit und die Musse, sie zu korrigieren)::

  • “Man sieht dass sie keine Ahnung haben. Das Gedicht heisst Marsch in die Nacht und haben wir in der Schule gesungen.”
  • “Machen Sie sich nur lustig über die Soldaten. Sie werden einmal froh sein darüber.”
  • “Sie sind sicher auch einer von diesen Armeeabschaffern. Ihre Meinung intressiert niemand.”
  • “Stehlen sie alles?”
  • “Über so etwas macht man keine Witze.”
  • “das klima ohne wende und t shirtwetter fern” ist falsch, es heisst richtig “die strasse ohne ende und was wir lieben fern.”.

Ich mag ihnen ja gönnen, wenn sie immer wieder neue Örtchen finden, an denen sie sich intellektuell versäubern können. Aber wenn sie schon wegen vier Zeilen, die noch dazu in keinster Weise ernstgemeint waren, einen solchen Aufstand machen: Was wird wohl los sein, wenn sie in meinem virtuellen Stübchen einmal etwas (zumindest mir) wirklich Wichtiges entdecken?

+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++

Wie der Tagesanzeiger, “Bild”, Focus und seit wenigen Minuten nadisna sämtliche Medien zum Schrecken all jener berichten, die ein Minimum an Wert auf gute Musik, passable Frisuren und Kleider aus der Zeit nach Christi Geburt legen, gedenkt die Kelly Family in diesem Jahr offenbar ein neues Album zu veröffentlichen.

Nein: “Verheissungsvoll” ist nicht das Adj Adv Pron Wort, das einem zum Auftakt von 2017 als Erstes einfällt.

Aber mir wei nid chlage: im Frühling 2018 sind wir schon wieder in Australien. Bis dahin heisst es einfach durchhalten, Susan Links Füsse bestaunen und “What it is” hören.

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Himmeltrauriger Hinterwälder

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(Bild: Von der Seite “Funbible” ab Facebook geklaut)

Über 4000 Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen seit letztem Samstag, dass ich zur Veganerbewegung ein…nunja…chli ambivalentes Verhältnis pflege.

An jenem Abend berichtete ich von meinem Besuch an der Vegan-Sonderschau an der Gourmesse in Zürich.

Ich notierte, was ich gesehen hatte, verwies auf Experten, welche hinter all die Jubelmeldungen über diesen Boom – laut dem Branchenportal Vebu wurden im Jahr 2014 mit pflanzlichen Nahrungsmitteln allein in Deutschland über 100 Millionen Euro umgesetzt – das eine und andere Fragezeichen setzen und und reicherte den Text mit ein paar persönlichen Bemerkungen an, die man ernstnehmen konnte oder auch nicht.

Überraschend viele Besucherinnen und Besucher dieser Plattform nahmen den Artikel dermassen ernst, dass sie sich schnurstracks an ihre Compis setzten, um mir – durchs Band weg anonym, versteht sich; alles andere hätte mich nach den Erfahrungen, die ich im Zusammenhang mit anderen Beiträgen schon machen durfte, auch überrascht – ihre Meinungen kundzutun.

Dank “Tschip” weiss ich jetzt, dass ich von gesunder Ernährung und einer nachhaltigen Lebensweise “keine Ahnung” habe. Für “Johnboy” bin ich “ein “totaler Ignorant” und für Baggsfiss ein “Hinterwäldler”. “Marylu” sieht in mir einen “himmeltraurigen Zyniker”, “Andi” taxiert mich als “Tierhasser” “Fama” nennt mich “sorry, ein Riesenarschloch”, das sich “vermutlich unter einem Vorwand (Schurniausweis?!?) gratis an die Messe geschlichen hat, um uns fertigzumachen” (dazu nur soviel: Selbstverständlich habe ich die 20 Franken Eintritt artig entrichtet. Ich ging ja nicht bloss wegen der Veganer ins Kongresshaus).

Leute wie ich sind laut emerald80 “geistig im 16. Jahrhundert stehengeblieben”, in den Augen irgendeines Peters “ethisch einfach abartig” und laut Baggsfisszwo “mit dafür verantwortlich, dass unsere Erde dem Abgrund zusteuert”.

Die Hoffnung darauf, dass Fleischfresser meines Schlages die Kurve zum rechten Weg doch noch erwischen, ist laut mehreren Schreiberinnen und Schreibern verschwindend klein. “Ihnen ist nicht zu helfen”, ferndiagnostiziert ein “Kurt”. “Leila” sekundiert, bei mir sei “Hopfen und Malz verloren” (sie kann ja nicht ahnen, wie recht sie damit hat), und ein “Phil” wünscht mir, “dass Sie nur einmal eine Stunde lang erleben müssen, was Menschen Tieren antun”.

Eine Frau konstatierte: “Die Veganer mögen auch ihre Fehler haben. Besser als eine ausbeuterische Massentierhaltung ist Veganismus allemal”. Das war der – meiner unmassgeblichen Ansicht nach – mit Abstand konstruktivste Beitrag zum Thema.

Sinnigerweise stammte er von der einzigen Leserbriefschreiberin, die mit ihrem richtigen Namen zu ihrer Kritik stehen konnte.

Facelifting für “Fäustchen”

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Am 4. Mai feiert “Fäustchen”, das neuste Stück der Szenerie Burgdorf, Premiere. Drei Monate vorher hat Markus Zahno den Online-Auftritt “meines” Vereins überarbeitet. Das Resultat kann sich mehr als nur sehen lassen: www.szenerie.ch

Falls jemand gerade die Agenda zur Hand hat – hier sind die Aufführungsdaten:

Mittwoch, 4. Mai, 20 Uhr

Freitag, 6. Mai, 20 Uhr
Samstag, 7. Mai, 20 Uhr
Muttertag, 8. Mai, ab 9 Uhr Zmorge
Muttertag, 8. Mai, 11.30 Uhr Theater
Freitag, 13. Mai, 20 Uhr
Samstag, 14. Mai, 20 Uhr
Freitag, 20. Mai, 20 Uhr
Samstag, 21. Mai, 20 Uhr

Reservationen für das Muttertags-Zmorge bitte bis spätestens 1. Mai.
Der Vorverkauf beginnt Mitte März.

Das blutte Zähni schlägt alles

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Es ist ja nicht so, dass ich beim Schreiben ständig daran denke, wie der Text, den ich gerade tippe, bei den Leserinnen und Leser ankommen wird. Aber gegen Ende Jahr einmal durch verschlungene Gänge in den dunklen Maschinenraum dieses Blogs hinunterzusteigen und dort, in der hintersten und finstersten Ecke, den Klick-Zähler abzulesen: das macht halt schon irgendwie Spass.

Die meistgelesenen Beiträge 2015 waren:

1) “Blutti Zähni” (14’733 Klicks)

2) “Offenbar geht es um Ihr Postfach” (13’220)

3) “Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren” (13’008)

4) “Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk” (11’561)

5) “Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne” (10’243)

6) “Überglückliche Fügung” (10’103)

7) “Unter Männern” (9’924)

8) “Ein flotter Dreier zum Dreiunddreissigsten” (9’894)

9) “Paradies in der Pampa” (9’705)

10) “Ein stierisch gmögiger Pfundskerl” (6’681)

Interessant ist: der Artikel, für den ich mit Abstand am meisten Zeit aufgewendet habe (nämlich der hier), schaffte es nicht einmal auf eine vierstellige Besucherzahl. Aber wie ich meine Pappenheimerinnen und -heimer inzwischen kenne, dürfte es von diesem Moment an nur noch eine Frage von Minuten sein, bis auch er dem Tausenderclub angehört.

Für Eure Zeit, Euer Interesse, Eure Zuschriften und Eure Anregungen danke ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, von Herzen. Auch wenn es noch ein paar Tage dauert: ich freue mich heute schon darauf, Euch auch im 2016 wieder in meinem virtuellen Stübli begrüssen zu dürfen.

Bilder stehen Kopf

In eigener Sache: Leserinnen und Leser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass manche Bilder in diesem Blog auf ihren Mobilgeräten kopfüber dargestellt werden.

Das ist auch auf meinem iPhone der Fall (nicht aber auf dem iPad, auf dem ich die Texte tippe und Fotos hochlade).

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Auf Laptops und PC scheint dieses Problem nicht aufzutreten.

Audiofiles (wie im Beitrag “Schlimmer gehts immer” zum Thema “Krach im Hotel” werden ebenfalls nicht von allen Smartphones angezeigt und wiedergegeben.

Ich weiss nicht, wieso Fotos und Tondateien einmal richtig und einmal falsch und einmal überhaupt nicht veröffentlicht werden, verspreche aber, mich nach meiner Rückkehr in die Schweiz darum zu kümmern.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Special Edition

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Was hat das neue Album von Pink Floyd (ja: von Pink Floyd!) mit dem Ebola-Virus zu tun und inwiefern beeinflusst die Börse in Südostasien das Wetter an Weihnachten?

Niemand kann das sagen, auch ich nicht, aber anzufangen, darüber nachzudenken, erscheint mir wenig sinnvoll: Wer weiss schon, was dabei herauskommt. Und, vor allem, was nicht.

Obwohl…

…nein.

Trotzdem: Immer, wenn ich einkaufen oder in eine der vielen Burgdorfer Underground-Discos abhotten gehe, höre ich: “Schreib doch mal wieder etwas über den Gang der Dinge! Es hängt schliesslich immer alles zusammen!!” oder “Ich vermisse Das Grosse Ganze” oder “Mir fehlen die Linien. Gazastreifen, Ukraine, Einheitskrankenkassenabstimmung: Da müsste doch jemand geistig ein paar Leitplanken setzen, oder zumindest den einen und anderen Gedankenwegweiser hinstellen, damit man weiss, wie das läuft auf der Welt. Damit man mitreden kann. Wer, wenn nicht…”.

Nun denn.

Zum Thema “Gazastreifen” ist Folgendes zu sagen:

Keine Hoffnung auf Frieden

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Von unserem Nahost-Korrespondenten Johannes Hofstetter

Immer wieder blüht es im Nahen Osten auf, das zarte Pflänzchen namens “Frieden”. Doch eine Chance darauf, zu wachsen, hat es nicht. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Israel und seinen Nachbarn, den Palästinensern. Auch angesichts der Tausenden von Toten und Verletzten, die dieser Konflikt schon gefordert hat, stehen sich die beiden Seiten so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Gefragt ist jetzt die starke Hand der UNO. Nur sie kann die verfeindeten Parteien wieder an einen Tisch bringen und zumindest versuchen, deeskalierende Gespräche in die Wege zu leiten. Verzichtet die Internationale Staatengemeinschaft darauf oder schlagen die Kontrahenten dieses Angebot aus, wäre eine grosse Chance vertan. Alles Weitere wird die Zukunft weisen.

Zum Thema “Ukraine” nur soviel:

Die Zukunft wirds zeigen

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Von unserem Russland-Korrespondenten Johannes Hofstetter

Immer wieder blüht es hinter dem Ural auf, das zarte Pflänzchen namens “Frieden”. Doch eine Chance darauf, zu wachsen, hat es nicht. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Russland und seinen Nachbarn, den Ukrainern. Auch angesichts der Tausenden von Toten und Verletzten, die dieser Konflikt schon gefordert hat, stehen sich die beiden Seiten so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Gefragt ist jetzt die starke Hand der UNO. Nur sie kann die verfeindeten Parteien wieder an einen Tisch bringen und zumindest versuchen, deeskalierende Gespräche in die Wege zu leiten. Verzichtet die Internationale Staatengemeinschaft darauf oder schlagen die Kontrahenten dieses Angebot an, wäre eine grosse Chance vertan. Alles Weitere wird die Zukunft weisen.

Was die Einheitskrankenkassenabstimmung betrifft, bin ich nicht so a Schuur. Ich empfehle ein Ja, weil Nein so destruktiv wirkt, und so unstaatstragend (“staatstragend”: Dieses Wort wollte ich schon immer mal in diesem Blog unterbringen).

“Nein!” – Das schoss mir auch durch den Kopf, als ich vorgestern Abend feststellen musste, dass sich mein iPad nicht mehr synchronisieren liess. Nachdem ich alle möglichen einschlägigen Foren abgeklappert hatte, ohne auch nur ein Kilobyte weitergekommen zu ein, schrie ich auf Facebook um Hilfe:

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Irgendeine(r) von meinen 281 Freunden und Freundinnen wird wohl wissen, was zu tun ist, wenn unversehens ein Hightech-Armaggeddon über einem losbricht, dachte ich mir – und siehe da: Meine Hoffnungen wurden nicht entäuscht, jedenfalls nicht durchgehend, aber in einem Fall schon; ganz massiv, sogar. Darauf mag ich jetzt aber nicht eingehen.

Als Erster meldete sich ein Politiker mit einem Nacktselfie-Scherz, den ich unter anderen Umständen und mit etwas gutem Willen vielleicht als halbwegs witzig hätte taxieren können, den aber in meiner Notlage als nichts anderes als, um es sehr zurückhaltend zu formulieren, total daneben!!! empfand. Nur zum Sagen: Nie fühlte ich mich gedemütigter, erniedrigter und verletzter und alles.

Aber kurz, bevor ich den Glauben an das Gute im Menschen definitiv zu verlieren drohte, trudelte auf meiner Facebookseite nadisna auch Hilfreiches ein. In dem Moment, in dem ich das schreibe, wird das iPad im Hintergrund lautlos neu…äh…formma sinch geupp

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gemacht, und wenn es so weiterläuft, ist das Gerät bis am Mittag wieder wie frisch aus dem Laden, mitsamt allen Nacktselfies drauf, die zum Teil schon vor 25, 30 oder 35 Jahren geschossen wurden, was natürlich nicht stimmt, mir aber die Gelegenheit bietet, mit einer Superduperüberleitung elegant zum nächsten Thema zu wechseln: Dem Unsinn, Platten, die vor 25, 30 oder 35 Jahren erschienen sind, als Jubiläums”geschenk” verpackt als “Remastered Edition”, “Special Edition” oder “Deluxe Special Edition” neu aufzulegen.

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Fleetwood Mac (“Rumours”), Cheap Trick (“Dream Police”), Prince (“Purple Rain”), Bob Marley (“Kaya”), Eric Clapton (“Slowhand”) und und und: Keine Band und keine Plattenfirma, die etwas auf sich hält (oder wenigstens noch schemenhaft existiert), verzichtet darauf, die Perlen von einst, frisch poliert, noch einmal auf den Markt zu werfen, wobei der Ausdruck “Frisch poliert” alles andere als immer zutrifft.

Der Unterschied zwischen den CDs von gestern und deren aufgemotzten Kopien von heute besteht in der Regel darin, dass damals nur auf die Scheibe kam, was die Musiker und deren Manager als tiptopp befunden hatten, während mit den Neuauflagen hemmungslos all das unausgegorene und halbfertige Zeugs öffentlich entsorgt wird, das seinerzeit aus guten Gründen im Giftschrank des Studios gelandet war, und dann erst noch zu Preisen, die mindestens so augenwassersprudelnlassend sind wie Sprüche über Nacktselfies an die Adresse von Mitmenschen, die wegen ihres nicht funktionierenden iPads fast die Schraube machen vor Kummer.

Wenn das so weitergeht, fange ich jetzt dann auch damit an, längst vergilbte Blogbeiträge zu recyclen und als Mehrwert am Ende ein “Adkfjhieruthi lddfiewqp dfs sf!” oder ein “plklwerwjzu .wqwe tu?” oder so anzuhängen. Mal sehen, obs jemand merkt.

Empfehlenswerte Links: Der “Chefkoch” kennt leckere Herbstmenüs. Eric Pfeil tippt für den von mir über wegen seiner Hitlisten überaus geschätzten “Rolling Stone” jeden Monat ein fantastisches Pop-Tagebuch. Die “Baumhausfee” hat in der Burgdorfer Oberstadt nicht nur vor Kurzem ein Lädeli eröffnet, sondern schreibt auch sehr kurzweilig-informative Texte. Wer sich über Stilblüten in Zeitungen halb tot lachen kann, ist hier richtig. Die kulturfabrikbigla eröffnet am Freitag ihre sechste Spielzeit, und wer wissen will, wie “Gala”, die “Neue Revue” und all die anderen People-Magazine Schundheftli funktionieren, wirft am besten einen Blick in den “Topf voll Gold”.

Was gibts sonst noch Neues auf diesem unserem Planeten, den wir nur geliehen erhalten haben, mit dem wir aber umgehen, als ob und so weiter und so fort?

Ach ja: Das mit mir entfernt bekannte Ehepaar H.-S. aus B. macht seit gestern Ferien auf Gran Canaria und dokumentiert dieselben schon fleissig im Netz:

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Ich mags ihm gönnen, wirklich, und bin kein bisschen neidisch.

Beindruckende Beweisführung

Spätestens seit Michelangelo da Vinci (“Ich bin der König der Welt!”) ist bekannt: Verfechter von steilen Thesen habens nicht leicht.

Ein trauriges Liedchen davon könnte, wenn ich denn singen könnte, auch ich singen.

Nachdem ich in diesem Blog neulich geduldig erklärt hatte, dass – und wie! – immer alles mit allem zusammenhänge, erntete ich nichts als Hohn und Spott plus den Kommentar eines politisch aktiven Fotografen (oder fotografisch aktiven Politikers, je nachdem, ob grad Session ist oder nicht), der sich bemüssigt fühlte, mir vor allen Leuten an meine Denkerstirn zu werfen, ich werde einen Teil meiner Leserschaft “wegen zu filosofischen und gesamtzusammenhängerischüberblicklerischen Inhalts verlieren”, wenn ich weiter so über die wirklich grossen Zusammenhänge drauflosreflektiere.

Eigentlich mag (und muss) ich mich mit solchen Einwürfen von der Seitenlinie ja gar nicht gross befassen. Aber wenn die Redaktion sich schon die Mühe gemacht hat, eine Grafik über die Klickzahlen kurz vor, während und nach der angeblich so quotenschwachen Filosofieperiode zu erstellen, gebe ich gerne kurz ins Studio und bitte die Kollegen dort, das Diagramm mal einzublenden…et voilä:

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 06.48.18

Noch Fragen? Gut.

Dann kann ich jetzt nämlich dazu übergehen, die Alleshängtmitallemzusammen-Theorie wasserdicht zu belegen, und zwar:

Als ich gestern Abend an der Piazza Grande in Locarno sass und auf die Konzerte von Kodaline und Jack Johnson wartete, fiel mir auf, wie unablässig Menschen an mir vorbeibummelten (siehe Film oben).

Ohne, dass ich es gewollt hatte, ging mir auf einmal der Song von John Lennon durch den Kopf, in dem er erzählt:  “I’m just sittin’ here watchin’ the wheels go ’round and ’round. I really love to watch them go.”

Auf einmal war mir alles klar, um nicht zu sagen: kam ich nach. Denn wenn John Lennon Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts genau dort gehöckelt wäre, wo ich in diesem Moment sass (wir erinnern uns: an der Piazza Grande in Locarno), hätte er keine wheels go ’round and ’round laufen sehen, sondern Leute, und folgerichtig hätte er dann getextet, er sei “just sittin’ here watchin’ the people go ’round and ’round”.

Das hätte mit der Musik nicht zusammengepasst, weil “people” mehr Silben hat als “wheels” oder so. Also hätte Lennon den Song entweder völlig neu oder zumindest umschreiben müssen, was dazu geführt hätte, dass das Album “Double Fantasy”, auf dem “Watchin’ the wheels”, bzw. eben: “the people” verewigt werden sollte, später erschienen wäre, was wiederum bedeutet hätte, dass Lennon am Abend des 8. Dezember 1980 nicht schon um 22.50 Uhr nach Hause ins Dakota Building in New York zurückgekehrt wäre, sondern noch bis tief in die Nacht hinein an der Platte hätte arbeiten müssen.

Mark David Chapman hätte mit seinem Revolver in diesem Fall noch lange auf Lennon warten können, ohne, dass dieser aufgetaucht wäre, und wo kein Lennon, da für Chapman keine Möglichkeit, ihn zu erschiessen, und irgendwann wäre er – Chapman – zweifellos müde geworden und unverrichteter Dinge ins Bett gegangen.

Lennon seinerseits würde – ohne auch nur zu ahnen, wie weitsichtig es war, an jenem Tag noch nicht Feierabend zu machen und stattdessen am Text von “Watchin’ the people” zu feilen – noch leben, und manches (wenn nicht sogar: alles), was ziemlich direkt nach seinem Tod passierte (9/11, Deutschland als Fussballweltmeister, Umbenennung von Schulreisen in “lernzielorientierte Exkursionen”; weitere Beispiele aufzuführen, wäre Zeitverschwendung, denn die Verbindungen sind auch so offensichtlich) wäre nie passiert.